Im Grunde muss man Ehssan Dariani dankbar sein. Dafür, dass er sich keinen Kommunikationsberater besorgt hat. In seine Suada hat ihm kein Spin-Doctor rein redigiert, die ist ihm ganz allein mißlungen. Umso ungefilterter spricht da die blanke Rage aus dem Text, und um so schonungsloser wird darunter offenbar, wie wenig Vertrautheit tatsächlich existiert mit ethischen oder politischen Argumenten, ja mit Argumentation überhaupt. Da war jemand shoppen im Discount-Supermarkt der Rechtfertigungen, aber dann fehlte ihm die Lust oder die Ruhe oder die Fähigkeit, seine Einkäufe zu sortieren, und jetzt kippt er uns den Einkaufswagen einfach so vor die Füße, und sagt sich, paßt schon.

Ich kann mir vorstellen, dass sich in den Büros der Kleinfelds und Ackermanns oft ähnliche Szenen abgespielt haben. Die wären vielleicht auch gerne mal so mit Schaum vor dem Mund durch die Gegend geberserkert, aber dafür gibt es da eben PR-Teams, die solche Amokläufe abbremsen sollen. Manchmal mißlingt etwas, wie im Falle von Kleinfelds Rolex, und dann feiert man das als einen kleinen Moment, in dem das Image überlistet wird von einem Schimmerchen Wahrheit.

Insofern muss man bei so einem Text wie dem von Dariani natürlich auch fragen nach dem Umfeld, in dem er entstehen konnte. Hat er wirklich ernsthaft geglaubt, damit durchzukommen? Wahrscheinlich schon, denn um ein Haar wär es ja auch gelungen, die Sache mit dem „Völkischen Beobachter“ unter dem Deckel zu halten. Das sind Verbrüderungen, die sind nicht mal New Economy, sondern uraltes Wirtschafteln, und man könnte daran auch sehen, dass Ivy Leagues nichts anderes sind als guter alter Korpsgeist mit einem schickeren Namen.

Umso seltsamer, dass Thomas Knüwer ausgerechnet die „alten Werte“ gegen Daraini einklagt, und ausgerechnet jemanden wie den alten Nestlé-Chef Helmut Maucher zum positiven Gegenbild aufbaut. Helmut Maucher? War da nicht was? Gab es da nicht auch mal so eine Geschichte, wo auch etwas in die Öffentlichkeit gelangte, und dann war’s nicht so gemeint, oder der Praktikant oder das Aufnahmegerät oder sonst was? Und Maucher mag zwar hier und da schöne Sätze über die Verantwortung der Manager geäußert haben. Aber er hat auch nie Zweifel gelassen, dass in Sachen Ethik Schluß mit lustig ist, wenn die Rendite drunter leidet. (Mehr noch: Ethische Entscheidungen hält er sogar für „unmoralisch“, wenn sie der Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens schaden. Aber das nur nebenbei.)

Ob also ausgerechnet Nestlé nun als Modellfall eines ethisch einwandfrei agierenden Konzerns taugt, da könnte man lange diskutieren. Ist es nicht eher so, dass man von vielen Konzernen eher lernen kann, dass Ethik und „Corporate Governance“ bestenfalls Popanze sind, die immer dann nur dann herausgezogen werden, wenn die Verteidigungslinie es erfordert? Könnte es nicht so sein, dass die Macher von StudiVZ von den „alten Werten“ der Marktwirtschaft vor allem die mitgenommen haben, dass irgendwie alles geht, und dass man Ethik und Moral höchstens als Gemischtwarenladen benutzt, wenn’s dann irgendwie doch nicht ging?

So gesehen, ist Dariani vielleicht sogar ein sehr gelehriger Schüler. Nur eben kein talentierter. Aber den Online-Star, den hat er ganz bestimmt verdient. Doch, doch, das paßt schon.