Es gibt ein Bild von Jean Jacques Lequeu, das man häufiger zu sehen bekommt, auf Kunstdrucken oder in Büchern zur Französischen Revolution: Das Bild einer nackten, auf dem Rücken liegenden Frau, deren Kopf aus einer Art schmalem Tunnel ragt. Sie hält den rechten Arm lasziv nach oben, und über ihrer Hand ist ein kleiner Vogel zu sehen. Unter der Liegenden kann man zwischen Maskengesichtern griechische Buchstaben erkennen, die einen französischen Satz bilden: Il est libre!.
Il est libre

Das Werk stammt aus dem Jahr 1798, und weil der Titel ins Bild geschrieben ist, weiß man auch sofort, worum es geht: Um die Revolution, um das was sie freisetzen sollte, Vernunft, Aufklärung, Gleichheit, Brüderlichkeit. Aber dann schaut man genauer hin, und das Bild gibt auf einmal mehr Rätsel auf als so eine offensichtliche Deutung lösen kann. Wenn der Vogel das ist, was die Revolution befreien soll, wen stellt dann die Frau dar? Die geknechtete Nation, die sich aus ihrem Kerker herauswindet? Aber ihr Körper läßt kaum Aktion erkennen, sie liegt ermattet da, als müsse sie sich vom petit mort erholen? War sie es, die den Vogel wirklich freigelassen hat? Sieht das nicht eher so aus, als ob sie nach ihm zu greifen versucht? Und warum hat der kleine Vogel Schwanzfedern, die aussehen wie Hoden?

Ile d'Amour

Es passiert einem häufig bei Bildern von Jean Jacques Lequeu, dass man erst glaubt zu verstehen, und dann mit dem zweiten Blick doch mehr Rätsel und Fragen entdeckt, als man erwartet hat. Auch seine Biografie ist nicht so einfach zu fassen: Staatsbeamter im Katasteramt und im Innenministerium, Autodidakt aus einer normannischen Bauernfamilie, und doch durchdrungen von einem Ehrgeiz, der auf’s Missionarische geht. Neben den Plänen, Auf- und Grundrissen, die er von Berufs wegen zeichnen muß, entwirft er Dutzende von Projekten, eines großartiger als das andere: Monumente, Parks, Schlösser und Tempelanlagen, die er revolutionären Idealen widmet, der Liebe oder griechischen Gottheiten. Vieles davon ist so gigantisch dimensioniert, dass es kaum zu realisieren ist, selbst nach den megalomanen Maßstäben der damaligen Zeit, und voller bizarrer Details und Zitate, als wollte er die planerische Strenge durch einen chaotischen Übermut konterkarieren.

Lequeu ist nicht der einzige, der solche Mega-Projekte plant: Viele tun das damals, zum Beispiel auch Étienne-Louis Boullée, Star der damaligen Architektur-Szene und gefeierter Visionär. Boullée ist der erste, der seine Entwürfe malerisch gestaltet, mit Schattenwürfen und Hell-Dunkel-Effekten, er spielt großzügig mit geometrischen, antiken, orientalischen Versatzstücken, was seinen düsteren Monumenten einen Hauch von Mythos und Ewigkeit verleiht und ihn zum Hit in den Salons macht.

Lequeu ist fasziniert davon, auch seine Entwürfe sind von einer bestechenden zeichnerischen Qualität und Detailfreudigkeit. Aber das hilft ihm nichts, er bleibt ein Outsider, vielleicht weil er ein Autodidakt ist und aus einer bäuerlichen Familie stammt, aber sicher auch, weil er – das kann man aus nachgelassenen Dokumenten erahnen – ein höchst problematischer, launischer und empfindlicher Charakter gewesen sein muß. Immer wieder reicht er seine Projekte ein bei den Salons, und immer wird er abgelehnt. Neidisch schaut er auf die Erfolge des architektonischen Establishments, und je länger der eigene Erfolg ausbleibt, um so größer wird die Verbitterung. Im Nachlaß findet sich der Entwurf zu einem wütenden Pamphlet, in dem er eine Breitseite auf die abfeuert, an denen er nicht vorbeikommt:

Ihr Künstler, die ihr nach Gerechtigkeit verlangt, Erwacht! Im Ausschuß der Künste, der von der Nationalversammlung einberufen wurde, hat sich eine Clique gebildet. [...] Eine gewisser architektonischer Wahnsinniger, der 70jährige Boullée, sitzt in ihrer Mitte und arrangiert alles zu seinem Vorteil. [...] und gebt acht auf den Roßtäuscher Ledoux und den raffinierten Scharlatan Le Roy.

L'homme à la lippe
Aber Lequeu plant nicht nur architektonische Großtaten, er zeichnet auch, zum Beispiel groteske Porträts, mit der gleichen Präzision und Genauigkeit, die er auf seine Bauprojekte wendet. Und auch hier ist es das Überdimensionierte und die Deformation, was ihn vor allem fasziniert: Vielleicht wirken darum viele seiner Porträts, als ob sie aus späteren Jahrhunderten stammen könnten und von einem A. Paul Weber oder einem Magritte inspiriert wurden.

Nude
Wo könnte man mehr Exzeß und Überschwang finden als in der Pornographie? Das ist die andere große Obsession des Jean Jacques Lequeu: Seine Figures Lascives, obszöne und erotische Zeichnungen und Karikaturen, von masturbierenden und pinkelnden Frauen, von Blow-Jobs unter Göttern, und immer wieder das weibliche Geschlecht in Nahansicht. Selbst in seiner Arbeitszeit kann er nicht davon lassen und wird dafür, wie er zugeben muß, auch abgemahnt. Was soll man aber anderes erwarten von einem Mann, dessen Name schon pornographisch ist (und wundert es da, dass er ihn selbst oft getrennt schreibt, als wollte er diese Bedeutung noch betonen: Le Queu?).

Temple du Turc

Temple de l'égalité

Die Erotomanie ist nicht nur eine beiläufige Abschweifung im Werk Lequeus: Pornographisch ist er auch da, wo er keine nackten Körper malt. Seine architektonischen Entwürfe sind durchdrungen von einer sexualisierten Ästhetik, wie ich sie in dieser Konsequenz vielleicht noch bei Félicien Rops gesehen habe. Phallische Türmchen, busenförmige Kuppeln und überall dunkle Eingänge und geheimnisvolle Grotten: Die phantastische Welt des Monsieur Lequeu ist eine in Stein gemauerte und in Lustgärten gepflanzte Orgie, in der die Geilheit durch planende Vernunft gebändigt werden soll.

Cratère

Wenn er Frauenkörper malt, dann sehen die oft aus wie Landschaften, die noch bearbeitet und kultiviert werden müssen: Berge und Hügelkuppen, die sich über das Papier wölben, mit kleinen Wäldchen oder Gärtchenen zwischen den Beinen, und die Vagina als Höhleneingang, oder als florales Ornament, exakt so wie die der Fassadenschmuck, den er an italienischen Villen abzeichnet.

Campidoglio

Wo er sich selbst in diesem Spannungsfeld zwischen Planung und Chaos verorten soll, das weiß er wohl manchmal selbst nicht. In Selbstporträts zeichnet er sich als Cross-Dresser in Frauenkleidern oder mit Busen, oder er grimassiert und zwinkert wie eine Figur aus der commedia dell’arte.

La merveilleuse grotte

Dass niemand diese Bilder zeigen will, liegt vielleicht daran, dass die obszöne Dimension seiner Arbeiten so deutlich zu Tage liegt. Nicht weil seine Zeit so prüde gewesen wäre, aber sie war ja gerade dabei, die prüde zu werden und die chaotische und nicht zu regulierende Sphäre der Lust unter die Bettdecke zu verbannen. Auch einen de Sade konnten die Zeitgenossen ja kaum ertragen, weil er wie Lequeu gezeigt hat, dass die Welt der Vernunft die Obsessionen nicht bändigt, sondern allenfalls kultiviert, wenn sie nicht sogar von ihnen angetrieben wird. So deutlich will das dann doch keiner sehen oder lesen.

Lequeu resigniert: 1815 zieht er sich zurück, nicht ohne noch einmal seiner Verbitterung Ausdruck zu verleihen, wenn auch in etwas ungelenken Worten:

Ich werde nun aus der Gesellschaft der Menschen fliehen, von der er nichts als Ungerechtigkeit und Undankbarkeit erfahren hat: Ich werde gehen, und ich weise alle anderen zurück.

Im Juli 1825, wenige Monate nach seinem Tod, gelangt sein Nachlaß in die Bibliothèque Nationale. Ein großer Teil seines Werks kann online betrachtet werden. Mehr über Lequeu, mit weiteren Illustrationen, u.a. im Giornale Nuovo, bei Pruned, bei Alarc’h und im Art Historian’s Studio.