In der Photographischen Sammlung der SK Stiftung Kultur gibt es zur Zeit eine Werkschau des Kölner Photographen Boris Becker. Eine unbedingt sehenswerte Ausstellung, nicht nur weil sie einen wirklich repräsentativen Querschnitt durch Beckers Arbeiten verschafft.

Plakatmotiv der Ausstellung ist das Bild einer Brücke in Ostdeutschland, ein Bild, das am deutlichsten den Einfluss der Bechers erkennen lässt. Aber der liegt vor allem in der Genauigkeit der Konstruktion. Das Interessante an Beckers Bildern sind weniger die Gesetze der Serie, die Typologien und Regelmäßigkeiten der Motive einer Werkgruppe, sondern gerade die Abweichungen, Varianten und Ausnahmen von der Regel: Die Momente, in denen Dinge sichtbar werden, die das Typische überschreiten: Risiko, Scheitern, Bastelei, Sorgfalt, Vergänglichkeit. Etwa in der Reihe mit Bildern von Einfamilienhäusern, wo man selbst in der biedersten Fliesenfassade noch Spuren individueller Kreativität oder Nachlässigkeit findet, und damit den Verweis auf eine Geschichte und einen Kontext, ohne dass man einen Hinweis darauf bekäme, wie dieser Kontext tatsächlich aussieht. Und natürlich geht es immer auch um den Betrachter, der so etwas interessant und bemerkenswert genug findet, um es als Motiv zu fotografieren und zu bestaunen.

Was mir Beckers Bilder besonders sympathisch macht, das ist der Raum, den sie der Komik lassen, die aus der Diskrepanz zwischen Regel und Anwendung entsteht. Das gilt für die Wohnhausbilder, und auch für die Serie mit Aufnahmen von Hochbunkern, die ihre militärische Funktion in einer Vielzahl von Formen und Verwendungsmöglichkeiten verstecken und als Bauernhöfe, Litfasssäulen, Wassertürme oder stilisierte Burgen auftreten. Für eine andere Reihe hat Becker die Ziegenställe von Flüchtlingen in der Sahara fotografiert: Nebeneinander gestellt werden daraus skurrile Installationen, die tatsächlich eine verblüffende Einheitlichkeit besitzen, andererseits aber auch einen faszinierenden Reichtum an Do-It-Yourself-Lösungen und idiosynkratischen Variationen.

In den Landschaftsbildern und in der „Fakes“ genannten Reihe mit Aufnahmen von angeblichem oder echtem Schmuggelgut ist die Auseinandersetzung mit Form, Funktion und Vertrauenswürdigkeit von Bildern abstrakter, vielleicht auch irritierender. Vielleicht ist es aber auch einfach so, dass die Bastelei nur dem Betrachter überlassen wird, der selbst einen Kontext aus den Zeichen zusammensetzen muss. Becker erwähnt in einem Interview auf seiner Homepage übrigens Ferdinand Gregorovius, dessen Wanderjahre in Italien er bei einem Aufenthalt dort als eine Art Reiseführer gegen das allzu Konkrete.

Die gleichen Wege abfahrend, versetzte ich mich sozusagen auch in die Ursprungszeit der Fotografie zurück und damit auch in eine andere Wahrnehmung des Reisens. Irgendwo zu wandern oder in einer urwüchsigen Landschaft zu reiten, ist etwas Grundanderes als die Fahrt per Auto. […] Ich erinnere vor allem Geschichten aus den Sabiner Bergen nördlich von Rom, wie er nachts im strömenden Regen bestimmte Orte erreichte. Heute unvorstellbar, wie es ist, irgendwo mitten in der Nacht anzukommen und auf jemand Fremden angewiesen zu sein, der einem Unterkunft gewährt, weil alles geschlossen hat. Diese Diskrepanz zwischen verschiedenen Reiseerfahrungen zu erleben, indem man Orte anfährt, ist wunderbar.

Die Ausstellung läuft noch bis zum 28. Februar 2010. Am 4. Februar wird Becker übrigens selbst eine Führung anbieten.