gleiche höhe ist kein abseits

ein kleines museum des zufalls

Tag: Berlusconi

Die Katze über dem Abgrund

Slavoj Zizek über den Iran: Einer der bisher besten und einleuchtendsten Texte über die Ereignisse dort. Erschienen ist er u.a. hier in einer englischen Version, es gibt auch mehrere andere, üblicherweise vertrauenswürdige Quellen, die ihn gebracht haben. Es heißt, der Text sei von Mainstream-Publikationen (gerüchteweise der New York Times) abgelehnt worden. Das Folgende ist eine Quick-and-Dirty-Übersetzung. Korrekturen bitte in die Kommentare. Der Text ist gemeinfrei, wer ihn kopieren möchte, kann das gerne tun.

Wenn sich ein autoritäres Regime seiner endgültigen Krise nähert, dann folgt seine Auflösung in der Regel zwei Schritten. Vor dem tatsächlichen Kollaps findet ein mysteriöser Bruch statt: Plötzlich wissen alle Menschen, dass das Spiel vorbei ist, sie haben einfach keine Angst mehr. Es ist nicht einfach so, dass das Regime seine Legitimierung verliert, die Machtausübung selbst wird als impotente Panikreaktion wahrgenommen. Wir kennen alle die klassische Szene aus den Zeichentrickfilmen: Die Katze erreicht einen Abgrund, aber sie läuft weiter und ignoriert die Tatsache, dass es unter ihren Füßen keinen Boden mehr gibt; sie fällt erst dann, wenn sie nach unten schaut und die Tiefe bemerkt. Das Regime, das seine Autorität verliert, ist wie eine Katze über dem Abgrund: Damit es stürzt, muss man es nur daran erinnern, nach unten zu schauen … —–>

Was Berlusconi nicht liest

Aus der Serie “Statistiken für die gepflegte Salon-Konversation”: Seit dem Amtsantritt des aktuellen Kabinetts Berlusconi sind die Verkaufszahlen ausländischer Wirtschaftszeitungen im römischen Regierungsbezirk drastisch eingebrochen. Das gilt vor allem, scheint es, für Zeitschriften angloamerikanischer Provenienz: Der Economist hat 20 Prozent verloren, die Financial Times 18,3 Prozent und das Wall Street Journal zehn Prozent. Vielleicht lesen sie ja wenigstens noch Topolino.

Vorwärts und nicht bewegen

Berlusconi

Das Bild entstand vor genau zwei Jahren, 2006 in Süditalien, am Strand von Peschici. Ich hielt das damals für ein symbolisches Motiv: Wenige Tage zuvor hatte die Parlamentswahl stattgefunden und ein denkbar knappes, aber erfreuliches Ergebnis gebracht. Für einen kurzen Augenblick schien es so, als wäre die Ära Berlusconi tatsächlich auf den Schrottplatz der Geschichte geräumt worden, gerade so wie dieses abgewrackte und auf Sand gesetzt Auto (das noch dazu mit dem Slogan “Scegliamo di andare avanti” – deutsch etwa Wählen wir den Vorwärtsgang – beklebt war).

Für einen kurzen Augenblick gab es auch tatsächlich so etwas wie Aufbruchstimmung bei vielen Leuten. Schon im Jahr davor, bei den Regionalwahlen, hatte Berlusconi eine Ohrfeige kassiert, und viele Beobachter sahen das als ein Anzeichen dafür, dass sich tatsächlich mal was ändern könnte. (In Apulien hatten die Leute mit Nichi Vendola sogar einen intellektuellen (!) Kommunisten (!!), zu allem Überfluss auch noch schwul (!!!) und stolz darauf (!!!) ins Amt des Regionspräsidenten gewählt, und bei den ausgelassenen Feiern, die darauf in Bari und Lecce folgten, konnte man tatsächlich meinen, dass die politische Landschaft erheblich in Bewegung geraten war.)

Die Euphorie war bald verflogen, weil auch die neue Regierung schnell zum business as usual überging: Kleinteiliges Hick-Hack hinter den Kulissen, rhetorische (und tatsächliche) Schaukämpfe davor. Prodi war kein euphorisierender Heilsbringer, sondern ein blasser Verwalter eines Status quo, der niemand so richtig zufriedenstellen kann. Einer, dem man anmerken konnte, wie mühselig und unlustig das politische Tagesgeschäft war, und dem man die Vision eines tatsächlichen Wandels nicht wirklich abkaufen konnte. Der Versuch, mit dem Partito democratico und mit einer etwas schillernderen Persönlichkeit wie Walter Veltroni an der Spitze eine etwas lautere Stimme und ein kräftigeres Profil zu gewinnen, hat da auch nichts gebracht.

Wenn’s um die mediale Inszenierung des alten Spruchs Better the devil you know geht, dann ist Berlusconi einfach doch abgezockter und routinierter. Insofern hat das Bild oben immer noch was Symbolisches: Der Karren ist so abgewrackt wie immer, und er steckt genauso tief im Sand wie vorher. Aber das ist denen, die drinsitzen, mittlerweile egal geworden: Man kann ja die Fenster verrammeln und sich dann vormachen, es bewege sich noch was. Andiamo avanti. Bis uns die Flut über den Köpfen zusammenschlägt.