Für Jean Paul wollte Arno Schmidt sich sogar mit der ganzen Welt prügeln. Ich bin bisher immer im weiten Bogen um diesen Schriftsteller herumgeschlichen. Die Neugierde war schon da, aber ach!, das sind so dicke Bücher, und dann soll der doch so biedermeierlich sein, ich weiß nicht … Jetzt hab ich mir endlich mal Die unsichtbare Loge vorgenommen, und möcht’s gar nicht mehr aus der Hand legen.Was ist das doch für ein prachtvolles Buch! Ich bin gerade mal im 33. Sektor, und schon tut’s mir leid, dass das Werk unvollendet geblieben ist. (Es ist ja immer furchtbar, wenn man sowas schon vorher weiß.) Jedenfalls: Ich würd‘ mich mitprügeln.

Oberflächlich betrachtet, ist das hier ein klassischer Bildungsroman, aber die Akrobatik, mit der Jean Paul die Handlung auch in ihren unrealistischsten und bizarrsten Verästelungen Purzelbäume schlagen und doch wieder auf beiden Füßen landen läßt, ist atemberaubend. Bisweilen scheint ihm selbst ob der ganzen Volten schwindlig geworden zu sein: „Beim Henker!“, schreibt er einmal,

ich werde hier mehr Witz gehabt haben, als wohl gern gesehen wird; aber versuch‘ es einmal ein lebhafter Mann und schreib‘ über die Liebe und entschlage sich des Witzes! – Es geht fast nicht.

Genau, das geht nicht, schließlich will ja ein ganzes Leben nacherzählt werden, das des Helden Gustav wenigstens, und dann sind da noch die zahlreichen Nebenfiguren … Um die alle in den Text zu bekommen, da muß man manchmal eben im Hemd schuften „wie ein Hammerschmied“. Da spielt die Geschichte schon in einem Mini-Fürstentum, und dann wird auf einmal doch ein Miniatur-Kosmos daraus, mit Sternschnuppen, Planeten und schwarzen Löchern …

Aber neben der ganzen menschlichen Kosmologie findet Jean Paul noch Zeit zu kleinen kleinen philosophischen Meditationen, die man dann eine nach der anderen abschreiben und laut vorlesen möchte. Zum Beispiel diese hier:

Die leeren Kleider eines Menschen, zu mal der Kinder, flößen mir Wohlwollen und Trauern ein, weil sie an die Leiden erinnern, die das arme Einschiebsel darin schon muß ausgestanden haben; und ich hätte mich einmal in Karlsbald leicht mit einer Böhmin ausgesöhnet, wenn sie mich ihre Hauskleidung, ohne daß sie darin war, hätte beschauen lassen.

Andre hätten vielleicht lieber die Böhmin, ohne die Kleidung drumherum, beschaut, aber für Jean Paul wiegt die schmutzige Wäsche anderer ein ganzes Leben auf… Ein andermal bemerkt er dieses hier:

Fern von Menschen wachsen Grundsätze; unter ihnen Handlungen. Einsame Untätigkeit reift außer der Glasglocke des Museums zur geselligen Tätigkeit, und unter den Menschen wird man nicht besser, wenn man nicht schon gut unter sie kommt.

Gustav muß das ja ausprobieren: Er kommt ja „gut“ unter die Menschen, nach seiner sonderbaren unterirdischen Erziehung, mit dem merkwürdigen Konzept seines Hauslehrers, das wirkliche Leben als ein Leben nach dem Tod (nämlich dem Ende der Kindheit) zu definieren. Mit der „geselligen Tätigkeit“ bekommt er freilich so seine Probleme, und um zu wissen, ob man nun tatsächlich „besser“ wird unter den Menschen, da müßte man das Buch schon ausgelesen haben. Fortsetzung folgt …

Wie ist das eigentlich mit Büchern? Werden die unter den Lesern auch nicht besser, wenn sie nicht schon gut unter sie kommen?