gleiche höhe ist kein abseits

ein kleines museum des zufalls

Tag: Innovation

Technologiekritikkritik

Ich dachte schon, ich bin der Einzige, der Kathrin Passigs Anti-Anti-Fortschrittsglosse für ein eher fades Süppchen hält, aber hier stehen ein paar richtige Gedanken dazu. Passigs Kritik an der Technologiekritik und ihren “Standardsituationen” folgt doch selbst einem reichlich abgenutzten Standardmodell: Neues doof zu finden, ist selber doof, weil zum Beispiel Autos und Telefon und Rad hat ja erst auch keiner verstanden, und wie doof war das denn? Passigs einzige originelle Zutat ist so eine Art ironisches Stufenmodell des Doof-Findens, leider nur vorgeführt an einem ziemlich wackligen Türmchen aus allerlei Äpfeln und Birnen.

Die Durchsetzung eines Produkts als Widerlegung der Kritik daran zu behaupten und letztere mit einem “Alles schon mal dagewesen” abzutun, ist mindestens so banal und reaktionär wie die Haltung, die damit kritisiert werden soll. Selbst das Zitat, das gerne als dümmstes Beispiel für übertriebene Innovationsskepsis angeführt wird – nämlich der angeblich 1943 von IBM-Chef Thomas Watson geäußerte Satz, dass es weltweit nur einen Markt für fünf Computer gäbe – ist nicht ganz so dumm wie es gemacht wird. Immerhin steckt darin noch ein wenig Gespür dafür, dass Markt und Bedarf mal zwei zusammengedachte Begriffe waren, während es heute eben als Erfolg gilt, die hochgepitchten Märkte mit mit ständigen Produktlaunches und Updates vollzupumpen, deren Sinn, Zweck und Innovationsgrad tatsächlich oft nicht feststellbar ist.

Und wenn Passig vom Fußball schon eine Metapher klaut, hätte sie zumindest auch daran können, dass das Einüben von Standardsituationen nichts ist, worüber man die Nase rümpfen müsste. Dass sich manche Inhalte der Kritik öfter wiederholen, könnte auch einfach damit zusammenhängen, dass sie sich nicht wirklich erübrigt haben. Etwa weil die Neuheiten, denen sie gelten, hinter der schicken Fassade unweigerlich einiges mitschleppen, was man weiterhin kritisieren kann.

Anders gesagt:

Wir können von Schmockwitz nach Schweifwedel telephonisch sprechen, wir wissen aber noch nicht, wie der Fortschritt aussieht. Wir wissen bloß, daß er auf die Qualität der Ferngespräche keinen Einfluß genommen hat, und wenn wir einmal so weit halten werden, daß man zwischen Wien und Berlin Gedanken übertragen wird, so wird es nur an den Gedanken liegen, wenn wir diese Einrichtung nicht in ihrer Vollkommenheit werden bewundern können. Die Menschheit wirtschaftet drauflos; sie braucht ihr geistiges Kapital für ihre Erfindungen auf und behält nichts für deren Betrieb. Der Fortschritt aber ist schon deshalb eine der sinnreichsten Erfindungen, die ihr je gelungen sind, weil zu seinem Betrieb nur der Glaube notwendig ist, und so haben jene Vertreter des Fortschritts gewonnenes Spiel, die einen unbeschränkten Kredit in Anspruch nehmen.

– Karl Kraus, Der Fortschritt

Handy-Anthropologie

Jan Chipchase hat in Uganda entdeckt, wie ein Mobiltelefon auch als Medium für den Zahlungsverkehr eingesetzt werden kann, ohne dass man dafür eine Bank benötigt: Joe will Jane Geld schicken, die wohnt aber irgendwo in einem kleinen Dorf auf dem Land, wo die nächste Bank eine Tagesreise entfernt ist. Also kauft er eine Prepaid-Karte. Mit der freigerubbelten Nummer lädt er aber nicht sein eigenes Telefon auf, sondern kontaktiert einen Vertrauensmann im Dorf. Der notiert sich die Nummer auf, nimmt eine Kommission und zahlt den Restbetrag an Jane aus. Mit dem Code kann er nun selbst ein Handy aufladen – und als öffentliches Telefon der übrigen Dorfgemeinschaft anbieten. —–>