Café Osterspey
Es gibt nicht mehr viele Cafés wie das Osterspey, aber früher waren sie alle so: Vollgestopft mit urgemütlichen Möbeln, zentralheizungsresistenten Pflanzen und bunten Bildern, letztere gerne von lokalen Künstlern, die mit dem Herrn des Hauses befreundet waren. Alles weit ab von jedem Trendbewußtsein, sondern im Gegenteil gerade um zeitlose Wertbeständigkeit bemüht, eine überzuckerte Mischung aus bürgerlicher Wohlanständigkeit und weanerischem Savoir-Vivre, so viel Wiener Atmosphäre wie man eben mit einem einfachen Gründungskredit der Hausbank finanzieren kann. Die wenigen Cafés dieser Art, die übriggeblieben sind, findet man am ehesten in den äußeren Bezirken, da, wo die Stadt allmählich in die Provinz übergeht und nur noch der Verkehr etwas Metropolitanes hat. Das Osterspey liegt an der Luxemburger Straße, noch nicht ganz an der Stadtgrenze, aber schon an einer der Stellen, wo die Autofahrer noch mal extra auf Gas drücken, wenn sie grüne Welle haben, weil sie nach Hause wollen, oder rein in die City, jedenfalls nur nicht hier bleiben zwischen diesen Häusern, denen man das Flair der Mittelmäßigkeit fest in die Fassaden gemauert hat.

Das Osterspey ist so unauffällig, als hätte man beim Bau des Hauses eigens einen Wettbewerb für größtmögliche Unsichtbarkeit ausgeschrieben, und zu allem Überfluss hat man es noch mit einem Baugerüst, Abfallcontainern und einem Mietklo zugestellt. Das Schaufenster wehrt sich tapfer mit appetitlichen Zuckerbäckereien, aber wer soll die schon wahrnehmen an einem grauen und regnerischen Freitagabend? Es gibt heute eh nichts mehr zu kaufen, und auch keinen Kaffee mehr, keinen Earl Grey und keinen Madeira, denn die alten Damen, die sonst nachmittags hier an den Tischen sitzen, sind zu Hause und gucken Lokalzeit. Die Tische sind auch fast alle verschwunden aus der Gaststube hinter dem Verkaufsraum, die meisten Stühle stehen säuberlich aufgereiht auf der linken Seite des Raumes und sind zum großen Teil bereits besetzt mit erwartungsfrohen Menschen, die freundlich und gespannt jeden beobachten, der auch noch den Raum betritt und einen der letzten freien Stühle sucht. Christof und Jana sind auch schon da, und ein netter Mensch aus Griechenland, dessen Namen ich vergessen habe, der mir aber später erzählen wird, dass er sich sehr für deutsche Grammatik interessiert.

Die Kölner Theatergruppe Futur3 hat das Café okkupiert, für heute abend (und noch ein paar weitere Abende), um darin eine neue Folge ihrer Stücke-Serie citybeats anzusiedeln, genauer gesagt vol.2 #3, mit dem Titel Raumung. Die Serie will den „Rhythmus der Großstadt“ erkunden, lese ich, und Christof erzählt mir, dass frühere Aufführungen auch schon an ungewöhnlichen Orten stattgefunden haben, einem Teppichgeschäft zum Beispiel oder einer Holzhandlung.

Für dieses Stück hätte man die Spielstätte kaum besser wählen können, denn die drei Menschen, die hier gleich im Mittelpunkt stehen werden, sind ein bißchen so wie dieses Café, nämlich eher in den Außenbezirken des Lebens zu Hause, ihre Biographien sind auch nur mit dem möbliert, was man sich halt so leisten konnte, und deswegen fahren die meisten Autos ganz schnell an ihnen vorbei, wenn grüne Welle ist. Darum gehen sie ins Café, weil man dort das Gefühl haben kann, dass man nicht resigniert hat, sondern einfach zufrieden ist mit dem, was es gibt, und manchmal sind da auch Leute, denen man das dann erzählen kann.

Nun ist das mit dem Erzählen so eine Sache, man gibt da unter Umständen mehr von sich preis als man möchte, und irgendwann bekommen die Dinge eine Eigendynamik, die man nicht mehr kontrollieren kann. Geschichten dieser Art sind auf der Bühne schon oft erzählt worden, der Feuilletonist ruft grade „Tschechow!“ aus einer Ecke des Cafés und hat damit ja nicht unrecht. Tschechow paßt hier vor allem deshalb, weil er einer der ersten war, der gemerkt hat, welche Komik in dieser stillen Verzweiflung liegen kann, vor allem im Versuch, sie zu kaschieren.

Das Schöne an dem Stück, das hier im Osterspey nun tatsächlich beginnt, ist, dass es diese Komik einfach mal zuläßt, ohne das Ganze mit einem künstlichen Pathos zu beschweren, wie es dem bedauernswerten Tschechow gerne passiert. Wo die Untiefen eines Stückes liegen, das kann ich als Zuschauer ja auch alleine herausfinden, die muß der Regisseur nicht noch mit zusätzlichen Hinweisschildern umgeben.

An der Veranstaltung hier ist noch etwas weiteres schön, fällt mir auf, während ich den Schauspielern zuschaue, die nun einer nach dem anderen auf die Bühne kommen und ihre Anwesenheiten in den Raum hineindefinieren: Nämlich dass es mir so vorkommt, als sei das etwas Besonderes, dass ich heute hier zuschaue, oder anders gesagt: Dass meine Anwesenheit als Zuschauer ebenso einzigartig ist wie die Aufführung selbst. Das ist auch so ein Punkt, den viele Regisseure ignorieren: Das Publikum spielt immer mit, und wenn man vergißt, das mitzuinszenieren, dann sitzt es beleidigt da und schmollt. Im besten Fall ist es höchstens gelangweilt.

Hier bin ich nicht gelangweilt. Hier sitze ich da und staune und amüsiere mich und ab und zu rutsche ich vor Begeisterung ganz aufgeregt hin und her, etwa als Klaus Maria Zehe mit Schwimmflossen an den Füssen hereinstakst und man das Ministry of Silly Walks nur deshalb nicht ganz laut trapsen hört, weil er in seiner Jacke ein Diktaphon hat, aus dem das Geräusch eines landenden Flugzeugs loopt. Oder als Monika Barth die Bestellung eines Tees zu einem orgasmischen Erlebnis werden läßt. Oder als Stephan Kraft – der Kellner, der so gerne mephistophelisch wäre, und doch wie ein Bartleby scheitern wird – die Zubereitung einer Currywurst zu einem Massaker im Baumarkt werden läßt.

Nicht zu vergessen Tomasso Tessitori, den sein Ruhebedürfnis zum Amokläufer werden läßt. Und nicht zu vergessen auch die Alleinunterhalterin aus der Hölle, Mariana Sadovska, die immer dann, wenn das Stück doch mal ins Pathetische abzudriften droht, mit sirenengleicher Stimme (und ebensolcher Lautstärke) die klassische Caféhaus-Chanson-Kultur exekutiert: Das ist laut und nicht elegant, aber so muß das auch sein an einem Ort, der mit Eleganz so viel zu tun hat wie ein Wasserzeichen mit der Mona Lisa.

Es gibt viel zu sehen in diesem Stück, es gibt viel zu lachen und zu bestaunen, und am Ende weiß man gar nicht, wessen Verdienst das vor allem sein könnte, der Autorin (Claudia Klischat), des Regisseurs (André Erlen) oder des Ensembles. Oder vielleicht sogar doch ein bißchen das von einem selbst, weil man sich als Zuschauer darauf eingelassen hat, sich von diesem merkwürdigen und schrulligen Ensemble von Körpern in einem Café etwas erzählen zu lassen.

Disclaimer: Man mag ein Stück natürlich gerne gut finden, wenn man ein paar der Leute auf der Bühne kennt. Mit Stephan Kraft habe ich vor über zehn Jahren selbst mal auf der Bühne gestanden, damals spielte er einen diabolischen Showmaster, der gar nicht so weit weg war von dem Ober hier (und das Stück, das wir damals spielten, nicht von der Aufführung hier im Café). Weil wir uns seither nicht mehr gesehen hatten, war das ein besonders schönes Déjà vu. Und Tomasso hab ich schon in einigen anderen Stücken gerne und gut gesehen. Außerdem hat er mich hinterher mit einem Herrengedeck bestochen. Sowas wirkt immer.