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	<description>ein kleines museum des zufalls</description>
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		<title>Fossa Eugeniana</title>
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		<pubDate>Mon, 06 May 2013 16:48:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Claus Moser</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Achtzigjähriger Krieg]]></category>
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			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://farm9.staticflickr.com/8250/8631119094_597c441e9a_d.jpg" alt="Fossa Eugeniana" /></p>
<p>Wenn man auf der Bundesstraße 510 von Rheinberg nach Kamp-Lintfort fährt, wird man vielleicht auf der linken Straßenseite einen Wasserlauf bemerken. Er unterquert die Straße kurz hinter der A57, etwa auf Höhe des britischen Soldatenfriedhofs, und begleitet sie vorbei an der Zeche Rossenray, am Stadtrand von Kamp-Lintfort entlang bis unterhalb der Terassengärten des Klosters Kamp. Hier verliert sich die Spur des Kanals zunächst, aber wer die Bundesstraße verlässt und durch die kleine Siedlung am Dachsberg vorbei über die landwirtschaftliche Wege Richtung Westen fährt, kann immer wieder deutliche Vertiefungen im Boden entdecken, die sich wie Gräben durch die Landschaft ziehen, teils mit Wasser gefüllt, teils mit Bäumen und Gebüsch überwuchert.</p>
<p>Der Wasserlauf und die Vertiefungen sind Reste eine ehrgeizigen Projekts aus dem 17. Jahrhundert: Der <em>Fossa Eugeniana</em>, einer geplanten, aber nie vollendeten Kanalverbindung zwischen Rhein und Maas. Ein Projekt, das nicht nur wirtschaftliche und verkehrstechnische, sondern auch strategische Gründe hatte: Es fiel in die Zeit des Achtzigjährigen Krieges zwischen Spanien und den Niederlanden, in dessen Verlauf sich die protestantischen nördlichen Provinzen von der spanischen Krone lossagten und ihre Unabhängigkeit erkämpften.<span id="more-1569"></span></p>
<p><img src="http://farm9.staticflickr.com/8121/8631131184_856fe36041_d.jpg" alt="Fossa Eugeniana" /></p>
<p>Die Initiative zum Bau des Kanals kam allerdings nicht aus Spanien selbst, sondern aus Brüssel, aus dem Umfeld der spanischen Regentin Isabella Clara Eugenia. Der Wasserweg sollte die abtrünnigen Provinzen vom lukrativen Rheinhandel abschneiden und den Handelsverkehr vielmehr nach Westen, in Richtung der unter spanischer Oberhoheit verbliebenen Provinzen, umleiten. Ein weiterer Kanal sollte die Maas über das Flüsschen Demer mit Antwerpen verbinden. Das Handelsvolumen dieser Stadt war deutlich eingebrochen, seit die unabhängigen Niederlande die Mündung der Schelde kontrollierten und die Zufahrt zum Antwerpener Hafen blockierten. Die Kanalverbindung zum Rhein sollte die Folgen dieser Blockade also quasi durch die Hintertür aufbrechen. Darüberhinaus war die Rhein-Maas-Verbindung auch als stabile Verteidigungslinie gegen die Niederländer gedacht, deren Ambitionen – der Dreißigjährige Krieg hatte gerade begonnen – zunehmend auch in die mitteleuropäische Politik reichten. Tatsächlich wurde eine Zeitlang sogar über mehr als nur den Bau eines Kanals nachgedacht: Es gebe Überlegungen, den Rhein komplett umzuleiten, berichtete der päpstliche Nuntius im Frühjahr 1626 nach Rom, und hoffe so einerseits, die Ijssel trockenzulegen, während andererseits durch das Anschwellen der Maas die Gegend um Dordrecht überflutet werden könnte.</p>
<p>Zu den Hauptinitiatoren des ehrgeizigen Projekts gehörte Jan van de Wouvere, ranghohes Mitglied der Brüsseler Finanzverwaltung und enger Berater der Regentin. Van de Wouvere gehörte zu den einflussreichsten Politikern der spanischen Niederlande (weswegen ihn Anthonius van Dyck auch für eine Galerie der wichtigsten Männer seiner Zeit porträtierte). Er hatte bei Justus Lipsius studiert und zählte zahlreiche bedeutende Persönlichkeiten zu seinem Freundeskreis, darunter den Maler Pieter Paul Rubens, der selbst häufig in diplomatischer Mission für die spanische Sache unterwegs war. (Die Freundschaft zwischen van de Wouvere und Rubens zeigt sich in einem berühmten Bild, das „Vier Philosophen“ genannt wird und heute im Palazzo Pitti hängt. Darauf ist van de Wouvere neben seinem Lehrer Lipsius, Rubens und dessen Bruder Philip &#8211; ebenfalls ein Lipsius-Schüler &#8211; dargestellt.)</p>
<p><img src="http://farm9.staticflickr.com/8109/8631180606_68f4ff7598_d.jpg" alt="Fossa Eugeniana" /></p>
<p>Rubens war ebenfalls ein begeisterter Förderer des Kanalprojekts und wurde so etwas ein Testimonial für das Vorhaben: In seiner Korrespondenz, etwa mit dem Pariser Humanisten Pierre Dupuy, berichtete er häufig und euphorisch die &#8220;due imprese gloriosissime&#8221;, die beiden äußerst glorreichen Unternehmungen, den Bau des Maas-Demer-Kanals und die Umleitung des Rheins.  Für die technische Planung gewann man Giovanni de’ Medici, einen italienischen General, der im Gefolge des spanischen Oberbefehlshabers Spinola nach Brüssel gekommen war und einige Erfahrung im Bau von Kanal- und Entwässerungsprojekten  Zu den Befürwortern des Projekts gehörte auch Graf Heinrich von dem Bergh, General in spanischen Diensten und de facto die Nummer zwei in der Befehlshierarchie hinter Spinola.</p>
<p>Das niederrheinische Terrain schien für den Bau einer Querverbindung vom Rhein zur Maas hervorragend geeignet: Dünn besiedelt, flach, kaum nennenswerte geographische Hindernisse. Allerdings war einiges Verhandlungsgeschick nötig, um das Projekt auf den Weg zu bringen. So mussten beispielsweise die Interessen des Erzbischofs von Köln, Ferdinand von Bayern, berücksichtigt werden. Ferdinand war zwar ein entschiedener Verfechter der katholischen Sache, stand einer zu großen spanischen Machtentfaltung aber ebenso skeptisch gegenüber: „Die Niederlanden muessen dividiert bleiben und einen so wenig als anderen Meister lassen werden“, urteilte er.</p>
<p><img src="http://farm9.staticflickr.com/8541/8630107257_b2e2ac786e_d.jpg" alt="Fossa Eugeniana" /></p>
<p>Sowohl der Rhein-Maas-Kanal als auch der Kanal von der Maas nach Antwerpen (und die mit Bau und Sicherung zusammenhängende Stationierung spanischer Truppen) betrafen Territorien, die zu Einflussbereich des Erzbischofs (der zugleich Fürstbischof von Lüttich war) gehörten. Zum Beispiel die Stadt Neuss, die anfangs als einer der beiden Endpunkte des Rhein-Maas-Kanals vorgesehen war. Das andere Ende sollte sich bei Arcen befinden, aber das stieß wiederum in Venlo, einige Kilometer südlich gelegen, auf Protest. Dort befürchtete man, zwischen den beiden geplanten Kanälen in eine Art ökonomisches Niemandsland zu geraten, und da Venlo eine strategisch bedeutende Stadt war, durfte diese Sorge nicht auf die leichte Schulter genommen werden.</p>
<p>Die Rhein-Maas-Route, die man schließlich in Angriff nahm, ist dementsprechend ebenso ein Ergebnis diplomatischer Kompromisse wie verkehrstechnischer Notwendigkeiten. Statt in Neuss sollte der Kanal nun in Rheinberg beginnen und von dort aus ziemlich genau westwärts führen (und damit eher an der Nordgrenze der erzbischöflichen Interessensphäre entlang statt mitten hindurch). Im Westen ließ man den Kanal kurz vor Arcen nach Süden abknicken und noch einige zusätzliche Kilometer bis nach Venlo nehmen, wo er dann in die Maas münden sollte.</p>
<p><img src="http://farm9.staticflickr.com/8109/8630129603_75b93023c7_d.jpg" alt="Fossa Eugeniana" /></p>
<p>Am 21. September 1626 konnten die Arbeiten schließlich beginnen: Graf Heinrich von dem Bergh führte den ersten Spatenstich und taufte den Kanal feierlich auf den (dritten) Namen der Regentin Fossa Eugeniana. (Die Infanta selbst bat kurz darauf in aller Bescheidenheit um eine Umbenennung: Mariengraben sollte der Kanal ihrem Wunsch nach heißen, und diese Bezeichnung findet sich tatsächlich in einigen zeitgenössischen Karten.)</p>
<p>Rund 8.000 Mitarbeiter sollen zeitweise im Einsatz gewesen sein. Anfangs kamen die Arbeiten schnell voran, vornehmlich auf dem Abschnitt zwischen Rheinberg und Geldern. Dort war der Kanal schon wenige Wochen später soweit fertig gestellt, dass die Infanta im Sommer des folgenden Jahres eine Besichtigungstour unternehmen und per Schiff von Geldern nach Rheinberg und zurück reisen konnte.<br />
Die Reise der Infanta nahm Rubens als Beleg dafür, dass das Projekt gut vorankomme: &#8220;Es ist die allgemeine Meinung&#8221;, schrieb er, &#8220;dass die Arbeiten an der Fossa Mariana auf glücklichste Weise befördert werden&#8221;. In Wahrheit war das Projekt zu diesem Zeitpunkt schon ins Stocken geraten: Zunächst brachte frostiges Wetter im Winter 1626 die Arbeiten zum Erliegen, dann erwies sich das Gelände schwieriger als gedacht. Und die spanischen Pläne waren den Niederländern natürlich nicht verborgen geblieben. Deren Oberbefehlshaber Friedrich Heinrich von Oranien zog große Kontingente in Emmerich und Rees zusammen und zwang die Spanier so dazu, ihrerseits große (und kostspielige) Präsenz zu zeigen. Nur wenige Wochen vor der Reise der Infanta kam es zu einem Überfall niederländischer Einheiten auf einige der spanische Stellungen. Die Niederländer zerstörten Baustellen, entführten Arbeiter und Soldaten, entwendeten Werkzeuge und Baumaterialien.</p>
<p><img src="http://farm9.staticflickr.com/8247/8647280498_c6817bd5de_d.jpg" alt="Fossa Eugeniana" /></p>
<p>Vor allem ging dem Projekt aber zunehmend das Geld aus. Sehr zum Ärger der Initiatoren in Brüssel flossen spanische Mittel zunehmend in andere Kriegsschauplätze: In die Auseinandersetzungen des Dreißigjährigen Krieges oder in den Mantuanischen Erbfolgekrieg, wo man sich mit Frankreich um die Vorherrschaft in Oberitalien stritt. 1628 erbeuteten die Niederländer die spanische Silberflotte, und ab 1629 gelang ihnen Zug um Zug die Eroberung wichtiger Stützpunkte entlang oder in der Nähe des geplanten Kanals: Wesel, Venlo, Straelen, Maastricht, Rheinberg.</p>
<p>So wurde aus dem ehrgeizigen Vorhaben eines Kanals vom Rhein an die Maas und darüber hinaus nicht mehr als ein &#8220;kostspieliger, aber nutzloser Graben im Boden&#8221;, um es mit dem Historiker Jonathan Israel zu sagen. Die Idee verschwand damit nicht vollständig aus der Welt: Friedrich der Große ließ die spanischen Konzepte durch seine Beamten untersuchen, ebenso Napoleon. Der französische Kaiser veranlasste sogar den Bau eines Kanals, zwar mit einem etwas anderen Verlauf als das spanische Projekt, und dennoch mit dem gleichen Ergebnis: Auch sein &#8220;Canal du Nord&#8221; blieb unvollendet.<br />
Noch im 19. Jahrhundert beschreiben einige Autoren die Überreste der Fossa als &#8220;derzeit verfallen&#8221;, so als könnten jederzeit die Bauarbeiten von Neuem beginnen. Zuletzt wurde in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg zwischen deutschen und belgischen Ministerien über die Möglichkeit eines Kanals diskutiert, die Verhandlungen verliefen aber ergebnislos.</p>
<p><img src="http://farm9.staticflickr.com/8263/8630198077_90100e0f16_d.jpg" alt="Fossa Eugeniana" /></p>
<p>Obwohl der Kanal also nie seine vorgesehene Funktion erfüllt hat, ist ein erstaunlich großer Teil seines Verlaufs bis heute in der Landschaft sichtbar, ebenso einige der Schanzen, die die Spanier zu seiner Verteidung aufwarfen. Hier und da dient sein Bett als Entwässerungskanal, zum Beispiel am Ortsrand von Geldern, wo ein kurzes Stück in den Nierskanal eingebunden wurde. Anderswo ist wenig mehr als der ausgehobene Graben zu erkennen und dient als Acker- oder Weidefläche, oder er ist von Büschen und Bäumen überwuchert. Selbst in der städtischen Bebauung von Venlo kann man den Verlauf noch in etwa ausmachen.</p>
<p>Und man kann auch heute noch eine fast durchgehende Reise entlang des unvollendeten Kanals unternehmen, entweder zu Fuss oder mit dem Rad. Örtliche Fremdenverkehrsvereine haben eine &#8220;Fossa-Route&#8221; ausgeschildert, die sich allerdings auf das Gebiet rund um Geldern beschränkt und nicht immer exakt dem Kanal folgt, sondern auch einige andere Sehenswürdigkeiten im Umfeld ansteuert. Ich habe vor einigen Wochen eine etwas andere Route gewählt, die von Venlo ziemlich genau dem Verlauf der Fossa folgt oder zumindest weitgehend in ihrer Nähe bleibt. Die Strecke ist durchgehend gut begehbar und mit dem Rad befahrbar, einige wenige Stellen (vor allem in den Maasdünen und östlich von Geldern) können bei schlechtem Wetter allerdings unangenehm matschig sein. </p>
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<p><strong>Stationen unterwegs:</strong></p>
<p><strong>Venlo</strong></p>
<p><img src="http://farm9.staticflickr.com/8101/8609659762_e32c8a557c_d.jpg" alt="Rijnbeek" /></p>
<p>Da wo der Kanal hätte enden sollen, befindet man sich in einer Art städtebaulichem Niemandsland: Die Stadt will die Maaskade zur Promenade aufwerten, und rund um den alten Hafen ist einiges neu gebaut worden, es gibt aber auch noch zahlreiche Baustellen, öde Parkplatzflächen und einigen Leerstand in aufgegebenen Spielsalons und Modeboutiquen. Ein geschlosseneres architektonisches Bild bekommt man erst ein paar Schritte vom Ufer entfernt, nämlich rund um den Wilhelminapark &#8211; nicht zufällig auch eines der besseren Viertel von Venlo. Der Park entstand 1870 nach dem Abriss des Forts Ginkel, das 1731 erbaut worden war und zum Festungsgürtel rund um die Stadt gehörte. Auffallendes Element ist der monumentale Brunnen von 1921, den der Architekt Michel de Klerk entwarf, einer der bekanntesten Vertreter der Amsterdamer Schule. Die Aufschrift auf dem Brunnen gilt dem damaligen Bürgermeister Hermanus van Rijn: „Aan burgemeester Van Rijn, 1921 door de Venlosche Burgerij“. Nur einen Steinwurf vom Park entfernt begegnen wir erstmals dem Namen des Kanals beziehungsweise seiner Patronin: Dort steht, an der Ecke Hogeweg / Parkstraat / Helbeek, das denkmalgeschützte Cafe Eugenia von 1901. Ein paar Schritte weiter passiert man den Julianapark, dessen Areal ebenfalls einmal zum Festungsgürtel gehörte, später befand sich am südlichen Ende der sogenannte Kölnische Hafen. Heute gibt&#8217;s hier zwei Museen, das 2000 gebaute, regionalhistorische Limburgs Museum (Architektin: Jeanne Dekkers) und das 1971 entstandene Museum van Bommel van Dam für moderne Kunst.<br />
Dritter Park auf der Strecke ist der Burgemeester Berger Park, eine langgestreckte grüne Zone, durch die ein kleiner Kanal fließt: Hier folgt man bereits in etwa dem Verlauf der Fossa Eugeniana entspricht (worauf auch der Straßenname Eugeniasingel hinweist). Der Wasserlauf wird hier allerdings Rijnbeek (oder Rienke) genannt, ursprünglich der Name eines kleinen Bachlaufs, der bei Venlo in die Fossa mündete.</p>
<p>Der Lauf des Rijnbeek setzt sich außerhalb des Parks fort: Als gerader Kanal führt er schnurgerade in nördlicher Richtung unter der Autobahn A67 hindurch zur deutschen Grenze. Er fließt durch ein Gebiet, in dem die Wohnbebauung immer mehr zurücktritt und stattdessen Gewächshäuser, Felder und Bauernhöfe die Szenerie bestimmen. Nur an wenigen Stellen führen Wege oder Straßen am Wasserlauf entlang, so dass man, will man dem Lauf zumindest grob folgen, ein wenig Zick-Zack fahren muss.</p>
<p><strong>Von Venlo nach Arcen</strong></p>
<p><img src="http://farm9.staticflickr.com/8544/8646135241_b98d04d8b0_d.jpg" alt="Fort Hazepoot" /></p>
<p>Der Rijnbeek endet ziemlich genau an der deutsch-niederländischen Grenze, und direkt neben der alten deutschen Zollstation befindet sich ein Hinweisschild mit einer Kartenskizze zur Fossa Eugeniana. Die Karte ist nicht besonders genau, und das Schild von Moos und Flechten überwachsen, aber ähnlichen Schildern wird man von hier ab immer begegegnen.<br />
Kurz hinter Grenze trifft man links von der Bundesstraße wieder auf die Fossa. Sie läuft längs des Veenwegs, ist hier aber nur ein von Büschen und Bäumen zugewachsener Graben, hinter dem sich geklinkerte Bauernhäuser verstecken. Am Ende des Veenwegs stößt man wieder auf einen Kanal, den sogenannten Leitgraben. Östlich davon beginnen bald die ersten Ausläufer der Maasdünen, an deren linkem Rand ein hübscher Reit- und Wanderweg nach Norden verläuft.</p>
<p>Kurz vor Arcen überquert man fast unvermerkt wieder die Grenze zu den Niederlanden. Die Fossa ist hier ein deutlich sichtbarer Trog, der sich durch die Dünen schiebt, bewacht von den hoch aufgetürmten Wällen des Forts Hazepoot, der beeindruckendsten Schanze entlang der Strecke (die sogar auf Google Street View besichtigt werden kann). Zu Füßen der Schanze erinnert ein kleiner, idyllischer Teich daran, dass die Fossa einmal als Wasserlauf gedacht war. Am nördlichen Ende des Teichs ist bereits wieder deutsches Territorium: Die Landstraße, die hier verläuft, trägt den Namen &#8220;An der Fossa&#8221;.</p>
<p><strong>Von Arcen nach Geldern</strong></p>
<p>Zwischen der Grenze und Geldern ist der Verlauf der Fossa auch auf Luftbildern noch gut zu erkennen; Ein langgezogener, wild bewachsener Graben, teilweise noch Wasser führend und hier und da von den Überresten alter Schanzen gesäumt. Die Gegend hier ist immer noch landwirtschaftlich geprägt: Hier werden in großem Stil Obst, Gemüse und Schnittblumen angebaut. Bauernhöfe, Gewächshäuser und Felder säumen den Weg.</p>
<p><img src="http://farm9.staticflickr.com/8405/8608717029_c80e59c844_d.jpg" alt="Nierskanal" /></p>
<p>Kurz vor Geldern verliert sich die Spur der Fossa, und im Ortsbild des Kleinstädtchens ist sie so gut wie nicht mehr zu entdecken. Eine Ausnahme ist ein kurzes Stück des Nierskanals entlang der Walbecker Straße, für dessen Bau hier das Bett der Fossa genutzt wurde. Geldern selbst war mal eine bedeutende Stadt, Namensgeberin des gleichnamigen Herzogtums, nach dem wiederum die niederländische Provinz Gelderland benannt ist. Vom früheren Glanz ist allerdings nicht mehr viel zu sehen: Die Stadt wurde im Krieg stark zerstört, und die verschiedenen Phasen des Wiederaufbaus haben zu einem uneinheitlichen und wenig markanten Ortsbild geführt.</p>
<p><strong>Von Geldern nach Kamp-Lintfort</strong></p>
<p>Interessanter wird es erst wieder, wenn man aus dem Ort hinauskommt: Im Osten stößt man auf eine große Kiesgrube, den Welbersee, an dessen Nordrand auch die Fossa wieder zu entdecken ist. Hier schiebt sie sich wieder als (weitgehend trockengefallener) Graben durch dichten Wald, wieder gesäumt von den Überresten einiger Schanzen, die von Pfadfindergruppen für Cowboy und Indianer-Spiele genutzt werden. Östlich der Landstraße von Issum nach Sevelen ist der Verlauf dann wieder weniger eindeutig zu erkennbar und fast nur noch anhand einiger Schanzenreste auszumachen. Eine Schanze liegt etwas versteckt im Wald westlich von Hoerstgen, eine weitere, sehr gut sichtbare Schanze liegt östlich des Naturschutzgebietes Blink. Die Fossa selbst wird erst wieder entlang der Eugeniastraße sichtbar: Als leichte Senke im Boden führt sie in Richtung Osten und peilt ziemlich genau das Kloster Kamp an. An der Stadtgrenze von Kamp-Lintfort, in der Siedlung am Dachsberg, wo sich mit der Mariaschanze ein weiteres Verteidigungsbauwerk entdecken lässt, haben einige Anwohner Gärten in die Fossa gebaut.</p>
<p><img src="http://farm9.staticflickr.com/8121/8630205281_3bb559f123_d.jpg" alt="Spanische Schanze" /></p>
<p><strong>Von Kamp-Lintfort nach Rheinberg</strong></p>
<p>Kurz vor Kamp-Lintfort verschwindet die Fossa noch einmal kurz, um zu Füßen der Terassengärten des Klosters Kamp wieder aufzutauchen. Die Gärten, die angeblich die Inspiration zum Park von Sanssouci geliefert haben sollen, und das Kloster sind für sich genommen schon eine Sehenswürdigkeit. Zum Zeitpunkt des Baus der Fossa stand das Kloster allerdings leer und war durch den niederländischen General Adolf von Neuenahr weitgehend zerstört worden. Der Kanalbau bedeutete jedenfalls auch den Verlust einiger Ländereien, und wer weiß, ob ein existierendes Kloster den so ohne weiteres hingenommen hätte.</p>
<p>Ab Kamp-Lintfort ist die Fossa tatsächlich ein Kanal, wenn auch freilich ohne Schiffsverkehr. Sie folgt &#8211; wie eingangs beschrieben &#8211; weitgehend dem Verlauf der B510, passiert dabei zunächst einige Wohnviertel von Kamp-Lintfort und schließlich den markanten Förderturm der Zeche Rossenray, einer der letzten aktiven Zechen des Ruhrgebiets. Der Kanal fließt nicht ganz unbeschadet hier vorbei, heißt es: Angeblich ist das Wasser durch die Abflüsse von Rossenray und der in Kamp-Lintfort liegenden Zeche Friedrich Heinrich stark belastet. Untersuchungen sollen sogar radioaktive Abwässer festgestellt haben.</p>
<p><img src="http://farm6.staticflickr.com/5096/5438749360_4de425aa7c_d.jpg" alt="Rheinberg War Cemetery" /></p>
<p>Kurz vor der A57 liegt der Rheinberg War Cemetery (eigentlich noch auf Kamp-Lintforter Stadtgebiet), der daran erinnert, dass diese Region im Zweiten Weltkrieg ebenfalls umkämpftes Territorium war: Wenige Kilometer nördlich gelang den Alliierten im März 1945 die Überquerung des Rheins. Die Fossa fließt entlang der alten Provinzialstraße, unter der Autobahn hindurch, vorbei am Amazon-Logistikzentrum (das im Zuge der Leiharbeiter-Affäre ebenfalls ins Gerede kam) nach Rheinberg, die einstmals als &#8220;Hure des Krieges&#8221; beschimpft wurde, weil sie in den kriegerischen Jahren des 16. und 17. Jahrhunderts so oft ihre Besitzer wechselte wie kaum eine andere Stadt. Von der strategischen Bedeutung Rheinbergs kann man rings ums Stadtzentrum noch einiges erahnen: Der mittelalterliche Wallgraben ist erhalten geblieben, ebenso einige Reste der neuzeitlichen Befestigungsanlagen. In der Stadtmitte hat die Schnapsbrennerei Underberg ein repräsentatives (wenn auch arg überdimensioniertes) Stammhaus im Pseudo-Renaissance-Stil bauen lassen.</p>
<p>Die Fossa schlängelt sich dagegen sehr gemütlich durch eine Grünanlage, an gutbürgerlichen Wohngebieten und Schrebergärten vorbei zu ihrer Mündung. Als der Kanal gebaut wurde, lag Rheinberg noch direkt am Fluss, und die letzte Schleuse ist noch in der Straße &#8220;Am Kanal&#8221; erhalten geblieben beziehungsweise &#8211; nach schweren Beschädigungen durch einen Brand &#8211; rekonstruiert worden. Statt in den Rhein fließt das Wasser der Fossa allerdings zunächst in den Moersbach. Um an die tatsächliche Rheinmündung zu gelangen, muss man sich noch ein paar Kilometer nordwärts halten, vorbei an den riesigen Solvay-Werken und dem hübschen Dörfchen Ossenberg, das dahinter fast unsichtbar geworden ist, bis zum Deich gegenüber dem Ossenberger Hafen: Von dort aus kann man den Schiffen zusehen, wie sie den Rhein hinunter fahren, und sich ausmalen, wie es wohl aussehen würde, wenn sie hier stattdessen abbiegen und an Rheinberg vorbei in Richtung Nordsee schippern würden.</p>
<p><img src="http://farm9.staticflickr.com/8541/8629938977_164df30a73_d.jpg" alt="Moersbach" /></p>
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		<title>Jean Paul 250</title>
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		<pubDate>Thu, 21 Mar 2013 14:01:58 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Claus Moser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Schrift]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Frühling und mein Leben fiengen mit einander an und der gütige Schöpfer wolte, daß sie noch mehrere Aehnlichkeiten hatten. &#8211; (aus den Tagebüchern) (Zu Jean Paul siehe auch &#8220;Die bücherarme Stadt&#8221;, &#8220;Das Spuckkästchen da drunten, das ist der Planet&#8221; und Jean Paul lesen!.)]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://farm3.staticflickr.com/2779/4265966090_668099d6b1.jpg" alt="Jean Pauls Wohnhaus, Meiningen" /></p>
<blockquote><p>Der Frühling und mein Leben fiengen mit einander an und der gütige Schöpfer wolte, daß sie noch mehrere Aehnlichkeiten hatten.<br />
 &#8211; (aus den Tagebüchern)</p></blockquote>
<p>(Zu Jean Paul siehe auch <a href="http://www.clausmoser.com/?p=780">&#8220;Die bücherarme Stadt&#8221;</a>, <a href="http://www.clausmoser.com/?p=721">&#8220;Das Spuckkästchen da drunten, das ist der Planet&#8221;</a> und <a href="http://www.clausmoser.com/?p=202">Jean Paul lesen!</a>.)</p>
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		<title>Beltrovata</title>
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		<pubDate>Wed, 20 Mar 2013 13:27:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Claus Moser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Schrift]]></category>
		<category><![CDATA[Betty Tendering]]></category>
		<category><![CDATA[Der grüne Heinrich]]></category>
		<category><![CDATA[Ferdinand Lassalle]]></category>
		<category><![CDATA[Georg Weerth]]></category>
		<category><![CDATA[Götterswickerhamm]]></category>
		<category><![CDATA[Gottfried Keller]]></category>
		<category><![CDATA[Lina Duncker]]></category>
		<category><![CDATA[Rheinland]]></category>
		<category><![CDATA[Voerde]]></category>

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		<description><![CDATA[Meine liebe große schöne Schwester, ist seit Ende April von Neapel zurück, und aufs elterliche Gut gegangen, sie blickt mit Sehnsucht und Entzücken gen Süden, und ich bin überzeugt dß sich das Geld und die Reiselust zusammen wieder einfinden werden, und wir sie den Winter nicht hier haben. - Lina Duncker an Gottfried Keller, 21.5.1856 [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://farm3.staticflickr.com/2708/4280130820_5eb0295ecd_z_d.jpg" alt="Dachreiter des Hauses Ahr" /></p>
<blockquote><p>Meine liebe große schöne Schwester, ist seit Ende April von Neapel zurück, und aufs elterliche Gut gegangen, sie blickt mit Sehnsucht und Entzücken gen Süden, und ich bin überzeugt dß sich das Geld und die Reiselust zusammen wieder einfinden werden, und wir sie den Winter nicht hier haben.<br />
<em>- Lina Duncker an Gottfried Keller, 21.5.1856</em></p></blockquote>
<p>Die &#8220;große schöne Schwester&#8221;, von der hier die Rede ist, hieß Betty Tendering, und das &#8220;elterliche Gut&#8221; war Haus Ahr am Niederrhein, zwischen Wesel und Duisburg gelegen, etwa auf Höhe des Rheinkilometers 800 und ganz in der Nähe eines Dörfchens mit dem hübschen Namen Götterswickerhamm, mit dem es auch gut in einem der Romane Kellers auftauchen könnte. Benannt war Haus Ahr nach einem Rittergeschlecht, dem das Anwesen mal gehört hatte, aber seine letzte Gestalt erhielt es Anfang des 19. Jahrhunderts, als es von der wohlhabenden Familie Tendering erworben und in klassizistischem Stil umgestaltet wurde (angeblich unter Mitwirkung Karl Friedrich Schinkels). Die Tenderings hatten unter anderem im Dienst der Grafen von Plettenberg gestanden und so Ansehen und Einfluss erworben. Ihr Name ist noch im Tenderingsweg südöstlich von Voerde und dem daran gelegenen Tenderingssee, einer großen, als Badesee beliebten Kiesgrube, präsent.</p>
<p>Haus Ahr gibt es jedoch nicht mehr: Es musste vor einigen Jahren wegen Baufälligkeit abgerissen werden. Verschwunden sind auch die Kastanienalleen, die einmal die Zufahrten zum Landsitz gesäumt haben sollen. Die Szenerie wird heute vom Kühlturm und den Schornsteinen des Kraftwerks Voerde bestimmt, und von den endlosen Alleen der Strommasten, die vom Kraftwerk aus die Äcker und Wiesen durchqueren. Übrig blieb nur der Dachreiter, der an der Landstraße aufgestellt wurde und dort etwas verloren herumsteht wie das vergessene Einzelteil eines Bausatzes. Unter dem Dach, das von ihm bekrönt wurde, saß im Mai 1856 also die erwähnte Betty Tendering, träumte von Italien und wusste vielleicht nicht, dass der Dichter, dem dies mitgeteilt wurde, sie ein Jahr zuvor in seinem Roman vom <em>Grünen Heinrich</em> verewigt und in der Gestalt der Dortchen Schönfund der Literaturgeschichte überantwortet hatte.<span id="more-1413"></span></p>
<p>Betty Friederica Antoinette Tendering wurde 1831 auf Haus Ahr geboren, als jüngste von insgesamt fünf Schwestern (von denen eine allerdings schon im Kindbett verstorben war). Ein biographisches Detail hat Keller in den Roman übernommen: Wie Dortchen verlor auch Betty früh ihre Eltern. Die Mutter Antoinette starb etwas über ein halbes Jahr nach der Geburt, der Vater Carl Christian sieben Jahre später. (Die Grabmale der Eltern gibt es übrigens heute noch: Das des Vaters steht auf dem Friedhof der evangelischen Kirche in Voerde, das der Mutter ist an der Kirchenwand angebracht, direkt neben dem Grabstein einer &#8220;Betti Tendering&#8221;, bei der es sich um die zweite Frau des Vaters handeln dürfte, die auch Bettys Patin war).</p>
<p><img src="http://farm9.staticflickr.com/8108/8567065062_7be9a25841.jpg" alt="Grabmal Christian Carl Tendering" /></p>
<p>Die Schwestern wuchsen hauptsächlich bei Verwandten auf, unter anderem bei <a href="http://www.rheinische-geschichte.lvr.de/persoenlichkeiten/R/Seiten/WilhelmRo%C3%9F.aspx">Wilhelm Roß</a>, dem Großvater mütterlicherseits, einem niederrheinischen Geistlichen mit schottischer Ahnengalerie. Roß hatte in Berlin Karriere gemacht und vor allem die Sympathie des Königs erworben, was ihm schließlich den Titel eines Bischofs des Rheinlands und Westfalens einbrachte. (Fontane kannte und schätzte den &#8220;alten Bischof Roß&#8221;, dessen &#8220;Einfachheit, Wandel, Herzensgüte, Mut, Selbstsuchtslosigkeit, noble Gesinnung&#8221; das &#8220;Essentielle des Christentums&#8221; verkörpere; im Rheinland dagegen hatte er eher den Ruf eines preußischen Großinquisitors.)</p>
<p><img src="http://farm9.staticflickr.com/8251/8565979019_56f757c76c.jpg" alt="Grabmal Antoinette Tendering" /></p>
<p>Die älteste Schwester Lina (*1825) heiratete 1849 den Berliner Verleger <a href="http://www.berliner-grabmale-retten.de/grabmal-franz-duncker/">Franz Duncker</a>. Duncker war Herausgeber der Berliner Volks-Zeitung, einer der wichtigsten liberal-demokratischen Stimmen in Preußen, und Mitgründer der Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine, einer liberal ausgerichteten Arbeiterorganisation, die in Konkurrenz zu den sozialdemokratischen und christlichen Gewerkschaften entstand. Im Dunckerschen Haushalt etablierte sich in den fünfziger und sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts einer der beliebtesten und einflussreichsten Salons des literarischen Berlin, in dem Lina als Gastgeberin eine maßgebliche Rolle spielte. Sie muss eine bemerkenswerte Persönlichkeit gewesen sein, was uns erneut Fontane bestätigt, der sie eine &#8220;durch Klugheit und pikantesten Esprit ausgezeichnete Frau&#8221; nennt. Für den Juristen <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_H%C3%BCffer">Hermann Hüffer</a> war sie eine &#8220;kluge, geistvolle Frau&#8221; und ihrem Mann sogar &#8220;an Charakterstärke und Scharfsinn […] unzweifelhaft überlegen&#8221;; <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Julius_Rodenberg">Julius Rodenberg</a> beschrieb sie als &#8220;junge, vornehme Dame, niemals schön, oder auch nur weiblich anmutig, aber von einer weiten und tiefen Sympathie für alle großen und freiheitlichen Bestrebungen, von einer unendlichen Attraktion für die Jugend&#8221;.</p>
<p>Eine Besonderheit des Dunckerschen Salons war die offene und unverstellte Atmosphäre. Lina hielt offenbar nicht viel von erbaulichen künstlerischen Attraktionen wie musikalischen Darbietungen oder <em>Lebenden Bildern</em>, die in anderen Salons beliebt waren, sondern pflegte lieber lebendige Konversationen über politische und literarische Themen. Dabei nahm sie wohl selbst auch kein Blatt vor den Mund, und noch in der Trauerrede kam der Schriftsteller und Stammgast Friedrich Spielhagen nicht umhin, zu erwähnen, dass &#8220;so manches Wort […] in seiner Kindernacktheit, in Anbetracht des Ortes, der Zeit, der umgebenden Personen, die von der Gesellschaftsheuchelei angekränkelt waren, wohl erschrecken mußte und erschreckte, aber niemals erschrecken sollte&#8221;.</p>
<p><img src="http://farm9.staticflickr.com/8375/8574918548_46540184d2_n.jpg" alt="Ferdinand Lassalle" /></p>
<p>Unter den Besuchern waren bedeutende Namen wie <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Ferdinand_Lassalle">Ferdinand Lassalle</a>, <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Paul_Heyse">Paul Heyse</a>, <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Fanny_Lewald">Fanny Lewald</a> und <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Arnold_Ruge">Arnold Ruge</a>. Mit Lassalle verband Lina Duncker eine besondere Freundschaft, die sich platonisch gab, aber nicht ohne emotionale Komplikationen blieb. Lassalle beanspruchte eine bevorzugte Rolle im Salon und sparte auch nicht mit Kritik an anderen Gästen, selbst wenn es sich um enge Freunde des Ehepaars handelte. Das führte zwangsläufig zu Verstimmungen, etwa als Lina sich weigerte, dem Intendanturrat Fabrice, mit dem sich Lassalle überworfen hatte, die Freundschaft aufzukündigen. Lassalle war zutiefst beleidigt, warf ihr &#8220;mangelnden Gesinnungsadel&#8221; vor und schimpfte: &#8220;Ich befehle höchst, höchst, höchst selten! Sie haben – außer jenem einen – noch keinen Befehl von mir gehört und werden hoffentlich lange wieder keinen hören. Aber wenn ich behelfe, so verlange ich unerbittlichen, unbedingten Gehorsam. […] Nein, Madame, ein derartiges Schach lasse ich mir von niemandem und in keiner Stellung bieten in dem Herzen eines Weibes, das mich zu lieben behauptet. Ich bin kein Courmacher und Galan. Ich bin nicht dazu da, daß man sich mit mir amüsiert. Ich verlange Religion in der Liebe eines Weibes für mich, wenn ich sie wirklich dafür nehmen soll.&#8221;</p>
<p>Die Heftigkeit der Anwürfe veranlasste Franz Duncker, selbst zu intervenieren und Lassalle zur Mäßigung zu ermahnen: &#8220;Aus unserem Hause soll Sie niemand verdrängen, wenn Sie es nicht selbst tun.&#8221; Das Verhältnis zwischen Lassalle und Lina blieb jedoch kompliziert, und in einer besonders verwirrenden Phase sucht sie sogar um Rat bei Lassalles Mentorin <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Sophie_von_Hatzfeldt">Sophie Gräfin von Hatzfeldt</a> nach (die sie ansonsten eher als eifersüchtige Kontrolleurin seines Privatlebens verdächtigte):</p>
<blockquote><p>Ich bin mit Lassalle stets im Krieg über seine Art und die Zeit, mich zu besuchen. Seit gestern 14 Tagen z.B. ist es ihm nicht eingefallen, einen Tag oder einen Abend lange, gemütlich, aus eigenem Antriebe zu mir zu kommen. Er besucht mich zu einer Zeit, wo er weiß, daß wir essen, und er nicht allein kein Behagen bringen noch finden kann. Ich sage ihm das, er hat zur Antwort nur Redensarten, und weitere Morgenvisiten, und die Abende bin ich allein, Einladung lehnt er ab, wir lesen nie zusammen, kurz ich versichere Ihnen, es fehlt mir jeder Beweis für die Innigkeit eines deutschen Verhältnisses. Wenn er nur von seinen freundlichen Gesinnungen nicht immer spräche, so wäre die Sache einfach und keine menschliche Macht könnte mir helfen. Da er aber trotz dieser kalten Lieblosigkeiten und Rücksichtslosigkeiten mich gern zu haben behauptet, &#8211; so muß ich den Widerspruch zwischen Wort und Tat aufzuklären, aufzulösen suchen, denn wie wir leben, so kann ich nicht weiter leben.</p></blockquote>
<p>1861 kam es zum Bruch zwischen beiden. Höflicherweise tauschte man die gegenseitig verschickten Briefe zurück, wobei Lina ihre vernichtet zu haben scheint, jedenfalls ist nur noch Lassalles Teil der Korrespondenz erhalten. (Der Streit zwischen Lassalle und dem verhassten Fabrice wurde im übrigen ebenfalls gelöst, allerdings deutlich handgreiflicher: &#8220;Meinen Gegner betreffend habe ich ihm ein großes Loch in den Kopf geschlagen, das er sich hat nähen lassen müssen&#8221;, meldete Lassalle stolz an die Mutter.)</p>
<p><img src="http://farm9.staticflickr.com/8108/8574979016_cdbce7437a_n.jpg" alt="Gottfried Keller" /></p>
<p>Auch Gottfried Keller war in seiner Berliner Zeit ein häufiger Gast im Dunckerschen Hause, allerdings einer, der sich mit der dort gepflegten Geselligkeit häufig schwer tat. &#8220;In seiner urwüchsigen Schweizer Derbheit machte der kleine, breitschultrige, untersetzte, eisenfeste, wortkarge, bärtige Mann mit den schönen ernsten und feurigen dunklen Augen unter der mächtigen Stirn, der indes, wenn ihn etwas oder irgendwer ärgerte, nicht nur sehr unverhohlen seine Meinung äußerte, sondern auch immer bereit war, ihr mit seinen kräftigen Fäusten mehr Nachdruck zu geben, zwischen den abgeschliffenen Berliner Menschen eine ganz eigentümliche Figur&#8221;, schrieb der Maler Ludwig Pietsch.</p>
<p>Für Keller selbst waren die Jahre in Berlin überhaupt eine zwiespältige Erfahrung: Die Stadt war ihm ein &#8220;verfluchtes Klatschnest&#8221;, ein &#8220;Bußort und eine Korrektionsanstalt&#8221;, die ihm &#8220;vollkommen den Dienst eines pennsylvanischen Zellengefängnisses geleistet&#8221; habe. Dunckers besuchte er immerhin mit einiger Häufigkeit, und auch Lina Duncker war der sperrige Schweizer sympathisch: Noch einige Zeit nach seinem Weggang aus Berlin blieb sie mit ihm in brieflichem Kontakt. Ab und zu ging es dabei auch um Linas Schwester Betty, die Keller im Winter 1854 im Dunckerschen Hause kennengelernt hatte. Sie muss eine bemerkenswerte Erscheinung gewesen sein: Pietsch schildert sie als &#8220;ein wahres Elitewesen an Leib und Seele, wie es die Natur nur selten in ihren glücklichsten Momenten und in ihrer besten Geberlaune schafft. Mit der Hoheit ihrer Erscheinung war ruhevolle Grazie und Anmut der Bewegungen innigst verbunden. Der schöne Hals trug ein von schwarzem, langem, reichem Gelock, umwalltes Mädchenhaupt mit einem Profil von klassischem Adel der Linien.&#8221; Sie selbst fand ihr Äußeres allerdings weniger anziehend und nannte sich einmal (in einer Korrespondenz, auf die wir noch zu sprechen kommen werden) &#8220;ein Leuchtwürmchen in großer Ausgabe, grau und unschön, das aber in heimlicher Dunkelheit aufglüht, um dem einsamen Spaziergänger im Walde lieb und freundlich zu erscheinen&#8221;.</p>
<p><img src="http://farm9.staticflickr.com/8109/8574937662_efddb9273c_n.jpg" alt="Betty Tendering" /></p>
<p>Gleichwohl: Keller verliebte sich in die junge Frau, fand aber nicht den Mut, ihr diese Zuneigung einzugestehen. Anvertraut hat er sie nur der Schreibunterlage, die er während der Arbeit an seinem <em>Grünen Heinrich</em> benutzte. Über und über ist sie mit Dutzenden Variationen auf Bettys Namen, Wortspielereien, Versen und kleinen Karikaturen bekritzelt: &#8220;Bettchen? Bettchen? Rheinländerchen? Was schlägt die Glocke?&#8221; steht neben kleinen, mit Herzchen versehenen Glöckchen, unter einem fidelnden Knochenmann findet sich der Seufzer: &#8220;die letzte die Beste! die letzte die Beste!&#8221; und an einer anderen Stelle die frustrierte Feststellung: &#8220;Resignatio ist keine schöne Gegend!&#8221;</p>
<p><img src="http://farm9.staticflickr.com/8524/8574937740_c140ea880b.jpg" alt="Fidelndes Skelett" /></p>
<p>Auch das Wortspiel, das zu Dortchens Nachnamen führte, ist auf der Schreibunterlage festgehalten: Aus den Initialen der Angebeteten machte Keller &#8220;la bella Trovata, belle trouvée&#8221;, die schöne Gefundene. Auf die Bedeutung des Vornamens werden wir im Roman schon ausdrücklich hingewiesen: &#8220;Ja, Dortchen ist nicht Hierchen!&#8221;, seufzt der liebeskranke Heinrich Lee einmal, und tatsächlich findet sich in den kleinen Gärtchen und Zimmerchen, die Keller auf die Unterlage kritzelt, nirgends eine weibliche Gestalt.</p>
<p>Peter Villwock hat vor Jahren im <em>Raben</em> eine Analyse dieses erstaunlichen Dokuments versucht; der Aufsatz ist <a href="http://www.gottfriedkeller.ch/frameset.html?http://www.gottfriedkeller.ch/aufsatz/betty.htm">auf der Gottfried-Keller-Website</a> nachzulesen. Die Frage, warum Keller &#8220;das nach seinem Tod als Ms. GK 8 b in der Zentralbibliothek Zürich archivierte Dokument einsamer Vergeblichkeit ein Leben lang&#8221; aufbewahrte, konnte er aber auch nicht beantworten:</p>
<blockquote><p>Was &#8216;bedeutet&#8217; der Wirbel der Zeichen, Zahlen, Worte, Bilder? Ist es ein psychologisches, psychiatrisches, biographisches, literarisches, künstlerisches Dokument? écriture automatique, Triebabfuhr, kolossale Kritzelei à la Heinrich Lee, chinesischer Tempel à la Veit/Emanuel (in den <em>Drei gerechten Kammmachern</em>), Parergon, Paralipomenon, Palimpsest, dispositif, différance, désir, Prätext, Metatext, Subtext, Werk? Wie lesen? Was lesen?</p></blockquote>
<p>Das Tohuwabohu auf der Schreibunterlage erinnert in der Tat – wie auch W.G. Sebald bemerkt hat – auch an eine &#8220;kolossale Kritzelei&#8221;, die Heinrich im Roman anfertigt:</p>
<blockquote><p>An eine gedankenlose Kritzelei, welche Heinrich in einer Ecke angebracht, um die Feder zu proben, hatte sich nach und nach ein unendliches Gewebe von Federstrichen angesetzt, welches er jeden Tag und fast jede Stunde in zerstreutem Hinbrüten weiter spann, so daß es nun den größten Theil des Rahmens bedeckte.</p></blockquote>
<p>Während das Chaos der Schreibunterlage jedoch unentwirrbar bleibt, soll das Durcheinander auf Heinrichs Gemälde zumindest eine gewisse Methode haben, wenn wir dem Erzähler glauben dürfen:</p>
<blockquote><p>Betrachtete man das Wirrsal noch genauer, so entdeckte man den bewunderungswerthesten Zusammenhang, den löblichsten Fleiß darin, indem es in Einem fortgesetzten Zuge von Federstrichen und Krümmungen, welche vielleicht Tausende von Ellen ausmachten, ein Labyrinth bildete, das vom Anfangspunkte bis zum Ende zu verfolgen war. Zuweilen zeigte sich eine neue Manier, gewissermaßen eine neue Epoche der Arbeit, neue Muster und Motive, oft sehr zart und anmuthig, tauchten auf, und wenn die Summe der Aufmerksamkeit, Zweckmäßigkeit und Beharrlichkeit, welche zu dieser unsinnigen Mosaik erforderlich war, verbunden mit Heinrich&#8217;s gesammeltem Talente, auf eine wirkliche Arbeit verwendet worden wäre, so hätte er ein Meisterwerk liefern müssen. Nur hier und da zeigten sich kleinere oder größere Stockungen, gewissermaßen Verknotungen in diesen Irrgängen einer zerstreuten, gramseligen Seele, und die sorgsame und kluge Art, wie sich die Federspitze aus der Verlegenheit zu ziehen gesucht, bewies deutlich, daß das träumende Bewußtsein Heinrich&#8217;s aus irgend einer Patsche hinauszukommen suchte.</p></blockquote>
<p>Der einzige, den Keller zumindest so halbwegs einweiht, ist der Freund Hermann Hettner. Dem klagt er im Mai 1855, er erlebe zwar &#8220;gegenwärtig etwas […], was einem heitern und schönen Sterne zu gleichen scheint&#8221;, seine prekäre finanzielle Lage drohe aber, ihm dieses Erlebnis zunichte zu machen. Ein halbes Jahr später beschwert er sich beim Freund, der Teufel habe ihm &#8220;eine ungefüge Leidenschaft auf den Hals geschickt, die ich ganz allein sei dreiviertel Jahren auf meiner Stube verarbeiten muß und die mich alten Esel neben dem übrigen Ärger, Zorn und mit den Schulden um die Wette zwickt und quält&#8221;. Und er stöhnt: &#8220;Das größte Uebel und die wunderlichste Composition, die einem Menschen passiren kann, ist, hochfahrend, bettelarm und verliebt zu gleicher Zeit zu sein und zwar in eine elegante Personage.&#8221;</p>
<p>Die &#8220;elegante Personage&#8221; wird im Roman freilich zu nichts weniger als einer Epiphanie des Weiblichen und zur Summe aller Frauengestalten, in die sich Heinrich im Roman verliebt:</p>
<blockquote><p>«O,» sagte er unter den Bäumen, «was für ein ungeschickter und gefrorner Christ bin ich gewesen, da ich keine Ahnung hatte von diesem leidvollen und süßen Leben! Ist diese Teufelei also die Liebe? Habe ich nur ein Stückchen Brot weniger gegessen, als Anna krank war? Nein! Habe ich eine Thräne vergossen, als sie starb? Nein! Und doch that ich so schön mit meinen Gefühlen! Ich schwur, der Todten ewig treu zu sein; hier aber wäre es mir nicht einmal möglich, dieser Treue zu schwören, so lange sie lebt und jung und schön ist, da dies sich ja von selbst versteht und ich mir nichts Anderes denken kann! Wäre es hier möglich, daß meine Neigung und mein Wesen in zwei verschiedene Theile auseinander fiele, daß neben dieser mich ein anderes Weib auch nur rühren könnte? Nein! Diese ist die Welt, alle Weiber stecken in ihr beisammen, ausgenommen die häßlichen und schlechten!</p></blockquote>
<p><img src="http://farm9.staticflickr.com/8229/8574937714_776a664156.jpg" alt="Wohnzimmer" /></p>
<p>Wie Keller findet aber auch Heinrich nicht den Mut, der Angebeteten seine Liebe zu gestehen, selbst als ihm das Schicksal (in Form eines als Entscheidungshilfe geworfenen Steins) ein Geständnis abzufordern scheint und ein fast ungestörtes Tete-a-Tete als Gelegenheit beschert, bei dem lediglich ein ahnungsloser Pfarrer durch seine Anwesenheit stört. Wir erfahren im Roman nicht einmal, ob Dortchen überhaupt mehr als nur Sympathie für ihn empfindet, genau so wie wir nur vermuten können, ob Betty Tendering etwas von Kellers Zuneigung ahnte und was sie von ihm gehalten haben mochte.<br />
Auch aus der Korrespondenz Kellers mit Lina lässt sich nicht viel erschließen. Keller habe sich ihrer Schwester gegenüber &#8220;stets so unartig und mürrisch wie möglich&#8221; verhalten, tadelte sie einmal:</p>
<blockquote><p>Wir führen zuweilen, Betty und ich, eine kleine Scene auf, in der ich Keller spiele. Sie können denken wie natürlich das ist. Es handelt sich um ein bijou, was Sie fallen ließen. So nannten Sie wenigstens irgend ein, einer Schaale entfallenes, Ding. &#8211; Meine Schwester hebt es auf, &#8211; unerhört freundlich huldvoll von einem schönen großen stolzen Mädchen. Sie präsentirt es Ihnen und Sie kratzen es ihr ungestüm und barsch aus der Hand, und legen es an Ort und Stelle, ohne Dank ohne irgend ein schmeichelhaftes oder erstauntes Wort. &#8211; Betty steht erstarrt vor Ihnen.</p></blockquote>
<p>Eine Szenenbeschreibung, die Keller umgehend zu korrigieren sich genötigt sah: &#8220;Uebrigens stand Ihre Fräulein Schwester nicht, sondern saß auf einem Stuhle, als ich jenen Knopf oder kleinen Compaß suchte, und als sie so huldvoll war, mir ihn zu geben, trotzte ich das Ding nicht ihr aus der Hand, sondern nahm es verblüfft und demüthig in Empfang. Eine besondere Rede daran zu knüpfen, war ich freilich nicht behende genug.&#8221; Wobei er jedoch gleich die Feststellung nachschob, er sei &#8220;von jeher höflich und respektvoll gegen Ihre Schwester gesinnt&#8221; gewesen. Und überhaupt habe sie ihm ja auch einmal einen &#8220;schönen Handel angerichtet“, und zwar &#8220;als sie vorigen Sommer die artige Laune hatte, meine Mutter aufsuchen zu wollen&#8221;.</p>
<p>Betty hatte sich tatsächlich im Sommer 1855 auf eine Reise in die Schweiz begeben und wollte dabei auch Kellers Mutter ihre Aufwartung machen. Zu einem Treffen kam es allerdings nicht, weil sie die Mutter nicht antraf, aber das Auftauchen der eleganten junge Dame sorgte in der Nachbarschaft und in Kellers Freundeskreis für reichlich Gesprächsstoff, und sein Freund Wilhelm Schulz teilte ihm geradewegs mit, aus der &#8220;lebhaften Charakterschilderung&#8221; der Nachbarn gehe &#8220;aufs deutlichste hervor, daß die benannte Betty Tendering die unverkennbarste Ähnlichkeit mit dem Dortchen Schönfund hat, und daß sie dermalen an keine andere Unsterblichkeit glaubt, als an die des Dichters Gottfried Keller. Darum ist nur das eine zu wünschen: daß es dieser Gottfried Keller nicht ebenso mache, wie sein Grüner Heinrich bei dem Dortchen Schönfund, sondern daß er gegenüber der Betty Tendering beizeiten das Maul auftue, was er indessen – nach seinem offenen Schreiben zu schließen – mit vollständiger Offenheit vielleicht schon wirklich vollzogen hat.&#8221;</p>
<p>Das ihm der Tratsch quasi auf die Schliche gekommen war, das war für Keller dann doch zu viel, zumal sich ja nicht ausschließen ließ, dass man auch in Berlin vernehmen könnte, worüber man sich in Zürich die Mäuler zerriss: Der &#8220;Lärm von der Pracht und Leutseligkeit des fremden Fräuleins&#8221; sei unter allen Bekannten wie ein Lauffeuer umgegangen, erklärte er sich Lina, und er habe &#8220;schon damals in Briefen und bei meiner Heimkehr mündlich eine Neugierde und ein Klatschwesen auszustehen, die über das Bohnenlied hinausgingen&#8221; und ihn dazu zwangen, &#8220;mit entschiedener Grobheit dazwischen&#8221; zu fahren: &#8220;Ich kann mir aufrichtig das Lob geben, daß ich mich ritterlich für das Fräulein gewehrt habe, damit sie in keinen falschen Verdacht komme.&#8221;</p>
<p>Die ritterliche Verteidigungslinie hielt er allerdings nicht durchweg: In eine Brief an seine Mutter spielte er vielmehr selbst den Gekränkten und schilderte Betty als kapriziöses &#8220;junges Frauenzimmer&#8221;, das er &#8220;in einem befreundeten Hause öfters sehe&#8221;, wo &#8220;sie tat, als ob sie viel auf mir hielte&#8221;. Der beabsichtigte Besuch, behauptete er der Mutter gegenüber, sollte &#8220;auch eine Schufterei sein, damit ich mir etwa einbilde weiß Gott was; denn sie hat mir eine ganze Reihe solcher Geschichten gemacht, und es kam ihr nicht darauf an, nach Hottingen hinauszulaufen; wozu ich viel Vergnügen wünsche! Ich hockte inzwischen lang gut in Berlin. Es ist übrigens ein reiches, schönes und großes Mädchen, welches weder Vater und Mutter mehr hat, nicht weiß, was sie will, und besonders nicht leiden kann, wenn ich nicht alle Welt den Hof macht.&#8221; Einige Zeit später eröffnete er der Mutter dann doch, dass es da eine &#8220;traurige Affäre&#8221; gegeben habe, von der er &#8220;so viel Kummer und Verdruß gehabt, daß ich fast nichts tun konnte und wieder rückwärts kam&#8221;. Das plötzliche Geständnis hatte einen Grund: Er wollte fort von Berlin  – &#8220;es gibt in dieser Sache keinen andern Ausweg, als daß ich von hier weggehe&#8221; –, aber er steckte knietief in finanziellen Schwierigkeiten und ohne Hilfe der Mutter fehlten ihm die Mittel zur Heimkehr.</p>
<p>Im Dezember 1855 konnte Keller Berlin endlich verlassen und ließ sich wieder in Zürich nieder. &#8220;Meine sämmtliche Frömmigkeit und Rechtgläubigkeit im Punkte der Frauen ist auf den Kopf gestellt, und ich kann einzig nur noch ihre wirklich guten Qualitäten als Mütter zugeben&#8221;, schrieb er wenig später an Lina, &#8220;und daran sind sie auch nicht schuld, sondern die allgemeine Mutter Natur. Ich habe zuviel schlechten Hohn und abgeschmackte Hänselei bei den nobelsten Frauensleuten sehen müssen, als daß ich noch viel auf ihre Empfindungen gäbe.&#8221;</p>
<p><img src="http://farm9.staticflickr.com/8228/8574978988_59606cfbd0_m.jpg" alt="Georg Weerth" /></p>
<p>Während Keller frustriert seine Rückkehr vorbereitete, hatte sich bereits ein weiterer Verehrer für Betty Tendering eingestellt: Georg Weerth, der Verfasser des satirischen Romans über <em>Leben und Taten des Ritters Schnapphahnski</em> und mit Marx und Engels einer der Gründer der Neuen Rheinischen Zeitung. Anders als Keller fand Weerth den Mut zum Liebesbekenntnis, und in diesem Fall sind uns auch Bettys Reaktionen darauf überliefert.</p>
<p>Weerth hatte Betty schon ein paar Jahre zuvor kennengelernt, aber da war er noch damit beschäftigt, sein Leben neu zu ordnen. Die Schriftstellerei hatte er nämlich an den Nagel gehängt, weil ihm der <em>Schnapphahnski</em> eine dreimonatige Gefängnisstrafe eingebracht hatte. Der Titelheld war eine deutliche Karikatur des preußischen Fürsten Felix Lichnowsky, der allerings im September 1848 – wenige Wochen nach Erscheinen der ersten Romankapitel in der Neuen Rheinischen – während der revolutionären Umtriebe in Frankfurt ermordet wurde. Weerth wurde daraufhin wegen Verunglimpfung eines Toten vor Gericht gestellt, verurteilt und im Kölner Klingelpütz inhaftiert. Nach seiner Entlassung trieb es ihn fort aus Deutschland: Er kehrte zu seinem erlernten Kaufmannsberuf zurück, bereiste Europa und ließ sich schließlich in der Karibik nieder. Im Jahr 1855 fur er für einige Wochen nach Deutschland zurück, traf Betty wieder und machte ihr prompt einen Heiratsantrag:</p>
<blockquote><p>War es ein Wunder, daß ich ihrer gedachte, wenn ich allein im Walde oder auf der See lag? Ich kann es nicht bereuen. Der Sacramento kennt ihren Namen so gut wie der Chimborasso und die Grasfläche der Pampas.</p></blockquote>
<p>Aber auch wenn er den Namen der Geliebten bis ans Ende der Welt getragen hatte, so schien Weerth der Kraft seiner Worte nicht ganz zu trauen, lenkte er doch gleich ein, dass er &#8220;in Angst und Unbeholfenheit&#8221; gerate, &#8220;denn ich glaube, Sie sind zu schön und zu vornehm für einen Menschen, der sich mit den Äquinoktialstürmen herzumzuschlagen hat, mit dem Vomito Negro und mit spanischen Kreolen&#8221;.</p>
<p><img src="http://farm9.staticflickr.com/8240/8574937686_ba8025d1c2_n.jpg" alt="Betty Tendering" /></p>
<p>In der Tat wies Betty seinen Antrag ab: &#8220;Ich glaube nicht an Länge, Tiefe und Höhe in der Liebe, aber ihre flüchtige Existenz kann ich nicht bestreiten.&#8221; Und dennoch entwickelte sich in den folgenden Monaten ein Briefwechsel, der zu den anrührendsten Korrespondenzen gehört, die es in deutscher Sprache gibt. Auch deshalb, weil er uns Betty Tendering als intelligente und nachdenkliche junge Frau zeigt, die damit kämpfte, unter den Optionen, die Frauen damals offenstanden, einen ihr gemäßen Platz zu finden: &#8220;Ich bin selbst so treulos wie die Welle oder der Wind, und weil die Ehe die Ewigkeit ist, fürchte ich mich vor der Ehe und der Ewigkeit&#8221;, schrieb sie, und an anderer Stelle: &#8220;Ich begreife die Frauen nicht, die nur mit Männern leben können. Es gibt eine so zärtliche Zuneigung zwischen edlen Frauen, die durch nichts ersetzt werden kann. Da gibt es kein Verbergen, kein Scheuen, man erkennt sich, mag sein ganzes Herz öffnen, mag gut sein, mag geliebt werden. Das wird mir sehr fehlen. […] Ich betrachte mein Geschlecht, als ob ich gar nicht dazugehörte, das lässt mich gerecht sein.&#8221;</p>
<p>Weerth versuchte, den ausgehändigten Korb mit Fassung anzunehmen, ohne jedoch seine Werbungsversuche umgehend einzustellen: &#8220;Dein Brief von heute morgen, statt mich, wie ich fürchtete, total zu vernichten, hat mich in lautes Entzücken versetzt. Ich liebe Dich toller als je vorher, denn ich sehe, daß Du die genialste und liebenswürdigste Person bist, die ich gekannt habe.&#8221; Zwar sei Betty &#8220;lange nicht so schön wie viele meiner spanischen Freundinnen&#8221;, fügte er hinzu, aber ihre Ausstrahlung schlug ihn dennoch in Bann: &#8220;In vergangener Nacht träumte mir, Du wärst eine Giftmischerin. Wir wären 14 Tage verheiratet, und schon wolltest Du mir Blausäure in den Kaffee mischen und mich im Schlafe erdrosseln – vergifte und erdrossle mich! es ist mir recht.&#8221;</p>
<p>Gleichwohl musste er sich vorhalten lassen, Leidenschaft und Liebe zu verwechseln: &#8220;Auch jetzt lieben Sie mich nicht, Sie haben vielleicht sich vorgenommen, mein Herz zu erobern, weil man ihnen sagte, das sei eine Mühe, wenn auch nicht der Mühe wert&#8221;, wies ihn Betty zurecht.</p>
<blockquote><p>Ich bin ein wunderliches Geschöpf, halb wissen Sie das. Ich weiß nicht, wozu in mich so schöne Anlagen gelegt sind, wenn sie so zu nichts werden müssen. Man hat mich viel geliebt, weil ich vieler Liebe bedarf, denke ich, sonst muß meine Kälte angezogen haben. Ich habe oft eine weiche Regung gefühlt, aber bei der geringsten Berührung zieht sich mein Herz zusammen. Ich kann nur ganz im geheimen, von keinem in meinen Gefühlen belauscht, an jemanden denken. Etwas Unpraktischeres wie diese Richtung ist nicht zu denken, und sie sehen wohl, ich bin ganz unbrauchbar für die Ehe und einen ehelichen Hausstand.</p></blockquote>
<p>Und setzte ihm noch die Warnung hinzu: &#8220;Eigentlich sollte ein Mann nicht die Frau heiraten, die er liebt, von ihr erwartet man einen Himmel von Glückseligkeit, und wenn man weiß, sie ist ein Weib wie andere, ist man so kalt, so jämmerlich unglücklich.&#8221;</p>
<p>Die Korrespondenz zwischen beiden dauerte nur von September 1855 bis Anfang 1856, dann bat Betty um ein Ende der Beziehung: &#8220;Vergessen Sie mich ganz, ich werde sehen, wie ich das Leben zu Ende bringe, ein Teil ist vorüber, und das Alter wird wohl meiner armen Seele Ruhe bringen. […] ich hoffe recht verständig zu werden, aber zum Aufgeben meines freien Sinnes ist keine Aussicht.&#8221; Wenige Wochen vor diesem letzten Brief hatte es ein kurzes Wiedersehen in Frankreich gegeben, bei dem Weerth einen letzten, vergeblichen Annäherungsversuch unternahm und erneut abgewiesen wurde. Enttäuscht kehrte er in die Karibik zurück. Etwa ein halbes Jahr später starb er, gerade einmal 34 Jahre alt, an den Folgen einer Hirnhautentzündung.</p>
<p>Geheiratet hat Betty Tendering schließlich doch noch: 1860 ehelichte sie den Brauer Heinrich Tigler, Kompagnon der Brauerei Luyken &#038; Tigler in Wesel-Obrighoven. Sechs Kinder gingen aus der Ehe hervor, ansonsten ist über ihr weiteres Leben nicht viel in Erfahrung zu bringen. Es sei &#8220;durch viele Leiden und Sorgen getrübt&#8221; gewesen, behauptete der Schweizer Germanist Emil Ermatinger: &#8220;Ihre äußeren Verhältnisse verloren den Glanz, der ihre Jugend umstrahlte; aber sie wuchs an innerem Adel und ertrug schwere Schicksale gefaßt und groß.&#8221;</p>
<p>Sie starb am 13. April 1902. In ihrem Nachlaß fand sich unter anderem der komplette Briefwechsel mit Georg Weerth, den sie bis zu ihrem Tod aufbewahrt hatte. (Ihre Briefe an ihn hatte Georgs Bruder ihr zurückerstattet.) Der Dachreiter des Hauses Ahr ist übrigens nicht das einzige Denkmal, das auf sie verweist: Das vielleicht angemessenste befindet sich allerdings weit von der Erde entfernt. Im September 1977 taufte der Schweizer Astonom Paul Wild den von ihm entdeckten <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Beltrovata">Asteroiden 2368</a> auf den Namen <em>Beltrovata</em>. Es handelt sich dabei, heißt es in der Wikipedia, um einen <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Erdnaher_Asteroid#Amor-Typ">Asteroiden des Amor-Typs</a>, deren Eigenschaft es sei, dass sie die Erdbahn nicht kreuzen, ihr aber von außen nahe kommen.</p>
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		<title>Monströse Thesen</title>
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		<pubDate>Wed, 14 Nov 2012 15:06:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Claus Moser</dc:creator>
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		<description><![CDATA[China Miéville hat für das Literaturmagazin Conjunctions ein paar interessante Thesen über Monster formuliert, zum Beispiel diese hier: Monsters demand decoding, but to be worthy of their own monstrosity, they avoid final capitulation to that demand. Monsters mean something, and/but they mean everything, and/but they are themselves and irreducible. They are too concretely fanged, toothed, [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>China Miéville hat für das Literaturmagazin <em>Conjunctions</em> ein paar interessante <a href="http://www.conjunctions.com/archives/c59-cm.htm">Thesen über Monster</a> formuliert, zum Beispiel diese hier:</p>
<blockquote><p>Monsters demand decoding, but to be worthy of their own monstrosity, they avoid final capitulation to that demand. Monsters mean something, and/but they mean everything, and/but they are themselves and irreducible. They are too concretely fanged, toothed, scaled, fire-breathing, on the one hand, and too doorlike, polysemic, fecund, rebuking of closure, on the other, merely to signify, let alone to signify one thing.</p></blockquote>
<p>Ein aktuell besonders virulentes Monster, der Zombie, war zuletzt gleich auf zwei Veranstaltungen ein Thema, die man nun auch nachhören kann: zum einen bei einer Podiumsdiskussion mit u.a. Mark Fisher (&#8220;Capitalist Realism&#8221;) über <a href="http://www.nottinghamcontemporary.org/event/zombie-metaphor-part-ii">The Zombie Metaphor</a>, zum anderen bei einem Vortrag von David McNally, Autor des Buches <a href="http://www.haymarketbooks.org/pb/Monsters-of-the-Market"><em>Monsters Of The Market</em></a>, über <a href="http://www.againstthegrain.org/program/626/mon-111212-zombies-labor-and-catastrophism"><em>Zombies, Labor, and Catastrophism</em></a>.</p>
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		<title>Das Tragische und seine Grenzen</title>
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		<pubDate>Thu, 08 Nov 2012 13:44:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Claus Moser</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Interview mit Simon Critchley über die Tragödie und darüber, warum er sie der Philosophie für überlegen hält: Unlike Nietzsche and a whole series of others for whom tragedy is a kind of pre-rational fusion with being, what you actually see in tragedy is rational argumentation moving between two positions. However, reason is not triumphant. Cassandra [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.thewhitereview.org/interviews/interview-with-simon-critchley-the-tragic-and-its-limits-2/">Interview mit Simon Critchley</a> über die Tragödie und darüber, warum er sie der Philosophie für überlegen hält:</p>
<blockquote><p>Unlike Nietzsche and a whole series of others for whom tragedy is a kind of pre-rational fusion with being, what you actually see in tragedy is rational argumentation moving between two positions. However, reason is not triumphant. Cassandra is going to be sold into slavery to Agamemnon and she&rsquo;s going to die. So we see that reason can produce incredibly strong arguments but in the end it bumps up against the facts of history or the reality of violence, which it cannot overcome. The founding delusion of philosophy is that reason can ultimately find an underlying pattern in reality or history and can, through the force of the better argument, transform things. Tragedy does not believe in such a view. Tragedy is more pessimistic.</p></blockquote>
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