gleiche höhe ist kein abseits

ein kleines museum des zufalls

Some people are on the pitch

Vielleicht hat Fußball doch einen Sinn: als Belebung der Landschaft? (Arno Schmidt)

Aus gegebenem Anlass: Die letzten 15 Minuten eines legendären WM-Halbfinales, die Nacht von Sevilla 1982, exakt nachgespielt als urbane Performance vom französischen Kollektiv Pied La Biche. Fussball als analytische Geometrie, in der verschiedene Methoden, Räume zu nutzen und zu füllen, miteinander konkurrieren, bzw. als Leinwand für die Konstruktion von Diagrammen urbaner Räume. Sehr sehenswert sind auch die anderen Videos des Kollektivs (über das ich sonst viel in Erfahrung bringen kann), etwa die zum anarchischen Spiel mit drei Mannschaften.

Nicht weniger interessant sind diese Bilder von David Marsh, der die Bewegungen der Spieler während des WM-Finales 1966 nachgezeichnet hat: Ein Versuch, der Wahrheit, die auf dem Platz liegt, auf die Spur zu kommen, in dem man ihren Informationsgehalt erschließt, was im Ergebnis ähnlich schwindelerregend aussieht wie der Anblick des strukturierten Chaos‘ mancher Stadtlandschaften. Als hätte man Cy Twombly zur Taktikbesprechung aufgefordert.

David Marsh
David Marsh, B. Charlton v F. Beckenbauer

Was mich zu der Frage führt, ob und wo sich Schnittstellen zwischen architektonischen und fussballerischen Strategien finden ließen. Gibt es, sagen wir, modernistische, brutalistische, postmoderne Spielsysteme? Und wer wären deren Repräsentanten?

Am Rande erinnern mich diese Projekte außerdem an ein Theaterstück, dass ich vor Jahren mal gesehen habe: An Evening with Gary Linekervon Arthur Smith und Chris England. Das ist eine ganz solide gebaute Boulevard-Beziehungskomödie mit einem besonderen dramaturgischen Dreh: Die romantischen Verwicklungen schürzen sich während und entlang des Verlaufs einer anderen berühmten Halbfinal-Begegnung, nämlich England – Deutschland 1990. Der Charme des Stücks liegt weniger darin, dass die Dramaturgie eines Sportereignisses als erzählerisches Strukturprinzip eingesetzt wird (das gibt’s schließlich öfter mal), sondern in den (weitgehend vergeblichen) Versuchen der Protagonisten, die kollektive und sinnstiftende Dynamik eines Spiels als Masterplan für eigene strategische Vorstöße umzusetzen. Fussball als Leinwand für die Konstruktion privater Mythen, um biographische Leerläufe zu füllen. (Anders als etwa im Wunder von Bern, wo der Mythos nur belegen soll, dass der Alltag an sich schon bedeutend genug sei.)

2 Kommentare

  1. herr moser, ich wollte Sie ja schon immer mal für die website loben – für die architekturfotos und all die anderen kleinode, die Sie am strassenrand so finden. Aber jetzt: auch noch ein arno-schmidt-zitat zum thema fußball. das ist so gut, dass ich das lob jetzt auch mal hinschreiben muss.

  2. Claus Moser

    12 07 10 at 10:42

    Oh, danke für die netten Worte. Aber dieses Schmidt-Zitat wollte ich immer schon mal bringen, das bot sich jetzt einfach an.

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