gleiche höhe ist kein abseits

ein kleines museum des zufalls

Ruhrhalden-Tour I

Halde Haniel

Bergehalden sind die sichtbarsten Zeugnisse einer notgedrungen verschwenderischen Industrie. Fast die Hälfte des Materials, das im Steinkohleabbau zu Tage gefördert wird, ist taubes Gestein (Berge), und davon wiederum müssen drei Viertel oberirdisch aufgehäuft werden. Es hat relativ lange gedauert, bis man diesen landschaftlichen Eingriff als eben das begriffen hat: Eine Umgestaltung der Landschaft, die Struktur, Aussehen und Ökologie einer Region maßgeblich verändert. Erst spät begann man damit, Halden bewusst als Landschaftsbauwerke zu definieren, die auch nach ihrer industriellen Nutzung noch eine Funktion haben sollten, und schon für den Entstehungsprozess feste Gestaltungsregeln aufzustellen.

Aus ökologischer Sicht sind Halden durchaus widersprüchliche und komplexe Gebilde. Einerseits schaffen sie eine Vielzahl von Umweltproblemen: Durch ihren Platzbedarf zerstören sie großflächige Lebensräume und Biotope. Die hier aufgeschütteten Materialien können das Grundwasser und die Luft verunreinigen, sie können in Bewegung geraten (mit gelegentlich katastrophalen Konsequenzen) und sich sogar selbst entzünden. Andererseits sind Halden ein Beispiel dafür, wie auch industrielle Brachen eine eigene Ökologie entwickeln. Vermutlich gibt es nur wenige Industriebauwerke, die bei Naturschützern so beliebt sind wie Abraumhalden, weil sich hier aufgrund der besonderen Mikroklimata und Bodenverhältnisse oft eine vielfältige und oft seltene Fauna und Flora entwickelt, die es an anderen Stellen nicht gibt. Das führt zu dem etwas paradoxen Bedürfnis, diese künstliche Landschaft möglichst natürlichen Entwicklungsbedingungen zu überlassen. Was dann wiederum kollidiert mit den Interessen und Wünschen von Hobbysportlern und Spaziergängern, aber auch denen lokaler Kommunalpolitiker und Tourismusmanager, die die Abraumhalden als Landmarken aufwerten und zu Erlebnisparks umgestalten möchten.

Tetraeder und Halde Haniel

Halden sind ein herausragender Ort, um unterschiedliche Arten öffentlicher Inanspruchnahme der Landschaft zu beobachten. Dass die Berge aus der Retorte ein spannendes Areal für Landschafts- und Städteplaner sind, ist keine Frage. Aber natürlich werden sie auch Objekt der spontanen und informellen Landschaftsgestaltung durch Anwohner, Touristen und alle, die sonst etwas mit diesem Gelände anfangen können. Wie sich das eine mit dem anderen vertägt, lässt sich wohl nur an wenigen Orten so gut beobachten wie im Ruhrgebiet, wo mehr Halden nahe beieinander liegen als irgendwo sonst in Deutschland. Wie viele es insgesamt gibt, ist gar nicht so einfach herauszufinden: Rund 170 Halden wurden im Laufe der Industriegeschichte aufgeschüttet. Davon existieren zwar längst nicht mehr alle, aber ein aktueller Reiseführer, der sich speziell den Halden widmet, spricht von etwa 70, die Website der Route zur Industriekultur sogar von 100. Wie die stillgelegten Zechen sind sie längst zu Symbolen des Strukturwandels erklärt worden: Sozusagen das Biotop, in dem die Verwandlung des Phönix aus der Asche zum Teil der regionalen Freizeit- und Erlebniskultur wird.

Mountainbiker auf Rheinelbe

Die folgende Route ist eine gute Möglichkeit, ein paar der prominenteren Halden in Augenschein zu nehmen. Ein paar technische Hinweise dazu: Es ist eine sehr lange Route, die sich aber gut in kleinere Portionen aufteilen lässt. Die lange Anfahrt vom Startpunkt am Hauptbahnhof Oberhausen bis zur ersten Halde in Essen und der Zielpunkt am Bahnhof Dinslaken sind aus praktischen Gründen gewählt – beide Bahnhöfe liegen für mich am günstigsten. Beides kann man natürlich abkürzen, aber sowohl die Route durch Oberhausen und Essen als auch das Finale Richtung Dinslaken führen durch mindestens ebenso sehenswertes Gelände wie die Tour über die Halden.

Die Route geht über Fahrradwege, ruhige Seitenstraßen und Waldwege. Die Wege auf den Halden selbst sind von unterschiedlicher Qualität: Auf einigen gibt es asphaltierte Sträßchen, meistens hat man es aber mit geschotterten Pisten zu tun, an einigen (wenigen) Stellen führt der GPS-Track über kleine Pfade und Singletrails. Mit einem guten Mountainbike oder Tourenrad ist die Tour kommt man da überall durch. Die Orientierung ist in der Regel selbst da, wo man es –etwa auf der Schurenbachhalde oder auf Haniel – mit einem fast schon labyrinthischen Netz an Haupt- und Nebenwegen zu tun hat, nicht wirklich schwierig.

Halde Haniel

Und nun zu den Halden, die man auf dieser Tour abfahren kann.

Zunächst geht es vom Hauptbahnhof Oberhausen am Grillopark und Rathaus vorbei durch ruhige Wohnviertel, dann auf kleinen Nebenwegen und Seitenstraßen Richtung Essen. Dort passiert die Route urbane Landmarken wie die ehemalige Zeche Amalie, den Berliner Platz und den Campus der Universität, dazu zahlreich Grünanlagen und Schrebergärten. Nach 17 Kilometern sind wir schließlich an der ersten Halde:

Halde Zollverein

Rückriem auf Zollverein

Sie ist die unauffälligste und niedrigste dieser Tour, aber weil sie nur zurückhaltend gestaltet wurde und einen etwas romantisch-ruinösen Eindruck macht, auch eine der schöneren. Der Name „Zollverein“ ist nicht ganz exakt, sie hat eigentlich keinen richtigen, gehört aber zum Komplex der Zeche Zollverein und liegt zwischen der ehemaligen Kokerei und dem eigentlichen Zechengelände. Ein paar vor sich hinrostende Maschinen, Gleise und Schuppen sind die einzigen Indizien dafür, dass es sich hier mal um ein Industriegelände gehandelt hat. Die GPS-Route führt über den Hauptweg, der sich sanft hangaufwärts schlängelt, und dreht eine kleine Runde auf einem Singletrail durch den Laubwald. Entlang der Strecke stehen mehrere Granitskulpturen von Ulrich Rückriem, die beeindruckendste ein vierteiliger, mauerartiger Block im ehemaligen Absetzbecken. Anschließend geht es über das Gelände der Zeche Zollverein weiter (am Wochenende muss man da einen vorsichtigen Slalom durch die zahlreichen Besucher absolvieren) Richtung Gelsenkirchen. Dabei kommt man am Zollvereins-Kubus vorbei, neben dem sich die Halde Zollverein ½ befindet – eine alte Spitzkegelhalde, die nicht betreten werden kann.

Weiter geht es über ehemalige Bahnstrecken zur

Halde Rheinelbe

Himmelstreppe

Rheinelbe erreicht man etwa bei Kilometer 27 dieser Tour. Der Name allein verleitet schon zur Mythologisierung, mit seiner merkwürdigen ungeographischen Verschmelzung zweier großer Flüsse. Tatsächlich ist Rheinelbe eine der prominenteren und gezielt als Landmarke gestalteten Halden des Ruhrgebiets, mit einer von Herman Prigann gestalteten „Himmelstreppe“, einer totem-ähnlichen, aus Betontrümmern gestalteten Skulptur auf einem Spitzkegel, der von schneckenhausförmigen Spazierwegen umkreist wird. Das der Kegel wie ein Miniaturvulkan aussieht, ist übrigens nicht so unpassend: Rheinelbe gilt als brennende Halde und ist damit auch ein Mahmal für die Unabschätzbarkeit ökologischer Risiken und Nebenwirkungen. An der Skulptur üben sich türkische Jungs in Kletterkünsten, Rentner erläutern ihren Enkeln die Gegend, Mountainbiker stürzen sich den Steilhang hinunter. Dass das Ruhrgebiet erstaunlich grün ist, soll man ja laut Frank Goosen möglichst nicht mehr sagen, aber von hier aus sieht man, dass die Region bei weitem nicht so dicht besiedelt ist wie man denken könnte. Man sieht Raps- und Getreidefelder, Wälder und mit dem Essener Mechtenberg eine der natürlichen Erhebungen des Ruhrgebiets. (Nicht zu vergessen das Wattenscheider Lohrheide-Stadion, in dem ich vor vielen Jahren bei einer unvergesslichen Aufstiegsfeier des SC Freiburg dabei war).

Zu Füßen von Rheinelbe erstreckt sich ein kleines Waldgebiet, in dem Prigann einen „Skulpturenpark“ angelegt hat, wie die Himmelstreppe vor allem aus Industrieabfällen und –trümmern gestaltet und von Kindern gerne als Abenteuerspielplatz genutzt. Von den Trümmern alter Industrien geht es vorbei an den Utopien der neuen, also durch den Gelsenkirchener Wissenschaftspark Richtung Norden. Schon nach etwa fünf Kilometern sind wir an der nächsten Halde, nämlich

Halde Zollverein 4/11

Halde Zollverein 4-11

Der Name sagt es schon, auch diese Halde gehörte zum Komplex der Zeche Zollverein. Sie ist ebenfalls eine eher unspektakuläre Halde, mit einer fast vollständig bewaldeten Kuppe und einigen Reit- und Spazierwegen, außerdem eine kleine Lichtung, von der man zur Zeche und zur Essener Innenstadt schauen kann. Zu Füßen der Halde liegt die Trabrennbahn Nienhausen, eine der ältesten des Ruhrgebiets, und die Reitpfade werden von den Trabern als Trainings- und Auslaufstrecken genutzt. Insgesamt ist hier oben aber wenig los, und wer eine ruhige Pause braucht, sollte die nun einlegen.

Ansonsten geht es talwärts, vorbei an der Faith-Moschee – dem ersten Moscheebau in Essen – und unter dem Emscherschnellweg hindurch in Richtung Rhein-Herne-Kanal.

Schurenbachhalde

Bramme für das Ruhrgebiet

Die Schurenbachhalde liegt zwischen Kanal und Autobahn. Sie ist ein Paradies für Mountainbiker und BMXer, die hier zahlreiche kleine Trails und Schanzen durchs Gehölz angelegt haben. Eine steile Treppe führt den Osthang der Halde hinauf, unsere Route folgt breiteren Spazierwegen und kleinen Pfaden zum Gipfel. Auch die Schurenbachhalde ist als Landmarke gestaltet, aber das in einer wirklich gelungenen Form: Die Kuppe ist kahl, mitten im schwarzen Kohlenstaub steht Richard Serras Bramme für das Ruhrgebiet – ein melancholisches Symbol für einen Großraum, der – Strukturwandel hin, Kulturhauptstadt her – eine Neudefinition erst noch finden muss. Ein großartiger Ort, gerade wegen seiner Leere und Unbestimmtheit. Und Bramme ist ein fantastisches Wort, ein seltenes Zusammentreffen von der Sound und Bedeutung. (Dass Serra sie in Lothringen produzieren lassen musste, weil es im Ruhrgebiet selbst keine Möglichkeit mehr dazu gab, ist natürlich auch von einer sehr treffenden Symbolik.)

Über einen fabelhaften Downhill-Trail geht es bergab und über den Kanal zur Gartenstadt Welheim. Die Gartenstädte des Ruhrgebiets sind ein Kapitel für sich, und Welheim ist ein besonders hübsches Beispiel, aber dafür haben wir jetzt keine Zeit, denn wir müssen weiter zur

Halde Prosperstraße

Halde Prosperstraße

Die Halde, beziehungsweise die Straße, an der sie liegt, hat ihren Namen von der Zeche Prosper, einer der (unübersehbar) noch aktiven Steinkohlezechen. Auf der Halde befindet sich das Alpincenter Bottrop, ein Beweis dafür, dass die moderne Freizeit- und Eventkultur auch Abscheulichkeiten produzieren kann, die denen der Großindustrie in nichts nachstehen. Das Alpincenter beherbergt eine Skihalle und wälzt sich als blechernes Monster den Hang hinab. Außerdem gibt es eine Sommerrodelbahn, einen lieblos angeflanschten Biergarten und eine Art Kletterpark (eigentlich nur ein mickriges Gerüst). Nichts gegen Freizeit am Fließband, aber dieses Dings hier ist dermaßen rücksichtslos in die Landschaft geklotzt, das man sich fragt, wer in sowas eine echte Aufwertung sehen soll. Vom Parkplatz des Alpincenters hat man einen ganz schönen Blick, aber ansonsten kann man sich diese Halde auch schenken.

Schöne Blicke hat man nämlich auch von der unmittelbar benachbarten Halde Beckstraße: Um dorthin zu gelangen, muss man sich nur kurz in das künstliche Tal stürzen, das von einer Bahnlinie durchschnitten wird, dann geht’s auch schon wieder aufwärts.

(Aber wo wir schon von sportlichen Dingen sprechen, noch eine kleine Abschweifung: Die Zeche Prosper hat ihren Namen übrigens von Herzog Prosper von Arenberg, der hier das Bergregal besass. Zur Dynastie der Arenbergs gehörte auch eine französische Linie, die in Nordfrankreich als Bergunternehmer tätig war. Nach diesen Arenbergs ist die Arenberg-Grube in Wallers benannt und damit auch die Trouée d’Arenberg, einer der legendären Kopfsteinpflaster-Sektoren bei Paris-Roubaix.)

Halde Beckstraße

Tetraeder

Die Beckstraßenhalde nennt die Stadt Bottrop inzwischen lieber „Haldenereignis Emscherblick“. Das suggeriert eine landschaftsgestalterische Zurichtung zum touristischen Spitzenprodukt für eine Event- und Spektakelkultur, die ihre Erlebnisse möglichst konsumfreundlich aufbereitet haben will. Die Halde an der Beckstraße ist fast ein bisschen zu perfekt herausgeputzt, und der Tetraeder, das ikonische Bauwerk auf dem Gipfel, fast etwas zu spektakulär. Aber das Geflecht aus sauber arrangiertem Gestänge, schrägen Treppen und schiefen Ebenen hat dann doch einen gewissen Jahrmarkts-Charme, und der Rundumblick ist tatsächlich grandios.

Es geht aber auch noch grandioser. Vom Haldenereignis geht es in weitem Bogen um die Bottroper Innenstadt zu einem meiner Lieblingsplätze im Ruhrgebiet:

Halde Haniel

Totems

Die Halde Haniel ist der Mont Ventoux des Ruhrgebiets. Die kahle Kuppe ist schon von weitem sichtbar, und auch wenn es hier nur auf 185 Meter hinauf geht, hat es der Anstieg durchaus in sich. Die GPS-Route folgt bergauf dem Verlauf des Kreuzwegs, der ein paar toughe Rampen und einigen losen Schotter hat. Wer da aus der Puste kommt, kann ja an den einzelnen Stationen anhalten und die verschiedenen Objekte aus der Geschichte des Bergbaus bewundern, die dort aufgestellt sind. Hinter dem vermeintlichen Gipfelkreuz geht links um die Kuppe herum und dann noch einmal ein gutes Stückchen hinauf, bis man tatsächlich ganz oben steht.

Der Gipfel der Halde Haniel ist zweifellos einer der beeindruckendsten Orte im Ruhrgebiet: Ein schwarzer, vulkanähnlicher Krater, düster und melancholisch. Im Krater selbst befindet sich ein einfaches, kleines Amphitheater, in dem man gerne die Aufführung eines antiken Königsdramas sehen möchte (und weniger gern eine große, personalintensive Produktion wie „Aida“ oder „Cabaret“, die es hier oben aber häufiger zu geben scheint). Auf dem Südrand des Kraters stehen seit 2002 die Totems von Agustín Ibarrola, eine stumme Wachmannschaft aus alten, bunt angemalten Eisenbahnschwellen. Und gemeinsam mit dieser Geisterarmee kann man den Blick schweifen lassen über das gesamte Ruhrgebiet, über die Halden, die man bisher besucht hat, und diejenigen, die man auf ein andermal vertagen muss, über grüne Flächen, Wohnviertel und Kraftwerke, über Symbole des Strukturwandels und strukturelle Beharrlichkeiten. Egal wie man die Route legt: Haniel würde ich immer als Schlusspunkt setzen, ein angemesseneres Finale gibt es nicht.

Trotzdem gibt es noch eine Bonus-Halde, die man sozusagen als Coda anhängen kann:

Halde Schöttelheide

Schöttelheide

Die Schöttelheide liegt direkt neben der Halde Haniel und ist von ihr aus auch gut zu sehen. Sie ist noch in Betrieb und eigentlich nicht zugänglich. Aber man kann von oben sehr gut erkennen, wie schon in der Entstehung der Halde landschaftsgestalterische Aspekte zum tragen kommen. So hat man beispielsweise einen Rundweg angelegt, der in sanften Schwüngen um die Schöttelheide führt. Auf diesem Kurs kann man nach den Anstrengungen des Tages und der rasanten Abfahrt über den Nordhang von Haniel noch einmal schön die Beine ausschwingen lassen, bevor es quer durch den Grafenwald in Richtung Dinslaken geht.

Mehr Haldenbilder gibt es hier. Weitere Haldentouren in Zukunft.

Haldenromantik

3 Kommentare

  1. Glänzender Text, großartige Bilder. Wenn es nicht drei Stunden Autobahn bedeutete, würde ich gleich hin hinfahren.

  2. Claus Moser

    20 05 10 at 22:10

    Danke für’s Kompliment. Ich kann ja beim nächsten Mal noch ein paar Hotels empfehlen 😉

  3. wirklich schön + informativ geschrieben und mit einer feinen Prise Kultur garniert. Eine Karte, auf der die Route aufgezeichnet ist, wäre super, aber auch so ist der Beitrag genial!

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