Geheime Gärten Rolandswerth

An Wochenenden ist einiges los auf dem Radweg zwischen Bonn und Remagen, aber das etwas verwilderte Gelände neben dem langgestreckten Campingplatz von Rolandswerth übersehen wohl die meisten. Dabei sind am Weg nicht nur ein, sondern gleich zwei erklärende Hinweisschilder angebracht, gleich neben einer Treppe, die über eine Mauer ins Gelände hineinführt. Die „Geheimen Gärten Rolandswerth“ befinden sich hier, heißt es auf den Erklärungstafeln. Neugierig betreten wir also das Gelände, vorbei an einem Schriftzug, der da lautet: „zur Natur zurueck“, und folgen einem der links und rechts ins Gebüsch verschwindenden Pfade.

Wer nun allerdings ein exotisches Geheimnis erwartet, mysteriöse Pflanzen und aparte Düfte, alles in einem ansprechenden und genußfertig arrangierten Dekor, wird vermutlich etwas enttäuscht sein. Stattdessen wird man durch ein wild wucherndes Areal geführt, in dem Hecken, Büsche, Gräser und Bäume weitgehend sich selbst überlassen zu sein scheinen.

Geheime Gärten Rolandswerth

Ist das überhaupt ein Garten, und nicht einfach eine zugewucherte Brachfläche? Immerhin gibt es entlang des Pfades einige Bänke. Die sehen ein bisschen so aus wie die Deko tschechischer Trickfilme aus den Sechzigern: Die Sitzflächen werden von scherenschnittartigen Köpfen gehalten, und in die Köpfe ist ein buntes Sammelsurium von Fledermäusen, Fröschen, Eulen, Pilzen oder Pflanzen gesägt – Schablonen der Vielfalt, die wir von einer naturbelassenen, ursprünglichen Landschaft erwarten?

Mitten in diesem Ungarten befindet sich ein Turm aus Beton, dekoriert mit kantigen Buchstaben und mit Kästen für Vögel und anderes Getier. Aus seiner Spitze wächst ein Baum, ein paar spärliche Kletterpflanzen hangeln sich an den Seiten herab, und er sieht aus wie eine aus der Zukunft gefallene Ruine einer Zivilisation, die uns nicht ganz fremd, aber auch nicht wirklich vertraut zu sein scheint. Direkt daneben steht ein beachtlicher Mammutbaum, auch einige Platanen sind noch zu sehen.

Geheime Gärten Rolandswerth

Um den Geheimnissen dieser Gärten auf die Spur zu kommen, muss man allerdings tatsächlich ein bisschen Zeit investieren. Bänke, Türme und Schriftzüge sind übrig geblieben von einer Kunstaktion, die vor einigen Jahren von der Stadt Remagen veranlasst wurde. Die Anlage gehört zu einem „Skulpturenufer“, konzipiert wurde sie vom Berliner Künstlerpaar Bittermann & Duka, und es gibt dazu eine eigens eingerichtete Website. Die ist unbedingt beachtenswert, allein schon wegen der Seiten, die sich der Geschichte dieses Areals widmen.

Denn da eröffnet sich plötzlich ein faszinierendes historisches Panoptikum, das Areal wird zum Schauplatz unterschiedlichster privater und politischer Geschichte(n): Es war Weingarten und Ackerparzelle, viktorianischer Landschaftsgarten, Privatpark, geheimes Waffenarsenal der Wehrmacht und verplombtes Versteck für Nazi-Dokumente, amerikanische Kaserne, britischer Marine(!)stützpunkt, französische und russische Botschaft, schließlich verwaiste und verrottende Liegenschaft in Bundeseigentum, für die sich kein Mieter mehr finden liess. Es ist eines der Geheimnisse dieses Gartens, dass es überhaupt so etwas gibt wie Geheimnisse, dass eine scheinbar banale Landschaft durchquert und überlagert sein kann von unzähligen großen und kleinen Ereignissen, von denen aber nicht mal ein Bruchteil sichtbar ist. Wie viel davon ist nötig, um eine Landschaft zu verstehen und etwas mit ihr anfangen zu können?

Edith Bouvier Beale

Mich erinnern die Geheimen Gärten auch ein wenig an den sehenswerten Dokumentarfilm Grey Gardens, der vor einigen Wochen hier in Köln zu sehen war. Der Film, gedreht 1975 von Albert und David Maysles, berichtet von einer denkwürdigen Mutter- und Tochter-Paars. „Big Edie“ und „Little Edie“ Beale, zwei Damen aus bester New Yorker Gesellschaft (Jackie Kennedy war Nichte bzw. Cousine), die durch finanzielle Not und soziale Isolation dazu gezwungen waren, in einem ehemals grandiosen, bald aber verfallenden, von Katzen und Waschbären bevölkerten Anwesen vor sich hin zu vegetieren.

Grey Gardens ist ein sehenswertes, aber nicht immer leicht anzuschauendes Dokument des Direct Cinema: Die Kamera schaut zwei unrettbar aneinander gekletteten Menschen dabei zu, wie sie ihren dysfunktionalen Alltag zu organisieren versuchen und Privatfehden über unterschiedliche Versionen von Wahrheit und Geschichte austragen. Mehr als einmal, wenn diese Auseinandersetzungen in zähes Gekeife umkippen, bewegt sich der Film hart an der Grenze zur Unerträglichkeit, aber bei allem Fremdschämen registriert man auch immer wieder fasziniert, wie Mutter und Tochter sorgfältig bemüht sind, an Resten vergangener Größe festzuhalten. Wenn die Mutter mit leicht brüchiger, aber immer noch glockenheller Stimme alte Schlager vorträgt, oder die Tochter ihren Haarausfall unter immer neuen, aber stets eleganten Kopftüchern versteckt, dann hat das eine durchaus rührende Würde.

Beales of Grey Gardens

Es geht im Film aber nicht nur um eine persönliche Tragik, sondern auch um ein sozusagen architektonisches Drama: Das titelgebende Anwesen hat wie die beiden Protagonistinnen fast jeden Bezug zu ordnenden Strukturen verloren. Zwar ist es nie komplett im Bild (bei dem Ausmaß der Verwilderung wäre das wohl auch kaum machbar gewesen), aber, wie man auf englisch sagen würde, a looming presence: Ein düsterer Rahmen aus wucherndem Grün und unaufgeräumten Zimmern, kein „Zuhause“, das einen sicheren Halt böte, bestenfalls eine rudimentäre Unterkunft. Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten waren wohl nur noch drei oder vier Zimmer des riesigen Anwesens bewohnbar. Kurz zuvor hatte die Geschichte der Beales ein paar publizistische Wellen geschlagen, und Jackie Kennedy veranlasste die Durchführung einiger dringender Renovierungsarbeiten, die aber das Chaos nur marginal beseitigen konnten. (Eine Anekdote besagt, dass die beiden Filmemacher mit Floh-Armbändern bewaffnet drehen mussten.)

Von Long Island zurück nach Rolandswerth: Auch die Geheimen Gärten sind so ein Areal, das aus der Zeit gerutscht ist und in einer Art Dornröschen-Schlaf vor sich hin dämmert. Das Kunstprojekt, so scheint es, hat es nur kurzzeitig etwas belebt: Das letzte Mal gab es vor einigen Jahren etwas Aufregung, als die Stadt Remagen ein paar Platanen im Garten fällen ließ, was nicht überall auf Zustimmung stieß.