Böhm Chapel

Von einer Kultstätte auf grüner Wiese zur Kulturstätte im Neubaugebiet: Die Ursulakirche in Hürth-Kalscheuren ist eine von vielen Kirchen im Rheinland, die in den vergangenen Jahren geschlossen wurden. Gebaut wurde sie von 1954-56 nach Plänen von Gottfried Böhm (und Vorentwürfen seines Vaters Dominikus), und der weiße Bau mit dem schlanken Glockenturm und den sechs Konchen gehört sicher zu den elegantesten Kirchenbauten der Böhm-Dynastie. Er steht in einem Umfeld, in dem ansonsten wenig Elegantes zu sehen ist: Kalscheuren ist eigentlich wenig mehr als ein ausgedehntes Gewerbegebiet mit etwas dazwischengewürfelter Wohnbebauung. Früher saß hier vor allem verarbeitendes Gewerbe: Übrig sind davon noch das 1895 gegründete Rußwerk, das sich allerdings schon auf Kölner Gemeindegebiet befindet und heute zum Evonik-Konzern gehört, und die Malzfabrik von 1902, einer der wichtigsten Zuliefererbetriebe für die regionale Brauindustrie. Ansonsten dominieren heute vor allem Speditions- und Logistikfirmen, die vom nahegelegenen Güterbahnhof Eifeltor profitieren, und Unternehmen der Medienbranche, wie die MMC Studios direkt neben der Kirche. Das Logo der Studios ist ein springendes Einhorn: Es thront auf einem hohen Mast, der – als Wahrzeichen einer moderneren und effizienteren Illusionsmaschinerie – den Glockenturm von St. Ursula deutlich überragt.

Böhm Chapel

2006 wurde St. Ursula profaniert und an einen ortsansässigen Bauunternehmer verkauft, der auf dem Areal Reihenhäuser errichten ließ. Die Kirche ließ er aber stehen, und der Bau ist nun Mittel- und Anziehungspunkt des Carrèe Campanile, wie das Neubauensemble etwas großspurig heißt. Über eine neue Nutzung des Kirchengebäudes wurde lange diskutiert. 2010 wurde es schließlich vom Kölner Galeristen Rafael Jablonka übernommen, zur Böhm Chapel umgetauft und zum Ausstellungsraum umgewidmet. Und hat damit, das muss man neidlos anerkennen, eine der schönsten Kunststätten geschaffen, die man in und um Köln finden kann: Ein heller, lichtdurchfluteter Raum, überwölbt von einer wunderschönen Deckenkonstruktion, die über dem Bau zu schweben und nur von der netzartigen Fensterdekoration stabilisiert zu werden scheint. Von der Inneneinrichtung ist so gut wie nichts mehr übrig geblieben, das Gebäude ist eine leere Hülle, aber lädt natürlich gerade dadurch zur Ausgestaltung ein. Genau in der Mitte des Raumes gibt es freilich noch den Grundstein der Kirche, eingelassen in einen Mühlstein, der mit der Taufformel und den kryptischen Zeilen „Mutter siebenfach der Strom/Drauf zu Gottes heilger Drei/Du die Vier der Welt trägst heim“ beschriftet wurde – letzte Reminiszenz der religiösen Funktion, die das Gebäude einmal hatte. Auf diesen Stein sollte man sich bei einem Besuch der Kirche übrigens ruhig einmal stellen und laut ein paar Worte sagen – der Effekt ist beeindruckend. (Woher das Gedicht stammt, kann allerdings auch Jablonka nicht erklären.)

Über die Neubauten, die die Böhm Chapel umgeben, kann man geteilter Meinung sein – für meinen Geschmack sind sie wenig aufregende Durchschnittsarchitektur, die der schlichten Eleganz des Kirchenbaus nicht wirklich entgegen kommen. Außerdem umzingeln sie die Kirche förmlich und nehmen ihr damit einiges von der Wirkung, die ursprünglich intendiert war, nämlich „einem antiken Tempel gleich […] frei inmitten einer weiten begrünten Oase“ zu stehen (wie es hier heißt). Von dieser Oase ist nur ein kleines Rasenstück übrig geblieben, das Star-Landschaftsarchitekt Piet Blanckaert zwar mit ein paar Bäumchen bepflanzt hat, aber die sind eher wie eine Sichtblende angeordnet, als wollten sie die Kirche vor der baulichen Langeweile ringsum in Schutz nehmen.

Trotzdem lohnt sich natürlich ein Besuch der Böhm Chapel, und zwar am besten dann, wenn der Ausstellungsraum auch geöffnet ist (in der Regel immer am Wochenende). Bis September 2011 ist dort noch eine Rauminstallation von Sherrie Levine zu sehen: zwölf Totenschädel aus Kristallglas, in einem Kreis aus edlen Holzvitrinen angeordnet – ein treffender Kommentar zur Aura eines kleinen Kunsttempels, zu den Parallelen von Kunst- und Immobilienmarketing und nicht zuletzt zur ursprünglichen Namenspatronin der Böhm Chapel, nach der in Köln auch noch eine Kirche benannt ist, in der sich wiederum ein ganzes Kabinett voller Totenschädel besichtigen lässt.


Karte und GPS-Downloads gibt es auch hier.

Die Böhm Chapel ist von Köln aus einfach zu erreichen: Der Bahnhof Hürth-Kalscheuren liegt nur ein paar Schritte entfernt, die Straßenbahnhaltestelle Hermülheim (Linie 18) ist auch nicht weit weg. Aber man kann den Weg zur Kapelle etwas aufwändiger, dafür auch reizvoller gestalten: Als Ziel eines längeren Spaziergangs, der über die ersten Anhöhen des Vorgebirges führt und einige schöne und aufschlussreiche Blicke in die Kölner Bucht erlaubt. Entlang der Strecke gibt es außerdem einige interessante Dinge zu entdecken, und das unvermittelte, oft erstaunlich jähe Nebeneinander von beschaulichen Wald- und Wiesengebieten, dörflichen Wohngebieten und großer Industrie ist eine angemessene Einstimmung auf den Besuch der Kapelle. Der Weg ist nicht besonders anstregend, es gibt keine nennenswerten Anstiege, ich würde aber empfehlen, ihn an einem trockenen Tag und mit festem Schuhwerk zu gehen.

Für diese Tour muss man zunächst einmal nach Vochem fahren, den nördlichsten Stadtteil von Brühl. In Vochem gibt es eine Haltestelle der Linie 18, und daneben auch einen geräumigen Parkplatz. Von der Haltestelle aus überquert man zunächst die Römerstraße, gehen dann ein kleines Stück nach rechts bis zu einem kleinen Umspannwerk. An der Nordseite des Umspannwerks führt ein schmaler Fußpfad in das Wohngebiet auf den Fronhofweg. Hier hält man sich zunächst links, an der nächsten Kreuzung rechts und dann gleich wieder links in die Sankt-Albert-Straße.

Die Straße führt bergan zur Matthäuskirche, einem neugotischen Bau, dem man in den Sechzigern ein etwas seltsames Querschiff eingezwängt hat. Hinter der Kirche geht es rechts in die Straße „An der Linde“ und dem Straßenverlauf folgend weiter bergan bis zur Weilerstraße. Rechts in die Sackgasse einbiegen. Die Straße geht bald in eine Piste über und führt direkt auf die Gebäude des Weilerhofs zu.

Der Weilerhof gehört zu den ältesten Anwesen der Gegend, und seine Geschichte reicht vermutlich bis in die römische Zeit zurück. Er gehörte lange zum Besitz des Kölner Kartäuserklosters, wurde nach den napoleonischen Kriegen aber säkularisiert. Hier oben wurde vor allem Landwirtschaft betrieben, aber im 19. Jahrhundert gab es, in der sogenannten Weilergrube hinter dem Hof, auch etwas Braunkohletagebau. Das beeindruckende, 1895 errichtete Herrenhaus versteckt sich hinter einer hohen Mauer und ist nicht zu besichtigen. Dafür kann man einen Blick auf den benachbarten Vierkanthof von 1911 werfen, in dem sich heute eine der kleinsten Kölsch-Brauereien und ein Biergarten befinden.

Bei Fischenich

Unsere Route führt allerdings nicht über das Brauereigelände: Kurz vorher geht es, an einem Metallpfosten mit einer Markierung des Jakobswegs, in einen Trampelpfad etwas links oberhalb des Wegs. Dieser Pfad umrundet entlang eines Maschendrahtzauns das Privatgelände der Brauerei und stößt dann auf eine breitere Fahrpiste. Wir folgen dieser Piste vorbei an Feldern und Äckern, bis sich der Weg gabelt. Hier nehmen wir den rechten Pfad, gehen auf ein Waldstück zu und dann durch eine breite Schneise hindurch. Nach einigen Metern stoßen wir erneut auf einen breiteren Weg: Hier halten wir uns rechts bis zum Waldrand, und folgen dann geradeaus auf einem schmalen Pfad durch ein großes Rapsfeld. Der Pfad führt um den Friedhof von Fischenich herum und zu einem Parkplatz.

Wir gehen rechts über den Parkplatz, folgen ein Stück der Gennerstraße, die leicht ansteigt. Etwa an ihrem höchsten Punkt biegen wir links in eine Schotterpiste, die in ein Naturschutzgebiet führt (Hinweisschild). Auf dieser Piste geht es immer geradeaus, und bald erreichen wir einen der schönsten Aussichtspunkte rings um Köln. Hier kann man den Blick weit über die Kölner Bucht schweifen lassen und sieht bis zum Bergischen Land und zum Siebengebirge. (Im Hochsommer kann die Sicht allerdings durch hohe Rapsstauden etwas eingeschränkt sein.)

Wir folgen der Piste weiter bis zum Ortsrand von Kendenich, wo eine grasbewachsene Piste an den Gärten der ersten Häuser entlang talwärts führt. Die Piste mündet in die Klarenstraße, und die wiederum nach ein paar Metern in die Grabenstraße. Wir biegen links ab, dann recht in die Ortshof- und gleich wieder rechts in die Fischenischer Straße. Im Dorf stehen noch zahlreiche ältere Häuser aus rotem Backstein – Etwa auf Höhe der Hausnummer 35 geht es in einen schmalen Durchlaß zwischen den Häusern, der sich bald zu einem Schotterweg verbreitert. Immer talwärts, bis wir eine kleine Landstraße („Am Kempishof“) erreichen. Hier links abbiegen und wieder leicht hangaufwärts gehen. Wo die Straße etwas nach rechts abknickt, führt ein kopfsteingepflasterter Weg geradeaus weiter: Diesem folgen, bis wir einen Parkplatz erreichen.

Links von uns befindet sich nun Burg Kendenich, ein beeindruckendes Ensemble aus barockem Herrenhaus und wuchtiger Vorburg. Hier saß unter anderem die einflußreiche Kaufmannsfamilie De Groote (oder von Groote), aus der einige Kölner Bürgermeister stammten. Das Ensemble hat im Laufe seiner Geschichte mehrere bauliche Veränderungen erlebt. Einige Jahre gehörte es auch der Stadt Hürth, die damit aber nicht viel anzufangen wußte und den verfallenden Bau Anfang der Achtziger dem Immobilien-Tycoon und „Burgenkönig“ Herbert Hillebrand überließ. Der ließ den Komplex aufwändig sanieren und Privatwohnungen darin einrichten. Hillebrand war damals eine der schillerndsten Figuren der deutschen Wirtschaft, ein Selfmade-Millionär, der zahlreiche Burgen und Schlösser aufkaufte (und einige davon an seine 14 Kinder verschenkte), bis sein Imperium nach der Wende spektakulär zusammenbrach, weil er sich in Ostdeutschland verspekuliert hatte.

Wir gehen vom Parkplatz geradeaus zur Nußallee, direkt auf ein wunderschönes Anwesen aus der Gründerzeit zu, das auch schon mal für Dreharbeiten genutzt wird. Hier könnte man theoretisch auch schon rechts abbiegen und an der Nußallee talwärts zum Bahnübergang gehen. Wer das tun will, muss an der mit (*) markierten Stelle weiter lesen – ich mache hier aber gerne noch eine kleine Schleife, die uns noch einmal hinaus in die Felder führt. Wir gehen zunächst links die Nußallee hinauf, vorbei an einigen alten Höfen, bis wir eine Gabelung erreichen. Blickt man nach links, sieht man die kleine Dorfkirche St. Johann Baptist, mit ihrem Turm aus dem 17. Jhd. Wir gehen aber rechts in die Frentzenhofstraße und nach einem kurzen Stück noch einmal schräg rechts in die Weingartenstraße.

Wir verlassen Kendenich und kommen an einem expressionistisch anmutenden Holzkreuz vorbei, das wir uns für später merken. Zunächst gehen wir weiter gerade aus. Einige Markierungen weisen darauf hin, dass wir uns hier auf einem Abschnitt des Römerkanal-Wanderwegs befinden. Wir folgen dieser Route bis zu einer Stelle, wo sie einen scharfen Linksknick macht: Hier gehen wir rechts auf einen grasüberwachsenen Weg und erreichen schließlich durch eine Schneise den Rand eines Getreidefelds. Von hier aus hat man einen der interessantesten Ausblicke über die Kölner Bucht. Hürth liegt einem zu Füßen – vielleicht nicht grade der bewegendste Anblick, aber immerhin schaut man auf einen Landstrich, der schon in römischer Zeit dicht besiedelt war. Direkt unterhalb von unserem Aussichtspunkt gabeln sich zwei Straßen, die schon für die Römer wichtige Verbindungswege waren: Die Luxemburger Straße, die links von uns den Hang hinaufführt, und die Bonner Straße, die ihn rechts von uns umrundet. An dieser Stelle befand sich auch die Grube Rheinland, eine der größeren Tagebaustätten in Hürth.

Wir kehren um und gehen ganz bis zum expressionistischen Holzkreuz zurück. Hier biegen wir auf die abwärts führende Schotterpiste. Am Horizont ragen die Hochhäuser des Kölnberg auf, der Weg selbst führt zwischen Feldern und Wiesen hindurch. Wir erreichen ein kleines Teersträßchen, biegen rechts ab und gehen wieder hangaufwärts, bis wir die Nußallee erreichen, nur wenige Meter unterhalb von Haus Kendenich.

(*) Wir folgen der Nußallee talwärts und überqueren Bonnstraße und die Gleise der Linie 18. Direkt hinter den Gleisen biegen wir links in einen Schotterweg. Links von uns verläuft die Bahnlinie, rechts liegen Felder, Wiesen und Brachflächen. Schon seit Jahren möchte die Stadt Hürth hier ein großes Gewerbegebiet ansiedeln, in den Bau von Straßen und Infrastruktur sind bereits einige Millionen Euro gepumpt worden, nur die Nachfrage scheint nicht so richtig ins Laufen zu kommen. Bisher haben sich jedenfalls nur wenige Betriebe hier angesiedelt. Wir folgen der Schotterpiste bis zu dem Punkt, wo sie in einen schmaleren, Weg übergeht: Dort biegt auch ein grasüberwachsener Trampelpfad rechts ab und führt zwischen zwei Feldern hindurch, in etwa auf den Turm mit dem MMC-Einhorn zu. Zwischen den Äckern gibt es einige Flecken mit dichtem Gebüsch: Hier befanden sich während des Kriegs einige der Flakstellungen, die rings um Köln installiert wurden. Viel zu sehen gibt es davon aber nicht mehr: Die spärlichen Überreste sind von dichten Brombeerhecken überwuchert.

Wir erreichen die neu gebaute Winterstraße, biegen rechts ab und gehen an einer Fußballhalle vorbei. Kurz darauf biegen wir links ab in die Neumannstraße und erreichen einen privaten Parkplatz für die Mieter des Carrée Campanile. Von hier aus gibt es einen kleinen Durchgang, der direkt zur Kapelle führt.

Der Rückweg lässt sich von hier aus auf zwei Wegen antreten: Um nach Vochem zurück zu kommen, geht man von der Böhm Chapel aus auf der Hans-Böckler-Straße nach links in Richtung Hermülheim und erreicht nach wenigen Minuten die Haltestelle der Linie 18. Wer direkt nach Köln (oder Bonn) will, geht rechts auf der Hans-Böckler-Straße zum Bahnhof, vorbei an einem etwas verwitterten Kriegerdenkmal (dessen Steine von der Kölner Südbrücke stammen) und an einer denkmalgeschützten Villa, die früher dem Besitzer der Kölner Holzbauwerke gehörte.