Falowiec

Außer der Ulica Ojcowska gibt es in Danzig noch einige andere, wesentlich prominentere Gebäude, die ebenfalls wellenförmigen Grundriss aufweisen: Die sogenannten Falowiec, acht große Wohnblocks aus den späten Sechzigern/frühen Siebzigern, von denen sich sieben im Stadtteil Przymorze befinden und einer in Nowy Port. Der größte dieser Blocks steht an der Ulica Obrońców Wybrzeża, der „Straße der Verteidiger der Küste“: Er ist um die 850 Meter lang und damit das längste Wohngebäude in Polen und das drittlängste in Europa, nach dem Wiener Karl-Marx-Hof (1,1 km) und dem Corviale in Rom (980 Meter).

Falowiec

Das Gebäude hat die Dimensionen einer Kleinstadt: Es ist für 5.000 Menschen konzipiert (nach manchen Angaben sogar für 6.000), elf Stockwerke hoch und mit vier separaten Treppenhäusern und Aufzugsschächten ausgestattet. Entlang der Nordseite gibt es drei Bushaltestellen, und der Bus dürfte auch die schnellste Verbindung vom West- zum Ostteil des Gebäudes darstellen. In der benachbarten Ulica Jagiellońska steht noch ein ähnlich groß dimensioniertes Bauwerk, die übrigen Falowiec sind deutlich kleiner. Der Name ist Programm: Falowiec ist abgeleitet von fala, Welle. Die wellenförmigen Schwünge lockern die ewig langen Fassaden etwas auf und lassen die Gebäude nicht ganz so monströs erscheinen wie man vermuten könnte: Aus der Distanz sehen sie eher wie mehrere nebeneinandergestellte Hochhäuser aus und nicht wie ein durchgehender Block, oder wie eine Raupe aus Beton, die langsam auf die Küste zukriecht. Über die Architekten Tadeusz Różański, Danuta Olędzka und Janusz Morek.lässt sich wenig in Erfahrung bringen, außer dass sie für die städtische Wohnungsbaugesellschaft Miastoprojekt arbeiteten, und dass sie mit ihrem Entwurf einen Architektenwettbewerb gewonnen hatten, bei dem mindestens ein weiterer interessanter Vorschlag zur Diskussion stand.

Przymorze ist eine Trabantenstadt: Vor dem Krieg gab es hier nur ein paar ländliche Siedlungen, Felder und Wiesen. Gebaut wurde die Siedlung, weil sich Danzigs Einwohnerzahl den Nachkriegsjahren rapide vermehrte: Schon in den Sechzigern lebten mehr Menschen in der Stadt als jemals vor dem Krieg, und vor allem für die Werft- und Hafenarbeiter brauchte man Wohnraum. 1970 bekam Danzig außerdem eine Universität, die ebenfalls nach Przymorze verlegt wurde.

Falowiec

Wie in vielen Reißbrettsiedlungen der damaligen Zeit wurde auch hier der Versuch gemacht, eine funktionale Hochhausstadt zu entwerfen, die möglichst kostengünstig zu bauen war und möglichst vielen Menschen Platz bot. Die Falowiec sind nicht die einzigen großen Blocks, fast die komplette Siedlung besteht aus mehrstöckigen Plattenbauten. Insgesamt sollten hier auf 260 Hektar 50.000 Menschen untergebracht werden, wobei die Planungen vorsahen, 70 Prozent der Fläche für Infrastruktur ein zuräumen: Schulen, Geschäfte, Sport- und Grünanlagen, ein Kino- und Theater-Komplex mit 700 Plätzen. Entsprechend knapp wurde der Wohnraum kalkuliert: Jedem Bewohner wurde statistisch ein Platzbedarf von etwa 12 Quadratmetern eingeräumt, die Appartements waren im Durchschnitt 40 Quadratmeter groß.

Interessanterweise hat man bei der Anlage des Viertels eine recht aufgelockerte Bauweise bevorzugt, und zwischen den Häuserblocks und den drei, vier breiten Boulevards gibt es erstaunlich viel Platz für Licht, Luft und Grünflächen. Przymorze wirkt weit weniger monoton und gleichförmig als andere vergleichbare andere Siedlungen aus dieser Zeit.

Falowiec

Ich habe den Stadtteil an einem sonnigen Wintertag besucht, und da konnte man tatsächlich das Gefühl haben, sich in einer städtebaulichen Ideallandschaft zu bewegen. Auf den Grünflächen lag meterdick Schnee, was die Anlagen besonders ordentlich aussehen ließ. Viele Gebäude hatten offenbar vor nicht allzulanger Zeit einen frischen (und bunten) Anstrich bekommen, leuchteten farbenfroh in die Gegend und machten mit riesigen Hausnummern und Lettern vor allem Werbung für sich selbst. Überall waren fröhliche Familien und plaudernde Passanten unterwegs, Väter zogen mit Kindern bepackte Schlitten durch die Gegend, Mütter schoben pulkweise Kinderwägen herum und Rentner zeigten sich gegenseitig bunte Plastiktüten mit aktuellen Einkäufen. Die bunten Balkone des größten Falowiec sahen aus, als seien sie für irgendeinen besonderen Anlass eigens geschmückt worden. Bei genauerem Hinsehen bekam das urbane Idyll freilich ein paar Risse: Dann fiel zum Beispiel auf, dass die meisten Balkone keinen sehr wohnlichen Eindruck machten, sondern als Abstellflächen für Fahrräder und Möbel dienten.

Es gibt ganz unterschiedliche Berichte über das Leben in den Falowiec. Sicher ist, dass sich die Ideale der Planer nur zum Teil bewahrheitet haben. Die langen Laubengänge etwa, die Wohnungen eines Stockwerks anfangs miteinander verbanden und den fehlenden öffentlichen Raum einer Straße ersetzen sollten, mussten teilweise zugemauert oder durch Türen unterteilt werden, weil zu oft eingebrochen wurde oder Nachbarn in den Haaren lagen. Es gibt Kritik an der maroden Infrastruktur, an den häufig defekten Aufzügen und an der Anonymität in den großen Blocks. Andere wiederum finden gerade die nachbarschaftliche Atmosphäre auf ihrem Stockwerk besonders bemerkenswert, freuen sich über kurze Wege, gute Verkehrsanbindung und die Nähe zum Meer.

Falowiec

Ein weiteres Problem haben die Falowiec mit vielen großen Gebäuden gemein: Sie sind Wettermaschinen mit ganz unterschiedlichen Mikroklimazonen, ein Kleingebirge aus Beton. Ansatzweise hat man das in der Konzeption auch berücksichtigt: Weil der Wind meistens von Osten kommt, sind die Falowiec auch von Ost nach West ausgerichtet und keines mit der Fassade in den Wind gestellt. Die geschwungene Fassade soll ebenfalls die Heftigkeit der Böen modulieren und ein einigermaßen gleichmäßigen Durchzug erzeugen, aber das funktioniert schon weniger gut: An einigen Stellen können die Fallwinde auch an relativ ruhigen Tagen so kräftig ausfallen, dass man sich als Passant mit aller Kraft vorwärts stemmen muss. Auch die Temperaturen können von einem Trakt zum anderen erstaunlich unterschiedlich sein: Die Südseite, heißt es hier, ist Italien, die Nordseite Skandinavien.

Falowiec

Natürlich wird auch in Polen längst über Sinn, Erfolg und Zukunft solcher Großbauten diskutiert. Sind die Probleme, die dort auftreten, schon durch die Konzeption bedingt oder eher eine Folge von Vernachlässigung, Gleichgültigkeit, sozialen und demographischen Entwicklungen? Soll man die Bauwerke lieber abreißen oder doch sanieren und unter Denkmalschutz stellen (wie die Engländer das mit Park Hill in Sheffield und Byker Wall in Newcastle gemacht haben)? Erste Versuche, die Falowiec zu schützenswerten Bauwerken erklären zu lassen, sind nicht sehr weit gediehen, dafür finden häufiger mal architekturinteressierte Touristen den Weg hier her, auf der Suche nach Hinterlassenschaften des „real existierenden Sozialismus […] von denen die Prospekte und Reiseführer schweigen“ (wie der Danziger Schriftsteller Stefan Chwin kürzlich noch behauptete, während es doch kaum noch einen Reiseführer gibt, der die Falowiec nicht wenigstens in einer Fußnote erwähnt). Und auch für große Projekte ist hier schon wieder Platz: In unmittelbarer Nähe der Falowiec soll Polens größtes Wohnhaus entstehen, ein 202 Meter hoher Klotz mit dem etwas platten Namen „BigBoy“. Zu sehen ist davon allerdings noch nicht viel, obwohl der Bau eigentlich schon 2008 stattfinden sollte, aber vermutlich hat die globale Konjunktur dem Projekt den Wind aus den Segeln genommen.