gleiche höhe ist kein abseits

ein kleines museum des zufalls

Tag: Improvisation

Derrida trifft Coleman

Coleman: One day, I walked into a place that was full of gambling and prostitution, people arguing, and I saw a woman get stabbed – then I thought that I had to get out of there. I told my mother that I didn’t want to play this music anymore because I thought that I was only adding to all that suffering. She replied: “What’s got hold of you, you want somebody to pay you for your soul?” I hadn’t thought of that, and when she told me that, it was like I had been re-baptized.

Derrida: Your mother was very clear-headed.

Coleman: Yes, she was an intelligent woman. Ever since that day I’ve tried to find a way to avoid feeling guilty for doing something that other people don’t do.

Ein schönes Gespräch (via) zwischen Jacques Derrida und Ornette Coleman über Sprache, Improvisation, Wiederholung, Rassismen, Ursprünge und Mütter – was man eben so bespricht unter Dekonstruktionisten. Beeindruckend ist vor allem, dass Derrida tatsächlich einen ausgezeichneten Interviewer abgibt: Zurückhaltend, neugierig und pointiert. Das Gespräch erschien ursprünglich 1997 in der französischen Zeitschrift Les Inrockuptibles, auf deren Website man auch die Originalversion nachlesen kann. (Ich erinnere mich dunkel, in der Spex damals auch einen Artikel gesehen zu haben, der wohl eine deutsche Übersetzung dieses Interviews war.)

Das französische Magazin bringt auch den Text, den Derrida einige Tage nach dem Interview während eines Konzerts von Coleman vortrug, Joue le prénom. Oder besser: Vortragen wollte, denn Derridas Auftritt kam bei einem Teil des Publikums nicht besonders gut an.

In fact, it was an anticipated happening that did not happen, not quite a fiasco perhaps, but one of those unfortunate circumstances in which symbolic expectation is thwarted by reality. The audience, or at least a small part of it, intolerant of this unaccustomed form, did not even allow Derrida to get into his stride. Those trying to shout him down were met with invective treating them as a ‘shithouse audience’, and the slanging match among the 100-strong crowd finally drove Derrida off the stage, his part of the performance pathetically foreshortened and unfulfilled.

(aus: Colin Nettelbeck, Dancing With De Beauvoir)

Schade drum: Diesem Aufeinandertreffen hätte ich gerne zugehört. Ein aufgeschlosseneres Publikum hatte Elisa Barth, die vor einigen Jahren eine deutsche Fassung des Textes vortrug, was man sich hier anhören kann:

Also sicher: Ein Ereignis hat keinen Preis, das sind meine Worte und meine Instrumente, mein Satz, meine harmolodische Variation.

Jazz ist Gedankenfreiheit

Das Gehirn funktioniert anders, wenn man improvisiert: Es schaltet den inneren Monitor ab, der für Selbstkontrolle und Selbstbeobachtung zuständig ist. Stattdessen werden Gehirnregionen aktiv, die “selbsterzeugte Gedanken und Verhaltensweisen” organisieren, und beispielsweise auch eine Rolle spielen, wenn wir uns eine Geschichte ausdenken oder etwas Erlebtes nacherzählen.

Das ist, sehr verkürzt, die Pointe einer amerikanischen Studie: Darin wurden die Gehirnaktivitäten von Jazzmusikern untersucht hat, sowohl beim Memorieren und Nachspielen vorgegebener Tonfolgen als auch beim freien Improvisieren darüber. —–>