Das italienische Autorenkollektiv Wu Ming hat nun auch ein eigenes Blog. Das Kollektiv „ohne Namen“ (wie das chinesische Pseudonym auf deutsch lautet) gehört zu den interessantesten Stimmen der aktuellen italienischen Literatur. Es ist zudem eine Stimme, die man ausgiebig zur Kenntnis nehmen kann: Alle Texte werden unter CC-Lizenz veröffentlicht und sind auf der Website der Wu Ming Foundation verfügbar, vieles davon auch in englisch, spanisch, französisch (aber fast nichts auf deutsch). Dazu gehören die beiden großartigen Romane 54 und Q („fucking ace“, sagt Thom Yorke, und wo er recht hat, hat er recht) und das aufschlussreiche Manifest New Italian Epic.

Von Q gab es vor einigen Jahren auch mal eine deutsche Buchausgabe bei Piper, aber die scheint vergriffen. Das Buch erschien ursprünglich unter dem kuriosen Pseudonym Luther Blissett. Den Namen hatte das Kollektiv von einem (eigentlich wenig bekannten und daher auch eher verblüfften) englischen Fußballer übernommen. An die Namenspolitik des Kollektivs mußte ich denken, als ich diesen kleinen Artikel über einen interessanten Trend in China las: Viele Chinesen geben sich zur Zeit gerne englische Namen und nutzen die auch im alltäglichen Gebrauch. Auf den ersten Blick könnte man dahinter eine modische Laune vermuten, oder allenfalls eine pragmatische Gewohnheit im Kontakt mit dem englisch dominierten Rest der Welt. Interessant ist aber die Behauptung des Artikels, dass die Chinesen diese Adoption englischer Namen als durchaus konsistent mit chinesischem Patriotismus und Nationalstolz sehen (und nicht etwa als Kapitulation oder Eindringen bedrohlicher Einflüsse). Pragmatismus als nationale Aufgabe, das scheint in etwa das Motiv zu sein. (Das gilt wohl aber vor allem für die Chinesen in China selbst – die sogenannten „Auslandschinesen“ (wie der Autor des Artikels selbst) tun sich offenbar schwerer mit dem Wechsel zu nicht-chinesischen Namen.)

Bemerkenswert ist vor allem der Schluss des Artikels: Grundsätzlich scheint der Name in China etwas weit flexibleres zu sein als in der westlichen Kultur, weniger ein eindeutiges Identifikationsmerkmal, sondern ein amorphes Etikett, das durchaus manipuliert und angepasst werden kann.

In the United States, people tend to view names and identities as absolute things—which explains why I agonized over deciding on an English name—but in China, identities are more amorphous. My friend Sophie flits amongst her Chinese name, English name, MSN screen name, nicknames she uses with her friends, and diminutives that her parents call her. „They’re all me,“ she says. „A name is just a dai hao.“ Dai hao, or code name, can also refer to a stock’s ticker symbol.

(Was mich dann wieder an diese interessante Diskussion über Pseudonyme und Kunstfiguren im Web erinnert.)