Jean Pauls Wohnhaus

Gott steht bei einer Entbindung; wer ihn da nicht findet, bei diesem unbegreiflichen Mechanismus des Schmerzes, bei dieser Erhabenheit seines Maschienenwesens und bei der Niederwerfung unserer Abhängigkeit, der findet ihn nie!

Im September 1802 wird Jean Paul zum ersten Mal Vater: In diesem Haus in Meiningen wird das „göttliche Töchterlein“ Emma geboren, und er nimmt das Ereignis als Epiphanie: „Wie ein Donnerschlag durchfährt die erste Erblikkung Mark und Bein“, schreibt er dem Bayreuther Freund Christian Otto.

Nun gibt es sicher viele Väter, denen die Geburt eines Kindes, noch dazu des ersten, wie eine Wiederholung des Schöpfungsakts vorkommt, wobei man im Unterschied zu Gott und zur eigenen Frau ja noch den Vorteil hat, den „unbegreiflichen Mechanismus der Schmerzen“ und die Erhabenheit des göttlichen Maschienenwesens beobachten zu dürfen statt selbst erleiden zu müssen.

1802 zieht Jean Paul nach Meiningen, frisch vermählt mit Karoline Mayer. Der Umzug die provinzielle Residenzstadt kommt zu einem interessanten Zeitpunkt: Mit dem Siebenkäs und Hesperus hat er sich literarischen Ruhm erschrieben, wofür man sich bei der geringen Größe des Literaturmarkts zwar nicht viel kaufen kann, dafür verkehrt er in Weimar und in Berlin mit der In-Crowd aus Philosophie und Kultur, mit den Schlegels und Tieck, mit Schleiermacher und Fichte. Aber er geht auch schon auf die Vierzig zu, da will man auch nicht mehr so viel Trubel haben: „Ohne Ehe treib‘ ich mich auf Kosten meiner Gesundheit in Städten und Zirkeln herum, wo ich zuviel spreche und trinke.“ Einem anderen Freund, Emanuel Osmund, schreibt er darum: „Das Schiksal gibt mir endlich das, um was ich so lang herumirte. Jetzt fehlt mir nichts wie eine Stadt; wozu ich Sie bitte, mir die wohlfeilste, gebildetste, beste in der Gegend und im Bier vorzuschlagen.“ Das mit dem Bier ist nicht nur so dahingeschrieben: Bier ist für Jean Paul unerlässlich als „Inzitatement“ und Treibstoff für die Textmaschinerie, denn „mit blossem natürl[ichem] Feuer ohne äußeres sind gewisse Kalzinier-Effekte gar nicht zu machen; Glas wil ein anderes Feuer als etwa Braten.“

Vielleicht hat er auch die Hoffnung, es Goethe gleich tun zu können und in Meiningen sein eigenes kleines Weimar zu finden. Es läßt sich zunächst ganz gut an: Der berühmte Schriftsteller wird in Meiningen freundlich aufgenommen, er kommt endlich dazu, den Titan fertig zu stellen, an dem er schon ein Jahrzehnt lang herumschreibt, und Herzog Georg I. (der Großvater des Theaterherzogs) sucht eifrig seine Freundschaft.

Ich glaubte nie, daß ein Fürst mein Freund werden würde, und das ist beinahe der Herzog; ob ich gleich, so oft ich will seine häufigen Abendeinladungen verneine, fast sechs in jeder Woche. Er kommt oft zu uns. Neulich aß er sogar bei uns. Freilich ließ er, weil’s schnell ging, sein Essen auch bald herholen. Er will mir ein Haus bauen, was der Himmel verhüte! weil ich hier kein ewiges suche.

Da hört man freilich schon eine leise Ernüchterung heraus. Ganz so anregend, wie Jean Paul erhofft haben mag, ist das Thüringer Idyll dann doch nicht: Meiningen ist kein Weimar, Georg I. kein Carl August: „Kenntnis und Güte“ hat er, aber keine „Poesie und Philosophie“. Und so ist alles doch ein bißchen langweilig: der Alltag, die Menschen und das Bier.

Die Leute hier meinen es sehr gut mit uns; (keinen Feind hatt’ ich hier) nur sind ihrer zu wenig für mich.

Und:

Durch die bücherarme Stadt kenn‘ ich hier die Philosophie gar nicht, außer aus der Buchhändlerrechnung. […] Ueber Philosophie und Dichtkunst wird hier nicht votirt. In Coburg, wohin ich Mitte May’s ziehe, geht’s besser.

Dem Herzog gegenüber entschuldigt er sich als „ewige Wanderratte“, aber sonst fällt ihm keine gute Ausrede ein, was der auch pikiert zur Kenntnis nimmt: „Nicht Naturforscher genug, um die Art von Wanderratten genau zu kennen, die man Genies nennt, glaubte ich doch ein Genie oder einen Geist genau genug zu kennen, um ihn meinen Freund nennen zu können.“

Aber warum ausgerechnet Coburg? Weil, schreibt er Otto,

die Gegend aus 4 oder 5 Eden zusammen[ge]bauet ist – die Stadt 100 Dinge hat, die hier fehlen – wenigstens einige Liebhaber der Philosophie und Kunst (z.B. Forberg) – da ich Sontags am Hofe dinierte und théeirte – die Herzogin (meine brünstigste Leserin) […] so treflich fand und den Herzog so gut und die Grosfürstin so schön und alles so familienmässig und viele Weiber gebildet und den M[inister] Kretschmann als einen herlichen philosophischen recht geachteten Kopf […] und da ich abends bei ihm essen sollte (aber nicht konnte, weil mir so schlecht war, dass ich neben der Herzogin sizend und froh redend doch 5mal ungesehen ins Schnupftuch schwach spie) und der Bücher wegen und weil Meiningen ein Dorf dagegen ist und ich Euch und dem Biere näher bin: so zieh‘ ich im April entschieden nach Coburg.

Auch in Coburg hält es ihn allerdings nicht lange:

Den 1ten dies. [Monats] wurd’ ich um 1 rtl. gestraft, weil ich vor dem Hause des Polizeidirektors Ortlof (meines gelehrten Freundes, von dem ich eben herauskam) Nachts um 8 Uhr mit der Blend-Laterne in der Hand hinter oder vor 2 Jungfern (diese zeigten es der Polizei an) mein weniges Wasser abgeschlagen hatte, was mir vom Bayr[euther Bier] übrig geblieben war. Wörtlich ists wahr mit dieser Pissteuer!