gleiche höhe ist kein abseits

ein kleines museum des zufalls

Ulica Ojcowska

Ulica Ojcowska

Ich war kürzlich wieder für ein paar Tage in Danzig, und auch wenn es nicht viel Zeit für ausführliche Besichtigungen gab, wollte ich doch diese kleine Straße aufsuchen: Die Ulica Ojcowska im Stadtteil Siedlce. Die Ojcowska ist ein kleines, unauffälliges Seitensträßchen mit einer kuriosen Bebauung: Auf den ersten Blick könnte man meinen, zwei Zeilen mit kleinen Reihenhäuschen zu sehen, aber tatsächlich handelt es sich um zwei durchgehende Häuserblocks, die auf beiden Seiten des Sträßchens entlang mäandern.

Beide Blocks sind etwa 250 Meter lang (und waren damit vor dem Krieg die längsten Gebäude in Danzig). Sie sind aufgeteilt insgesamt 110 gleich große Wohneinheiten, jede mit eigenem Gärtchen und für damalige Verhältnisse recht moderner Ausstattung. Ursprünglich mussten sich aber jeweils zwei benachbarte Wohnungen ein Badezimmer teilen, das dürfte höchstens noch in ein paar Fällen so sein.

Ulica Ojcowska

Trotz ihrer Kürze wirkt die Straße wie ein Viertel für sich. Sie liegt auf einer kleinen Anhöhe, die sich in ein tief eingeschnittenes Tal schiebt und über deren Hänge kleine Datschen und Einfamilienhäuser gestreut sind. In der Straße selbst sieht man das Umfeld allerdings wenig. Die gebogenen Häuserfronten scheinen den Passanten fast zu umarmen und fürsorglich in Schutz nehmen zu wollen. Nur am Ende der Sackgasse, neben einem kleinen Lebensmittelgeschäft, kann man wie vor einer Terasse über die umliegenden Häuser und bis zur Altstadt schauen: Diese Straße ist ein kleiner Mikrokosmos mit freundlichen Fassaden, die gleichwohl nicht viel von dem preisgeben, was dahinter liegt. Die einzelnen Wohnhäuser sind mit niedlichen Tier- und Pflanzensymbolen markiert – Enten, Fischen, Blumen –, Hausnummern wurden angeblich erst viel später angebracht. Man merkt allerdings, dass die Planer nicht damit gerechnet haben, wie viele Privatautos es einmal geben könnte: Die vielen parkenden Fahrzeuge machen die Straße enger als sie gedacht war und nehmen ihren Biegungen einiges vom freundlichen Schwung.

Ulica Ojcowska

Es gibt vermutlich nicht viele Touristen, die sich bis hier durchschlagen: Die Ojcowska liegt einen guten Fußmarsch außerhalb des Zentrums von Danzig. Es gibt keine besonderen Hinweistafeln, und man kann in den Sträßchen und Treppenaufgängen, die sich in Siedlce und Suchanino die Hügel hinauf- und hinunterwinden, leicht den Überblick verlieren. Falls sich überhaupt mal jemand hierhin verirrt, dann vermutlich vor allem wegen einer urbanen Legende, die in einigen Reiseführern kolportiert wird (zum Beispiel dem, der in den meisten Hotels gratis ausliegt): Es soll sich demnach eine Straße handeln, die für Mitglieder der SS angelegt worden sei. Als Indiz wird der auffällige Straßenverlauf genannt: Aus der Luft sieht es tatsächlich so aus, als sei hier ein Doppel-S nachgebildet worden.

Ojcowska-Plan

Bei der Geschichte handelt es sich wohl um eine Legende: Die Ulica Ojcowska entstand um 1929/30, als die Stadt von einer SPD-geführten Koalition regiert wurde, mit dem Zentrumspolitiker Hugo Althoff als Bausenator. Ob es sich bei der Straße tatsächlich um ein kommunales Bauprojekt handelte, weiß ich nicht, aber es gab in dieser Zeit zahlreiche Wohnungsbaumaßnahmen. Als Architekt wird ein Franz Tominski (oder Tominsky) genannt, über den ich sonst nichts in Erfahrung bringen kann. Der Straßenverlauf hat wohl mehr mit den topographischen Gegebenheiten zu tun, als ob Tominski versucht hat, den Verlauf des Hügels, auf dem die Straße liegt, nachzubilden. Die Anlage der Straße und die Gestaltung der Häuser folgt einer Leitlinie, die für viele Wohnungsbauprojekte dieser Zeit galt, nämlich kostengünstige Standardisierung und Uniformität mit kleinbürgerlicher Heimeligkeit und Gemütlichkeit zu verbinden.

Die Nazis hätten im übrigen der Straße wohl auch nicht unbedingt den Namen gegeben, den sie ursprünglich trug: Damaschkeweg, nach dem Bodenreformer und Sozialpolitiker Adolf Damaschke. Für dessen sozialpolitische und proto-ökologische Konzepte – er forderte u.a. eine Eindämmung der Bodenspekulation durch Sozialisierung des Grundstückswertes über eine Sondersteuer – gab es zwar auch in deutschnationalen Kreisen einige Sympathien, und er spekulierte zeitweise durchaus auf Hitlers Unterstützung in der praktischen Umsetzung. „Reichsbauernführer“ Walther Darré war aber ein erklärter Gegner von Damaschkes „marxistische Ideen“. Die nationalsozialitische „Blut und Boden“-Ideologie sollte einen germanischen „Bauernadel“ institutionalisieren, nicht abschaffen, und so ließen die Nazis mancherorts auch Straßen umtaufen, die nach Damaschke benannt waren.

Damaschkeweg, Danzig

Es gibt ein interessantes Foto aus der Zeit, als die Straße wohl noch im Bau war. Sie sieht eher wie eine Modellbaustadt aus, und im Hintergrund kann man noch Felder und Wiesen sehen, von denen viele heute bebaut sind. (Und auch den Biskupia Gorka, den ich beim letzten Aufenthalt besucht habe.) Wenn man die mäandernden Häuserzeilen betrachtet, versteht man, warum die Straße in Danzig auch D-Zug genannt wurde, mich erinnert sie allerdings eher an diese Holz-Spielzeugeisenbahnen.

Ob jemals SS-Mitglieder in dieser Straße wohnten, weiß ich nicht – gezielt angesiedelt wurden sie jedenfalls nicht. Bewohnt wurden die Häuser hauptsächlich von Arbeitern und Handwerkern, auch einige Angestellte, Lehrer, Musiker lebten hier. Nach dem Krieg, als die Stadt und die Straße polnisch wurden, bekam die Ojcowska einen neuen Namen – Ojców ist eine Kleinstadt im Süden Polens -, behielt aber ihren proletarischen Charakter: Vor allem Hafen- und Werftarbeiter fanden hier Wohnraum. Mittlerweile scheint sich das Milieu etwas gentryfiziert zu haben, aber trotzdem ist die Straße immer noch ein gut konserviertes Dokument des Wohnungsbaus in der Zwischenkriegszeit.

2 Kommentare

  1. V.Glodowski

    19 04 11 at 14:20

    Ulica Ojckowska w dzielnicy Schidlitz to moje rodzinne rejony. Sam wychowywałem się na sąsiedniej ulicy Skarpowej (Grosse Mulde Strasse 110). Długie na kilkaset metrów dwa równoległe domy ulicy Ojcowskiej (Dmaschkeweg) na szczycie morenowego wzgórza nie maja odpowiednika w żadnym innym miejście. Każda rodzina miała swoje skromne, ale odrębne mieszkanie, z własnym wejściem i ogródkiem z tyłu domu. Dziś, z perspektywy kulidziesięciu lat, mieszkania te wydają się zbyt małe i zbyt ascetyczne, ale na czasy powojennego deficytu mieszkań, wydawały się z bardzo wygodne, a wręcz komfortowe.

  2. patrzac na te dachy przypominam sobie (a mieszkalem na tej ulicy od 51 do 80 roku) jak chodzil po nich kominiarz i czyscil kominy.Bardzo interesujacy widok.Jeszcze kilka slow sprostowania.
    1.Do konca lat 60tych mieszkania te byly brdzo gesto zludnione i w 90%na jedno miszkanie
    (segment) przypadaly dwe rodziny.a wiec komfortu nie bylo.
    2.nie spotkalem sie z tym aby 2 rodziny musialy sie dzielic lazienka ( badezimmer teilen),poniewaz takich do polowy lat 60tych nie bylo.Byly natomiast ubikacje ktore byly wspolne dla 2 rdzin oraz wspolny 1 zlew w korytarzu.
    3. Do polowy lat 70tych trzymal na tym reke architekt miejski jako zabytek i nie wolno bylo nic przebudowywac.

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