Duisburg, Karl-Lehr-Straße

Vor wem, vor welchem Gedächtnis und vor welcher Zukunft, vor welcher und für welche Generation ist man verantwortlich, wenn man die Verantwortung für eine Stadt übernimmt?

Meine Hypothese ist, dass die Antwort auf diese Frage uns zwingt, den Begriff der Verantwortung neu zu fassen. Jedes Projekt, das das Schicksal einer Stadt betrifft, d.h. das, was ihr Gedächtnis an ihre Gegenwart und Zukunft bindet, übersteigt aus Wesensgründen sowohl die Möglichkeit der Vollendung als auch die Dimension einer einzigen Generation, Nationalität oder Sprache. Die Zeit impliziert ein Versprechen, das hier für mehr als bloss eine Generation und mithin für mehr als eine Politik binden ist, ja das über die Politik als solche hinausgeht, in einer Dauer, deren Heterogenität und Diskontinuität, deren Nicht-Totalisierbarkeit als das Gesetz anerkannt werden müssen.

Jacques Derrida, Generationen einer Stadt

Ich hatte in Duisburg zu tun, und der Weg führte natürlich auch zur Karl-Lehr-Straße, dem Ort des Loveparade-Desasters. Seit dem Unglück ist die Straße zu einer Art negativer Pilgerstätte geworden, und auch gestern, an einem Montagabend, waren einige Dutzend Menschen unterwegs, um die zahlreichen Kerzen, Blumen, Zettel, Kreuze und sonstigen Paraphernalia zu betrachten, miteinander zu diskutieren oder wenigstens ein paar Schnappschüsse mit dem Handy zu machen. Weiterlesen