Wo er durchkam und seine Saiten zupfte und sie harmonisch unter seinem Daumen hüpfen liess, war er sicher, dass die Menge ihm folgte. Versteht man sich auf solches Geheimnis, stirbt man niemals Hungers. - Baudelaire

In der japanischen Literatur gibt es ein neues Genre: Keitai shousetsu, den Handy-Roman – Erzähltexte, die komplett mit dem Mobiltelefon getextet worden sind. Das klingt, wenn man aus einem traditionellen Schreibverständnis denkt, erst mal bizarr, schon aus Gründen der Praktikabilität: Das Handy als Instrument zum Verfassen narrativer Texte? Wie soll man denn auf diesen Mini-Displays und Daumen-Tastaturen in erzählerischen Fluss kommen, geschweige denn komplexe sprachliche und erzählerische Texturen verwalten?

Um Komplexität geht es den Handy-Romanciers aber gar nicht, zumindest nicht intentional. Das Produktionsmedium bestimmt auch die formalen Struktur der Texte – kurze Sätze, viel Dialog, wenig Ausarbeitung von Handlungsträngen oder Charakteren. Sagt jedenfalls die New York Times. Es handelt sich – das schreibt die Times nicht so deutlich, ergibt sich aber aus einigen älteren Meldungen zum Thema – vor allem um populäre und triviale Genres. Auch deshalb, weil die Romane nicht nur auf Handys geschrieben worden, sondern auch für die Lektüre auf Handy-Displays gedacht sind. Das ist offenbar ein ausgesprochen populärer Zeitvertreib, darum kümmern sich mittlerweile einige Verlagshäuser um dieses Subgenre, und das mit großem Erfolg: Unter den zehn meistverkauften Büchern des vergangenen Jahres waren fünf, die ihren Start als Handy-Romane genommen hatten.

Das führt wiederum in der literarischen Öffentlichkeit Japans zu Diskussionen, die man auch aus unseren Breiten kennt, wenn Pop- und Hochkultur kollidieren: Ist das ein neues Genre, das näher dran ist an den Lesegewohnheiten und Erfahrungswelten der jungen Japaner? Oder eine Verfallserscheinung, einer der vielen Tode, die “der Autor” (als Institution) in den vergangenen Jahrzehnten gestorben ist? Der übliche feuilletonistische Salon-Smalltalk also – interessanter finde ich da ein paar andere Aspekte.

Zum Beispiel, dass die meisten der Handy-Autoren literarische Debütanten sind.(was die Ablehnung durch das literarische Establishment nur verstärken dürfte). Das heißt: Da ist eine Generation von Autoren sichtbar geworden, die durch das Handy zum Erzählen gekommen ist: ““It’s not that they had a desire to write and that the cellphone happened to be there,” zitiert die Times einen japanischen Literaturprofessor. “Instead, in the course of exchanging e-mail, this tool called the cellphone instilled in them a desire to write.”

Das Mobiltelefon als Werkzeug, um die Eintrittsbarriere zum Schriftstellern zu senken, ähnlich wie auch Blogs zu einer literarisch oder journalistisch stilisierten Schreibproduktion einladen. (Wobei beide Sphären, die mobile und die bloggige, in Japan nicht so scharf getrennt sind: Die Handy-Texte erscheinen auch auf blogartigen Websites, werden also auch am Computer gelesen, und überhaupt war eine Gebuirtshelferin des Genres die Entscheidung der japanischen Mobilfunk-Konzerne, Flatrates und quasi unbegrenzte Sendekapazitäten einzuräumen.) Insofern sind die Eulogien auf den Autor (als Institution) durchaus berechtigt, genauso wie Blogs, auch da, wo sie nicht journalistisch gemeint sind, das Koryphäentum des Journalisten in Frage stellen.

Aber wie kommt es, dass in Japan die Möglichkeit, mit dem Handy Texte zu verfassen (und zu lesen), in Romanen mündet, also in einer literarischen Form, die selbst im trivialsten Fall eine Ökonomie des langen Atems und der geduldigen Komposition verlangt? Your mileage may freilich vary, aber die Texte wollen offensichtlich was anderes als das Hemingwaysche Modell einer Erzählung in sechs Wörtern abzubilden. Man würde ja vermuten, dass SMS, Twitter und dergleichen maximal in aphoristischen oder anekdotischen Formen münden. In Japan weckt das reduzierte Texten dagegen scheinbar bei einigen Schreiben und Lesern den Wunsch, Anlauf zu einer epischeren Distanz zu nehmen. Und die formalen Möglichkeiten, die das Schreiben mit und für das Handy bietet, ganz offensiv als Befreiung von tradierten literarischen Konventionen zu sehen, etwa in diesem Zitat der Handy-Autorin Mika Naito:

Traditionally, Japanese would depict a scene emotionally, like ‘The train came out of the long tunnel into the snow country’. In cellphone novels, you don’t need that. If you limit it to a certain place, readers won’t be able to feel a sense of familiarity.

Reduktion als Weg zu Verallgemeinerung. Nebenbei sieht man daran auch, wie das Handy in Japan, deutlicher als bei uns, nicht nur als Kommunikationsinstrument wahrgenommen wird, sondern auch als digitaler, privater Notizblock und Organizer. Um Textfragmente abzuspeichern und zu inventarisieren, schicken viele Handy-Autoren sie einfach per SMS an sich selbst (bzw. an eine eigene Homepage auf einer entsprechenden Web-Plattform). In der Essenz das Gleiche wie die Nutzung eines Blogs als virtuellen Zettelkastens, nur eben in einem Medium, das wir dafür nicht unbedingt in Betracht ziehen.

Man kommt somit von diesem seltsamen Subgenre sehr schnell zu weiteren spannenden Themen, zu Fragen über die Bedingungen und Voraussetzungen textlicher, “literarischer” Produktion, über den Zusammenhang zwischen Werkzeug und Produkt. (Clive Thompson spricht ein paar Aspekte in seinem Blog an.) Das auch vor dem Hintergrund, dass dieses Subgenre längst seine Rückkopplung in traditionelle Medien erfahren hat: Die Buchveröffentlichungen habe ich schon erwähnt, die erste Verfilmung eines Handy-Romans ist ebenfalls bereits auf dem Markt, und längst entstehen schon Texte, die das Produktionsverfahren nur noch kopieren, also nur so tun, als wären sie auf dem Handy getippt worden und nicht am PC.

Das Genre könnte sich also, kaum bemerkt, schon wieder auflösen. Der Reiz eines Instruments liegt schließlich nicht in dem, wofür es gedacht ist, sondern wofür es genutzt wird, und wenn der Effekt anders erzeugt werden kann, ist das auch in Ordnung. Aber auch wenn der Handy-Roman nur eine kuriose literarische Fußnote sein sollte, ist er doch eines von vielen Phänomenen, in denen die Konventionen des Erzählens und Kommunizierens durch neuere Tools und Praktiken erweitert, verschränkt und unterminiert werden.