Leben in Betas

Measure Map

Irgendwann wird jemand mal eine Untersuchung über die Betaisierung der Internet-Kultur schreiben müssen: Keiner traut sich ja mehr, irgendein Produkt als „fertig“ zu deklarieren, selbst wenn es schon Monate auf dem Markt ist. Wie bei Eltern, die den „Baby an Bord“-Aufkleber nicht mehr vom Heck abkratzen möchten: „Bitte nicht zu ruppig, wir sind noch so klein.“ Andererseits sind alle Einladungs-Junkies, jeder will so früh wie möglich den Produkten unter die Haube schauen können.

Ich komme auf das Thema über einen Artikel von Jeffrey Veen, Mitgründer des Beratungsunternehmens Adaptive Path, das gerade ein nettes Tracking-Tool für Weblogs gelauncht haben (dazu gleich mehr). Der macht sich auch erst mal lustig über die Einladungskultur – und die speziellen Neurosen, die dadurch entstehen: „I used to get invited to all the cool betas“, steht auf einem T-Shirt für jemand, der keinen Zugang zur Odeo-Beta bekommen hat.

Aber dann bringt er auch ein paar gute Argumente dafür, ein neues Produkt erst mal für einen kleinen Nutzerkreis zu starten: Der Launch ist skalierbar, man kann in Ruhe erst mal die erste Resonanz auswerten, ohne sich um technische Nickligkeiten wie zusammenbrechende Server kümmern zu müssen (oder um die Frage, was man mit den überflüssigen Kapazitäten macht, wenn die Nachfrage überschätzt wurde). Ein Nutzerkreis, der das Gefühl hat, zu den „chosen few“ zu gehören, ist meist auch enthusiastischer bei der Sache. Andererseits ist es auch sinnvoll, Außenstehende mit einzubeziehen, um sich nicht nur gut gemeintes Schulterklopfen von Kumpels und Kollegen abzuholen.

Bei den vielen Beta-Launches, zu denen man im Moment eingeladen wird, fühlt man sich allerdings ein bißchen wie in der Uni-Mensa, wenn von links und rechts die Party-Flyer auf einen einprasseln. (Und wenn das x-te „Golden Ticket“ von WordPress.com in der Mailbox landet, merkt man, dass das mit der Exklusivität nicht so weit her ist.)

Auf Veens Artikel bin ich deswegen gekommen, weil ich eine Einladung zum (ha!) Alpha-Test für Measure Map bekommen habe. (Alpha is sowieso the new Beta!). Das ist ein kleines, smartes Tool, um die Nutzungszahlen des eigenen Weblogs zu überprüfen.

Measure Map

Wer schon Zugriff auf die eigenen Server-Logs hat oder entsprechende Plug-Ins nutzt, wird da nicht viel Neues erfahren (im Moment eher weniger), aber die Pointe liegt auch in der Aufbereitung: Dank Flash und Ajax gibt es da hübsche kleine Grafiken, Weltkarten und Kurven anzusehen. Das ist auf jeden Fall wesentlich übersichtlicher und charmanter als die Datenwüsten, durch die ich mich bei meinem Provider immer klicken muss, und es sieht auch smarter aus als bei den meisten anderen Tools, die ich sonst kenne. Das ist wohl auch die Absicht der Measure-Map-Macher, die sich die „user experience“ auf ihre Fahnen geschrieben haben. Es geht (zumindest in der Alpha-Phase) nicht darum, das definitive Statistik-Werkzeug zur Verfügung zu stellen, sondern eins, das leicht und angenehm zu nutzen ist.

Bisher beschränkt man sich allerdings auf ein paar Basisdaten, und wer die Nutzungsgewohnheiten seiner Leser detaillierter kennen lernen will, wird wahrscheinlich noch einige Wünsche offen haben. (Eine gute Zusammenfassung, für ein Alpha-Projekt vielleicht etwas zu kritisch, findet sich hier.)

Was man mit den Daten anfängt, bleibt einem selbst überlassen, aber in einem weiteren Artikel in Veens Blog gibt’s ein paar Anhaltspunkte. Die APIs sollen verfügbar gemacht werden, ein Widget für den Mac gibt es wohl auch schon … Wir werden sehen.

So, und wo geht’s jetzt nur nächsten Beta-Party?