Slavoj Zizek über den Iran: Einer der bisher besten und einleuchtendsten Texte über die Ereignisse dort. Erschienen ist er u.a. hier in einer englischen Version, es gibt auch mehrere andere, üblicherweise vertrauenswürdige Quellen, die ihn gebracht haben. Es heißt, der Text sei von Mainstream-Publikationen (gerüchteweise der New York Times) abgelehnt worden. Das Folgende ist eine Quick-and-Dirty-Übersetzung. Korrekturen bitte in die Kommentare. Der Text ist gemeinfrei, wer ihn kopieren möchte, kann das gerne tun.

Wenn sich ein autoritäres Regime seiner endgültigen Krise nähert, dann folgt seine Auflösung in der Regel zwei Schritten. Vor dem tatsächlichen Kollaps findet ein mysteriöser Bruch statt: Plötzlich wissen alle Menschen, dass das Spiel vorbei ist, sie haben einfach keine Angst mehr. Es ist nicht einfach so, dass das Regime seine Legitimierung verliert, die Machtausübung selbst wird als impotente Panikreaktion wahrgenommen. Wir kennen alle die klassische Szene aus den Zeichentrickfilmen: Die Katze erreicht einen Abgrund, aber sie läuft weiter und ignoriert die Tatsache, dass es unter ihren Füßen keinen Boden mehr gibt; sie fällt erst dann, wenn sie nach unten schaut und die Tiefe bemerkt. Das Regime, das seine Autorität verliert, ist wie eine Katze über dem Abgrund: Damit es stürzt, muss man es nur daran erinnern, nach unten zu schauen …

In Shah of Shahs, einem klassischen Bericht über die Khomeini-Revolution, hat Ryszard Kapuscinski den exakten Moment dieses Bruchs festgehalten: An einer Kreuzung in Teheran weigerte sich ein einziger Demonstrant, einen Mucks zu tun, als er von einem brüllenden Polizist aufgefordert wurde, sich zu bewegen. Der blamierte Polizist zog sich einfach zurück; innerhalb weniger Stunden wußte ganz Teheran von diesem Ereignis, und obwohl die Straßenkämpfe wochenlang weiter gingen, wußte irgendwie jeder, das Spiel ist aus. Passiert jetzt etwas Ähnliches?

Es gibt viele Versionen zu den Ereignissen in Teheran. Einige sehen die Proteste als Kulmination einer prowestlichen „Reformbewegung“, vergleichbar mit den „orange-farbenen“ Revolutionen in der Ukraine, in Georgien, usw. – eine säkulare Reaktion auf die Khomeini-Revolution. Sie unterstützen die Proteste als ersten Schritt in Richtung eines neuen, liberal-demokratischen, säkularen Iran, frei von moslemischem Fundamentalismus. Ihnen stehen die Skeptiker entgegen, die glauben, dass Ahmadinejad tatsächlich gewonnen hat: Er ist die Stimme der Mehrheit, während die Unterstützung für Mussawi aus den Mittelklassen und ihrer goldenen Jugend kommt. Kurz gefasst: Machen wir uns keine Illusionen und akzeptieren wir die Tatsache, dass der Iran mit Ahmadinejad einen Präsidenten hat, den er verdient. Dann gibt es die, die Mussawi als Mitglied des klerikalen Establishments, mit allenfalls kosmetischen Abweichungen zu Ahmadinejad, ablehnen: Auch Mussawi will das Atomenergieprogramm fortsetzen, er ist gegen die Anerkennung Israels, außerdem genoß er, in seiner Zeit als Premierminister während der Jahre des Kriegs mit dem Irak, die volle Unterstützung Khomeinis.

Der traurigste Fall sind schließlich die linksorientierten Anhänger Ahmadinejads: Was für sie hauptsächlich zur Debatte steht, ist die iranische Unabhängigkeit. Ahmadinejad hat gewonnen, weil er für die Unabhängigkeit des Landes einstand, die Korruption der Elite offenlegte und den Ölreichtum einsetzte, um die Einkommen der armen Mehrheit verbesserte – das ist, sagt man uns, der wahre Ahmadinejad, der sich hinter dem eines den Holocaust leugnenden Fanatikers verbirgt, wie es die westlichen Medien zeichnen. Dieser Anschauung nach sind die aktuellen Ereignisse im Iran im wesentlichen eine Wiederholung der Absetzung Mossadeghs 1953 – ein vom Westen finanzierter Coup gegen den legitimen Präsidenten. Diese Anschauung ignoriert nicht nur Fakten wie die hohe Wahlbeteiligung – 85 Prozent statt der sonst üblichen 55 Prozent -, die nur als Ausdruck einer Protestwahl erklärt werden kann. Sie erweist sich auch als blind gegenüber der echten Demonstration eines öffentlichen Willens, weil sie in bevormundender Weise annimmt, dass ein Ahmadinejad gut genug sei für die rückständigen Iraner – sie sind noch nicht reif genug, um von einem säkularen Linken regiert zu werden.

So gegensätzlich diese Versionen auch sein mögen, sie alle lesen die iranischen Proteste entlang der Achse „islamische Hardliner gegen prowestliche liberale Reformer“, weswegen es ihnen so schwer fällt, Mussawi einzuordnen: Ist er ein vom Westen gestützter Reformer, der mehr persönliche Freiheit und Marktwirtschaft wünscht, oder ein Mitglied der klerikalen Establishments, dessen schlußendlicher Erfolg das Wesen des Regimes nicht entscheidend ändern würde? Diese extremen Schwankungen zeigen, dass sie alle das wahre Wesen der Proteste nicht erkennen.

Die grüne Farbe, die die Mussawi-Anhänger übernommen haben, die „Allah akbar!“-Rufe, die in der Abenddämmerung von den Dächern Teherans erschallen, zeigen deutlich, dass die Aktivitäten als Wiederholung der Khomeini-Revolution von 1979 gesehen werden, als Rückkehr zu den Wurzeln, als Entflechtung der Korruption, die die Revolution später befiel. Diese Rückkehr zu den Wurzeln betrifft nicht nur die Programmatik; sie betrifft sogar noch mehr die Handlungsweisen der Menschen: Die emphatische Einheit des Volks, die allumgreifende Solidarität, die kreative Selbstorganisation, die Improvisation in den Artikulationsarten der Proteste, die einzigartige Mischung aus Spontaneität und Disziplin, wie der ominöse Marsch der Tausend in völligem Schweigen. Womit wir es zu tun haben, ist eine authentische und umfassende Erhebung aller enttäuschen Anhänger der Khomeini-Revolution.

Es gibt einige wichtige Schlußfolgerungen, die aus dieser Einsicht gezogen werden müssen. Erstens, Ahmadinejad ist nicht der Held der islamistischen Armen, sondern tatsächlich ein korrumpierter islamo-faschistischer Populist, eine Art iranischer Berlusconi, dessen Mischung aus clownesken Posen und skrupelloser Machtpolitik sogar bei der Mehrheit der Ayatollahs für Unbehagen sorgt. Sein demagogisches Verteilen von Brotkrümeln an die Armen sollte uns nicht täuschen: Hinter ihm stehen nicht nur die Organe der polizeilichen Repression und ein nach sehr westlichen Maßstäben gestalteter PR-Apparat, sondern eine starke reiche Oberschicht, die das Ergebnis der Korruption des Regimes ist. (Die Revolutionären Garde des Iran ist keine Miliz der Arbeiterklasse, sondern ein Megakonzern und der Punkt, an dem sich der meiste Reichtum des Landes angesammelt hat.)

Zweitens, es gilt eine klare Unterscheidung zwischen den beiden wichtigsten Gegenkandidaten Ahmadinejads zu ziehen, Mehdi Karroubi und Mussawi. Karroubi ist vor allem ein Reformer, der im wesentlichen eine iranische Version der Identitätspolitik befürwortet, indem er allen einzelnen Gruppierungen Gefälligkeiten verspricht. Mussawi ist etwas ganz anderes: Sein Name steht für die authentische Wiederbelebung des populären Traums, der die Khomeini-Revolution am Leben hielt. Auch wenn dieser Traum eine Utopie war, sollte man doch in ihm die echte Utopie der Revolution selbst erkennen. Das bedeutet Folgendes: Die Khomeini-Revolution von 1979 kann nicht auf die Machtübernahme von Hardline-Islamisten reduziert werden – sie war sehr viel mehr. Jetzt ist die Zeit, um sich an den unglaublichen Überschwang des ersten Jahrs nach der Revolution zu erinnern, mit einer atemberaubenden Explosion politischer und sozialer Kreativität, organisatorischen Experimenten und Debatten zwischen Studenten und einfachen Menschen. Die bloße Tatsache, dass diese Explosion erstickt werden mußte, belegt, dass die Khomeini-Revolution ein authentisches politisches Ereignis war, eine kurzzeitige Öffnung, die ungeahnte Kräfte sozialer Transformation frei ließ, ein Moment, in dem „alles möglich schien“. Was folgte, war eine schrittweise Schließung, in dem das islamische Establishment die Macht und die politische Kontrolle übernahm. Um es in Freudschen Termini auszudrücken: Die Protestbewegung von heute ist die Rückkehr dessen, was die Khomeini-Revolution verdrängt hatte.

Und das bedeutet zu guter Letzt, dass der Islam ein echtes befreiendes Potenzial besitzt – um einen „guten“ Islam zu finden, muss man nicht ins 10. Jahrhundert zurück gehen, wir haben ihn genau hier, vor unseren Augen.

Die Zukunft ist ungewiß – aller Wahrscheinlichkeit nach werden die Machthaber die populäre Explosion im Schach halten, und die Katze wird nicht in den Abgrund fallen, sondern wieder Boden unter die Füße bekommen. Es wird jedoch nach all dem nicht mehr das gleiche Regime sein, sondern nur ein korrumpiertes, autoritäres Herrschaftssystem unter anderen. Wie alles auch immer ausgehen mag, so ist es doch von zentraler Bedeutung, sich bewusst zu machen, dass wir Zeugen eines großen emanzipatorischen Ereignisses sind, das nicht in den Rahmen eines Kampfes zwischen prowestlichen Liberalen und antiwestlichen Fundamentalisten passt. Wenn unser zynischer Pragmatismus dazu führt, dass wir die Fähigkeit zur Erkenntnis dieser emanzipatorischen Dimension verlieren, dann treten wir im Westen tatsächlich in eine postdemokratische Ära und machen uns bereit für unsere eigenen Ahmadinejads. Die Italiener kennen seinen Namen schon: Berlusconi. Andere stehen schon Schlange.