Nach der kleinen Milchkrise der vergangenen Woche ist dieses Projekt hier umso interessanter: Urban Farming in Middlesbrough. Acht Monate lang wurden Brach- und Grünflächen in der Stadt zum Anbau von Gemüse und Obst genutzt, wobei gerade auch die ärmeren Bezirke der Stadt (die ohnehin nicht zu den wohlhabenden Ecken Englands gehört) berücksichtigt wurden. Das Projekt war so erfolgreich, heißt es, dass es in diesem Jahr eine Wiederholung geben wird.

Die Landwirtschaft kommt zurück in die Stadt. In früheren Zeiten waren Felder, Nutzgärten und Ställe auch innerhalb der Stadtmauern eine Selbstverständlichkeit. Aber je mehr Flächen man für Industrie und Wohnraum benötigte, und je besser (und ökonomischer) die Transportmöglichkeiten für Lebensmitteln wurden, umso weniger Bedarf und Interesse gab es am innerstädtischen Anbau von Nahrungsmitteln. Höchstens in Notzeiten, wie etwa in den Kriegs- und Nachkriegsjahren, ging man wieder dazu über, städtische Parks und Grünflächen als Kohlfelder und Gemüsegärten zu nutzen. Ansonsten finden sich die letzten Reste urbaner Landwirtschaft nur noch in den Schrebergärten (und es ist sicher kein Zufall, dass diese scheinbar so deutsche Institution in den vergangenen Jahren auch zunehmend von türkischen, russischen oder polnischen Familien entdeckt worden ist, die mit selbstversorgenden Infrastrukturen noch etwas besser vertraut sind).

Mit dem Verschwinden der Landwirtschaft aus den Städten und ihrer zunehmenden Industrialisierung und Globalisierung verschwand auch das Wissen um den Aufwand, der für die Produktion von Nahrungsmitteln getrieben werden muss. Lebensmittel sind etwas, das immer verfügbar ist und eigentlich wenig kostet. Ab und zu, wie eben während der Milchbauernstreiks, blitzt dann noch einmal, dass die billigen Preise keine Selbstverständlichkeit sind. Und wie man an den Reisrevolten in einigen Teilen der Welt sehen kann, ist Discount auch kein Dauerzustand.

Warum also nicht ein paar Subsistenzmöglichkeiten bekannt machen? Das Projekt von Middlesbrough mag einen etwas ökoromantischen Touch haben – romantisch in dem Sinne, dass die Lösung für zunehmende Verstädterung und Verlust des „Ländlichen“ auf dem Land in einem Verschwinden der Abgrenzung zwischen beiden Räumen gesucht wird. Aber es geht ja weniger darum, Städte in Agrarzentren umzuwandeln, sondern mehr Wissen und Kenntnisse über die Herkunft von Dingen, die man essen kann, zu vermitteln. Das Nachdenken über die Städte von morgen kann ruhig auch ein paar Ideen von gestern berücksichtigen.

Einige ähnliche Gedanken finden sich übrigens in dem überaus lesenswerten Buch Hungry City: How Food Shapes Our Lives von Carolyn Steel, neben einigen interessanten (und beklemmenden) Daten zur Konzentration der Lebensmittelproduktion in den Händen einiger weniger Konzerne. Auch deshalb, weil man dann versteht, was der frühere US-Gesundheitsminister Tommy Thompson meint, wenn er sagt:

I, for the life of me, cannot understand why the terrorists have not attacked our food supply, because it is so easy to do