Le Ciminiere

Nördlich des Bahnhofs beginnen die Bezirke Catanias, die Touristen nur selten betreten. Mit einer Ausnahme vielleicht: Das Areal der Ciminiere, ein „polyfunktionaler Komplex“ aus Museen, Kultur- und Konferenzzentren. Gedacht war das Areal als Symbol sizilianischen Strukturwandels, denn es entstand auf dem Gelände einer ehemaligen Schwefelraffinerie, deren markante Schornsteine (die ciminiere) zur Skyline von Catania gehören. Schwefel war für lange Jahre das gelbe Gold Siziliens: Noch 1900 kamen über 90 Prozent der Weltproduktion von der Insel. Aber im Verlauf des 20. Jahrhunderts nahm die Bedeutung der sizilianischen Förderstätten stetig ab, und die letzten aktiven Tagebaue machten in den 80ern dicht.

Kulturzentren in ehemaligen Industrieanlagen sind nichts Neues, aber in Italien, vor allem im Süden, noch vergleichsweise selten. Das mag damit zu tun haben, dass man fast überall in den Städten und Regionen so viele Vermächtnisse aus Kultur und Geschichte herumstehen hat, dass die Zeugnisse der industriellen Entwicklung wie eine quantité negligeable erscheinen mögen. Einiges wurde längst abgerissen und mit neuen Gewerbe- und Wohngebieten bebaut, aber vieles ist auch Ruine und ungenutzt Brache.

Amphitheater im Centro Le Ciminiere

Das Interesse an einer Erhaltung und Umnutzung solcher Industriedenkmale bildet sich erst allmählich, und Le Ciminiere ist eines der interessantesten Beispiele dafür, aber auch ein ambivalentes. Der Komplex hat durchaus Charme und Atmosphäre, vor allem das kleine Amphitheater, das man in der Mitte des Geländes, rund um einen alten Hochofen, angelegt hat. Das Areal ist erstaunlich groß und man merkt, das die Industrieanlagen eine Stadt im Kleinen waren, mit eigenen Straßen, Plätzen und Seitengäßchen. Dadurch wirkt das Areal aber auch etwas unübersichtlich, einige Ecken scheinen eher tote Winkel zu sein, und es ist schwer einzuschätzen, wie viele von den zahlreichen Gebäuden und Räumlichkeiten tatsächlich genutzt werden.

Am Tag unseres Besuches findet am einen Ende des Geländes eine offensichtlich ganz gut besuchte Konferenz statt: Es geht um Autismus, lesen wir auf den Transparenten. Das Publikum ist international und macht offenbar grade Pause, das schließen wir jedenfalls aus den zahlreichen kleinen Grüppchen, die mit gut gelauntem italienischem und englischem Small Talk beschäftigt sind. Am anderen Ende läuft gerade eine etwas seltsame und von zahlreichen Bouncern abgesicherte Kinder-Modenschau. Das Publikum hier scheint auch ganz gut gelaunt zu sein, man hört Johlen und Klatschen und durch eine große Fensterscheibe sehen wir, wie ein stolzer Zwölfjähriger mit hochgegelter Frisur einen Laufsteg entlang stolziert.

Centro Le Ciminiere

Aber außer diesen beiden Veranstaltungen scheint nicht viel los zu sein: Es gibt ein Museum zur alliierten Invasion auf Sizilien und eines zur Geschichte des Films in Catania, aber beide sind geschlossen, und zahlreiche große Räume und Etagen wirken ungenutzt. An der Südseite des Areals gibt es in einem Gebäudekomplex auch Appartements mit Meerblick, aber der Zugang ist versperrt und von unten nicht abschätzbar, wie viele davon bewohnt sind.

Der Strukturwandel ist also auch hier alles andere als einfach. Zumal beim Bau des Komplexes, wie man uns erzählt, reichlich Geld auf versteckten Kanälen geflossen ist. Der Fall der Ciminiere war in den vergangenen Jahren einer der größeren Korruptionsskandale in der Stadt, und er hat gezeigt, dass der Weg in die postindustrielle Zukunft die überkommenen Strukturen nicht ohne weiteres umgehen kann.

Catania, Corso Martiri della Libertà

Der Widerspruch zwischen Ambition und Realität kann in unmittelbarer Nachbarschaft der Ciminiere besichtigt werden, nämlich entlang des Corso Martiri della Libertà, der vom Bahnhof aus westwärts verläuft. Eine gesichtslose Gegend, in der es fast nur Parkplätze und Baugruben zu geben scheint. Die Gruben sind notdürftig mit Betonwänden und Backsteinen ummauert worden – nicht etwa deshalb, damit niemand hereinfällt, sondern weil man die shanty towns illegaler Einwanderer nicht sehen soll, die sich in den Gruben angesiedelt haben und hier in notdürftig zusammengezimmerten Bretter- und Pappverschlägen hausen.

Corso Martiri della Libertà