Der Large Hadron Collider des Vulkanismus? Italienische Forscher wollen die Phlegräischen Felder anbohren, um Aufschlüsse über den Supervulkan zu erhalten, der sich darunter verbirgt. Das meldet der New Scientist, und garniert den Bericht mit ein paar apokalyptischen Szenarien über mögliche Risiken der Bohraktivitäten. Der Nadelstich in die Höllenkammern könnte ein explosives Gemisch aus Magma, Gasen und/oder Bohrflüssigkeit produzieren und damit eine „große Eruption“, wenn nicht gar „ein totales Desaster“ verursachen, zitiert das Magazin einige Vulkanologen:

A major eruption, like the one 39,000 years ago, would leave large parts of Europe buried under a thick layer of ash.

Solche spektakulären Horrorszenarien wollen zwar die Projektverantwortlichen vom Vesuv-Observatorium nicht gelten lassen: So groß sei das Risiko nun auch wieder nicht, um eine Katastrophe zu verursachen, müßte schon eine ganze Reihe von Umständen zusammentreffen. (Im übrigen scheinen einige der Zitate und Informationen aus diesem Spiegel-Artikel vom August recycelt zu sein, der auch schon die Aktivitäten in den Phlegräischen Feldern erwähnt).

Aber natürlich kann man das Horror-Faszinosum, das von solchen apokalyptischen Szenarien ausgeht, nicht bestreiten. Wissenschaftliche Neugier als Auslöser für ein hölllisches Armageddon, und das in einer Region, deren urbane Dysfunktionalität fast schon sprichwörtlich ist – das wäre ein passendes Template für einen Katastrophenfilm. Eine denkbar radikale Version von artificial terrain deformation, von künstlicher Landschaftsumformung, über die Geoff Manaugh kürzlich mal in einem amüsanten Artikel über geothermische Bohrungen und die dadurch verursachten Erdbeben spekuliert hat. Solche Deformierungen könnten ja auch einen schleichenden und langwierigen Verlauf nehmen, wie das bemitleidenswerte Schicksal von Staufen in Süddeutschland nahezulegt.

Büttner und Zimanowski, zwei der erwähnten deutschen Vulkanologen, waren übrigens vor einigen Jahren für ein anderes interessantes Experiment verantwortlich, eine Art vulkanische Kanone (Vulkanone?), die künstliche Eruptionswolken produzierte. Diese Höllenmaschine ist in Apulien aufgebaut und wird, wie es scheint, auch immer noch gelegentlich eingesetzt. (Hier gibt es eine eindrucksvolle Bildersequenz einer recht aktuellen Versuchsreihe .)

Andererseits muss man keine Vulkanausbrüche verursachen, um Landschaft spektakulär umzuformen. Einige Jahrzehnte ökologischer Raubbau, Immobilienspekulation und mangelndes Umweltbewusstsein reichen völlig. Apokalyptisch anmutende Bilder gibt es heute nur wenige Kilometer südwestlich, auf Ischia, wo ein Erdrutsch am Hafen von Casamicciola niedergegangen ist. Ich kenne die Gegend gut, vor einigen Jahren war ich einige Male in Fango, das etwas oberhalb von Casamicciola liegt. Das ist steiles Gelände (wie man hier ahnen kann), und zudem noch dicht bebaut. Dies scheint das Areal zu sein, in dem der Erdrutsch runtergegangen ist. (Die meisten Presseberichte nennen eine località Tresca, was mir nichts sagt und auch auf der Karte nicht zu identifizieren ist, aber es gibt hier eine via Tresta, deren Lage tatsächlich so in etwa als Ausgangspunkt eines Erdrutsches in Frage kommen könnte.

November und Dezember sind immer kritische Monate in Italien: Es schüttet aus allen Kanälen, und dann rächt sich, das vielerorts einfach wild drauflos gebaut wird, Waldflächen plattgemacht oder abgefackelt werden und Umwelt- und Katastrophenschutzmaßnahmen oft nur stiefmütterlich umgesetzt werden. Hochwasser und Erdrutsche haben seit 1998 rund 100 Todesopfer gefordert und Schäden in Höhe von 7,5 Milliarden Euro verursacht, hat die italienische Umweltorganisation Legambiente im vergangenen Jahr vorgerechnet. (Auf Ischia selbst gab es erst 2006 eine ähnliche Katastrophe wie heute, vier Menschen starben damals.) Das Jahr 1998 war bewusst als Eckdatum gewählt: Da verschüttete ein Erdrutsch das kampanische Städtchen Sarno und ein paar umliegende Dörfchen. 161 Menschen starben damals, hunderte Gebäude wurden zerstört oder beschädigt.

Die Gefahr ist seither kaum geringer geworden. Allein in Kampanien sind laut Legambiente 81 Prozent aller Gemeinden von „hydrogeologischen Katastrophen“ bedroht, sagt ein regionaler Legambiente-Sprecher (auf der Verbandswebsite ist sogar von 86 Prozent die Rede), und zieht eine Parallelle zu aktuellen Anti-Camorra-Kampagnen:

Schluss mit dem Kampanien der Angst, wir müssen den Kurs ändern und verfügbare Fonds endlich radikal anders als in der Vergangenheit einsetzen.