Saint-Vincent

In Lüttich steht direkt an einer der belebtesten Kreuzungen diese bemerkenswerte Kirche. Das mächtige Art-Déco-Portal sieht aus wie ein überdimensionaler Radioapparat: Hier funkt Gott. In der Junisonne leuchten die Außenwände des Baus, als wären sie aus einem fremdartigen, nicht wirklich irdischen Material hergestellt: Das lässt vermuten, das hier gleich eine überaus wichtige Nachricht erschallen soll, die auch den lärmenden Straßenverkehr verstummen lassen wird.

Es ist ein merkwürdiger Bau, ein kurioser Hybrid aus archaischer Wucht und moderner Eleganz, ein fast postmodern anmutendes Verwursten aller Stile, die zum Zeitpunkt der Erbauung gerade herumlagen. Nur dass man in der Postmoderne mehr Glas und dekorative Blecherkerchen reingezimmert hätte. Bei allem hat die Kirche aber auch etwas Kulissenhaftes – so etwa wie das Portal sahen in den frühen Science-Fiction-Filmen die Bauten der Zukunft aus: Ein vage futuristisches Neo-Gothic, dem man auf den ersten Blick nicht anmerken kann, ob sich dahinter ein Geldspeicher verbirgt oder das Arcanum eines dämonischen Gangsters, der es auf die Weltherrschaft abgesehen hat.

Ein vergleichsweise bescheidenes Schildchen am Eingang verrät uns den Namen der Kirche: Nicht Saint-Fantomas, sondern Saint-Vincent. Das Internet ist sparsam mit Informationen zu diesem Bauwerk. Auf der Website der Kirchengemeinde bricht die Geschichte im 17. Jahrhundert einfach ab. Immerhin erfährt man dort, dass die Kirche an einer besonders prekären Stelle steht: Hier stoßen zwei enge Flußtäler zusammen, was dem Platz eine besondere strategische Bedeutung verleiht, ihn aber auch besonders gefährdet bei Hochwasser macht.

An anderen Stellen lesen wir, dass Saint-Vincent eine Stahlbetonkirche ist und 1930 errichtet wurde. 1930 war ein bedeutendes Jahr für Lüttich: Die Stadt veranstaltete zum zweiten Mal nach 1905 eine Großausstellung, die als Weltausstellung gedacht war. Anlaß war das 100. Jubiläum der belgischen Staatsgründung, weswegen – wohl aus Proporzgründen – noch eine Parallellveranstaltung im flämischen Antwerpen durchgeführt wurde. Es gab auch eine thematische Trennung zwischen beiden Städten: Während in Antwerpen vor allem Seefahrt und Kolonien präsentiert wurden, ging es in Lüttich hauptsächlich um Großindustrie, Wissenschaften und wallonische Kunst.

Diese Trennung ist vermutlich der Grund, warum die Ausstellung von 1930 nicht im offiziellen Kanon der Weltausstellungen geführt wird (den das Bureau international des Exhibitions sanktioniert). Sie war als Veranstaltung wohl auch eher ein Flop, berichtet die französische Wikipedia: Das Interesse der Industrie und der Öffentlichkeit war mäßig, das Wetter schlecht und das Timing unglücklich, da die Weltwirtschaftskrise begann und das überschwängliche Abfeiern einer globalisierten Ökonomie nicht mehr richtig in die Zeit passte …

Immerhin sorgte die Ausstellung dafür, dass ein paar wichtige Infrastrukturmaßnahmen umgesetzt wurden, die durch den Ersten Weltkrieg aufgeschoben worden waren, vor allem im Bereich des Schiffs- und Eisenbahnverkehrs und des Hochwasserschutzes. Wie wichtig der war, hatte sich erst 1926 gezeigt, als die Stadt und ihr dicht besiedeltes und industrialisiertes Umland von heftigen Überschwemmungen getroffen wurde.

Saint-Vincent liegt im Viertel Fétinne, ein Viertel, das übrigens im wesentlichen zur Zeit der ersten Weltausstellung 1905 angelegt wurde. Während der Ausstellung 1930 diente die Kirche zunächst auch als Ausstellungspavillon (wozu ihr kulissenhafter Charakter ja ganz gut passte). Architekt war ein Robert Toussaint. Auch über ihn gibt es nicht viel in Erfahrung zu bringen: Gelebt hat er von 1900 bis 1975, und er scheint vor allem im Kirchenbau aktiv gewesen zu sein. Er taucht aber noch einmal im Umfeld einer Großausstellung auf. 1939 nämlich entschließt man sich in Lüttich, ungeachtet des Flops von 1930, eine weitere Weltausstellung durchzuführen, diesmal aufgrund der Fertigstellung des Albert-Kanals, der Lüttich mit Antwerpen verbindet (und dessen Bau 1930 begonnen wurde). Diese dritte Lütticher Expo widmet sich folglich dem Wasser und der Hydrotechnik: Eine schöne Dokumentation dazu (auf französisch, aber mit vielen Bildern) findet sich auf den Webseiten der Parti socialiste von Lüttich.

Toussaint ist hier zuständig für die Errichtung des Gay Village Mosan, ein Areal mit einem kuriosen Namen, den Sie hier aber bitte nur als „fröhliches Maas-Dörfchen“ übersetzen: Es handelte sich um eine Art Wallonien en miniature, einen kleinen Themenpark mit nachgebauten wallonischen Sehenswürdigkeiten.

Die 1939er Austellung endete ebenfalls im Fiasko, freilich in einem ungleich dramatischeren als der Mißerfolg von 1930. Am 1. September erfolgte der deutsche Angriff in Polen, und in Lüttich entschied man aufgrund der ernsten politischen Situation, die Ausstellung vorzeitig zu schließen. Wenig später wurde Belgien selbst angegriffen, u.a. am Fort Eben-Emael, das zum Schutz des Albertkanals errichtet worden war.

Der Krieg hat Lüttich bis heute gezeichnet. Die Stadt ist immer noch ein arg unaufgeräumtes Konglomerat aus vereinzelten Spuren der Vergangenheit und aus hier und da hingestreuten Wohn- und Geschäftshäusern, die mal als zukunftsträchtige Architektur gegolten haben mögen, deren Zukunft aber nie wirklich stattgefunden hat. Ein städtebauliches Chaos, aber ein melancholisches Chaos, weil man zugleich den Willen sehen kann, dagegen anzugehen, ebenso wie die Phasen der Erschöpfung und der Apathie. Es gibt wenige Orte in Westeuropa, an denen man so anschaulich erklären kann, was mit Steampunk gemeint ist, wie das Lütticher Maasufer. (Sympathischerweise hat die Stadt den Radweg entlang der Maas an einigen Stellen mit geschwungenen Catwalks ausgestatt. Dort kann man sich über den Fluss schwingen wie die Schauspieler über die eleganten Rampen und Brücken in Metropolis.)

Saint-Vincent ist in diesem Ensemble ein ganz adäquater Schlußstein.