From immemorial time the shores of Japan have been swept, at irregular intervals of centuries, by enormous tidal waves, – tidal waves caused by earthquakes or by submarine volcanic action. These awful sudden rising of the sea are called by the Japanese tsunami. The last one occurred on the evening of June 17, 1896, when a wave nearly two hundred miles long struck the northeastern provinces of Miyagi, Iwaté, and Aomori, wrecking scores of towns and villages, ruining whole districts, and destroying nearly thirty thousand human lives.

Über Japans prekäre Geographie und die zahlreichen Naturkatastrophen, die das Land heimgesucht haben, gibt es viele Texte, aber dieser hier ist ein besonderer: Es handelt sich vermutlich um die erste Erwähnung des Wortes Tsunami in einem Text europäischer (oder wenigstens doch englischsprachiger) Provenienz. Der Auszug stammt aus dem Buch Gleanings From Buddha-Fields von Lafcadio Hearn, das 1897 erschien.

Lafcadio HearnDie Katastrophe, auf die sich das Zitat bezieht, ereignete sich am 15. (nicht am 17.) Juni 1896: Ein Erdbeben, dessen Epizentrum sich nicht weit von dem befand, das wir aktuell miterlebt haben, löste eine verheerende Flutwelle aus, die ebenfalls den Nordosten Honshus verwüstete, Städte und Dörfer dem Erdboden gleichmachte und schätzungsweise 22.000 Menschen das Leben kostete.

Hearn erwähnt diese Katastrophe allerdings nur beiläufig. Katastrophen sind nicht das Thema seines Buchs: Es handelt sich um feuilletonistische Essays und Skizzen über japanische Weltanschauung und Philosophie, über Mythologie und Folklore, aufbereitet für ein interessiertes westliches Publikum, in dem das Interesse an ostasiatischer Kunst und Kultur gerade à la mode war. Hearn konnte mit der Autorität der ersten Hand berichten: Er lebte in Japan, hatte dort geheiratet und sogar die Staatsbürgerschaft und einen japanischen Namen – Koizumi Yakumo – angenommen, unter dem er seine Bücher auch für das lokale Publikum publizierte.

Hearn ist ein durchaus lesenswerter Autor, ein eleganter und wirkungsvoller Erzähler und Reiseschriftsteller, der nicht nur über Japan publiziert hat. Er war, wie es ein Zeitungsartikel formuliert hat, wie gemacht für ein peripatetisches Leben und seine Biographie liest sich selbst wie ein Roman. Geboren wurde Patrick Lafcadio Hearn im Juni 1850 als Sohn eines britischen Militärarztes und einer Griechin aus adliger Familie. Seinen eigentümlichen zweiten Vornamen erhielt er von seinem Geburtsort, der Insel Lefkada. Aufgewachsen ist er bei Verwandten in Dublin, als Kind verlor er durch einen Unfall die Sehfähigkeit auf dem linken Auge, und einige Biographen haben in dieser Behinderung den Grund für sein lebenslanges Interesse am Bizarren, Abseitigen und Gespenstischen gesehen.
Als junger Mann schlug er sich in Cincinnati und New Orleans als Journalist durch, wurde zwischendurch gefeuert, weil er eine schwarze Frau geheiratet hatte (was seinerzeit illegal war), verfasste ein Kochbuch über kreolische Küche, das heute noch aufgelegt wird, und einen Roman über den „Last Island“-Hurrikan von 1856 und beschäftigte sich mit der afroamerikanischen Voodoo-Kultur. Das besondere Image von New Orleans als einem skurrilen Paralleluniversum, das unabhängig vom Rest der USA existiere, sei eigentlich seine Erfindung, behauptet der Klappentext der (sehr empfehlenswerten) Anthologie Inventing New Orleans, die einige von Hearns Aufsätzen und Artikeln aus dieser Zeit versammelt.

Lafcadio HearnNach einem Abstecher in die Karibik ging er 1890 schließlich nach Japan, wo er als Lehrer und Dozent arbeitete und die Bücher schrieb, die ihn auch über den angelsächsischen Sprachraum hinaus bekannt machten. Er hat das moderne europäische Bild von Japan und von japanischer Weltanschauung und Mentalität sicher nicht alleine erfunden, aber doch ganz wesentlich beeinflusst. Hearn entwarf als einer der ersten das Image östlicher Philosophie und Religion als eine ganzheitlichen, holistischen Weltanschauung, ein spirituelles Shangri-La, das dem Wesen der Dinge näher sei als das materialistische und rationalistische Denken des Westens. “As a nation Japan possesses an individuality much stronger than our own”, schwärmte er, und lobte “contentment and simple happiness of Japanese common life”. In der japanischen Weltanschauung fand er “suggestions of a universal scientific creed nobler than any which has ever existed”:

Japan may well be grateful to her two great religions, the creators and the preservers of her moral power: to Shinto, which taught the individual to think of his Emperor and of his country before thinking either of his own family or of himself; and to Buddhism, which trained him to master regret, to endure pain, and to accept as eternal law the vanishing of things loved and the tyranny of things hated.

Liest man seine Texte heute mit kritischem Auge, wird man vieles daran stark idealisiert und exotisch aufgehübscht finden. Die Geschichte, in der er Tsunamis erwähnt, ist dafür ein gutes Beispiel: Es ist die Anekdote einer besonderen Apotheose: Ihr Held, Hamaguchi Gohei, ist ein alter Mann, der die Menschen seines Dorfs durch eine aufopferungsvolle Tat vor einer Flutwelle rettet. Als die Dorfbewohner nach einem Erdbeben fasziniert auf das entweichende Wasser starren, zündet er seine eigene Reisernte an und bringt die Menschen so dazu, ihre Aufmerksamkeit vom Meer abzuwenden und sich rechtzeitig auf die rettenden Anhöhen zu flüchten. Aus Dankbarkeit wird er darum von ihnen noch zu Lebzeiten als Gott verehrt.

They built a temple to the spirit of him […] and they worshiped him there, with prayer and with offerings. How he felt about it I cannot say; – I know only that he continued to live in his old thatched home upon the hill, with his children and his children’s children, just as humanly and simply as before, while his soul was being worshiped in the shrine below.

Die Pointe, auf die es Hearn in dieser erbaulichen ländlichen Idylle ankommt, liegt darin, dass diese Vorstellung von diesseitiger Göttlichkeit nach japanischem Verständnis keineswegs widersprüchlich sei: “The peasants could rationally imagine the spirit of Hamaguchi in one place while his living body was in another”. Denn, lässt er einen “Japanese philosopher and friend” sagen (“with a Buddhist smile”):

The peasants […] think of the mind or spirit of a person as something which, even during life, can be in many places at the same instant. […] If we accept the doctrine of the unity of all mind, the idea of the Japanese peasant would appear to contain at least some adumbration of truth. I could not say so much for your Western notions about the soul.

Hamaguchi GoryoDer Geistesblitz Hamaguchis ist sozusagen ein Abglanz des allumfassenden Weltgeistes, und weil die ländliche Bevölkerung das in ihrer bäuerlichen Frömmigkeit zum Ausdruck bringt, ist sie für Hearn (beziehungsweise seinen japanischen Kronzeugen) dem westlichen Denken überlegen. Allerdings wendet Hearn einige erzählerische Finten an, um seiner Geschichte – die ja eigentlich nichts Übernatürliches schildert – eine märchenhaften Aura und mythologisches Gewicht zu geben. Er dekontextualisiert sie, in dem er darauf verzichtet, ein konkretes Datum zu nennen (“a story […] which happened long before the era of Meiji”, “a hundred or more years [Hamaguchi] has been dead”) und auch den sozialen Status seines Protagonisten nur vage bestimmt (“a good old farmer”). Da nimmt er es mit der Wahrheit nicht so genau: Der Hamaguchi, auf den die Anekdote sich bezieht, war, als Hearns Buch erschien, gerade mal zwölf Jahre tot. Er war auch kein einfacher Bauer und Dorfältester, sondern ein Großgrundbesitzer, Familienunternehmer (der Yamasa-Konzern existiert noch heute) und einflußreicher Politiker, der es sogar zum japanischen Postminister brachte. Als sich der Tsunami, in dem er seine Heldentat vollbracht haben soll, ereignete (1854), war er kein alter Mann, sondern etwa Mitte Dreißig und stand am Anfang seiner politischen und unternehmerischen Karriere. Die Apotheose, die Hearn schildert, gehört also auch in ein soziales und politisches Koordinatensystem (und ähnelt zum Beispiel den Heiligsprechungen der Angehörigen europäischer Adelshäuser oder den Vergöttlichungen römischer Kaiser und griechischer Heroen). Hearn unterschlägt das, vielleicht ist es ihm von seinen japanischen Quellen auch nicht mitgeteilt worden, um das, was er für die spirituelle Essenz dieses Vorgangs hält, ungetrübt ausmalen zu können.

Diese Idealisierung einer exotischen Volkskultur traf den europäischen Zeitgeschmack der Jahrhundertwende. Aber sie wurde auch in Japan gerne gelesen: Seine Reiseberichte und Geistererzählungen werden bis heute aufgelegt und auch in Schulbüchern nachgedruckt. Dass ein Ausländer die Größe japanischer Kultur beglaubigte, ist sicher ein Grund für seine Popularität in Japan; ein anderer hängt mit der Zeit zusammen, in der er seine Bücher publizierte: Die Meiji-Ära war die Phase eines großen gesellschaftlichen Umbruchs, Japan öffnete sich für äußere Einflüsse und in der rasanten Modernisierung bot sich einerseits die Möglichkeit, mehr über das eigene Land zu erfahren als jemals zuvor, andererseits schien die Authentizität von Tradition, Folklore und Mythologie sich ebenso rasch aufzulösen: Der Blick, mit dem das moderne Japan auf seine Vergangenheit schaut, ist wohl nicht viel weniger sentimental, nostalgisch oder exotisch als der Blick von außen. Er habe “uns und dem Japan von heute, das sich mit beängstigender Eile von sich selber fortverwandelt, einen Traum vom alten Nippon festgehalten, den die Nachfahren später so lieben werden wie wir Deutschen die Germania des Tacitus”, behauptete Stefan Zweig.

Indirekt ist Hearn auch ein Ahnherr des modernen japanischen Horrorfilms: Masaki Kobayashis wunderbarer Episodenfilm Kwaidan von 1964, einer der ersten großen phantastischen Filme des japanischen Kinos, basiert auf Lafcadio Hearns gleichnamiger Sammlung von Geistergeschichten. Und die Gespenstergeschichten sind vielleicht, noch vor den Reiseschilderungen und philosophischen Essays, Hearns Königsdisziplin, da steht er den großen englischsprachigen Autoren dieses Genres und seiner Zeit, den Poes, Blackwoods, M.R. James’ nur wenig nach. Im Unheimlichen und im Horror zeigt sich eine andere Facette der Weltanschauungen, die ihn so faszinierten: Der Versuch, die Welt zu durchdringen und alles mit allem in Zusammenhang zu setzen, lässt auch ihre Bodenlosigkeit erkennen: Die Geister und Gespenster, die uns von Zeit zu Zeit heimsuchen, sind nur ein Reflex der Geisterhaftigkeit eines Kosmos, der um so unverständlicher wird, je mehr wir von ihm wissen.

If we do not believe in old-fashioned stories and theories about ghosts, we are nevertheless obliged to recognise to-day that we are ghosts of ourselves – and utterly incomprehensible. The mystery of the universe is now weighing upon us, becoming heavier and heavier, more and more awful, as our knowledge expands, and it is especially a ghostly mystery. All great art reminds us in some way of this universal riddle; that is why I say that all great art has something ghostly in it. It touches something within us that relates to infinity. […] The ghostly represents always some shadow of truth, and no amount of disbelief in what used to be called ghosts can ever diminish human interest in what relates to that truth.

Und dem Buch In Ghostly Japan stellte er diese Zeilen aus einem japanischen Gedicht voran:

Think not that dreams appear to the dreamer only at night : the dream of this world of pain appears to us even by day.