Benni

Die lit.Cologne ist weitgehend an mir vorbeigegangen, zuviel zu tun, aber ich bin auch kein großer Freund von Lesungen. Ich neige dazu, persönlich beleidigt zu sein mit einem Autor, wenn er eine fade Stimme hat, und ich die dann beim Lesen seiner Bücher immer mithören muss. Und da die meisten Autoren mit ihren Büchern nicht mehr wirklich viel anfangen können, wenn sie gedruckt vor ihnen liegen, und sich orientierungs- und lustlos über die Seiten nölen, kriege ich bei solchen Veranstaltungen nur schlechte Laune. Lieber lese ich selbst vor.

Es gibt natürlich Ausnahmen. Stefano Benni ist so eine. Der ist hierzulande zwar noch immer nicht so richtig bekannt, in Italien dafür um so mehr, und damit wenigstens ein bißchen von dieser Popularität auch über die Alpen kommt, hat ihn der Wagenbach-Verlag auf Lesereise geschickt, beziehungsweise auf die Wolf Sturm und Drang Tour. So nennt Benni das auf seiner Homepage (natürlich auch im Original deutsch).

Ein paar Termine der Wolfstour sind schon absolviert, Leipzig, Berlin und Wien stehen noch aus, und heute war eben das italienische Kulturinstitut in Köln dran. (In Leipzig ist er übrigens Samstags zur Frühstückszeit auf dem Stand von 3sat, also gibt es vielleicht Auszüge davon in der Kulturzeit zu sehen.)

Achilles
Wagenbach hat gerade Bennis vorletztes Buch rausgebracht, Der schnellfüßige Achilles (Achille Piè Veloce), und wer eine der besten Satiren über die italienischen Verhältnisse kennenlernen möchte, und dazu ein schönes Buch über Freundschaft und über das Schreiben von schönen Büchern überhaupt, der sollte sich das nicht entgehen lassen. Man kann aber auch mit dem autobiographischen angehauchten Roman Der Zeitenspringer. (Saltatempo) anfangen, der jetzt als Taschenbuch rauskommt, und der eine der lustigsten Epiphanien enthält, die ich kenne.

Als der junge Saltatempo noch jünger war, da sah er einen leibhaftigen Gott. Saltatempo saß gerade auf der Erde und fror sich den Arsch ab und aß Ewigkeitsbrot und Spritzerzibebe, als sich urplötzlich das Panorama erweiterte und vom Garten her ein Mann heraufkam, ganz in Lumpen gehüllt und mit einem misthaufenfarbigen Riesenbart, der ganz umschwärmt von Fliegen war. Der Wolkenmann lächelte, und Saltatempo begriff, dass nur ein Gott so lächeln kann. Und dann fing der Gott an zu kacken, zwischen Baldrianstauden und Zichorien, zog ein Feigenblatt unter der Mütze vor, wie es sie nur im Garten Eden gibt, wischte sich den Arsch damit ab, und sagte: „Das ist das Leben“. Und Saltatempo antwortete: „Guten Appetit“.

Man sollte sich das Vergnügen, Benni aus seinen Büchern vorlesen zu hören, nicht entgehen lassen, selbst wenn man kein Italienisch kann. Denn der Spaß ist ganz auf der Seite des Autors, und es kann schon mal vorkommen, das er selbst über seine Texte mitlachen muß. Leider hat man ihn in Köln da ein bißchen zu kurz kommen lassen, da durfte Markus Heinicke vom Schauspielhaus ran, aber der hatte offenbar nicht viel Zeit gehabt, die Texte vorher zu lesen. Spaß hat es ihm wohl trotzdem gemacht, jedenfalls wollte er gar nicht aufhören, und auf dem Podium wußte scheinbar auch niemand, was jetzt genau abgesprochen war. (Überhaupt muß man nebenbei erwähnen, dass die Veranstaltung auf sympathische Weise das Flair italienischer Desorganisiertheit adaptierte, zum Beispiel als sich bei Öffnung der Abendkasse herausstellte, dass es gar keine Eintrittskarten gab. Brauch man ja auch nicht, ein bestempeltes Blatt Papier geht genauso gut.)

Lesen durfte Benni also nur jeweils zwei Kapitel, eins aus Saltatempo, eins aus dem Achille, zwischendurch war ihm ein bißchen langweilig, dafür durfte er hinterher um so lässiger plaudern, und das tat er dann auch ausgiebig und mit viel Gusto, über seinen Großvater, von dem er das Erzählen gelernt hat, über Berlusconi und dessen „ekelhafte Scham vor dem Älterwerden“, und über den geheimnisvollen Mann im Zug, dem er am Anfang seiner Schriftstellerkarriere begegnete, und der sein erstes Buch las, den grandiosen und herrlich komischen Science-Fiction-Roman Terra!, ohne mit der Wimper zu zucken, und das fast eine ganze Bahnfahrt lang. Erst 20 Kilometer vor dem Ziel bewegten sich die Gesichtszüge des mysteriösen Mannes, er warf den Kopf nach hinten und bellte ein hohes, lautes „Ha!“

Meine letzte Bahnfahrt mit Benni lief wesentlich lauter ab.