gleiche höhe ist kein abseits

ein kleines museum des zufalls

Tag: Ruhr.2010

Long Island

Emscherinsel

Die Emscherinsel ist eine Insel, die man als solche kaum wahrnimmt. Eigentlich handelt es sich nur um einen schmalen Streifen Land zwischen Rhein-Herne-Kanal und Emscher. Beide Gewässer kreuzen sich bei Castrop-Rauxel und fließen von dort aus nahezu parallel Richtung Rhein, bis sich ihre Wege in Oberhausen, nahe der Neuen Mitte, trennen. Dazwischen liegt ein 34 Kilometer langes, an manchen Stellen aber nur wenige Meter breites Gebiet.

Diese künstliche Insel ist eine beiläufig entstandene Landschaft, eingezwängt zwischen einem industriell genutzten Verkehrsweg und einem zum Abwasserkanal degradierten Flüsschen. Lange war sie nur eine Art Niemandsland, oder besser: eine Aneinanderreihung von Niemandsländern in den Randgebieten der umliegenden Städte. Zwischenräume im wörtlichen Sinn. Wenn dieses Gebilde nun zur Insel erhoben, also eine räumliche Geschlossenheit vorgegeben wird, soll das modellhaft auch fürs Ruhrgebiet insgesamt stehen: Was durch strukturelle Notwendigkeiten entstand, wird nun gleichsam naturalisiert und als grüne Klammer über kommunale Grenzen hinweg angelegt. Das Bild von der Insel suggeriert außerdem ein wenig postindustrielle Idylle, ähnlich wie die Bergehalden nun als künstliches Mittelgebirge reklamiert werden. —–>

Duisburg

Duisburg, Karl-Lehr-Straße

Vor wem, vor welchem Gedächtnis und vor welcher Zukunft, vor welcher und für welche Generation ist man verantwortlich, wenn man die Verantwortung für eine Stadt übernimmt?

Meine Hypothese ist, dass die Antwort auf diese Frage uns zwingt, den Begriff der Verantwortung neu zu fassen. Jedes Projekt, das das Schicksal einer Stadt betrifft, d.h. das, was ihr Gedächtnis an ihre Gegenwart und Zukunft bindet, übersteigt aus Wesensgründen sowohl die Möglichkeit der Vollendung als auch die Dimension einer einzigen Generation, Nationalität oder Sprache. Die Zeit impliziert ein Versprechen, das hier für mehr als bloss eine Generation und mithin für mehr als eine Politik binden ist, ja das über die Politik als solche hinausgeht, in einer Dauer, deren Heterogenität und Diskontinuität, deren Nicht-Totalisierbarkeit als das Gesetz anerkannt werden müssen.

Jacques Derrida, Generationen einer Stadt

Ich hatte in Duisburg zu tun, und der Weg führte natürlich auch zur Karl-Lehr-Straße, dem Ort des Loveparade-Desasters. Seit dem Unglück ist die Straße zu einer Art negativer Pilgerstätte geworden, und auch gestern, an einem Montagabend, waren einige Dutzend Menschen unterwegs, um die zahlreichen Kerzen, Blumen, Zettel, Kreuze und sonstigen Paraphernalia zu betrachten, miteinander zu diskutieren oder wenigstens ein paar Schnappschüsse mit dem Handy zu machen. —–>

Kulturhauptstadt auf dem Ramsch

Ruhr.2010

Es ist Juli, das Kulturhauptstadtjahr ist noch lange nicht um, aber die ersten Bücher zum Event landen schon auf dem Ramsch. In den Verwertungszyklen der Kulturindustrie hat Ruhr.2010 seine Schuldigkeit schon getan. Oder vielleicht auch nicht: Es sind jedenfalls noch reichlich Exemplare vorhanden, und wer weiß, wie viel im Lager noch auf Halde liegt. Direkt daneben auf dem Ramsch: Der Bildband mit den 360-Grad Panoramas vom UNESCO-Weltkulturerbe Mittelrhein, der muss auch raus, damit Platz für die Titel zur Bundesgartenschau 2011 ist.

Dass da auch einige Bände zum ehrgeizigen Masterplan Köln liegen, ist ein bisschen seltsam, der Preis ist jedenfalls nicht heruntergesetzt.Ob das einfach buchhändlerische Chuzpe ist (“pack die mal dazu, sonst gehen die ja nie weg”), subtile Kritik an der Inkonsequenz kölscher Stadtplanung oder der Halbwertszeit kulturindustrieller Marken, weiß ich nicht.

(Der abgebildete Reiseführer ist übrigens durchaus brauchbar, also greifen Sie ruhig zu.)