Fliegen heißt siegen

Ein kurzer Hinweis auf einen sehenswerten Film: Heute abend läuft auf Arte die Dokumentation Fliegen heißt siegen – Die verdrängte Geschichte der Deutschen Lufthansa von Christoph Weber (dessen Black Starlets und Operation Wunderland ich hier auch schon erwähnt habe).

Ein Film über ein unverändert relevantes Thema: Die Auseinandersetzung deutscher Unternehmen mit ihrer Geschichte im Dritten Reich. Lange genug wurde das aktive oder passive Mitwirken schweigend übergangen oder nach dem Motto „Wir waren ja alle Opfer“ uminterpretiert. Immerhin haben in den vergangenen Jahren einige Firmen damit begonnen, wenigstens ein paar Aspekte ihrer Verwicklungen aufzuarbeiten, zu dokumentieren und erforschen zu lassen – freilich oft genug nur dann, wenn der öffentliche Druck groß genug und eine Stellungnahme unvermeidlich war.

Die Lufthansa hat sich diesem Thema bisher kaum gestellt, und sie glaubt auch, einen guten Grund dafür zu haben: Sie sieht sich nicht als Rechtsnachfolger der Vorkriegs-Lufthansa, sondern als neues, nach dem Krieg gegründetes Unternehmen. Gleichwohl schmückt man sich natürlich mit Namen und Ikonographie des Vorgängers und suggeriert damit Kontinuität und Tradition, ohne für deren dunkle Seiten geradestehen zu wollen. Die kaltschnäuzige Seite dieser Inkonsequenz findet sich kaum deutlicher auf den Punkt gebracht als in der ebenso knappen wie ekelhaften Formulierung eines Lufthansa-Anwalts, mit dem Christoph Weber korrespondierte: Fehler in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit habe man nicht gemacht, weil es keine Vergangenheit gibt, mit der man sich auseinandersetzen müßte.

Es ist das klassische Modell: Die Nazi-Zeit wird als Perversion einer an sich unschuldigen Tradition gesehen, an die problem- und folgenlos angeknüpft werden könnte. Christoph Webers Film antwortet auf diese Haltung mit einer sorgfältig recherchierten und genau erzählten Dokumentation, die zeigt, wie eng das Unternehmen, dessen Namen, aber nicht dessen Verantwortlichkeiten die aktuelle Lufthansa fortführen will, in die politischen und militärischen Strukturen eingebunden war und welche zentrale Rolle sie vor allem für die Kriegsvorbereitungen und militärischen Operationen des NSDAP-Regimes spielte. Exemplarisch steht dafür Erhard Milch, der als Vorstandsmitglied der Lufthansa, Staatssekretär im Luftfahrtministerium und Generalinspekteur der Luftwaffe die Symbiose der zivilen und militärischen Luftfahrt gewährleistete. Bezeichnenderweise hat Milch möglicherweise selbst versucht, seine Biographie zu klittern, als Zweifel an seiner arischen Abstammung laut wurden.

Wo dann doch Auseinandersetzung stattfindet, wird sie allenfalls rudimentär betrieben. So ist der Ausgangspunkt des Films eine Studie zur Geschichte der Lufthansa im Dritten Reich, die zwar vom aktuellen Konzern finanziert, nach Fertigstellung aber nie veröffentlicht wurde. Ein bezeichnender Moment ist auch der Besuch der Erich-Schatzki-Straße auf dem Hamburger Lufthansa-Gelände. Schatzki war in den Anfangsjahren der Lufthansa Leiter der technischen Entwicklungsabteilung, wurde aber im Umfeld der Machtergreifung als Jude aus dem Betrieb gemobbt. Dass es eine Firmenstraße mit diesem Namen gibt, ist vor allem der Initiative einiger engagierter Betriebsräte zu verdanken – dass auf dem Straßenschild kein biographischer Hinweis angebracht werden durfte (wie ein Betriebrat auf der Premiere des Films erzählte), und dass der Pressesprecher, der die Straße gemeinsam mit Schatzkis Sohn und dem Filmteam aufsucht, nicht besonders informiert auftritt, paßt wiederum zur gesamten Konzernkommunikation zu diesem Thema.

Die Sorgfalt und Aufmerksamkeit, mit der sich der Film dieser Geschichte widmet, ist aber vor allem da wirkungsvoll, wo es um das Schicksal der Zwangsarbeiter geht, die für die Lufthansa arbeiten mussten: Hier erkennt man, dass zur Tragödie der Gefangenschaft noch eine weitere kam, nämlich die, über das eigene Schicksal nicht wirklich sprechen zu können und keine Plattform zu finden, auf der das persönliche Leid ernst genommen wird. Dass sich die Lufthansa bis heute hinter juristischen und bürokratischen Argumenten verschanzt, um diese Diskussionen nicht führen zu müssen, gehört zu den beschämendsten Aspekten der Firmengeschichte.

„Fliegen heißt siegen“ läuft heute abend um 20.15 auf Arte. Der Film wird am 24. und 27. Juli wiederholt, am 4. August zeigt die ARD um 23.15 eine gekürzte Fassung.