gleiche höhe ist kein abseits

ein kleines museum des zufalls

Tag: Ruhrgebiet

Auf dem verbotenen Berg

Halde Oberscholven

Die Halde Oberscholven ist einer der markantesten Punkte der Ruhrgebiets, und zugleich einer der unzugänglichsten. Mit knapp 202 Metern Höhe ist sie die höchste künstliche Erhebung im Revier, und dank ihrer freistehenden Lage, bekrönt von zwei großen Windrädern und einem Fernmeldemast, eine weithin sichtbare Landmarke. Sie markiert mehr oder weniger genau die Grenze zwischen der industriellen, dicht besiedelten Kernzone des Reviers und dem weit weniger verstädterten, immer noch landwirtschaftlich geprägten Umland. Diese Lage macht den Gipfel der Halde auch zu einem ganz besonderen Aussichtspunkt, wo man den Kontrast zwischen urbanem Ballungsraum und ländlicher Umgebung ganz anschaulich vorgeführt bekommt. —–>

Long Island

Emscherinsel

Die Emscherinsel ist eine Insel, die man als solche kaum wahrnimmt. Eigentlich handelt es sich nur um einen schmalen Streifen Land zwischen Rhein-Herne-Kanal und Emscher. Beide Gewässer kreuzen sich bei Castrop-Rauxel und fließen von dort aus nahezu parallel Richtung Rhein, bis sich ihre Wege in Oberhausen, nahe der Neuen Mitte, trennen. Dazwischen liegt ein 34 Kilometer langes, an manchen Stellen aber nur wenige Meter breites Gebiet.

Diese künstliche Insel ist eine beiläufig entstandene Landschaft, eingezwängt zwischen einem industriell genutzten Verkehrsweg und einem zum Abwasserkanal degradierten Flüsschen. Lange war sie nur eine Art Niemandsland, oder besser: eine Aneinanderreihung von Niemandsländern in den Randgebieten der umliegenden Städte. Zwischenräume im wörtlichen Sinn. Wenn dieses Gebilde nun zur Insel erhoben, also eine räumliche Geschlossenheit vorgegeben wird, soll das modellhaft auch fürs Ruhrgebiet insgesamt stehen: Was durch strukturelle Notwendigkeiten entstand, wird nun gleichsam naturalisiert und als grüne Klammer über kommunale Grenzen hinweg angelegt. Das Bild von der Insel suggeriert außerdem ein wenig postindustrielle Idylle, ähnlich wie die Bergehalden nun als künstliches Mittelgebirge reklamiert werden. —–>

Straßenfest auf der Autobahn

Still-Leben Ruhrschnellweg

Gestern war der Tag des Still-Lebens Ruhrschnellweg, des Über-Events im Kulturhaupstadtjahr, und nach dem Strecken-Scouting im Frühjahr war es natürlich selbstverständlich, sich das aus der Nähe anzusehen. Normalerweise bin ich für solche Megaveranstaltungen nicht zu haben, aber in diesem Fall ging es immerhin um ein sozusagen offiziell ausgerufenes Usurpieren öffentlichen Raumes, und zwar nicht nur eines kleinen Fleckchens, sondern ganzer sechzig Kilometer davon. Also nichts wie hin. —–>

Kulturhauptstadt auf dem Ramsch

Ruhr.2010

Es ist Juli, das Kulturhauptstadtjahr ist noch lange nicht um, aber die ersten Bücher zum Event landen schon auf dem Ramsch. In den Verwertungszyklen der Kulturindustrie hat Ruhr.2010 seine Schuldigkeit schon getan. Oder vielleicht auch nicht: Es sind jedenfalls noch reichlich Exemplare vorhanden, und wer weiß, wie viel im Lager noch auf Halde liegt. Direkt daneben auf dem Ramsch: Der Bildband mit den 360-Grad Panoramas vom UNESCO-Weltkulturerbe Mittelrhein, der muss auch raus, damit Platz für die Titel zur Bundesgartenschau 2011 ist.

Dass da auch einige Bände zum ehrgeizigen Masterplan Köln liegen, ist ein bisschen seltsam, der Preis ist jedenfalls nicht heruntergesetzt.Ob das einfach buchhändlerische Chuzpe ist (“pack die mal dazu, sonst gehen die ja nie weg”), subtile Kritik an der Inkonsequenz kölscher Stadtplanung oder der Halbwertszeit kulturindustrieller Marken, weiß ich nicht.

(Der abgebildete Reiseführer ist übrigens durchaus brauchbar, also greifen Sie ruhig zu.)

Ruhrhalden-Tour III

Halde Hoheward

Die dritte (und vorerst letzte) Runde über die Halden der Ruhr fand parallel zu einer der “Flagschiff”- oder “Leuchturm”-Veranstaltungen des Kulturhauptstadtjahrs statt. Im Rahmen der Aktion SchachtZeichen stiegen eine Woche lang über ehemaligen Zechenstandorten kleine gelbe Heißluftballons auf. “Bis zu 350 Ballons” sollten es nach Auskunft der Veranstalter sein, die “bis zu 80 Meter hoch über den ehemaligen Schächten” im Wind schwebten und wie Stecknadelköpfe auf einer Landkarte “die Orte, an denen alles begann”, sichtbar machen sollten.

Eine Aktion mit großem logistischen Aufwand, die an vielen Orten zu einem fröhlichen Ehemaligen-Treffen geriet und mit Würstchenbuden und Biertischen zu kleinen Volksfesten umfunktioniert wurde, anderswo nutzten neuangesiedelte Firmen die Gelegenheit zu PR-Präsentationen. Die öffentliche Resonanz war ausgesprochen positiv. Und auch wenn das besondere Verhältnis der Ruhrpöttler zu ihrer Vergangenheit schon zum Klischee geworden ist, muss man doch immer wieder verblüfft registrieren, dass das Klischee wirklich Substanz hat: Ich kenne wenige Regionen, wo Neugier und Bereitschaft, sich mit der eigenen Vergangenheit und ihren Spuren auseinanderzusetzen, so umfassend und breitflächig gegeben sind wie hier an der Ruhr. Da spielt sicher viel verklärte Nostalgie eine Rolle, aber auch das Wissen, dass der beschworene Strukturwandel nicht so reibungs- und bruchlos vonstatten geht, wie die Politik das gerne möchte. —–>

Ruhrhalden-Tour II

Auf Halde Norddeutschland

Das Pfingstwetter war ein guter Anlass, die Tour über ausgewählte Ruhrhalden fortzusetzen. Diesmal ging die Fahrt in den westlichen, linksrheinischen Teil des Ruhrgebiets. Eine Region also, von der gerne vergessen wird, dass sie auch noch dazu gehört: Wenn man vom Revier spricht, meint man meistens Duisburg, Essen oder Dortmund, aber selten Kamp-Lintfort, Moers oder Neukirchen-Vluyn. Für viele meiner rheinischen Bekannten ist das hier schon der Niederrhein. Auch in der Region ist man mit der Zugehörigkeit zum Ruhrgebiet nicht durchweg glücklich: Im zuständigen Kreis Wesel gibt es seit Jahren einige Stimmen, die einen Ausstieg aus dem Regionalverband Ruhr befürworten. Der Versuch, das Anliegen politisch umzusetzen, scheiterte vor knapp zwei Jahren allerdings recht spektakulär, und ist damit erst mal für einige Zeit vom Tisch.

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Ruhrhalden-Tour I

Halde Haniel

Bergehalden sind die sichtbarsten Zeugnisse einer notgedrungen verschwenderischen Industrie. Fast die Hälfte des Materials, das im Steinkohleabbau zu Tage gefördert wird, ist taubes Gestein (Berge), und davon wiederum müssen drei Viertel oberirdisch aufgehäuft werden. Es hat relativ lange gedauert, bis man diesen landschaftlichen Eingriff als eben das begriffen hat: Eine Umgestaltung der Landschaft, die Struktur, Aussehen und Ökologie einer Region maßgeblich verändert. Erst spät begann man damit, Halden bewusst als Landschaftsbauwerke zu definieren, die auch nach ihrer industriellen Nutzung noch eine Funktion haben sollten, und schon für den Entstehungsprozess feste Gestaltungsregeln aufzustellen.

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Den Ruhrschnellweg entlang

Ruhrschnellweg in Essen

Die Karte unten ist Dokument eines kleinen Experiments. Sie zeigt den Verlauf einer Radtour entlang des Ruhrschnellwegs, das heißt: der A40 zwischen Duisburg-Häfen und Dortmund-West, und der B1 zwischen Dortmund und Unna-Massen. Eine Radtour entlang einer Autobahn? Es gibt zweifellos angenehmere Routen, sportliche oder entspannendere. Was könnte einen dazu bweegen, einen Tag lang einer siebzig Kilometer langen, lauten und abgasverpesteten Asphaltpiste zu folgen?

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