Der Leopard
Wieslaw Walkuski, Der Leopard, 1989 (Quelle).

Eine der Besonderheiten der Länder hinter dem eisernen Vorhang war die fast vollständige Abwesenheit von Werbung für Konsumartikel. Wo Werbung stattfand, gab sie sich meist nüchtern und lakonisch, als ob es weniger um das Anpreisen eines Produktes ging, sondern einfach nur darum, seine Existenz noch mal kurz zu bestätigen. “Plaste und Elaste aus Schkopau”, meldete ein Transparent an der Transitstrecke nach Berlin, und damit war eigentlich genug gesagt.

Psycho
Zdenek Ziegler, Psycho, 1970 (Quelle)

Deutlich anders war die Sprache der Plakate und Broschüren, die kulturelle Veranstaltungen ankündigten: Theater- und Filmplakate, Platten- und Buchcover boten oftmals die Chance, einen dritten Weg neben der Nüchternheit des Konsumdesigns und der Lautstärke der Polit-Propaganda zu finden. Für viele Designer bestand die Herausforderung offenbar darin, die Themen eines Theaterstücks, Films oder Buchs nach außen hin mit der offiziellen Dogmatik zu versöhnen, und zugleich einen spielerischen Zugang zu den Ritzen, Fugen und Nischen zu finden, die das System offen gelassen hatte.

8 1/2
Bedrich Dlouhy, 8 1/2, 1964 (Quelle)

Eine besondere Facette der osteuropäischen Popkultur sind die Plakate, die für westeuropäische Filmimporte entworfen wurden. Vor allem in Polen und der Tschechoslowakei entwickelte sich daraus ein bemerkenswertes und erstaunlich flexibles Medium. Denn in der Regel wurden für die osteuropäischen Plakate nicht die westlichen Vorlagen kopiert (möglicherweise aus urheberrechtlichen Gründen?), sondern völlig eigenständige Designs entwickelt, die nicht selten meilenweit von der Ikonographie abweichen, an die wir uns im Westen gewöhnt haben. Der Effekt ist ein doppeltes Staunen: Über die Fantasie, mit der viele polnische und tschechische Designer die Themen eines Films aufgriffen, variierten und bisweilen auch entfremdeten – und zugleich auch ein wenig darüber, wie sehr uns (westliche Betrachter) diese ungewohnten Perspektiven oft erstaunen und verblüffen.

Mystery Train
Andrzej Klimowski, Mystery Train, 1991 (Quelle).

Paul Rennie hat im Guardian (im Rahmen einer schon seit längerem laufenden Kolumne zum Design von Filmplakaten) ein paar plausible Gründe genannt, warum die osteuropäischen (in diesem Fall: polnischen) Plakatdesigner so viel Fantasie einbringen konnten:

The circumstances of modern Polish history have conspired to create an environment where the advertising of cultural events was able to dominate the popular visual culture of the post-war period. [...]
The nationalised, or state owned, distribution of films allowed Polish film posters to develop in a unique way. The usual considerations of star-billing and genre, imposed by the legalistic classification of assets within the commercial film industry in the west, could be largely ignored.

Es geschah am hellichten Tag
Marian Stachurski, “Es geschah am hellichten Tag”, 1960

Einiges von dem, was Rennie über Polen sagt, lässt sich auch auf die Tschechoslowakei anwenden. Es ist vermutlich kein Zufall, dass diese Sonderentwicklung des Filmplakats vor allem in den zwei Ländern des Ostblocks stattfand, in der auch die Filmproduktion selbst eine relativ große ästhetische Eigenständigkeit behaupten konnte. Oder gab es in den anderen Ländern des Ostblocks eine ähnliche Tradition des Plakatdesigns, mit einer ähnlich weitgehenden Ausnutzung und Ausgestaltung von Freiräumen?

Es gibt zwei kommerzielle Seiten, die einen hervorragenden Überblick über die tschechoslowakische und polnische Kunst des Filmplakatdesigns bieten. Auf der polnischen Seite sind mir allerdings auch ein paar Beispiele begegnet, die deutlich nach dem Ende des kommunistischen Systems entworfen wurden. Leider gibt die Seite keine Auskunft darüber, ob diese aktuellen Entwürfe auch für offizielle Veröffentlichungen eingesetzt wurden. Aber die Lust an der grafischen Variation eines Filmthemas scheint nach wie vor vorhanden, zum Beispiel bei Michal Ksiazek.

Star Wars
Michal Ksiazek, Star Wars, 2003 (Quelle).

Eine großartige Auswahl gibt es auch hier, vor allem wohl aus dem Fundus der Polish Poster-Seite.