gleiche höhe ist kein abseits

ein kleines museum des zufalls

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Fossa Eugeniana

Fossa Eugeniana

Wenn man auf der Bundesstraße 510 von Rheinberg nach Kamp-Lintfort fährt, wird man vielleicht auf der linken Straßenseite einen Wasserlauf bemerken. Er unterquert die Straße kurz hinter der A57, etwa auf Höhe des britischen Soldatenfriedhofs, und begleitet sie vorbei an der Zeche Rossenray, am Stadtrand von Kamp-Lintfort entlang bis unterhalb der Terassengärten des Klosters Kamp. Hier verliert sich die Spur des Kanals zunächst, aber wer die Bundesstraße verlässt und durch die kleine Siedlung am Dachsberg vorbei über die landwirtschaftliche Wege Richtung Westen fährt, kann immer wieder deutliche Vertiefungen im Boden entdecken, die sich wie Gräben durch die Landschaft ziehen, teils mit Wasser gefüllt, teils mit Bäumen und Gebüsch überwuchert.

Der Wasserlauf und die Vertiefungen sind Reste eine ehrgeizigen Projekts aus dem 17. Jahrhundert: Der Fossa Eugeniana, einer geplanten, aber nie vollendeten Kanalverbindung zwischen Rhein und Maas. Ein Projekt, das nicht nur wirtschaftliche und verkehrstechnische, sondern auch strategische Gründe hatte: Es fiel in die Zeit des Achtzigjährigen Krieges zwischen Spanien und den Niederlanden, in dessen Verlauf sich die protestantischen nördlichen Provinzen von der spanischen Krone lossagten und ihre Unabhängigkeit erkämpften. —–>

Jean Paul 250

Jean Pauls Wohnhaus, Meiningen

Der Frühling und mein Leben fiengen mit einander an und der gütige Schöpfer wolte, daß sie noch mehrere Aehnlichkeiten hatten.
– (aus den Tagebüchern)

(Zu Jean Paul siehe auch “Die bücherarme Stadt”, “Das Spuckkästchen da drunten, das ist der Planet” und Jean Paul lesen!.)

Beltrovata

Dachreiter des Hauses Ahr

Meine liebe große schöne Schwester, ist seit Ende April von Neapel zurück, und aufs elterliche Gut gegangen, sie blickt mit Sehnsucht und Entzücken gen Süden, und ich bin überzeugt dß sich das Geld und die Reiselust zusammen wieder einfinden werden, und wir sie den Winter nicht hier haben.
- Lina Duncker an Gottfried Keller, 21.5.1856

Die “große schöne Schwester”, von der hier die Rede ist, hieß Betty Tendering, und das “elterliche Gut” war Haus Ahr am Niederrhein, zwischen Wesel und Duisburg gelegen, etwa auf Höhe des Rheinkilometers 800 und ganz in der Nähe eines Dörfchens mit dem hübschen Namen Götterswickerhamm, mit dem es auch gut in einem der Romane Kellers auftauchen könnte. Benannt war Haus Ahr nach einem Rittergeschlecht, dem das Anwesen mal gehört hatte, aber seine letzte Gestalt erhielt es Anfang des 19. Jahrhunderts, als es von der wohlhabenden Familie Tendering erworben und in klassizistischem Stil umgestaltet wurde (angeblich unter Mitwirkung Karl Friedrich Schinkels). Die Tenderings hatten unter anderem im Dienst der Grafen von Plettenberg gestanden und so Ansehen und Einfluss erworben. Ihr Name ist noch im Tenderingsweg südöstlich von Voerde und dem daran gelegenen Tenderingssee, einer großen, als Badesee beliebten Kiesgrube, präsent.

Haus Ahr gibt es jedoch nicht mehr: Es musste vor einigen Jahren wegen Baufälligkeit abgerissen werden. Verschwunden sind auch die Kastanienalleen, die einmal die Zufahrten zum Landsitz gesäumt haben sollen. Die Szenerie wird heute vom Kühlturm und den Schornsteinen des Kraftwerks Voerde bestimmt, und von den endlosen Alleen der Strommasten, die vom Kraftwerk aus die Äcker und Wiesen durchqueren. Übrig blieb nur der Dachreiter, der an der Landstraße aufgestellt wurde und dort etwas verloren herumsteht wie das vergessene Einzelteil eines Bausatzes. Unter dem Dach, das von ihm bekrönt wurde, saß im Mai 1856 also die erwähnte Betty Tendering, träumte von Italien und wusste vielleicht nicht, dass der Dichter, dem dies mitgeteilt wurde, sie ein Jahr zuvor in seinem Roman vom Grünen Heinrich verewigt und in der Gestalt der Dortchen Schönfund der Literaturgeschichte überantwortet hatte. —–>

Monströse Thesen

China Miéville hat für das Literaturmagazin Conjunctions ein paar interessante Thesen über Monster formuliert, zum Beispiel diese hier:

Monsters demand decoding, but to be worthy of their own monstrosity, they avoid final capitulation to that demand. Monsters mean something, and/but they mean everything, and/but they are themselves and irreducible. They are too concretely fanged, toothed, scaled, fire-breathing, on the one hand, and too doorlike, polysemic, fecund, rebuking of closure, on the other, merely to signify, let alone to signify one thing.

Ein aktuell besonders virulentes Monster, der Zombie, war zuletzt gleich auf zwei Veranstaltungen ein Thema, die man nun auch nachhören kann: zum einen bei einer Podiumsdiskussion mit u.a. Mark Fisher (“Capitalist Realism”) über The Zombie Metaphor, zum anderen bei einem Vortrag von David McNally, Autor des Buches Monsters Of The Market, über Zombies, Labor, and Catastrophism.

Das Tragische und seine Grenzen

Interview mit Simon Critchley über die Tragödie und darüber, warum er sie der Philosophie für überlegen hält:

Unlike Nietzsche and a whole series of others for whom tragedy is a kind of pre-rational fusion with being, what you actually see in tragedy is rational argumentation moving between two positions. However, reason is not triumphant. Cassandra is going to be sold into slavery to Agamemnon and she’s going to die. So we see that reason can produce incredibly strong arguments but in the end it bumps up against the facts of history or the reality of violence, which it cannot overcome. The founding delusion of philosophy is that reason can ultimately find an underlying pattern in reality or history and can, through the force of the better argument, transform things. Tragedy does not believe in such a view. Tragedy is more pessimistic.

Kafkas Vermächtnis

British publisher Frederic Warburg (who published English editions of Kafka’s novels during the heavy bombing of London in World War II ) mentions in his book “All Authors are Equal” (he was also George Orwell’s publisher) an anecdote involving Brod, Kafka and their manuscripts. He attributes this story (“for whose authenticity I do not vouch” ) to Hannah Arendt, but does not provide a source. In it, Brod is strolling down a Prague street, a few days after Kafka’s death, and meets a literary editor (“Let’s call him Rudi,” writes Warburg ):

Rudi: “You look sad, Max, indeed we are all sad at the shocking news of poor Kafka’s death.”

Max: “… my friend Franz placed on my shoulders a heavy burden. Franz has given me instructions that I am to burn all his unpublished work, all of it.”

Rudi: “Well, you must burn it, then, as Franz wishes.”

Max: “It is not so easy, my friend. I have read his work, his novels and stories, all of it. These are masterpieces. How can I burn them?”

Rudi: “Masterpieces, you say. Then you must not burn them, Max. You must have them published.”

Max: “Against dear Franz’s wishes, Rudi?”

Rudi (thinks hard, then in an emphatic voice ): “I have it, Max. Publish Franz’s work and burn all your own.”

(aus Haaretz, via Literary Saloon).

Exit Mundi

Falls Sie immer schon mal wissen wollten, wie das Unterhaltungsprogramm im Restaurant am Ende des Universums aussieht: Vielleicht in etwa so wie Exit Mundi, die neue Produktion des Kölner A.Tonal-Theaters. Exit Mundi, nicht Exitus: So als wäre das Ende der Welt nicht ein Schlusspunkt, sondern ein Notausgang zu etwas anderem. Grundlage des Stücks ist das gleichnamige Buch von Maarten Keulemans, ein launiges Kuriositätenkabinett von Weltuntergangsszenarien, das seinerseits aus einer populären Website hervorging.

Keulemans Buch ist durchaus eine amüsante Lektüre, auch wenn der ausgesucht witzische Ton auf Dauer etwas strapaziös wirkt: Eckart von Hirschhausen für Katastrophennerds. Aber es gelingt ihm doch, die Quintessenz apokalyptischen Denkens auf den Punkt zu bringen: Die Welt ist ein zerbrechlicher Ort, Zerstörung und Vernichtung sind Teil des Programms und es ist besser, das rechtzeitig zur Kenntnis zu nehmen.

Kann man daraus gutes Theater machen? Tja, geht so. Das Beeindruckendste an der Bühnenfassung von Exit Mundi ist das Bühnenbild: Ein großer, grauer Baum beherrscht die Szenerie: Ein Denkmal vielleicht des berühmten Apfelbäumchens, das Luther angeblich noch am Tag vor dem Weltuntergang pflanzen wollte, ein Abbild des Atompilzes als modernem Sinnbild absoluter Zerstörung, oder ein Beispiel für den kontinuierlichen Ablauf von Vergehen und Werden, da für den Humus des Baumes die Knochen und Kadaver absterbender Organismen unersetzbar sind.

Vor diesem düsteren Monument entfaltet sich Exit Mundi als eine respektlose Revue, moderiert von einem Chor dreier Protagonisten, der ein paar Greatest Hits aus dem Buch als Sprechpartitur über fluffigen Elektro-Beats aufführt. Das hat einige schöne Momente, etwa in einem Schnelldurchlauf, wo das Ensemble in in einer Art Powerpoint-Karaoke durch ausgewählte Katastrophen prescht und vor lauter Untergangsfreude fast aus der Kurve getragen wird. (Dass die Szene eine Art Eigenparodie des Jandl-Stücks Wualitzaa ist, tut dem Vergnügen keinen Abbruch.)

Schade allerdings, dass die Bühnenversion nicht selbst zu einer wirklich apokalyptischen Perspektive findet. In der Katalogisierung der mal kuriosen, mal spektakulären, mal absurden Weltuntergangsszenarien hält das Stück eine Distanz, die auf Dauer eher desinteressiert wirkt. Das liegt vielleicht auch daran, dass Stück wie Buch von der Apokalypse im Grunde einen ähnlichen Begriff haben wie die Weltuntergangspropheten, die beide eher amüsiert betrachten. Der Weltuntergang ist demnach ein klar fixier- und beschreibbares Ereignis, dass im einen Fall als Drohung aufgemalt, im anderen als Kuriosität ins Kabinett verlagert, in jedem Fall aber auf Distanz gehalten werden kann.

Die Apokalypse, heißt es in Buch und Stück einmal, sind so etwas wie das Reformatieren der Festplatte. Wenn es nur das wäre. Tatsächlich ist die Apokalypse nichts, was erst in der Zukunft auf uns wartet, sondern sie ist Teil der Realität. Dazu gehört unter anderem die Erkenntnis, dass sich gar nicht so einfach sagen lässt, ob es überhaupt noch eine Festplatte gibt und ein Format, nach dem sie sich strukturieren liesse. „Was wir überwinden müssen“, schreibt Evan Calder Williams, „ist die Vorstellung, dass die Apokalypse etwas Ereignishaftes sei, eine Art Kahlschlag, der gleichzeitig einen neuen Nomos der Erde begründet. Was wir stattdessen brauchen, ist das Konzept einer kombinierten und ungleichzeitigen Apokalypse.“

Bücher wie Exit Mundi sind eher Fluchtversuche, um den drohenden Konsequenzen eines solchen Konzepts entkommen zu können.

“… 2-2 is a deadlock”

Großartiger Song einer legendären Band aus Zimbabwe (die auch bei John Peel ab und zu mal gespielt wurde). Der größte Teil des Texts besteht aus einem Spielbericht zu einer Partie zweier beliebter Fußballmannschaften. Ab 2:48 trözum Beispiel trägt der Sänger, in einer Art Variante auf Peter Handkes legendärem Text Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27.1.1968, einfach nur die Namen der Spieler vor. Namen, die schon für sich genommen wie Musik klingen: Fanuel Aribeto, Cosmos Pritchard, Sanduka Pakamisa …

Keine Ahnung, um was für ein Spiel es sich handelt, aber es muss wohl ein Finale gewesen sein. Es gibt – laut dieser Bandbiographie – noch mindestens ein weiteres Stück der Real Sounds, das einen ähnlichen Inhalt zu haben scheint (“Dynamos vs Caps”).

(via of Resonance)

Über die Art der Italiener, zu diskutieren

Avola, Piazza Umberto I

Einerseits oberflächlich.

Aber auf der anderen Seite mit einem sicheren Instinkt dafür, daß »aufhören« bei allen guten Dingen ein »abbrechen« sein muß. So wie man willkürlich (schließlich) beim Malen eines Bildes, beim Dichten einer Dichtung ein Ende setzt, so tun sie es[,] aus einer tiefen Erfahrung vom Wesen des künstlerischen Verhaltens heraus, beim Diskutieren. Und in der Tat ist merkwürdig, wie die »Lehre« eines unterbrochenen, abgebrochenen Gesprächs einem nachläuft wie ein Hündchen, das einen verlor. Während man gerade da zuletzt mit leeren Handen steht, wo man bis ans Ende gegangen ist. – Man denkt bei diesem [A]bbrechen auch an die Bauweise der Süditaliener: Neubauten halbvollendet lange stehen zu lassen. Auch an die pragmatische Gesinnung: Diskutieren doch zuletzt als eine zu nichts verpflichtende rhetorische Schule zu nehmen. Der Italiener begibt sich in die Praxis wie in seine wahre Römerheimat zurück, der Deutsche in die Diskussion wie in seine warme gotische Stube hinein. – Russische Diskussion ist durch den enormen Anteil des Kollektivs an ihr sehr verändert worden. Der Deutsche geht jusqu'au bout – der Italiener bricht ab, der Franzose endet in einer Vignette und Arabeske.

Walter Benjamin -

De quoi Merkollande est-il le nom?

Alain Badiou mit einer interessanten Idee:

Ich denke schon seit langem, das Frankreich mit Deutschland fusionieren muss. Dass inzwischen andere auch meiner Meinung sind, wie zum Beispiel Michel Serres, stellt mich sehr zufrieden. Frankreich alleine hat keine Zukunft. Europa ist ein Gespann auf Schlingerkurs, das hat man mit Griechenland gesehen, und alle Welt weiß, dass Frankreich und Deutschland den harten Kern Europas bilden. Eine Fusion würde es ermöglichen, den großen Wirtschaftsmächten entgegenzutreten, wozu heute weder Frankreich noch Deutschland noch Europa in der Lage sind. Die Wirtschaft von Frankreich und Deutschland sind bereits miteinander verflochten, es wäre also besser, wenn dieser Knoten auch politisch realisiert würde. Das könnte in der Form eines Bundesstaats passieren, wie es bereits in Deutschland der Fall ist.

Aus einem Interview anlässlich der Studentenproteste in Québec (über die bislang in Deutschland wenig zu hören war, aber der Guardian hat eine gute Zusammenfassung und, à propos, auch ein lesenswertes Porträt Badious). Via @domfox.

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