gleiche höhe ist kein abseits

ein kleines museum des zufalls

U-City

New Songdo City
New Songdo City. Foto: Wikimedia.

Vergessen Sie Dubai: Das neue Utopia liegt in Südkorea und heißt New Songdo City: Eine Reißbrettstadt auf 6 Quadratkilometer neugewonnenem Land, etwa 65 Kilometer südwestlich von Seoul, vor den Toren der Hafenstadt Incheon. Ein Projekt mit gigantischem Anspruch: Eine „brandneue Stadt“ soll hier entstehen, verkündet die offizielle Website, ein „globaler Business-Hub“, mit der Welt verknüpft über ein „neues Aerotropolis“, das „ein Drittel der Weltbevölkerung in 3,5 Stunden“ erreichbar macht – zugleich aber auch eine der „grünsten Städte der Erde“ und „eine smarte und nachhaltige Welt“.

New Songdo City
Foto: A23H.

Schaut man auf die Zahlen und Fakten, dann klingt die Euphorie der Eigenwerbung gar nicht mal so überzogen: Zur Fertigstellung im Jahr 2015 sollen in New Songdo City rund 80.000 Wohnungen verfügbar sein, 4,6 Millionen Quadratmeter Bürofläche und knapp 1 Million Quadratmeter für den Handel. 65.000 Menschen sollen in New Songdo selbst wohnen, bis zu einer halben Million dort arbeiten. Die Stadt ist als Freihandelszone konzipiert, in der mehrere Währungen zugelassen und keine Steuern auf ausländische Unternehmen erhoben werden, Englisch ist offizielle Verkehrssprache, um die Ansiedlung ausländischer Institutionen wie Forschungszentren oder Bildungseinrichtungen wird aktiv gebuhlt. Zu den Landmarken der neuen Stadt gehören ein 610 Meter hoher Turm (Fertigstellung etwa 2012) ein 65stöckiger Wolkenkratzer (der höchste in Südkorea) und die 12,3 km lange Incheon Bridge, die die künstliche Insel mit dem Festland verbindet (Eröffnung: Oktober 2009). Nicht zu vergessen natürlich der „Jack Nicklaus Golf Course“, einer von nur 25 in der Welt, wie die städtische Website stolz vermeldet. Und was die versprochene Nachhaltigkeit angeht, so sind 40 Prozent der Stadt als „Grünfläche“ ausgelobt, was immer das in der konkreten Umsetzung bedeuten mag. Vermutlich sind da die Areale mit eingerechnet, in denen „architektonische Meisterwerke der ganzen Welt“ nachgebaut werden sollen, etwa der Central Park von New York oder die Kanäle von Venedig.

New Songdo City
Foto: Conbon33

Auf $40 Milliarden Dollar sind die Kosten für das Megaprojekt veranschlagt, damit ist es, behauptet die Wikipedia, „das größte private Entwicklungsprojekt, das jemals irgendwo in der Geschichte der Welt unternommen wurde“. (Privat deshalb, weil die Entwicklung von einem internationalen Joint Venture gesteuert wird, dem koreanischen Stahlgiganten POSCO und der amerikanischen Gesellschaft Gale International.)

Ein Projekt dieser Art klingt in Zeiten der Finanz- und Immobilienkrise nach reiner Hybris. In der Tat gibt es hier und da vorsichtige Zweifel an der Realisierbarkeit, Incheons Bürgermeister Ahn Sang-soo gibt sich jedoch optimistisch: „Die aktuelle Krise wird uns nicht entmutigen.“

New Songdo City
Foto: A23H.

Interessant ist New Songdo City allerdings nicht nur wegen der Gigantomanie, die sich in den genannten Daten zeigt. Die neue Stadt will zugleich ein Modell liefern, wie eine zukunftsfähige Polis gestaltet werden müsste: Nämlich in Form einer ubiquitous city, einer allgegenwärtigen Stadt, in der „alle wichtigen Einrichtungen (Wohngebäude, medizinische, wirtschaftliche und Regierungsinstitutionen) miteinander Daten austauschen“:

Public recycling bins that use RFID to credit recyclers every time they toss in a bottle; pressure-sensitive floors in the homes of older people that can detect a fall and contact help; phones that store health records and can be used to pay for prescriptions.

New Songdo City
Foto: Nicolette Mastrangelo

Florian Rötzer schildert in seinem Buch Vom Wildwerden der Städte noch ausführlicher einige der Features, die diese U-City auszeichnen sollen:

Die Idee ist, die Stadt von Anfang an mit einer Vielzahl von Computersystemen auszustatten, so daß sich hier eine „digitale Lebensweise“, ein „U-life“ ausbildet. […] Möglichst alles soll mit Funkchips ausgestattet sein, während eine einzige Smart Card als Schlüssel nicht nur für die Wohnungstür, sondern auch zum Bezahlen von Parkuhren, Kinos und vielem anderen dienen soll. […] In den Wohnungen alter und kranker Menschen will man Böden mit Drucksensoren ausstatten, die einen Sturz bemerken und automatisch Hilfe rufen. Andere Sensoren sollen Daten zur Luft- oder Wasserqualität liefern.

Die allgegenwärtige Stadt ist, so gesehen, die fürsorgliche Stadt, in der jedes Problem vorausgedacht und mit einem technischen Weg zur Lösbarkeit versehen ist. Das hat natürlich einen Preis, nämlich eine zunehmende Transparenz der Privatsphäre:

Die dunklen Flecken schwinden, der öffentliche und auch überwachte Raum verschlingt den privaten und den Blicken entzogenen Raum. […] U-Cities könnten möglicherweise, wenn die Menschen überhaupt so leben und arbeiten möchten, zum Vorbild digitaler Lebenswelten werden; auf jeden Fall dürften sie auch zum Modell für künftige Sicherheitsstädte werden, in denen immer mehr Aktivitäten der Bürger einschließlich von deren Identifizierung und Lokalisierung überwacht werden können. Fremde Menschen oder verdächtiges Verhalten könnten in solchen transparenten Städten schnell auffallen.

Code 46
Code 46

Kurz: Ein Szenario, das in etwa dem ähnelt, was Michael Winterbottom in seinem (zu Unrecht etwas untergegangenen) Code 46 abgebildet hat. Die Idee, dass nur eine transparente Stadt einer regierbare Stadt sei, ist natürlich schon wesentlich älter und in der Science-Fiction-Literatur oft genug behandelt worden. Ebenso wie der Ingenieursoptimismus, aus dem sich die Idee speist, urbanes Leben sei etwas, dass sich mit einem Baukasten präkonfigurierter Versatzstücke automatisch erzeugen ließe: Man baue ein Theater, ein Kino, eine Opera und schon habe man Kultur.

Rötzer geht es in seinem Buch vornehmlich um die Militarisierung der Städte: Der orwell’sche Charakter einer Reißbrett-Metropole wie New Songdo City ist insofern, müßte man sagen, nichts Beiläufiges, kein „Kollateralschaden“, der eher nebenher entsteht. New Songdo City ist paradoxerweise eine Stadt, die exemplarisch steht für die Krise des Urbanismus insgesamt, für eine Kapitulation vor der schieren Unmöglichkeit, das Modell Stadt zukunftsfähig zu machen. Insgeheim deuten die Macher hinter New Songdo City das in ihren Werbebroschüren auch an, wenn sie die Umweltverschmutzung, den Platzmangel und das Heer ungebildeter Arbeiter in anderen asiatischen Städten beklagen: „It would seem a city that enjoys clean air… and a superior quality of life just doesn’t exist anymore.“ Die einzige Möglichkeit, urbaner Probleme Herr zu werden, scheint eine Art Tabula rasa, die Flucht auf eine Insel, auf der man eine neue Stadt baut, aus der alles, was es an Problemen geben könnte, von vornherein ausgesperrt wird. Es ist die Aktualisierung der Insel Felsenburg, in der die Flucht aus dem kriegsverseuchten Europa auch die einzige Möglichkeit war, dem politischen Chaos zu entkommen, und die Umkehrung der Zukunftsvision, die noch in John Carpenters Klapperschlange zu sehen war, wo es noch reichte, den Schmutz der Welt selbst auf die Insel zu sperren statt umgekehrt. (Mit dem wichtigen Unterschied natürlich, dass die Isolation der Felsenburger oder von Carpenters Manhattan nicht gewünscht wird, der Rest der Welt bleibt ja maximal dreieinhalb Stunden entfernt, und das Modell dieser Insel der Glückseligen ist, zumindest in der Vorstellung des südkoreanischen Ministerpräsidenten, grundsätzlich auch als U-Nation denkbar.)

New Songdo City
Foto: arcticpenguin

Rötzer weist zu Recht darauf hin, dass sich die Vollständigkeit der technologischen Vernetzung, die sich die Stadt quasi wie ein Kettenhemd überstreift, zugleich ihre Achillesferse sein dürfte: Es genügt, nur eine Nahtstelle aufzureißen, um die Laufmaschen durch’s System rennen zu lassen. Die Perfektion selbst ist das Sicherheitsrisiko. Aber das apokalyptische Potenzial dieser Konstruktion ist nicht allein das Interessante, sondern die Vorstellung, dass sich governance in einer Stadt der Zukunft nur erzeugen lässt, wenn man das, was in ihr passiert, durch die Technologie möglichst getreu abbildet. Gewollt ist quasi eine Verdopplung der Stadt, zwei parallele Welten, die miteinander durch Feeds und Datenströme verknüpft sind und aufeinander reagieren. Die Stadt denkt sich selbst, und am Ende kommt vielleicht etwas Ähnliches heraus wie das Szenario, das Geoff Manaugh kürzlich für das Drehbuch von Ghostbuster III vorgeschlagen hat …

Wie debuggt man eigentlich eine Stadt?

(HT: Hinweis auf Songdo via diesem Eintrag bei mammoth.)

1 Kommentar

  1. Ich persönlich finde die Idee einer vollkommen vernetzten Stadt sehr interesant und auch vortschrittlich das debuggen könnte über das Netzt an anfallenden Informationen geschehen fraglich ist nur wie mit den erhobenen Daten umgegangen wird.

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