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Tag: Iran

Die Katze über dem Abgrund

Slavoj Zizek über den Iran: Einer der bisher besten und einleuchtendsten Texte über die Ereignisse dort. Erschienen ist er u.a. hier in einer englischen Version, es gibt auch mehrere andere, üblicherweise vertrauenswürdige Quellen, die ihn gebracht haben. Es heißt, der Text sei von Mainstream-Publikationen (gerüchteweise der New York Times) abgelehnt worden. Das Folgende ist eine Quick-and-Dirty-Übersetzung. Korrekturen bitte in die Kommentare. Der Text ist gemeinfrei, wer ihn kopieren möchte, kann das gerne tun.

Wenn sich ein autoritäres Regime seiner endgültigen Krise nähert, dann folgt seine Auflösung in der Regel zwei Schritten. Vor dem tatsächlichen Kollaps findet ein mysteriöser Bruch statt: Plötzlich wissen alle Menschen, dass das Spiel vorbei ist, sie haben einfach keine Angst mehr. Es ist nicht einfach so, dass das Regime seine Legitimierung verliert, die Machtausübung selbst wird als impotente Panikreaktion wahrgenommen. Wir kennen alle die klassische Szene aus den Zeichentrickfilmen: Die Katze erreicht einen Abgrund, aber sie läuft weiter und ignoriert die Tatsache, dass es unter ihren Füßen keinen Boden mehr gibt; sie fällt erst dann, wenn sie nach unten schaut und die Tiefe bemerkt. Das Regime, das seine Autorität verliert, ist wie eine Katze über dem Abgrund: Damit es stürzt, muss man es nur daran erinnern, nach unten zu schauen … —–>

Twitter im Iran

Die Nachricht, dass die US-Regierung Twitter gebeten hat, Wartungsarbeiten aufzuschieben, damit im Iran weiter Tweets verschickt werden können, war gestern bei nahezu allen Medien ein großer Erfolg. Westliche Medien finden diesen ganzen Web-2.0-Kram immer genau dann toll und interessant, wenn es gegen totalitäre Regime geht.

Ich hab mich allerdings trotzdem gefragt, ob die Twitter-Meldung nicht ausgerechnet dem Hype entspricht, den die Medien sonst so eifrig demontieren wollen. Wie groß ist die Rolle dieser Social-Networking-Dienste tatsächlich momentan im Iran? Kaum jemandem scheint zum Beispiel die Kleinigkeit aufgefallen zu sein, dass Twitter gar kein Farsi unterstützt. Für eine effiziente Kommunikation unter den Demonstranten dürfte das wenig zweckmäßig sein.

Dann ist da natürlich die Frage des Zugangs zu diesen Diensten. Die Überbewertung der Rolle von Social Networks geht implizit davon aus, dass die Protestbewegung vor allem Studenten aus den mittelständischen Schichten in Teheran stünden, während sich Ahmadinejads Wählerschaft aus ungebildeten konservativen Dorfbewohnern rekrutiere. Ali Alizadeh, Philosophieprofessor in England, hat da ein paar interessante andere Beobachtungen mitzuteilen. Kommunikation, Organisation und Agitation laufen bei weitem nicht nur über virtuelle Kanäle, sondern nutzen auch einfache und traditionelle Methoden, etwa das Ausweichen von der Straße auf die Hausdächer, um von dort Parolen wie “Tod dem Diktator!” zu rufen (eine Methode, die ironischerweise in der islamischen Revolution gegen den Schah eingesetzt wurde). Oder am Ende einer Demonstration laut den Ort und Treffpunkt der nächsten zu skandieren.

Glaubt man Alizadeh, ist die oppositionelle Bewegung auch weit umfangreicher und nicht nur auf’s Bildungsbürgertum beschränkt:

Musavi’s people, as the collective appearing in the rallies, is made of religious women covered in chador walking hand in hand with westernized young women who are usually prosecuted for their appearance; veterans of war in wheelchairs next to young boys for whom the Iran-Iraq war is only an anecdote; and working class who have sacrificed their daily salary to participate in the rally next to the middle classes.

Möglich, dass Mussawis Agenda doch radikaler ist, oder zumindest radikalere Effekte hervorruft, als man ihm zugetraut hat: Er habe, sagt Alizadeh, die Masse der Bevölkerung als politisches Subjekt zurückgebracht, während Ahmadinejad und auch die anderen Reformkandidaten stärker auf Partikularinteressen setzten.

Fakes

Errol Morris, Regisseur des Films Standard Operating Procedure, hat sich in der New York Times noch einmal das iranische Foto vorgenommen, in dem der Start diverser Raketen vorgetäuscht wurde. Herausgekommen ist ein etwas launiges, aber lesenswertes Essay über Manipulation durch Bilder, inklusive zwei interessanter Kurzinterviews mit dem digitalen Forensiker Hany Farid und dem konservativen Blogger Charles Johnson (der den iranischen Fake entlarvt hatte).

Eine kleine Anekdote, die sich in den Fußnoten versteckt, fand ich aber besonders interessant. Sie bezieht sich auf eine Äußerung Farids, in der es weniger um Bildmanipulation, sondern um falsche Erinnerungen geht. Morris illustriert dieses Phänomen mit folgendem Beispiel:

Freeman Dyson tells a story (in The New York Review of Books) about a childhood experience:

“When I was a boy in England long ago, people who traveled on trains with dogs had to pay for a dog ticket. The question arose whether I needed to buy a dog ticket when I was traveling with a tortoise. The conductor on the train gave me the answer: ‘Cats is dogs and rabbits is dogs but tortoises is insects and travel free according.’”

Nicholas Humphrey in a letter to the editors pointed out that “the very same encounter appeared as a cartoon in Punch in 1869. The caption of the cartoon reads:

Railway Porter (to Old Lady traveling with a Menagerie of Pets). “‘STATION MASTER SAY, MUM, AS CATS IS ‘DOGS,’ AND RABBITS IS ‘DOGS,’ AND SO’S PARROTS; BUT THIS ‘ERE ‘TORTIS’ IS A INSECT, SO THERE AIN’T NO CHARGE FOR IT!” [Punch, 1869, Vol. 57, p. 96]”

Freeman Dyson replied:

“Thanks to Nicholas Humphrey and Michael Jackson for letters informing me of the 1869 Punch cartoon about tortoises and dogs on trains. My memory of traveling with a tortoise has two possible explanations. The first and more probable is that I heard of the conversation recorded in the Punch cartoon and transformed it over the years into a memory. This would not be the first time that I remembered something that never happened. Memories of childhood recollected in old age are notoriously unreliable. The second possible explanation is that the memory is accurate. In that case the conductor on the train knew the cartoon and said what he was supposed to say according to the script.”

Here, Dyson essentially admits to having confabulated seeing a Punch cartoon with a real experience. My friend Charles Silver has provided a thoughtful analysis. “Here are several (overlapping) definitions for ‘confabulation’: inventing things that aren’t true; making up something that’s thought to be true for a variety of reasons, one being to fill in memory gaps; inventing something that’s hoped to be true; imagining that something happened to you after hearing a report or reading a story about someone else; manufacturing, deliberately or not, a portion of reality; arriving at a fabricated story; and just plain lying.”

Die Dyson-Anekdote stammt ursprünglich aus dieser Rezension. Das Kuriose an dieser Geschichte ist, dass sie wie die Variation eines literarischen Vorbilds erscheint: Im neunten Kapitel von Dostojewskis Idiot (der im übrigen fast zeitgleich mit der Punch-Karikatur herauskam) gibt es die berühmte Episode mit dem Bologneserhündchen. Auch darin geht es um die Enttarnung eines Fakes, der mit einer Bahnfahrt und einem Haustier zu tun hat.

Der Idiot ist ein Roman, in dem es fortwährend um kommunikative Strategien und Manipulation geht. In der Geschichte mit dem Bologneserhündchen ist nicht nur die Lüge, sondern auch ihre Enthüllung problematisch. Die Entlarverin, Nastassja Filippowna, ist ja selbst eine sehr ambivalente und äußerst manipulative Gestalt. Selbst die Entlarvung einer Lüge, scheint Dostojewski zu sagen, ist nur eine Geste, die man mißtrauisch betrachten muss. Die Wahrheit ist ebenso Mittel zum Zweck wie die Lüge; im Zweifel erreicht man damit erst mal nichts als die Stimmung auf der Party zu ruinieren.