gleiche höhe ist kein abseits

ein kleines museum des zufalls

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Beltrovata

Dachreiter des Hauses Ahr

Meine liebe große schöne Schwester, ist seit Ende April von Neapel zurück, und aufs elterliche Gut gegangen, sie blickt mit Sehnsucht und Entzücken gen Süden, und ich bin überzeugt dß sich das Geld und die Reiselust zusammen wieder einfinden werden, und wir sie den Winter nicht hier haben.
- Lina Duncker an Gottfried Keller, 21.5.1856

Die “große schöne Schwester”, von der hier die Rede ist, hieß Betty Tendering, und das “elterliche Gut” war Haus Ahr am Niederrhein, zwischen Wesel und Duisburg gelegen, etwa auf Höhe des Rheinkilometers 800 und ganz in der Nähe eines Dörfchens mit dem hübschen Namen Götterswickerhamm, mit dem es auch gut in einem der Romane Kellers auftauchen könnte. Benannt war Haus Ahr nach einem Rittergeschlecht, dem das Anwesen mal gehört hatte, aber seine letzte Gestalt erhielt es Anfang des 19. Jahrhunderts, als es von der wohlhabenden Familie Tendering erworben und in klassizistischem Stil umgestaltet wurde (angeblich unter Mitwirkung Karl Friedrich Schinkels). Die Tenderings hatten unter anderem im Dienst der Grafen von Plettenberg gestanden und so Ansehen und Einfluss erworben. Ihr Name ist noch im Tenderingsweg südöstlich von Voerde und dem daran gelegenen Tenderingssee, einer großen, als Badesee beliebten Kiesgrube, präsent.

Haus Ahr gibt es jedoch nicht mehr: Es musste vor einigen Jahren wegen Baufälligkeit abgerissen werden. Verschwunden sind auch die Kastanienalleen, die einmal die Zufahrten zum Landsitz gesäumt haben sollen. Die Szenerie wird heute vom Kühlturm und den Schornsteinen des Kraftwerks Voerde bestimmt, und von den endlosen Alleen der Strommasten, die vom Kraftwerk aus die Äcker und Wiesen durchqueren. Übrig blieb nur der Dachreiter, der an der Landstraße aufgestellt wurde und dort etwas verloren herumsteht wie das vergessene Einzelteil eines Bausatzes. Unter dem Dach, das von ihm bekrönt wurde, saß im Mai 1856 also die erwähnte Betty Tendering, träumte von Italien und wusste vielleicht nicht, dass der Dichter, dem dies mitgeteilt wurde, sie ein Jahr zuvor in seinem Roman vom Grünen Heinrich verewigt und in der Gestalt der Dortchen Schönfund der Literaturgeschichte überantwortet hatte. —–>

Monströse Thesen

China Miéville hat für das Literaturmagazin Conjunctions ein paar interessante Thesen über Monster formuliert, zum Beispiel diese hier:

Monsters demand decoding, but to be worthy of their own monstrosity, they avoid final capitulation to that demand. Monsters mean something, and/but they mean everything, and/but they are themselves and irreducible. They are too concretely fanged, toothed, scaled, fire-breathing, on the one hand, and too doorlike, polysemic, fecund, rebuking of closure, on the other, merely to signify, let alone to signify one thing.

Ein aktuell besonders virulentes Monster, der Zombie, war zuletzt gleich auf zwei Veranstaltungen ein Thema, die man nun auch nachhören kann: zum einen bei einer Podiumsdiskussion mit u.a. Mark Fisher (“Capitalist Realism”) über The Zombie Metaphor, zum anderen bei einem Vortrag von David McNally, Autor des Buches Monsters Of The Market, über Zombies, Labor, and Catastrophism.

Das Tragische und seine Grenzen

Interview mit Simon Critchley über die Tragödie und darüber, warum er sie der Philosophie für überlegen hält:

Unlike Nietzsche and a whole series of others for whom tragedy is a kind of pre-rational fusion with being, what you actually see in tragedy is rational argumentation moving between two positions. However, reason is not triumphant. Cassandra is going to be sold into slavery to Agamemnon and she’s going to die. So we see that reason can produce incredibly strong arguments but in the end it bumps up against the facts of history or the reality of violence, which it cannot overcome. The founding delusion of philosophy is that reason can ultimately find an underlying pattern in reality or history and can, through the force of the better argument, transform things. Tragedy does not believe in such a view. Tragedy is more pessimistic.

Kafkas Vermächtnis

British publisher Frederic Warburg (who published English editions of Kafka’s novels during the heavy bombing of London in World War II ) mentions in his book “All Authors are Equal” (he was also George Orwell’s publisher) an anecdote involving Brod, Kafka and their manuscripts. He attributes this story (“for whose authenticity I do not vouch” ) to Hannah Arendt, but does not provide a source. In it, Brod is strolling down a Prague street, a few days after Kafka’s death, and meets a literary editor (“Let’s call him Rudi,” writes Warburg ):

Rudi: “You look sad, Max, indeed we are all sad at the shocking news of poor Kafka’s death.”

Max: “… my friend Franz placed on my shoulders a heavy burden. Franz has given me instructions that I am to burn all his unpublished work, all of it.”

Rudi: “Well, you must burn it, then, as Franz wishes.”

Max: “It is not so easy, my friend. I have read his work, his novels and stories, all of it. These are masterpieces. How can I burn them?”

Rudi: “Masterpieces, you say. Then you must not burn them, Max. You must have them published.”

Max: “Against dear Franz’s wishes, Rudi?”

Rudi (thinks hard, then in an emphatic voice ): “I have it, Max. Publish Franz’s work and burn all your own.”

(aus Haaretz, via Literary Saloon).

Exit Mundi

Falls Sie immer schon mal wissen wollten, wie das Unterhaltungsprogramm im Restaurant am Ende des Universums aussieht: Vielleicht in etwa so wie Exit Mundi, die neue Produktion des Kölner A.Tonal-Theaters. Exit Mundi, nicht Exitus: So als wäre das Ende der Welt nicht ein Schlusspunkt, sondern ein Notausgang zu etwas anderem. Grundlage des Stücks ist das gleichnamige Buch von Maarten Keulemans, ein launiges Kuriositätenkabinett von Weltuntergangsszenarien, das seinerseits aus einer populären Website hervorging.

Keulemans Buch ist durchaus eine amüsante Lektüre, auch wenn der ausgesucht witzische Ton auf Dauer etwas strapaziös wirkt: Eckart von Hirschhausen für Katastrophennerds. Aber es gelingt ihm doch, die Quintessenz apokalyptischen Denkens auf den Punkt zu bringen: Die Welt ist ein zerbrechlicher Ort, Zerstörung und Vernichtung sind Teil des Programms und es ist besser, das rechtzeitig zur Kenntnis zu nehmen.

Kann man daraus gutes Theater machen? Tja, geht so. Das Beeindruckendste an der Bühnenfassung von Exit Mundi ist das Bühnenbild: Ein großer, grauer Baum beherrscht die Szenerie: Ein Denkmal vielleicht des berühmten Apfelbäumchens, das Luther angeblich noch am Tag vor dem Weltuntergang pflanzen wollte, ein Abbild des Atompilzes als modernem Sinnbild absoluter Zerstörung, oder ein Beispiel für den kontinuierlichen Ablauf von Vergehen und Werden, da für den Humus des Baumes die Knochen und Kadaver absterbender Organismen unersetzbar sind.

Vor diesem düsteren Monument entfaltet sich Exit Mundi als eine respektlose Revue, moderiert von einem Chor dreier Protagonisten, der ein paar Greatest Hits aus dem Buch als Sprechpartitur über fluffigen Elektro-Beats aufführt. Das hat einige schöne Momente, etwa in einem Schnelldurchlauf, wo das Ensemble in in einer Art Powerpoint-Karaoke durch ausgewählte Katastrophen prescht und vor lauter Untergangsfreude fast aus der Kurve getragen wird. (Dass die Szene eine Art Eigenparodie des Jandl-Stücks Wualitzaa ist, tut dem Vergnügen keinen Abbruch.)

Schade allerdings, dass die Bühnenversion nicht selbst zu einer wirklich apokalyptischen Perspektive findet. In der Katalogisierung der mal kuriosen, mal spektakulären, mal absurden Weltuntergangsszenarien hält das Stück eine Distanz, die auf Dauer eher desinteressiert wirkt. Das liegt vielleicht auch daran, dass Stück wie Buch von der Apokalypse im Grunde einen ähnlichen Begriff haben wie die Weltuntergangspropheten, die beide eher amüsiert betrachten. Der Weltuntergang ist demnach ein klar fixier- und beschreibbares Ereignis, dass im einen Fall als Drohung aufgemalt, im anderen als Kuriosität ins Kabinett verlagert, in jedem Fall aber auf Distanz gehalten werden kann.

Die Apokalypse, heißt es in Buch und Stück einmal, sind so etwas wie das Reformatieren der Festplatte. Wenn es nur das wäre. Tatsächlich ist die Apokalypse nichts, was erst in der Zukunft auf uns wartet, sondern sie ist Teil der Realität. Dazu gehört unter anderem die Erkenntnis, dass sich gar nicht so einfach sagen lässt, ob es überhaupt noch eine Festplatte gibt und ein Format, nach dem sie sich strukturieren liesse. „Was wir überwinden müssen“, schreibt Evan Calder Williams, „ist die Vorstellung, dass die Apokalypse etwas Ereignishaftes sei, eine Art Kahlschlag, der gleichzeitig einen neuen Nomos der Erde begründet. Was wir stattdessen brauchen, ist das Konzept einer kombinierten und ungleichzeitigen Apokalypse.“

Bücher wie Exit Mundi sind eher Fluchtversuche, um den drohenden Konsequenzen eines solchen Konzepts entkommen zu können.

“… 2-2 is a deadlock”

Großartiger Song einer legendären Band aus Zimbabwe (die auch bei John Peel ab und zu mal gespielt wurde). Der größte Teil des Texts besteht aus einem Spielbericht zu einer Partie zweier beliebter Fußballmannschaften. Ab 2:48 trözum Beispiel trägt der Sänger, in einer Art Variante auf Peter Handkes legendärem Text Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27.1.1968, einfach nur die Namen der Spieler vor. Namen, die schon für sich genommen wie Musik klingen: Fanuel Aribeto, Cosmos Pritchard, Sanduka Pakamisa …

Keine Ahnung, um was für ein Spiel es sich handelt, aber es muss wohl ein Finale gewesen sein. Es gibt – laut dieser Bandbiographie – noch mindestens ein weiteres Stück der Real Sounds, das einen ähnlichen Inhalt zu haben scheint (“Dynamos vs Caps”).

(via of Resonance)

Über die Art der Italiener, zu diskutieren

Avola, Piazza Umberto I

Einerseits oberflächlich.

Aber auf der anderen Seite mit einem sicheren Instinkt dafür, daß »aufhören« bei allen guten Dingen ein »abbrechen« sein muß. So wie man willkürlich (schließlich) beim Malen eines Bildes, beim Dichten einer Dichtung ein Ende setzt, so tun sie es[,] aus einer tiefen Erfahrung vom Wesen des künstlerischen Verhaltens heraus, beim Diskutieren. Und in der Tat ist merkwürdig, wie die »Lehre« eines unterbrochenen, abgebrochenen Gesprächs einem nachläuft wie ein Hündchen, das einen verlor. Während man gerade da zuletzt mit leeren Handen steht, wo man bis ans Ende gegangen ist. – Man denkt bei diesem [A]bbrechen auch an die Bauweise der Süditaliener: Neubauten halbvollendet lange stehen zu lassen. Auch an die pragmatische Gesinnung: Diskutieren doch zuletzt als eine zu nichts verpflichtende rhetorische Schule zu nehmen. Der Italiener begibt sich in die Praxis wie in seine wahre Römerheimat zurück, der Deutsche in die Diskussion wie in seine warme gotische Stube hinein. – Russische Diskussion ist durch den enormen Anteil des Kollektivs an ihr sehr verändert worden. Der Deutsche geht jusqu'au bout – der Italiener bricht ab, der Franzose endet in einer Vignette und Arabeske.

- Walter Benjamin -

De quoi Merkollande est-il le nom?

Alain Badiou mit einer interessanten Idee:

Ich denke schon seit langem, das Frankreich mit Deutschland fusionieren muss. Dass inzwischen andere auch meiner Meinung sind, wie zum Beispiel Michel Serres, stellt mich sehr zufrieden. Frankreich alleine hat keine Zukunft. Europa ist ein Gespann auf Schlingerkurs, das hat man mit Griechenland gesehen, und alle Welt weiß, dass Frankreich und Deutschland den harten Kern Europas bilden. Eine Fusion würde es ermöglichen, den großen Wirtschaftsmächten entgegenzutreten, wozu heute weder Frankreich noch Deutschland noch Europa in der Lage sind. Die Wirtschaft von Frankreich und Deutschland sind bereits miteinander verflochten, es wäre also besser, wenn dieser Knoten auch politisch realisiert würde. Das könnte in der Form eines Bundesstaats passieren, wie es bereits in Deutschland der Fall ist.

Aus einem Interview anlässlich der Studentenproteste in Québec (über die bislang in Deutschland wenig zu hören war, aber der Guardian hat eine gute Zusammenfassung und, à propos, auch ein lesenswertes Porträt Badious). Via @domfox.

Corviale

Corviale

Es ist nicht so einfach, den Corviale zu finden. Vom Bahnhof in Magliana hat man ein gutes Stück Fußweg vor sich, und in diesem Teil Roms sind sich GPS und Stadtplan gelegentlich uneins über die Existenz und den Verlauf von Straßen. Nach einem falschen Linksabzweig stehen wir prompt in einer Sackgasse, mitten in einer riesigen ungemähten Wiese, die nach wilden Kräutern duftet, aber von Bauzäunen umringt und auf Verbotsschildern als Privatgelände ausgewiesen wird. Immerhin: Über die Blumen und Gräser hinweg sehen wir immerhin zum ersten Mal an diesem Tag auf einem gegenüberliegenden Hügel den Corviale: Jenen 1 km langen und elf Stockwerke hohen Behemoth aus Beton, der manchen als Inbegriff aller Verfehlungen moderner Architektur gilt, anderen als zwar gescheitertes, aber doch studierenswertes Experiment utopischer Stadtplanung. —–>

Der Vennbahn-Radweg

Vennbahn-Radweg

In der aktuellen Ausgabe der Kundenzeitschrift der Deutschen Bahn gibt es einen Artikel über Radwege auf stillgelegten Bahntrassen. Dass ausgerechnet die Bahn solche Wege als touristisches Highlight abfeiert, ist nicht ohne Ironie. Wenn man heutzutage auf ehemaligen Bahnstrecken ein bisschen Rad fahren kann, dann ist das auch eine Spätfolge der Streckenstillegungen in den Achtzigern und Neunzigern: Damals strich die Bahn das Nahverkehrsangebot im ländlichen Raum radikal zusammen, um sich für den geplanten Börsengang hübsch zu machen. Der Gang an die Börse wurde abgeblasen, die stillgelegten Strecken blieben jedoch zumeist still. Die Idee, diese vergessene Infrastruktur wenigstens für Radfahrer und Fussgänger wieder zugänglich zu machen, ist erst in den vergangenen Jahren in Mode gekommen, aber die Initiative dazu kommt meist nicht von der Bahn, sondern von lokalen Bürgerinitiativen oder Fremdenverkehrsämtern.

Davon liest man im Artikel natürlich nichts (und auch nicht davon, dass manche Bahnradwege mit öffentlichen Verkehrsmitteln gar nicht so einfach zu erreichen sind, weil, nun ja, eben kein Bahnanschluss mehr besteht). Immerhin wird darin aber die verdienstvolle Website von Achim Bartoschek erwähnt, eine beachtliche Internet-Fleißarbeit, die vermutlich die umfangreichste Ressource zu Radwegen auf alten Bahntrassen darstellt, mit Karten, Geodaten, Fotos, was man eben so braucht.

Vennbahn-Radweg

Es ist natürlich besonders angemessen, einen solchen Artikel zu lesen, wenn man selbst auf der Fahrt zu einem Bahntrassenradweg ist. Wir hatten uns auf den Weg gemacht, um eine stillgelegte Strecke zu inspizieren, die nicht nur aus eisenbahnhistorischen Gründen interessant ist, sondern vor allem ein grenzpolitisches Kuriosum darstellt: Die Vennbahn, die von Aachen südwärts zum Hohen Venn bis nach Luxemburg fuhr. Die Strecke verläuft teils durch deutsches, teils durch belgisches Gebiet, teils genau an der Grenze entlang. Das Kuriose: Ein großer Teil der Vennbahntrasse ist auch da, wo er sich durch deutsches Gelände schlängelt, belgisches Hoheitsgebiet. Anders gesagt: Belgien ist zwischen Raeren und Kalterherberg an einigen Stellen nur wenige Meter breit, ein dünner, dafür kilometerlanger Schlauch, der sich durch die Landschaft schiebt, außerdem ein paar Fleckchen Deutschland abschneidet und zu Exklaven macht.

Vennbahn-Radweg

Der bemerkenswerte Grenz- und Streckenverlauf ist eine Folge des Ersten Weltkriegs. Als die Vennbahn Ende des 19. Jahrhunderts von den preußischen Staatsbahnen angelegt wurde, gehörten die Gebiete um Eupen und Malmedy noch zu Preußen beziehungsweise zum Deutschen Reich. Mit dem Ende des Kriegs verschob sich die Grenze nach Osten, und die Bahn mäanderte nun gleichsam zwischen den Ländern hin und her. Die belgische Regierung sah in der Strecke eine wichtige Verkehrsader für die Städte in den neuerworbenen Ostkantonen, und natürlich hatte man wohl auch nicht vergessen, dass die Vennbahn im Ersten Weltkrieg auch zu militärischen Zwecken eingesetzt wurde und Teil des strategischen Bahnnetzes war. Belgien verlangte und bekam schließlich die Oberhoheit über die gesamte Bahnstrecke zwischen Raeren und Kalterherberg, einschließlich aller zur Bewirtschaftung notwendiger Gebäude und Installationen. Daran hat sich bis heute nichts geändert: Auch nach der Stillegung der Strecke und dem Abbau der Gleise ist die Trasse noch immer belgisches Hoheitsgebiet, ebenso das, was von Bahnhofsgebäuden, Wartehäuschen und ähnlichem noch übrig geblieben ist (weswegen der Grenzverlauf, wenn man ihn auf der Landkarte betrachtet, an einigen Stellen ein paar Beulen aufweist).

Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor die Vennbahn zunehmend an Bedeutung: Von den Sechzigern an wurden mehr und mehr Abschnitte aufgegeben, 1989 kam die endgültige Stillegung der Bahn. Ein paar Jahre lang fuhr gelegentlich noch eine Museumsbahn über die Trasse, aber auch dieser Betrieb wurde Anfang des Jahrtausends wegen Unrentabilität aufgegeben, schließlich die Gleise abgebaut. Vor einigen Jahren gab es mal einen kleinen Sturm im Wasserglas, als ein belgischer Lokalpolitiker behauptete, Belgien könnte sich bereit erklären, das Bahngelände an Deutschland abzutreten, was aber von den zuständigen belgischen und deutschen Ministerien rasch dementiert wurde, bevor die Aufregung über den Gebietsverlust allzu große Kreise in der belgischen Öffentlichkeit ziehen konnte.

Vennbahn-Radweg

Die Bemerkungen des Lokalpolitikers brachten der Vennbahn immerhin wieder ein bisschen öffentliche Aufmerksamkeit. Ungefähr zur gleichen Zeit wurde wohl auch beschlossen, die Trasse der Vennbahn zum Radweg umzugestalten und ins sogenannte RAVeL-Netz einzugliedern. Die Abkürzung steht für Réseau Autonome de Voies Lentes, ein Netzwerk von Wegen für langsame Fortbewegungsarten, das im wallonischen Teil Belgiens seit einigen Jahren aus alten Eisenbahnstrecken, aber auch Treidelpfaden und ehemaligen Markt- und Kirchwegen aufgebaut wird. (Eine offizielle Dokumentation dieses Netzwerks findet sich hier.)

In die Sache ist nun tatsächlich Bewegung gekommen. Es wird gebaut auf der Vennbahnstrecke und bis 2013 soll hier ein Radweg entstehen, der von Aachen bis ins luxemburgische Troisvierges führt – 130 km lang, wenig markante Steigungen und meist abseits von stark befahrenen Straßen. Und das auf einer ausgesprochen reizvollen Strecke: Es gibt viele aussichtsreiche Abschnitte (im Unterschied zu anderen Bahnstrecken wurde die Vennbahntrasse nur an wenigen stellen durch enge Tröge geführt), ausgedehnte Waldgebiete, sumpfige Vennlandschaften, schroffe Felsen und bemerkenswerte Infrastruktur wie zum Beispiel das spektakuläre Viadukt, das beim Kloster Reichenstein überquert wird. Abgesehen davon ist die Strecke auch einfach ein guter Verbindungsweg zu anderen Zielen, wie dem Hohen Venn, Monschau, oder Richtung Eupen und Malmedy.

Ein besonderer Reiz dieser Strecke liegt natürlich darin, dass man über einen langen Abschnitt quasi auf der Grenze entlang fährt. Als Kind habe ich oft stundenlang die Grenzverläufe auf Landkarten studiert, je bizarrer und mäandernder, um so interessanter, und ich habe mir dann oft ausgemalt, an diesen Grenzlinien entlang zu marschieren und ihre Spuren in der Landschaft zu suchen. Die Vennbahn ist nicht nur ein perfektes Terrain für Eisenbahn-Nostalgiker, sondern auch für kartographische Nerds, die sich für Ex- und Enklaven und ähnliche territoriale Koketterien begeistern können. Hier fährt man kilometerlange durch einen Teil Belgiens, dessen Breite von zwei erwachsenen Menschen mit ausgestreckten Armen ausgemessen kann und mit ein paar Schritten überwunden werden kann. Dass man sich in Belgien befindet, merkt man freilich kaum: Außer ein paar verbliebenen Kilometersteinen und den typischen viereckigen belgischen Hinweisschildern für Rad- und Fußwege gibt es so gut wie keine Indizien.

Vennbahn-Radweg

Rastplätze und Einkehrmöglichkeiten sind unmittelbar an der Strecke verständlicherweise noch kaum vorhanden, aber finden sich oft genug in der Nähe. In Roetgen wurde am ehemaligen Bahnhof ein kleiner Park angelegt. Daneben steht eine ambitioniert gestaltete Rasthütte, in der sich kurioserweise auch ein Reisebüro befindet, das die Touristen auf dem Vennbahn-Radweg mit Urlaubsangeboten aus der Türkei und Griechenland bewirbt. Auf der anderen Seite der Gleise gibt es schon eine obligatorische und sehr rustikale belgische Friterie.

Das ist im Moment (Ende April) der Status quo auf der Strecke zwischen Aachen und Kalterherberg:

- Auf Aachener Stadtgebiet wird die Strecke (die hier nicht belgisches Hoheitsgebiet war) schon seit längerem als Radweg genutzt: Er beginnt in der Nähe des Bahnhofs Rothe Erde und führt in großzügigen Schwüngen über die Ortsteile Brand und Kornelimünster bis nach Walheim.

- Von Walheim bis zur belgischen Grenze haben die Bauarbeiten zwar bereits begonnen, aber sie sind, bis auf kleinere Abschnitte, noch nicht weit gediehen. Bis Raeren muss man derzeit noch über Nebenstrecken ausweichen.

- Von der Grenze ab ist die Strecke dann durchgehend geteert bis nach Lammersdorf. Teilweise stehen zwar noch Absperrungen, aber Spaziergänger und Radfahrer sind bereits in großer Zahl auf der Trasse unterwegs. Ein problematischer Abschnitt befindet sich vor Roetgen, kurz nachdem die Strecke sozusagen erstmals das belgische Kernland verlässt und als dünner Schlauch durch deutsches Gelände führt: Hier muß die B258, die sogenannte “Himmelsleiter”, gequert werden, und zwar ausgerechnet an einer ausgesprochen schlecht einzusehenden und durchaus gefährlichen Stelle: Autos fahren hier oft mit großer Geschwindigkeit, sind aber, wenn sie von der Talseite kommen, erst im letzten Moment zu sehen. Irgendwann soll mal eine Unterführung gebaut werden, aber vorerst hat man von offizieller Seite die Überquerung einfach verboten und mit Bauzäunen erschwert. Eine Alternative ist blöderweise nicht ausgeschildert. Am besten folgt man dem Radweg, der die B258 begleitet, bergauf, um dann entweder an einer etwas übersichtlicheren Stelle die Straße zu queren oder bis nach Roetgen zu fahren, wo die Bundesstraße die alte Bahnlinie erneut kreuzt.

Vennbahn-Radweg, Himmelsleiter

- In der Ortsmitte von Lammerdorf endet die Teerstrecke. Es folgt ein kurzes Stück, auf dem noch der grobe Schotter des Gleisbetts liegt, aber hinter der Ortschaft ist der Weg bereits so weit bearbeitet, dass die Teerdecke wohl irgendwann in den nächsten Wochen aufgebracht werden kann. Auch hier sind trotz Absperrungen schon einige Spaziergänger und -radler unterwegs.

- Nördlich vom Monschauer Stadtteil Konzen kreuzt die Bahnstrecke erneut die B258 (die hier übrigens selbst eine Art Grenz-Kuriosum bildet, weil sie für ein kurzes Stück über belgisches Territorium führt, ohne Anschluss ans belgische Straßennetz zu haben). Von hier ab bis Kalterherberg ist die Strecke in unterschiedlichem Zustand, einige Abschnitte sind schon grob eingeschottert, anderswo sind zumindest die Spuren von Baufahrzeugen zu erkennen. Mountainbiker und Jogger sind schon unterwegs, aber das meiste ist offiziell noch nicht freigegeben und teilweise abgesperrt.

Unterhalb von Kalterherberg ist derzeit vorerst Schluß, und das Teilstück bis Sourbrodt wird vermutlich noch eine Weile unterbrochen bleiben: Naturschützer haben gegen den Bau des Radweges protestiert, weil er hier durch ein Brutgebiet seltener Vogelarten führen würde. Ab Sourbrodt soll die Strecke aber definitiv fortgeführt werden und würde dann westlich von Bütgenbach auf eine weitere, bereits voll ausgebaute RAVeL-Strecke treffen, die nach Malmedy, Stavelot und Trois-Ponts führt. Die weiter südlichen Abschnitte der Vennbahn kenne ich nur zum Teil, aber mit dem Rad sind sie schon in der Gegend um Sankt Vith befahrbar, außerdem entlang der deutsch-belgischen Grenze bei Burg-Reuland und bis zur luxemburgischen Grenze (da wurde allerdings im vergangenen Jahr noch gebaut).

Und hier eine mögliche Route (mit abschließendem Schlenker an der Olef-Talsperre vorbei und zum Bahnhof in Kall).

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