Dass der Kölner Kardinal Meisner in seiner Allerheiligen-Predigt den Wissenschaftler Richard Dawkins in die Nähe der nationalsozialistischen Rassenideologie rückte, ist eklig, aber kaum überraschend. Der Nazi-Vergleich ist ja längst obligatorisches und wohlfeiles Beiwerk derartiger Diatriben. Interessant ist höchstens, dass sich Meisner nicht mal die Mühe gemacht hat, den jüngsten Vergleich wenigstens eigenhändig zu konstruieren. Just die Passage, die in den meisten Artikeln zitiert wird, ist nämlich ein ganz unpastorales Plagiat. Sie findet sich fast wörtlich in einem Vortrag, der vor einiger Zeit einmal in einem katholischen Gesprächskreis gehalten worden ist.

Hier ist Meisners Zitat (laut Manuskript):

Ähnlich wie einst die Nationalsozialisten im einzelnen Menschen primär nur den Träger des Erbgutes seiner Rasse sahen, definiert auch der Vorreiter der neuen Gottlosen, der Engländer Richard Dawkins, den Menschen als „Verpackung der allein wichtigen Gene“, deren Erhaltung der vorrangige Zweck unseres Daseins sei. Seinem australischen Mitstreiter Peter Singer ist ein Schwein oder Affe wertvoller als ein hilfloses Baby oder ein altersschwacher Mensch, welche prinzipiell getötet oder dem Zugriff der Forschung verfügbar gemacht werden dürfen, wenn nicht Interessen Angehöriger entgegenstünden.

Und so lautet die Originalversion:

Ähnlich wie die Nazis damals im einzelnen Menschen primär den Träger des Erbgutes der Rasse sahen, das allein zu schützen sei, bezeichnet der namhafte englische Soziobiologe Richard Dawkins den Menschen als Wegwerfmaschine, eine Verpackung der allein wichtigen Gene, deren Erhaltung der letzte Z[w]eck unseres Daseins sei. Dem bekannten australischen Philosophen und Ethiker Peter Singer ist ein Hund oder ein Affe wertvoller als ein hilfloses Baby oder ein Altersschwacher, welche prinzipiell getötet oder dem Zugriff der Forschung verfügbar gemacht werden können, wenn nicht andere Interessen dem entgegenstehen.

Auch dieser Satz Meisners stammt aus dem erwähnten Vortrag:

Die Leugnung der transzendenten Dimension des Menschen als Ebenbild Gottes und damit als moralische Person, welche die Würde des Menschen als Zweck an sich begründet, hat zur Selbstermächtigung mancher solcher Forscher geführt, nicht nur über das Menschsein menschlicher Wesen zu befinden, sondern den Menschen genetisch zu verbessern oder ganz und gar neu zu konstruieren.

So lautet das Original:

Der Fortfall der „transzendenten Dimension“ als Ebenbild Gottes und der geistigen Personalität, welche die Würde des Menschen als eines Wertes an sich sicherte, hat notwendig zur Selbstermächtigung geführt, nicht nur über das Menschsein menschlicher Wesen zu befinden, sondern es auch neu zu konstruieren.

Der Vortragende war Norbert Clasen, Vorsitzender eines „Initiativkreises katholischer Laien und Priester“ in Eichstätt und Redakteur der IK-Nachrichten, ein monatliches Mitteilungsblatt mehrerer solcher Kreise in Deutschland. Diese Initiativkreise sind in der Regel äußerst konservative Veranstaltungen, die sich gerne an vorderster Glaubensfront gegen alles positionieren, was als schädliche Einflüsse der Moderne gesehen werden – liberale Familienpolitik, Toleranz gegenüber Homosexuellen, „multireligiöse Feiern“, Gottesdienste, die nicht dem lateinischen Ritus folgen, und so fort.

Anti-Modernismus ist auch die Grundfarbe von Clasens Vortrag, in dem die „Vernunft des biblischen Schöpfungsglaubens und Menschenbildes“ gegenüber „Evolutionismus“ und „Positivismus“ der modernen Wissenschaften behauptet werden soll. Clasen kann sich zwar nicht ganz entscheiden, ob er den Schöpfungsmythos nun mit theologischen, philosophischen, moralischen oder gar kreationistischen Argumenten verteidigen will, aber so ein Potpourri aus Halbwissen, Zitathäppchen und „eigentlichen Wahrheiten“ ist ja nicht untypisch für Texte dieser Art. Und dass man hier mal quasi unter dem Mikroskop beobachten kann, aus welchem Humus das Meisnersche Weltbild so erwächst, ist auch ganz aufschlussreich.