A555

Die Fahrbahn ist ein graues Band
Weiße Streifen, grüner Rand.

Von einer legendären Autobahn zur nächsten, vom Ruhrschnellweg zur A555. Auf der Suche nach Informationen zur Autobahngeschichte stoße ich auf dieses interessante Detail: Kraftwerks Stück Autobahn beschreibe „nicht nur das Reisen auf einer beliebigen Autobahn“, schreibt Philipp Wöhler im Fluter, sondern instrumentiere „die Fahrt auf einer ganz bestimmten Schnellstraße: der A555 von Köln nach Bonn – der ersten Autobahn überhaupt.“

Nun könnte man sagen, dass es wohl bei kaum einer Band so irrelevant ist wie bei Kraftwerk, ob sich Texte oder Musik auf irgend ein klar identifizierbares Objekt beziehen, schließlich geht es eher darum, den Dingen der modernen Welt einen möglichst prototypischen Soundtrack zu verpassen. Selbst wenn Städte- oder Personennamen auftauchen, wie etwa in Trans Europa Express, wirken sie eher wie Produkt-Features als wie an Raum und Zeit gebundene Orte.

Trotzdem fand ich den Hinweis interessant. Die A555 schließlich die Autobahn vor meiner Haustür und vermutlich die Schnellstraße, auf der ich am häufigsten unterwegs bin. Die Vorstellung, sich dort auf einer Straße der Popmythologie zu bewegen, einer deutschen Route 66 sozusagen, finde ich durchaus charmant.

Autobahn

Leider nennt Wöhler keine Quelle für seine Behauptung, und dem Stück selbst lassen sich nicht viele Hinweise entnehmen. Das einzige geographische Indiz, das der Text liefert, passt nicht wirklich: „Vor uns liegt ein weites Tal“, heißt es, aber die A555 führt durch die weite Ebene der Kölner Bucht, nicht durch ein Tal. Die Berge, die auf dem Cover des Albums dargestellt sind, erinnern zwar ein wenig an die Kulisse des Siebengebirges, aber die Schnellstraße läuft nicht zwischen den Gipfeln hindurch wie auf dem Cover. Und auch Struktur und Ablauf des Stücks entsprechen nicht wirklich der Dauer und dem Ablauf einer Fahrt zwischen Köln und Bonn. (Laut Ralf Hütter waren ohnehin nur die „technischen Möglichkeiten der Vinyl-LP“ der Grund für das Timing der Komposition.)

Es geht eher um das Konzept „Autobahn“, um die „endlose Reise“, wie Hütter sagt, als um eine real existierende Verbindung zwischen A und B (und schon gar nicht um einen „Soundtrack für Nordrhein-Westfalen“, den Wöhler gern hören möchte). Wenn es tatsächlich eine Verbindung zwischen der Köln-Bonner Autobahn und der von Kraftwerk geben sollte, dann liegt der eher auf einer abstrakteren Ebene.

Die Köln-Bonner Schnellstraße – die ihre aktuelle Nummer übrigens genau in dem Jahr erhielt, in dem die Kraftwerk-LP erschien – ist nicht nur die älteste deutsche Autobahn, sie ist auch die Autobahn vor Hitler. Gebaut wurde sie zwischen 1929 und 1932 auf Veranlassung von Konrad Adenauer, damals Kölner Oberbürgermeister, der in den gleichen Jahren übrigens auch den Ford-Konzern in die Stadt holte. Autobahn nannte man diesen Straßentyp zwar noch nicht – den Begriff machten tatsächlich erst die Nazis verbindlich -, und sie sah auch noch nicht ganz so aus wie das, was wir heute darunter verstehen, war aber die erste öffentliche Straße, die nur für Kraftfahrzeuge freigegeben war. (Die Berliner AVUS ist zwar älter, war aber privatfinanziert, mautpflichtig und in erster Linie als Test- und Rennstrecke gedacht.)

Die Köln-Bonner Schnellstraße wäre also sozusagen die Strecke, mit der sich die (Selbst-)Stilisierung der Nationalsozialisten als Erfinder der Autobahn widerlegen ließe. Eine „unbelastete“ Straße, wenn man so will, über die man ohne ideologisches Risiko die Errungenschaften der Technik und die Eleganz des fließenden Verkehrs feiern könnte. Kraftwerks Blick auf die Moderne ist ja immer ein romantisch verklärter Futurismus, „getränkt mit Nostalgie für eine Zukunft, die es nie gab“, wie Mark Fisher kürzlich schrieb.

Es ist kein Zufall, dass sich Kraftwerk im Refrain indirekt auf die Beach Boys beziehen: „Fahr’n fahr’n fahr’n“ ist eine augenzwinkernde Verbeugung vor deren Fun Fun Fun, eine Hymne auf Hedonismus, Autos und Geschwindigkeit: „With her daddy’s car/Going just as fast as she can now“, so schnell wie auch viele Fahrer auf der „Diplomatenrennbahn“ zwischen Köln und Bonn mit ihrem fast schnurgeraden Verlauf, auf dem erst 2004 eine Geschwindigkeitsbegrenzung eingeführt wurde. Aber während die Beach Boys wirklich Gas geben, ist das Tempo bei Kraftwerk deutlich verhaltener: Der Autofahrer als moderne Version des flanierenden Bohemiens.

Vor einiger Zeit gab es im Blog von Owen Hatherley eine ganz interessante Diskussion über zwei unterschiedliche Richtungen im deutschen Underground-Pop der 70er. Auf der einen Seite „reduktionistische“ Bands wie Kraftwerk, La Düsseldorf, Can mit ihrer Vorliebe für mechanische Beats und Studio-Basteleien, auf der anderen Seite „kosmische“ und psychedelische Gruppen wie Amon Düül oder Popol Vuh, die eher mystische Spielwiesen und authentisches Gniedeltum bevorzugten.

Hatherley sympathisiert eindeutig mit der ersten Tendenz, der er ein unverkrampfteres Verhältnis zur Moderne zuschreibt, und damit ein größeres Potenzial für visionäre und revolutionäre Positionen, während Psychedelik und Folkloristik einiges an reaktionärem und rückwärtsgewandten Unterschleif mit sich führten. Da ist was dran, allerdings scheint mir Hatherley die Tiefe des Grabens zwischen beiden Richtungen zu überschätzen. Wenn er zum Beispiel schreibt, hinter Kraftwerks Musik stehe die Idee einer neuen Welt, die „emphatically not romantic, and certainly not psychedelic“ sei, dann übersieht er dabei, dass Kraftwerk durchaus eine Art von Techno-Romantizismus betreiben: Nämlich die Suche nach einem verschütteten, wieder freizulegenden visionären Modernismus, der einem erlauben könnte, die Dinge der modernen Welt so zu feiern wie die Beach Boys das mit ihrem idealisierten Kalifornien taten (bevor auch bei ihnen die Wehmut durchschlug). Romantische Motive gibt es bei Kraftwerk zuhauf, von der glitzernden Autobahn-Idylle über tanzende Schaufensterpuppen bis zur Feier der Radsport-Mythologie in Tour de France. Kraftwerks Reise ist, um noch mal Fisher zu zitieren, eine Fahrt mit dem „Geisterzug des deutschen Modernismus“.

Unfallkreuz bei Uedorf

Eine Reise, auf der man viele Gespenster antreffen kann. Auch an der A555: Etwas abseits der Strecke (und von ihr aus auch nicht zu sehen) steht ein Unfallkreuz, an einem Feldweg bei Uedorf, das erste, das an einer deutschen Autobahn errichtet wurde. Es gilt den ersten beiden Autobahntoten in Deutschland: Einem Lastwagenfahrer und seinem Kompagnon, die – wie es der Zufall will – aus meiner Heimatstadt stammten und hier, zwei Jahre nach Eröffnung der Strecke, eine Brücke rammten. Ihre Namen sind vergessen, auf dem Kreuz wird nur die Familie genannt, die es gestiftet hat: Ein vergeblicher Versuch, dem heranrollenden Dämon etwas entgegenzusetzen.