gleiche höhe ist kein abseits

ein kleines museum des zufalls

Tag: Rom

Corviale

Corviale

Es ist nicht so einfach, den Corviale zu finden. Vom Bahnhof in Magliana hat man ein gutes Stück Fußweg vor sich, und in diesem Teil Roms sind sich GPS und Stadtplan gelegentlich uneins über die Existenz und den Verlauf von Straßen. Nach einem falschen Linksabzweig stehen wir prompt in einer Sackgasse, mitten in einer riesigen ungemähten Wiese, die nach wilden Kräutern duftet, aber von Bauzäunen umringt und auf Verbotsschildern als Privatgelände ausgewiesen wird. Immerhin: Über die Blumen und Gräser hinweg sehen wir immerhin zum ersten Mal an diesem Tag auf einem gegenüberliegenden Hügel den Corviale: Jenen 1 km langen und elf Stockwerke hohen Behemoth aus Beton, der manchen als Inbegriff aller Verfehlungen moderner Architektur gilt, anderen als zwar gescheitertes, aber doch studierenswertes Experiment utopischer Stadtplanung. —–>

Lucchetti dell’amore

Lucchetti d'amore

Es sieht so aus, als ob ein Kult aus Italien gerade auch bei deutschen Teenagern verfängt. Wer über die Kölner Hohenzollernbrücke spaziert, wird an einigen Stellen am Gitter, das den Fussweg von den Bahngleisen trennt, kleine Vorhängeschlösser angebracht sehen. Auf allen dieser Schlösser sind Namen angebracht, entweder mit Filzstift oder eingraviert: “Erkan und Katharina”, “Damian und Ninja” oder “Chrissi und Robert”. Manchmal steht auch ein Datum dabei, und daher kann man in etwa abschätzen, wann dieser Kult hier begonnen haben muss: So ungefähr im Juli oder August 2008.

Lucchetti d'amore

Die Schlösser sind Zeugnisse eines kleinen Rituals unter Liebespaaren: Wer die Dauerhaftigkeit seiner Zuneigung verbürgen will, bringt so ein kleines Schloss an und – darum muss es in der Regel eine Brücke sein – wirft den Schlüssel dazu in den Fluss. Größe und Aussehen des Schlosses sind scheinbar relativ unerheblich: Von Minischlösschen, die allenfalls ein Poesiealbum dicht halten könnten, bis zu dicken Dingern, mit denen man auch ein Scheunentor verriegeln könnte, gibt es fast alle denkbaren Varianten. Örtliche Wirtschaftsführer wird es vielleicht freuen, dass ein Familienunternehmen aus dem Bergischen Land besonders häufig vertreten ist.

Früher ritzte man die Namen in alle möglichen Rinden. Heute sind Bäume in der Stadt nicht mehr prominent oder naheliegend genug, also muss man eben etwas anderes suchen, um bleibende Spuren zu hinterlassen. Geotagging auf eine ganz bodenständige Art: Ein sichtbares Markieren des öffentlichen Raumes mit dem Verweis auf eine persönliche Erinnerung.

Begegnet ist mir dieses Ritual zum ersten Mal vor etwa zwei Jahren, im Herbst 2006: Da hingen auf dem Ponte Vecchio in Florenz auf einmal Trauben von Vorhängeschlössern, wahre Niagarafälle aus Kleinstahl (um eine Metapher von Arno Schmidt zu klauen), vor allem rund ums Denkmal von Benvenuto Cellini. Ich war im Frühjahr schon dort gewesen, hatte aber damals noch keine Schlössergesehen. Das Phänomen muss also relativ schnell aufgeflackert sein, aber da die Behörden auch schon zahlreiche Plakate mit Strafandrohungen (in italienisch und englisch) angebracht hatten, konnte man erkennen, dass die Geschichte schon eine Weile lief. Lange genug jedenfalls, um einen kleinen Geschäftszweig im fliegenden Handel hervorzubringen: Einige chinesische und afrikanische Händler boten bereits Vorhängeschlösser an, einige waren auf Wunsch auch bereit, darauf den Namen und sonstige Details zu gravieren. Die Florentinerin, mit der ich die Brücke im Herbst besuchte, betrachtete die Schlössertrauben allerdings eher indigniert und mokierte sich über die Unsitte, noch den banalsten Flirt mit der Verschandelung eines Kulturdenkmals zu verewigen.

Lucchetti Ponte Vecchio Firenze

Wann und wo dieses Ritual in Italien zum ersten Mal auftauchte, weiß niemand so genau. Manche sagen, es sei in Rom gewesen. Dort ist es vor allem der Ponte Milvio, genauer: die mittlere Laterne dort, die mit Schlössern behängt wird. Das gehe, kann man manchmal lesen, auf den Film Ho voglia di te zurück. Der Film, eine herzzereissende Liebesschmonzette, ist die Verfilmung eines gleichnamigen Romans von Federico Moccia. Beides, Buch und Film waren Kassenschlager in Italien – der Film sogar so erfolgreich, dass er manchmal auch als italienisches Pendant zu Titanic bezeichnet wird. Der Moment, in dem Step, der Held des Films, vor den Augen seiner geliebten Gin ein Schloss an der Laterne befestigt und den Schlüssel wegwirft, ist in der Tat eine (pardon) Schlüsselszene des Films.

Ho voglia di te

Buch und Film haben die Tradition aber allenfalls populär gemacht, was man in der betreffenden Szene auch erkennen kann: Da hängt die Laterne nämlich bereits voller Schlösser. (Ich habe, wie gesagt, die ersten Schlösser in Florenz im Herbst 2006 gesehen, da war das Buch gerade erschienen, der Film folgte erst im Jahr darauf.) Dass das Phänomen rasch auf andere Städte in Italien übergriff, könnte aber gut mit dem Erfolg des Films zusammenhängen.

Die italienische Wikipedia (die dem Phänomen sogar einen eigenen Artikel widmet) verlegt den Ursprung allerdings nach Florenz und macht Absolventen einer Schule in der Nachbarschaft des Ponte Vecchio dafür verantwortlich. Die hätten, um ihre Schulentlassung zu feiern, die Schlüssel ihrer Spinde an die Brücke gehängt. Der Usus sei dann von Liebespaaren adaptiert worden. Andere Berichte schildern ähnliche Praktiken in Zusammenhang mit dem Wehrdienst: Italienische Wehrpflichtige sollen demnach in einigen Städten bei Antritt ihres Dienstes Schlösser an Laternen oder Bäumen befestigt und nach Beendigung wieder entfernt haben. Ich habe diese Variante zum Beispiel in Südtirol gehört, wo das Motiv des Ankettens noch politisch aufgeladen wird.

Wie dem auch sei: Es amüsiert mich natürlich, zu sehen, wie dieser Kult es von Italien nach Deutschland geschafft hat. (“Amüsant” ist vermutlich ein Wort, dass deutschen Denkmalschutzbehörden in diesem Zusammenhang eher nicht einfallen dürfte.) Der Film ist ja hier in Deutschland kaum zu sehen gewesen, und es gibt keine deutsche Synchronfassung. Moccias Roman liegt zwar (unter dem Titel Ich steh auf dich in deutscher Übersetzung), aber mir ist nicht bekannt, dass sich das Buch überdurchschnittlich verkauft hätte. (Es hat aktuell Verkaufsrang #94.387 bei Amazon.) Aber es gibt natürlich genug italienischstämmige Deutsche und italienische Touristen hier in der Stadt, die die Praxis importiert haben könnten.

Ob es schon eine offizielle Reaktion von Seiten der Stadt oder der Bahn gibt, weiß ich nicht. In Italien nahm die Praxis rasch so überhand, dass die betroffenen Kommunen reagierten. Die Schlösser wurden meist komplett entfernt, an den notorischsten Punkten verschärfte man Kontrollen und hängte – siehe oben – Plakate mit Strafandrohungen auf. Das wird unterschiedlich gewirkt haben, aber als ich zuletzt im Frühjahr auf dem Ponte Vecchio war, gab es nur wenige Schlösser zu sehen. In Rom allerdings, wo auch heftig diskutiert wurde, äußerte Bürgermeister Walter Veltroni Sympathie für die Liebenden: “Der Zeit, in der wir leben, verleiht das eine poetische Dimension, und mir gefällt es, dass sie in unserer Stadt vorkommt”, um dann festzustellen: “Ich habe sicherstellen lassen, dass keine Risiken für die Stabilität der Laternen bestehen, also können die Schlösser meiner Auffassung nach dort bleiben.” Sie fielen dann jedoch einer mysteriösen nächtlichen Attacke zum Opfer.

Noch hat die Schlössergalerie an der Hohenzollernbrücke eher bescheidene Ausmaße im Vergleich zu den italienischen Beispielen. Mich würde natürlich interessieren, ob das Phänomen auch in anderen deutschen Städten schon aufgetaucht ist. Und ob es dort schon Versuche gibt, darauf zu reagieren. Und wo gibt es Spuren in der Populärkultur, in Videos, Websites oder Zeitschriftenartikeln?

Was Berlusconi nicht liest

Aus der Serie “Statistiken für die gepflegte Salon-Konversation”: Seit dem Amtsantritt des aktuellen Kabinetts Berlusconi sind die Verkaufszahlen ausländischer Wirtschaftszeitungen im römischen Regierungsbezirk drastisch eingebrochen. Das gilt vor allem, scheint es, für Zeitschriften angloamerikanischer Provenienz: Der Economist hat 20 Prozent verloren, die Financial Times 18,3 Prozent und das Wall Street Journal zehn Prozent. Vielleicht lesen sie ja wenigstens noch Topolino.