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Tag: Bergbau

Das Deutsche Reich in Bochum

Deutsches Reich, Bochum

Es gibt viele merkwürdige Straßennamen, aber dieser hier ist sicher besonders seltsam: Deutsches Reich. Die Straße mit dem großspurigen Namen liegt im Bochumer Stadtteil Werne. Viel her macht sie nicht: Es ist eine unscheinbare Wohnstraße, deren Beschaulichkeit allerdings durch das Rauschen des nahen Ruhrschnellwegs arg gestört wird.

Deutsches Reich, Bochum

Genau genommen handelt es sich weniger um einen Straßen- als um einen Siedlungsnamen. Die “Kolonie Deutsches Reich” entstand um 1871/72 als Wohnsiedlung für Bergarbeiter und Angestellte der Harpener Bergbau AG, einer der maßgeblichen Bergbaugesellschaften des Ruhrgebiets. Warum man der beschaulichen Siedlung ausgerechnet so einen hochtrabenden Namen gab, ist nicht überliefert, aber die Reichsgründung lag bei Baubeginn noch nicht lange zurück, nationale Namensgebungen waren mithin en vogue, auch wenn man in den meisten Fällen eher auf einzelne Regionen, historische Ereignisse oder auf prominente Gestalten zurückgriff als auf das Reich insgesamt. Möglicherweise war der Name auch als patriotischer Fingerzeig für die hier angesiedelten Arbeiter gedacht, von denen sicher einige aus den Ostgebieten des Reichs stammten und eher polnisch als deutsch sprachen. —–>

Die Terrils von Lüttich

Terril du Gosson

- Sagen Sie, Monsieur Goffin, wohin führen Sie uns? Wohin genau?

- Nur bis an die Grenzen meines Territoriums.

- Und dann?

- Dann folgt ihr einem Stollen, der auch bis an den Fuß der Halde Belle-Vue führen wird, die oberhalb von Coronmeuse liegt, am Ortseingang von Herstal. Und dann müßt ihr nur noch zu Fuß bis nach Haccourt laufen, ins Land der Hexen …

[…]Die zwei Brüder gingen in den Stollen zurück und das Tor schloß sich hinter ihnen. Die Silhouette von Hubert Goffin ließen sie nicht aus den Augen. Der marschierte als Führer vorneweg durch den Stollen und begann dabei mit einer merkwürdigen Ortsführung.

- Wir kommen hier in der Nähe der Stollen von L’Espérance 3 vorbei, dann an Murebure und der Zeche Piron. Dort entlang geht es zur Zeche Gosson I, hier drüben zu der von Horloz, und noch ein Stückchen weiter erreicht man die Zeche Braconnier… Dieser große Tunnel links von Euch führt in den Mönchswald, und der hat wiederum eine Verbindung zur Zeche Bar, zum Vogelfeld und zur Zeche Xhorre…

- Aber das ist ja riesig groß ! bemerkte Adrien.

- Dieses Labyrinth wird von den Geistern all der Bergarbeiter erbaut und unterhalten, die seit dem 12. Jahrhundert in den Bergwerken von Lüttich ums Leben gekommen sind … ihr müßt Euch vorstellen, dass hier Tausende in völliger Stille arbeiten.

Der Tunnel führte links bergab. Unten angekommen, mußte die Gruppe an einer Mauer entlang eine Wasserlache passieren, bevor der Stollen wieder nach oben führte.

- Wenn ihr hier nach rechts geht, kommt ihr nach Naimette und Xhovémont. Dahinter gibt es einen Ausgang am Fuß der Halde Sainte-Barbe et Tonne.

- Aber wozu all diese Tunnels? Alle Leute sagen, dass die Stollen der Bergwerke komplett eingestürzt oder überflutet sind! entgegnete Laurent.

- Die Geister wollen die Gräber ihrer Schwestern und Brüder aus allen Jahrhunderten wiederfinden und pflegen. Diese Gemeinschaft ist mittlerweile sehr wichtig geworden.

(aus Alain Voisot, Les nuton de Condroz)

Ich hatte vor einigen Wochen in Lüttich zu tun, und dabei fiel mir dieses Buch in die Hände: Les nutons de Condroz, deutsch etwa “Die Kobolde des Condroz”, was wiederum der Name eines Landstrichs südwestlich von Lüttich ist. (Wenn Ihnen der Wallonische Pfeil was sagt: Der findet zum großen Teil dort statt.) Das Buch gehört ins unübersehbare Feld regionaler Belletristik, in diesem Fall kein Heimatkrimi oder historischer Roman, sondern eine Märchenerzählung, in der einige Ereignisse und Gestalten aus der Geschichte der Provinz Lüttich eine Rolle spielen. Es ist ganz charmant geschrieben und nett zu lesen, besonders hübsch fand ich aber die Passage, aus der der zitierte Abschnitt stammt: Da wird die verschwundene unterirdische Welt des Bergbaus im Lütticher Revier zu einem hauntologischen Mikrokosmos, der entfernt an das Elysium der Dichter in Arno Schmidts Tina erinnert – eine melancholische Welt, in der das Leben nach dem Tod kein Privileg ist, sondern eine Bürde.

Terril de Sainte-Barbe et Tonne

Hubert Goffin, der Reiseleiter in dieser unterirdischen Welt, gehört ihr selbst an: Der historische Goffin arbeitete Anfang des 19. Jahrhunderts im Bergwerk von Beaujonc und wurde zum Volksheld, als er während eines katastrophalen Wassereinbruchs freiwillig in der Mine zurückblieb, um eingeschlossene Kumpel in Sicherheit zu bringen. Siebzig von über 120 Kumpeln wurden gerettet, darunter auch Goffins zwölfjähriger Sohn, der sicher nicht der einzige Minderjährige in den Stollen war. Der Charme der zitierten Passage resultiert auch aus der Auflistung der Namen, die durchweg so klingen als ob sie immer schon als Bezeichnung mythischer Orte gedacht wären: Espérance 3, Horloz, Xhorre, Xhovemont. Zwei Bergehalden (terrils auf französisch) erwähnt der Text außerdem: Die Halde Belle-Vue am Ufer der Maas, und die Halde Sainte-Barbe et Tonne im Westen von Lüttich. —–>

Die Siedlung Busch

Siedlung Busch

Ein kleines Idyll im Schatten der Halde: Die Siedlung Busch bei Alsdorf entstand als soziales Wohnbauprojekt, das den Bergleuten in der nahegelegenen Grube Anna die Möglichkeit zum Erwerb eines Eigenheims bieten sollte. Verantwortlich war die staatliche Aachener Bergmannssiedlungsgesellschaft (ABS), die heute noch existiert (wenn auch nur noch als Beteiligung des Evonik-Konzerns). —–>