Duisburg, Karl-Lehr-Straße

Vor wem, vor welchem Gedächtnis und vor welcher Zukunft, vor welcher und für welche Generation ist man verantwortlich, wenn man die Verantwortung für eine Stadt übernimmt?

Meine Hypothese ist, dass die Antwort auf diese Frage uns zwingt, den Begriff der Verantwortung neu zu fassen. Jedes Projekt, das das Schicksal einer Stadt betrifft, d.h. das, was ihr Gedächtnis an ihre Gegenwart und Zukunft bindet, übersteigt aus Wesensgründen sowohl die Möglichkeit der Vollendung als auch die Dimension einer einzigen Generation, Nationalität oder Sprache. Die Zeit impliziert ein Versprechen, das hier für mehr als bloss eine Generation und mithin für mehr als eine Politik binden ist, ja das über die Politik als solche hinausgeht, in einer Dauer, deren Heterogenität und Diskontinuität, deren Nicht-Totalisierbarkeit als das Gesetz anerkannt werden müssen.

Jacques Derrida, Generationen einer Stadt

Ich hatte in Duisburg zu tun, und der Weg führte natürlich auch zur Karl-Lehr-Straße, dem Ort des Loveparade-Desasters. Seit dem Unglück ist die Straße zu einer Art negativer Pilgerstätte geworden, und auch gestern, an einem Montagabend, waren einige Dutzend Menschen unterwegs, um die zahlreichen Kerzen, Blumen, Zettel, Kreuze und sonstigen Paraphernalia zu betrachten, miteinander zu diskutieren oder wenigstens ein paar Schnappschüsse mit dem Handy zu machen.

Duisburg, Karl-Lehr-Straße

Auch vierzehn Tage nach dem Unglück liegt eine drückende Stimmung über dem Ort. Wozu das Ambiente natürlich einiges beiträgt, die düsteren, rußgeschwärzten Unterführungen, die heruntergekommenen Auffahrtsrampen. Man hat (um einen hier angesprochenen Aspekt aufzugreifen) eher das Gefühl, sich an der Stelle eines ehemaligen Internierungslagers zu befinden als an einem Platz, der eine Party-Location sein sollte. Es ist eine besonders makabre Ironie, dass sich das Ende der Loveparade ausgerechnet an so einem Ort ereignete: Schließlich hat die Techno-Szene ihren Ursprung gerade in der Neubesetzung und Umdefinierung der „leerstehenden, von keinem Besitzer mehr beanspruchten Fabriken und Warenhäuser“, in den aufgegebenen Ruinen militärischer und industrieller Komplexe.

Duisburg, Karl-Lehr-Straße

Die bloße Menge individueller Trauerbekundungen ist überwältigend, aber sie hat auch schon etwas Melancholisches. Es ist deutlich zu sehen, dass die meisten Objekte schon einige Tage hier liegen: Die meisten Kerzen sind abgebrannt, die roten Hüllen liegen kreuz und quer auf dem Asphalt. An vielen Zetteln und Plakaten sind die heftigen Regenfälle der letzten Tage nicht spurlos vorüber gegangen. Am Wochenende haben Anwohner bereits mit ersten Aufräumarbeiten begonnen und die Objekte, die vor den Privathäusern aufgestellt waren, an andere Stelle verfrachtet. Demnächst sollen die Objekte eingesammelt und in einem Glaskubus dauerhaft aufbewahrt werden. Die Auseinandersetzung mit der Tragödie wird allmählich der Geschichte überantwortet.

Duisburg, Karl-Lehr-Straße

Ich frage mich aber, ob ein gläserner Kubus der geeignete Behälter ist, um die Reaktionen aus der Öffentlichkeit angemessen zu würdigen und nicht vielmehr eine sterile Verpackung, eine Art Schneewittchensarg für das, was in der Stadt ganz offensichtlich an Diskussions- und Konfliktstoff vorhanden ist. Die Unglücksstelle ist auch eine Art Forum geworden, und es ist bemerkenswert, wie viele Plakate und Zettel Bezug nehmen auf ganz konkrete Debatten über die Stadt, die Region, über Sinn und Bedeutung von Veranstaltungen wie der Loveparade. Müsste es nicht eher darum gehen, diese Debatten fortzuführen anstatt sie in einer gläsernen Kapsel zu versiegeln? (Dass der Kubus neben dem Garten der Erinnerung platziert werden soll, der dem Gedenken einer anderen Katastrophe gewidmet ist, scheint mir auch nicht ganz unproblematisch.)

Duisburg, Loveparade 2010

Man kann auch nicht übersehen, dass viele Plakate und Zettel nicht gerade zimperlich mit denen umgehen, die für Planung und Organisation verantwortlich waren, bis hin zur symbolischen Lynchjustiz. Das ist sicher nicht freundlich, aber es ist nun mal kein beiläufiges Phänomen und man wird sich auf offizieller Seite Gedanken machen müssen, wie man mit dieser Negativität umgehen will.

Duisburg, Karl-Lehr-Straße

Die Trauergaben, heißt es von offizieller Seite, sollen in einigen Tagen von „den Bürgerinnen und Bürgern“ eingesammelt werden. Ob dabei eine vollständige Kollekte beabsichtigt ist, weiß ich nicht, aber zu den zahlreichen Dokumenten, denen ich eine Erhaltung wünsche, gehört dieser Pappkarton hier. Der Tonfall mag ein bisschen schulmeisterlich sein, aber man liest darin ein ernsthaftes Interesse, die Vielzahl der Trauerbekundungen als Monument zu würdigen (lasst eine Gasse frei, damit das Regenwasser ablaufen kann, denn nichts soll verloren gehen), und ebenso, zumindest rudimentär, den Wunsch, das zu betonen, was hervorgehoben werden muss („Die Menschen sollen die Scheißtreppe sehen!“).

Duisburg, Karl-Lehr-Straße

Dass Orte spektakulärer Unfälle selbst zu einer Art Spektakel werden, gibt es häufig, aber hinter der gruseligen Schaulust steht auch ein nachvollziehbares Bedürfnis, nämlich den Ort des Geschehens nicht in banale Alltäglichkeit zurückfallen zu lassen, sondern mit einem Sinn und einem Kontext zu versehen. Was zugleich auch ein paradoxes Unterfangen ist, denn so wie ein Wallfahrtsort für die Hoffnung steht, dass jederzeit alles passieren kann, wird eine Unfallstelle zu einem Symbol für die Angst davor, dass das tatsächlich wahr sein könnte: Beides sind Orte, an denen die Erklärbarkeit und Ausdeutbarkeit der Welt einen Riss bekommt, was es um so dringlicher macht, Erklärungen und Ausdeutungen zu finden.

Duisburg, Karl-Lehr-Straße

Die Loveparade war eine Veranstaltung, die schon vorab mit einiger Bedeutung aufgeladen wurde. Es ist eines der Kennzeichen der Event-Kultur, dass sie schon im voraus den Ereignissen, die sie inszeniert, eine historische Relevanz zusichern und die Interpretation gleich mitliefern muss. „Let the memories begin“, hieß der Slogan, mit dem ein englischer Fernsehsender vor Jahren die Berichterstattung zur Fußball-WM ankündigte. Es gibt, um mit Mark Fisher zu sprechen, eine postmoderne „Fixierung auf die Produktion von Denkwürdigem“, eine „Sehnsucht nach Erinnerungen“, die schon vorab angesprochen werden will und das erst noch zu Erlebende auch gleich erklärt haben möchte. Wenn dann etwas schief geht oder gar in einer Katastrophe endet, liegt darin auch eine Art von Betrug: Mit den versprochenen Erinnerungen verliert man auch die Interpretation, in der man sich schon eingerichtet hatte. Es ist eine bittere Ironie, dass das Unglück nur eine Woche nach dem Autobahn-Fest passierte, als sei es über die menschliche Tragödie hinaus auch noch darum gegangen, die Euphorie eines kollektiven urbanen Miteinanders und eines strahlenden Aufschwungs der Regionalmarke Ruhr, die in der Woche dazwischen die Berichterstattung dominierte, nachhaltig zu demolieren. Das Gefühl, durch die Tragödie um etwas betrogen worden zu sein, mag auch einiges von der Aggressivität und Heftigkeit erklären, die sich auf vielen Dokumenten kundtut.

Duisburg, Karl-Lehr-Straße

Die Karl-Lehr-Straße wird in einigen Wochen wieder für den Verkehr freigegeben. An der Unglückstelle soll eine Gedenktafel angebracht werden, und „spätestens zum Jahrestag des Unglücks sollen Duisburger Künstler eine Stele für die Opfer des 24. Juli 2010 gestalten“, sagt die Stadt. Und außerdem: „Alle Beteiligten des ‚Bürgerkreises Gedenken‘ sind sich einig, dass das Ziel, eine Gedenkstätte für die Opfer zu errichten, weiter verfolgt wird.“

Duisburg, Karl-Lehr-Straße