Die Nachricht, dass die US-Regierung Twitter gebeten hat, Wartungsarbeiten aufzuschieben, damit im Iran weiter Tweets verschickt werden können, war gestern bei nahezu allen Medien ein großer Erfolg. Westliche Medien finden diesen ganzen Web-2.0-Kram immer genau dann toll und interessant, wenn es gegen totalitäre Regime geht.

Ich hab mich allerdings trotzdem gefragt, ob die Twitter-Meldung nicht ausgerechnet dem Hype entspricht, den die Medien sonst so eifrig demontieren wollen. Wie groß ist die Rolle dieser Social-Networking-Dienste tatsächlich momentan im Iran? Kaum jemandem scheint zum Beispiel die Kleinigkeit aufgefallen zu sein, dass Twitter gar kein Farsi unterstützt. Für eine effiziente Kommunikation unter den Demonstranten dürfte das wenig zweckmäßig sein.

Dann ist da natürlich die Frage des Zugangs zu diesen Diensten. Die Überbewertung der Rolle von Social Networks geht implizit davon aus, dass die Protestbewegung vor allem Studenten aus den mittelständischen Schichten in Teheran stünden, während sich Ahmadinejads Wählerschaft aus ungebildeten konservativen Dorfbewohnern rekrutiere. Ali Alizadeh, Philosophieprofessor in England, hat da ein paar interessante andere Beobachtungen mitzuteilen. Kommunikation, Organisation und Agitation laufen bei weitem nicht nur über virtuelle Kanäle, sondern nutzen auch einfache und traditionelle Methoden, etwa das Ausweichen von der Straße auf die Hausdächer, um von dort Parolen wie “Tod dem Diktator!” zu rufen (eine Methode, die ironischerweise in der islamischen Revolution gegen den Schah eingesetzt wurde). Oder am Ende einer Demonstration laut den Ort und Treffpunkt der nächsten zu skandieren.

Glaubt man Alizadeh, ist die oppositionelle Bewegung auch weit umfangreicher und nicht nur auf’s Bildungsbürgertum beschränkt:

Musavi’s people, as the collective appearing in the rallies, is made of religious women covered in chador walking hand in hand with westernized young women who are usually prosecuted for their appearance; veterans of war in wheelchairs next to young boys for whom the Iran-Iraq war is only an anecdote; and working class who have sacrificed their daily salary to participate in the rally next to the middle classes.

Möglich, dass Mussawis Agenda doch radikaler ist, oder zumindest radikalere Effekte hervorruft, als man ihm zugetraut hat: Er habe, sagt Alizadeh, die Masse der Bevölkerung als politisches Subjekt zurückgebracht, während Ahmadinejad und auch die anderen Reformkandidaten stärker auf Partikularinteressen setzten.