gleiche höhe ist kein abseits

ein kleines museum des zufalls

Tag: urbanismus

Monströse Thesen

China Miéville hat für das Literaturmagazin Conjunctions ein paar interessante Thesen über Monster formuliert, zum Beispiel diese hier:

Monsters demand decoding, but to be worthy of their own monstrosity, they avoid final capitulation to that demand. Monsters mean something, and/but they mean everything, and/but they are themselves and irreducible. They are too concretely fanged, toothed, scaled, fire-breathing, on the one hand, and too doorlike, polysemic, fecund, rebuking of closure, on the other, merely to signify, let alone to signify one thing.

Ein aktuell besonders virulentes Monster, der Zombie, war zuletzt gleich auf zwei Veranstaltungen ein Thema, die man nun auch nachhören kann: zum einen bei einer Podiumsdiskussion mit u.a. Mark Fisher (“Capitalist Realism”) über The Zombie Metaphor, zum anderen bei einem Vortrag von David McNally, Autor des Buches Monsters Of The Market, über Zombies, Labor, and Catastrophism.

London von unten

Sock Mobs' Unseen Tours

Der Guardian berichtete kürzlich von einem bemerkenswerten Projekt aus London: Eine Bürgerinitiative ermuntert Obdachlose dazu, sich als Stadtführer zu versuchen.

Our Unseen Tours bring you an entertaining and poignant walk with trained homeless guides, offering you a historical but also unexplored perspective of the city, as perceived through the lens of homelessness. Uniquely, the tours interweave the guides’ own stories and experiences, introducing a new social consciousness into commercial walking tours.

Die Mitglieder des Sock Mob, der Initiative hinter der Idee, besuchen schon seit einigen Jahren Obdachlose, bringen Essen und warme Socken mit und lassen sich dafür im Gegenzug Geschichten erzählen. Dass diese Geschichten auch eine andere Perspektive auf die Stadt bieten und im Kanon städtischer oral histories zu Gehör gebracht werden sollten, ist eine ebenso naheliegende wie sympathische Idee. Interessant genug, um Lidija Mavra, einer der Initiatorinnen des Projekts, ein paar Fragen zu stellen, die sie netterweise auch prompt beantwortet hat. —–>

Some people are on the pitch

Vielleicht hat Fußball doch einen Sinn: als Belebung der Landschaft? (Arno Schmidt)

Aus gegebenem Anlass: Die letzten 15 Minuten eines legendären WM-Halbfinales, die Nacht von Sevilla 1982, exakt nachgespielt als urbane Performance vom französischen Kollektiv Pied La Biche. Fussball als analytische Geometrie, in der verschiedene Methoden, Räume zu nutzen und zu füllen, miteinander konkurrieren, bzw. als Leinwand für die Konstruktion von Diagrammen urbaner Räume. Sehr sehenswert sind auch die anderen Videos des Kollektivs (über das ich sonst viel in Erfahrung bringen kann), etwa die zum anarchischen Spiel mit drei Mannschaften. —–>

Das Archigram-Archiv

Archigram-Archiv

Website des Tages: Das Archigram Archival Project. Ein fabelhafter Fundus von Materialien zu dieser Architektengruppe, der “fast 10.000 Dokumente” enthält, wie die “About”-Rubrik stolz behauptet, darunter Ausgaben des namensgebenden Magazins, Fotos, Grafiken, Entwürfe und mehr. Nicht nur die Menge des Materials ist beeindruckend, auch die Aufbereitung finde ich sehr gelungen und vorbildlich: Das ist ein Archiv, dass sich ebenso gut als Arbeitsgrundlage wie für’s neugierige Flanieren nutzen lässt. —–>

U-City

New Songdo City
New Songdo City. Foto: Wikimedia.

Vergessen Sie Dubai: Das neue Utopia liegt in Südkorea und heißt New Songdo City: Eine Reißbrettstadt auf 6 Quadratkilometer neugewonnenem Land, etwa 65 Kilometer südwestlich von Seoul, vor den Toren der Hafenstadt Incheon. Ein Projekt mit gigantischem Anspruch: Eine “brandneue Stadt” soll hier entstehen, verkündet die offizielle Website, ein “globaler Business-Hub”, mit der Welt verknüpft über ein “neues Aerotropolis”, das “ein Drittel der Weltbevölkerung in 3,5 Stunden” erreichbar macht – zugleich aber auch eine der “grünsten Städte der Erde” und “eine smarte und nachhaltige Welt”. —–>

Vom Erwachen der Vorstädte

Das Profil der amerikanischen Vorstädte ändert sich, schreibt der Economist. Die ethnische und soziale Vielfalt, die früher charakteristisch für die Städte war, wandert inzwischen in die Außenbezirke.

According to William Frey, a demographer, the white population of big-city suburbs grew by 7% between 2000 and 2006. In the same period the suburban Asian population grew by 16%, the black population by 24% and the Hispanic population by an astonishing 60%. Many immigrants to America now move directly to the suburbs without passing through established urban ghettos.

Umgekehrt hat die Gentrifizierung der Innenstädte dazu geführt, dass das multikulturelle Flair allmählich verschwindet:

Los Angeles, which markets itself as the city “where the world comes together”, and New York (“the world’s second home”) both added whites and lost blacks between 2000 and 2006. So many blacks moved out of Los Angeles that, were the exodus to continue unabated, they would disappear from the city around 2050.

Das ist eine interessante Beobachtung. Haben die Metropolen ihre Rolle als “melting pots” etwa eingebüßt, gerade zu dem Zeitpunkt, wo sie als Lebensräume der kreativen Klassen ein neues urbanes Profil bekommen sollen? Tobt das Leben jetzt in den Vorstädten? Oder sind die demographischen Veränderungen dort nur eine logische Konsequenz der allgemeinen Tendenz zur Verstädterung?

Der Economist-Artikel setzt sicher nur ein kleines Schlaglicht, das zudem ausschließlich der amerikanischen Situation gilt. Man könnte auch einwenden, dass die genannten Suburbs nicht unbedingt typisch sind, weil sie ihre dynamische Entwicklung ganz speziellen Umständen verdanken – vor allem der Nähe zu einer bedeutenden Metropole. Städtische Phänomene mögen zwar aus den Zentren in die äußeren Bezirke wandern, aber sie sind nicht wirklich von bestimmten infrastrukturellen Gegebenheiten entkoppelt.

Dennoch ist der Trend, dass sich Vororte von reinen Schlafdörfern zu Orten mit eigenem Profil und eigener Dynamik entwickeln, bemerkenswert genug. Der Economist-Artikel liefert zwar nur ein Schlaglicht, und das auch nur für die amerikanische Situation, aber einige der angesprochenen Effekte lassen sich sicher auch in Europa beobachten (etwa, um nur ein beliebiges Beispiel zu nennen, das steigende Interesse am Bau eines Eigenheims bei den Nachkommen der ersten Gastarbeiter-Generation). Jedenfalls könnten da ein paar interessante Ideen entstehen, wie sich das Verhältnis zwischen Stadt und Umland in Zukunft entwickeln könnte.

Die essbare Stadt

Nach der kleinen Milchkrise der vergangenen Woche ist dieses Projekt hier umso interessanter: Urban Farming in Middlesbrough. Acht Monate lang wurden Brach- und Grünflächen in der Stadt zum Anbau von Gemüse und Obst genutzt, wobei gerade auch die ärmeren Bezirke der Stadt (die ohnehin nicht zu den wohlhabenden Ecken Englands gehört) berücksichtigt wurden. Das Projekt war so erfolgreich, heißt es, dass es in diesem Jahr eine Wiederholung geben wird.

Die Landwirtschaft kommt zurück in die Stadt. In früheren Zeiten waren Felder, Nutzgärten und Ställe auch innerhalb der Stadtmauern eine Selbstverständlichkeit. Aber je mehr Flächen man für Industrie und Wohnraum benötigte, und je besser (und ökonomischer) die Transportmöglichkeiten für Lebensmitteln wurden, umso weniger Bedarf und Interesse gab es am innerstädtischen Anbau von Nahrungsmitteln. Höchstens in Notzeiten, wie etwa in den Kriegs- und Nachkriegsjahren, ging man wieder dazu über, städtische Parks und Grünflächen als Kohlfelder und Gemüsegärten zu nutzen. Ansonsten finden sich die letzten Reste urbaner Landwirtschaft nur noch in den Schrebergärten (und es ist sicher kein Zufall, dass diese scheinbar so deutsche Institution in den vergangenen Jahren auch zunehmend von türkischen, russischen oder polnischen Familien entdeckt worden ist, die mit selbstversorgenden Infrastrukturen noch etwas besser vertraut sind).

Mit dem Verschwinden der Landwirtschaft aus den Städten und ihrer zunehmenden Industrialisierung und Globalisierung verschwand auch das Wissen um den Aufwand, der für die Produktion von Nahrungsmitteln getrieben werden muss. Lebensmittel sind etwas, das immer verfügbar ist und eigentlich wenig kostet. Ab und zu, wie eben während der Milchbauernstreiks, blitzt dann noch einmal, dass die billigen Preise keine Selbstverständlichkeit sind. Und wie man an den Reisrevolten in einigen Teilen der Welt sehen kann, ist Discount auch kein Dauerzustand.

Warum also nicht ein paar Subsistenzmöglichkeiten bekannt machen? Das Projekt von Middlesbrough mag einen etwas ökoromantischen Touch haben – romantisch in dem Sinne, dass die Lösung für zunehmende Verstädterung und Verlust des “Ländlichen” auf dem Land in einem Verschwinden der Abgrenzung zwischen beiden Räumen gesucht wird. Aber es geht ja weniger darum, Städte in Agrarzentren umzuwandeln, sondern mehr Wissen und Kenntnisse über die Herkunft von Dingen, die man essen kann, zu vermitteln. Das Nachdenken über die Städte von morgen kann ruhig auch ein paar Ideen von gestern berücksichtigen.

Einige ähnliche Gedanken finden sich übrigens in dem überaus lesenswerten Buch Hungry City: How Food Shapes Our Lives von Carolyn Steel, neben einigen interessanten (und beklemmenden) Daten zur Konzentration der Lebensmittelproduktion in den Händen einiger weniger Konzerne. Auch deshalb, weil man dann versteht, was der frühere US-Gesundheitsminister Tommy Thompson meint, wenn er sagt:

I, for the life of me, cannot understand why the terrorists have not attacked our food supply, because it is so easy to do