gleiche höhe ist kein abseits

ein kleines museum des zufalls

Monat: Juni 2006 (page 1 of 2)

Tour de Farce

Man könnte es so machen wie die Libération und einfach ganz lakonisch feststellen, dass die Tour in diesem Jahr wirklich so offen ist wie lange nicht mehr. Die Frage, wer am Ende durch kommt und in Paris auf dem Treppchen steht, entscheidet sich allerdings nicht in den Alpen oder Pyrenäen oder auf einer der Zeitfahretappen, sondern in den Büros der spanischen und französischen Ermittlungsbehörden. Bei der Tour-Organisation kommen sie mit dem rasanten Tempo scheinbar selbst nicht mehr ganz mit: Heute mittag, als die Affäre schon auf ihren vorläufigen Siedepunkt hochkochte, hatten sie auf der Website noch ganz brav ein Interview über Ivan Basso eingestellt: “Jan Ullrich scheint der gefährlichste Rivale zu sein”, heisst es darin. Da schickte T-Mobile grade die Pressemitteilung zur Suspendierung Ullrichs raus.

Ich bin mal gespannt, welche Auswirkungen die Affäre auf die ARD hat, die sich ja nun wirklich sehr eng mit dem Team Telekom verbandelt hat. Vor allem für Hagen Bossdorf könnte es jetzt ganz eng werden, nachdem es zuletzt so aussah, als ob er die Geschichte mit der Absetzung von Hajo Seppelt mehr oder minder abgefedert hatte. Die NZZ hat ganz interessante Dinge über die Doping-Dokumentation zu erzählen, die die ARD vorgestern ausgestrahlt hat.

Robert Gernhardt

Robert Gernhardt
Er hat es ja vorausgewußt:

Ich werde mal an etwas sterben.
Soviel ist sicher, ungewiß ist lediglich, woran.
Die Erben kratzts nicht.
Denn eines ist gewiß:
Mal werde ich an etwas sterben.

Ich werd an etwas sterben, einmal.
Noch ist es nicht soweit.
Gewiß ist jedoch eins:
Da droht kein Reinfall.
Denn eins ist sicher:
Ungewiß ist nichts.
Dies einmal wird kein keinmal.

“Wir können Goethes, Schillers, Klopstocks Hinscheiden durchaus verschmerzen, solange nur Robert Gernhardt uns nicht genommen wird”, hiess es mal in der FAZ. So gesehen, müßte jetzt ein großes Wehklagen ausbrechen: Robert Gernhardt ist im Alter von 68 Jahren nach schwerer Krankheit gestorben. Pathos wäre ihm vermutlich aber gar nicht recht, schließlich hat er vor Jahren viel lakonischer mit dem Abschiednehmen abgerechnet:

Was einer ist, was einer war,
beim Scheiden wird es offenbar.
Ruft er “Auf Nimmerwiedersehen”,
dann laß ihn frohen Herzens gehn.

Sagt er: “Lebt wohl, so leid mir’s tut”,
dann sei mal lieber auf der Hut.

Tut er nur “Tschau, bis dann dann” brommen,
dann will das Arschloch wiederkommen.

Soviel ist sicher: Wiederkommen wird er nicht. Schade.

Popeye

Die FAZ präsentiert einen neu übersetzten Popey-Comic und lobt:

Bislang waren alle Übersetzungsversuche der Popeye-Comics am seltsamen Idiom gescheitert, das der wenig gebildete Seemann im Original spricht. Nun hat das Hamburger Multitalent Ebi Naumann einen neuen Versuch gewagt, und er ist gerade dadurch geglückt, daß Naumann nicht versucht hat, die Wortverdrehungen und grammatikalischen Verwirrungen des amerikanischen Popeye ins Deutsche zu übertragen, sondern einen eigenen Dialekt zu entwickeln, der an in Deutschland vertraute Sprachmuster anknüpft.

Hm, ich weiß nicht. Ich kannte vorher von Naumann eine ganz passable Übersetzung von Chris van Allsburgs The Z Was Zapped (Das Z zerplatzt), aber das hier finde ich nicht wirklich gelungen. Der “eigene Dialekt”, für den sich Naumann da entschieden hat, ist so eine Art Hamburgisch, dass dem Seemann aber nicht so richtig flüssig von den Lippen kommt. Das “b” als “p” zu setzen (“pin”) oder das ständige Zusammenziehen von Wörtern (“sizztennta”, “untich”) sorgt eher für Irritation, der Text fliesst bei den hochdeutsch sprechenden Figuren viel freier (da merkt man dann eher, dass Naumann durchaus auf der Höhe des Textes ist):

Sizztennta

Dialekt und Slang zu übertragen ist immer eine schwierige Sache, aber hier habe ich das Gefühl, dass eine behutsamere Eindeutschung mehr gebracht hätte.

On y va

Der Radsport war schon immer ein Metier für Gladiatoren: Das Radfahren ist eine der ältesten Disziplinen, die professionell betrieben werden, eine romantische Phase unschuldigen Amateurtums hat es darum eigentlich nie gegeben. Wenn man vom Radsport-Zirkus spricht, dann ist das nicht nur eine leere Floskel: Männer, die sich der Landstrasse ausliefern und auf ihren Expeditionen Übermenschliches leisten – das lässt sich mit viel Spektakel, Romantik und Sensation aufladen. Und weil die Geburt des Radsports zusammenfiel mit ein paar anderen Phänomenen der Mobilität, dem Tourismus beispielsweise oder dem scheinbar wesensfremden Autofahren, hat das Marketing, dessen Entstehung ja eigentlich auch in der selben Zeit zu datieren ist, die Radsportler immer ganz gerne umarmt. —–>

El Sexador de pollos

Luís Aragonés will sich bei Thierry Henry nicht entschuldigen für seinen rassistischen Ausfall von vor ein paar Jahren. Blöd nur, dass er dazu die Begründung hernimmt, die bei allen Rassisten im Stehsatz liegt, nämlich von den besten Freunden, von denen einige auch mal Neger sein dürfen. Bei Aragonés kommt die aber mit einer sehr bizarren Drehung daher, jedenfalls in der Version, die der Guardian kolportiert:

I have black, Gypsy and Japanese friends, including one whose job is to determine the sex of poultry.

Die Toleranz von Senor Aragonés läßt also sogar Raum für Geflügelgeschlechtsbestimmer im Freundeskreis. Bei El País liest sich das Zitat übrigens ein kleines bißchen anders, die verschweigen zwar, dass Don Luís auch “Schwarze und Zigeuner” zu seinen Freunden rechnet, aber wir lernen dafür die exakte Nationalität und Berufsbezeichnung des Menschen mit der interessanten Profession kennen.

El seleccionador dijo tener amigos de todas las razas, “hasta un amigo japonés ‘sexador’ de pollos”, bromeó.

Es ist zwar ein alter Depp, aber er schiesst lustige Eigentore. Wobei, sexador de pollos: Bezeichnet das nicht eher, was der männliche Teil der spanischen Bevölkerung abends so macht? Ach egal: Allez les Bleus!

Things to do in Mechelen

MechelenZuerst sollte man sich eine Einladung für eine flämisch-australische Hochzeit besorgen. Wenn es sich bei Brautpaar und Hochzeitsgesellschaft vorwiegend um Orchestermusiker handelt, dann bekommt man komplette Rettungsszenarien für die darniederliegende europäische Brauwirtschaft vorgeführt.

Am nächsten Morgen wird man dann vermutlich in einem belgischen Schuhkarton aufwachen, der den Namen Hobbit Hotel trägt. Ein durchaus passender Name, wie man bei einem Blick auf die Größe der Betten feststellen wird. Ein Eindruck, der übrigens am nächsten Tag am Frühstücksbuffet bestätigt wird: Hier hat tatsächlich mal jemand Brötchen entwickelt, die an das durchschnittliche Fassungsvermögen eines Halblingmagens angepasst sind. —–>

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Den Bachmann-Wettbewerb schau ich immer gerne. Es gibt wohl kaum eine Veranstaltung, wo der feuilletonistische Betrieb mehr bei sich selbst ist, weil er ganz uneingeschränkt Betrieb sein darf: Der kulturelle Wert einer solchen Veranstaltung liegt irgendwo zwischen Eurovision Song Contest und Fussball-WM: Kaum jemand bestreitet, dass es das irgendwie geben muss, aber wenn man die Bedeutung dann tatsächlich beschreiben soll, landet man rasch im Reich der Platitüden. Natürlich ist das spielerische Niveau bei der WM in der Regel höher einzustufen, aber wenn die Bachmann-Jury in guter Form ist, kann man doch den einen oder anderen packenden Zweikampf miterleben, ansonsten haben die Diskussionsbeiträge wenigstens die gleiche entspannte Drögigkeit wie die verschlafenen Scharmützel zwischen Delling und Netzer. —–>

Are those real people?

Iraq

Anfang des Jahres wurde das Online-Spiel Asheron’s Call abgeschaltet, und von Clive Thompson gab’s da einen lesenswerten Artikel über die realen Implikationen, die das Ende einer virtuellen Welt haben kann.

Umgedreht kann es aber auch sehr irritierend sein, wenn sich in der virtuellen Sphäre mehr Realität breitmacht als beabsichtigt war. Zum Beispiel, wenn der amerikanische Künstler Joseph DeLappe das PR-Spiel America’s Army als Protesplattform benutzt. Seit März 2006 loggt er sich immer wieder unter dem Kürzel dead-in-iraq ein – nicht, um mitzuspielen, sondern um über das Messaging-System des Spiels die Namen gefallener US-Soldaten einzutippen.

I am a neutral visitor as I do not particate in the proscribed mayhem. Rather, I stand in position and type until I am killed. Upon being re-incarnated I continue to type.

Die Sturheit der Nervensäge, die immer wieder sagt, was eigentlich selbstverständlich ist: Mit das letzte Refugium, das der Kunst geblieben ist, wenn sie explizit kritisch sein will. Weil: Wie wenig sich tatsächlich von selbst versteht, kann man an manchen Reaktionen auf DeLappes Todesnachrichten merken: “Are those real people?”, fragt ein Gamer irritiert. “Its propaganda”, kommentiert ein anderer, und meint wohl nicht das Spiel.

Via Swen’s Weblog.

Auf verwandtem Terrain: Die Story über die Ölgemälde nach Spielszenen aus Counterstrike und Half-Life, mit dem Link zum sehenswerten Blog von Jeremiah Palecek.

Gardna Wielka

Gardna Wielka
Das Bloggen ruht im Moment etwas, zu viel zu tun. Soll aber nicht heißen, dass hier gar nichts mehr passiert. Und natürlich nutze ich den Platz gerne, um ein bisschen Werbung zu machen für schöne Dinge von anderen Leuten. Zum Beispiel Paul und Martas hübsches Häuschen an der polnischen Ostseeküste, wo man ganz hervorragend Urlaub machen oder ungestört arbeiten kann. Ich setz mal die notwendigen Stichworte ab dafür: ruhige Lage, schönste Ecke Pommerns, Ostsee, Dünen, Strand, herrliches Naturschutzgebiet, Wander- und Radwege mit viel frischer Luft, Wiesen und Wäldern. Mehr Informationen und Bilder gibt es auf der Website zum Haus.

Kurzpass

Und unten spielten sie wieder Fußball; hübsch leuchteten die bunten Jerseys: rosa und weiß; und kobaltblau und gelb. (Vielleicht hat Fußball doch einen Sinn: als Belebung der Landschaft?)

- Arno Schmidt, Brand’s Haide (via ASML)

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