Llamada
Photo: Nicolas Nova.

Noch etwas Handy-Anthropologie: Ein weiteres Beispiel dafür, wie neue Technologien in der Dritten Welt auch zu neuen sozialen Praktiken führen können, hat Nicolas Nova in Peru entdeckt. Dort gibt es die sogenannten Llamadas:

It’s generally women or teenagers with a bundle of mobile phones and a stop-watch who act as pay phones. They wear colorful clothes with mobile carriers brands and the “llamadas” logo (that they also shout when you pass by).

Die Llamadas sind nicht nur lebende Telefonzellen, sondern leisten auch praktische Hilfestellung, in dem sie beispielsweise Kunden, die nicht lesen können, beim Herausfinden und Eintippen von Telefonnummern helfen. Auf den ersten Blick ist das also ein ganz pragmatischer Weg, um auch Menschen, die sich das sonst nicht leisten können, eine Teilhabe an Kommunikationsnetzen zu ermöglichen.

Allerdings verliert der Services einiges von seinem Graswurzel-Charme, wenn man bedenkt, dass die Frauen und Kids, die als Llamadas arbeiten, von den Carriern selbst auf die Straße geschickt werden und für einen Hungerlohn arbeiten. Es ist, mit anderen Worten, ein weiterer Distributionskanal, der vor allem dank eines großen Reservoirs billiger Arbeitskräfte erschlossen werden kann. Das Llamada-System unterläuft möglicherweise auch kooperative Modelle, die man in anderen Gegenden der Dritten Welt beobachten kann (z.B. Viertel oder Dörfer, die sich gemeinsam ein Handy zulegen), verschafft dafür dem einzelnen Kunden wiederum den Vorteil, dass er seinen Gesprächswunsch nicht vor einem Dorfältesten, sondern nur mit seinem Geld begründen muss.

Außerdem sieht man am Llamada-System auch, dass der Aufbau der Kommunikationsnetze kein gesamtgesellschaftliches Ziel mehr verfolgt: Die mobile Technologie ermöglicht es, eine rudimentäre und flexible Infrastruktur aufzubauen, an der man nur noch ad hoc teilhaben kann. Es gibt, anders gesagt, keinen Anspruch mehr darauf, dauerhaft an das Kommunikationsnetz angebunden zu werden.

Umgedreht lassen sich auch autonome Kommunikationssphären organisieren, die allenfalls noch parasitär in vorhandene Technologien und Infrastrukturen eingeklinkt werden. Zufälligerweise sehe ich mich grade durch die dritte Staffel von The Wire. Darin spielen die burner eine wichtige Rolle: Einweg-Handys mit vorinstallierten Prepaid-Karten, die abtelefoniert und dann weggeworfen werden können. Das sind sozusagen Llamadas ohne die persönliche Assistenz: Ein billiger, schnell verfügbarer Weg, um kommunizieren zu können.

Für die Gangs von Baltimore sind das praktische Hilfsmittel, denn sie ermöglichen den Aufbau kurzlebiger Kommunikationsnetze. Die Kurzlebigkeit hat einen großen Nutzen: Die Netze sind nahezu nicht von außen zu kontrollieren. Weil die Handys immer nur kurzzeitig in Betrieb sind, gibt es für die Polizei kaum eine Möglichkeit, ein Telefon einem Besitzer zuzuordnen – und damit auch kaum eine Chance, in die Kommunikation einzusteigen, um sie überwachen zu können.

Das Burner-System in The Wire ist so effizient, weil die Gangster noch ein zweites Konzept verfolgen, das man fragmentierte Kommunikation nennen könnte: Welche Inhalte in welchem Medium weitergegeben werden (und in welchem Code), folgt einem genauen Regelwerk. Oft dient das Telefonat nur der Einleitung oder Ankündigung einer weitergehenden Kommunikation, die dann an einem anderen Ort, im Vieraugengespräch usw. ausgeführt wird und ihrerseits Fortsetzung in weiteren Telefonaten findet, oder im reduzierten Alphabet der Gesten und Kommandos, mit denen sich die Dealer vor Ort verständigen.

Aber natürlich lässt sich dieses System, gerade weil es parasitär ist, nicht völlig perfektionieren und hermetisch absichern. Natürlich kann die Polizei schließlich doch einen Einstiegspunkt identifizieren kann, über den der Zugang gelingt. Aber das ist eine der Pointen der Staffel, ebenso wie die diversen gewollten und ungewollten Mißverständnisse und Ambivalenzen, die beim Navigieren in verschiedenen Codes entstehen, und wird darum hier nicht verraten.