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	<title>gleiche höhe ist kein abseits</title>
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	<description>ein kleines museum des zufalls</description>
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		<title>Fontana Campari</title>
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		<pubDate>Thu, 02 Sep 2010 13:24:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Claus Moser</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Brunnen]]></category>
		<category><![CDATA[Chiusi della Verna]]></category>
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Beim Sortieren einiger alter Fotos stoße ich grade auf dieses hier: Die Fontana Campari in Le Piastre, einem kleinen Dorf nördlich von Pistoia. Werbung als Monument: Der Brunnen ist ein letztes Überbleibsel einer seltsamen Marketing-Kampagne, über die ich leider nicht allzuviel weiß, aber die paar Informationen, die ich bisher auftreiben konnte, sind interessant genug, um [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://farm1.static.flickr.com/79/260046891_6a580631dd_d.jpg" alt="Fontana Campari" /></p>
<p>Beim Sortieren einiger alter Fotos stoße ich grade auf dieses hier: Die <em>Fontana Campari</em> in Le Piastre, einem kleinen Dorf nördlich von Pistoia. Werbung als Monument: Der Brunnen ist ein letztes Überbleibsel einer seltsamen Marketing-Kampagne, über die ich leider nicht allzuviel weiß, aber die paar Informationen, die ich bisher auftreiben konnte, sind interessant genug, um sie hier aufzuschreiben (und vielleicht kommt ja jemand vorbei, der das eine oder andere ergänzen kann).<span id="more-1260"></span></p>
<p>Entstanden ist dieser Brunnen wohl um 1937, als Teil einer sehr limitierten Serie von insgesamt zwölf Exemplaren. Meines Wissens existiert außer diesem hier allerdings <a href="http://www.flickr.com/photos/francescadonatelli/2249477234/">nur noch ein Exemplar</a>, das von 1931 stammen soll und sich auf dem Dorfplatz von Chiusi della Verna, ganz im Osten der Toskana, befindet. Der Entwurf zu den Brunnen stammt von Giuseppe Gronchi, einem Art-Déco-Bildhauer, der vor allem im Norden der Toskana aktiv war: Er produzierte u.a. Grabmäler für den Friedhof San Miniato, Stuckdekorationen für das <em>Teatro Savoia</em> in Florenz, aber auch eine Büste des <em>Duce</em> für die Thermen von Montecatini (die meines Wissens auch immer noch dort steht).</p>
<p><img src="http://farm1.static.flickr.com/121/260046900_317d6cde63_d.jpg" alt="Fontana Campari" /></p>
<p>Wo die übrigen zehn Brunnen aufgestellt wurden, weiß ich leider nicht, und daher kann ich auch nur spekulieren, wie die zwei noch existierenden Exemplare nach Le Piastre und Chiusi gekommen sind. Beide stehen an wichtigen Passstraßen über den Apennin, und in Orten von touristischem Interesse. Chiusi ist ein bekannter Pilgerort: An der Stelle, wo sich heute das Franziskanerkloster La Verna befindet, soll Franz von Assisi seine Stigmata empfangen haben. Le Piastre wiederum liegt auf einer Art Panoramabalkon oberhalb von Pistoia, an der alten <em>Strada Regia</em> von Florenz nach Modena, über die man auch zu den Wintersportorten und Sommerfrischen im nördlichen Apennin gelangte.</p>
<p>Im Fall von Le Piastre könnte die Aufstellung des Brunnens auch mit dem Wirtschaftszweig zusammenhängen, für den das Dorf mal berühmt war: In den Bergen gab es zahlreiche <em>ghiacciaie</em>, tief unterkellerte Eishäuser, in denen man bis weit in den Sommer Eis lagern konnte. Der einträgliche Handel mit Eisblöcken für Gastronomie, Lebensmittelhandel und zahlungskräftige Privatleute existierte damals noch und fand erst mit dem Aufkommen von Kühlschränken und Tiefkühltruhen ein Ende.</p>
<p>Möglicherweise standen auch die anderen Brunnen an touristisch oder verkehrstechnisch relevanten Strecken. Wer immer die Idee dazu hatte, mußte sie auf jeden Fall vom damaligen Chef von Campari abgesegnet bekommen haben. Das war seit 1920 Davide Campari. Sein Vater Gaspare, ein Caféhausbesitzer in Novara und Mailand, hatte den roten Bitter 1860 zur Gründung des Königreichs Italien auf den Markt gebracht. (Auch der auf dem Brunnen genannte <em>Cordial Campari</em> ist übrigens eine, wenn auch weit weniger bekannte Erfindung von ihm: Ein süßlicher Erdbeerlikör, aufwändig in der Herstellung und deshalb vor einigen Jahren aus dem Programm verschwunden.)</p>
<p>Davide Campari war ein ambitionierter Unternehmer: Schon zu Lebzeiten seines Vaters trieb er die nationale und internationale Vermarktung der Marke <em>Campari</em> voran. Er war dabei &#8211; wie das Unternehmen bis heute gerne betont &#8211; ein Pionier des Marketing, der neue Methoden eifrig rezipierte und ausprobierte. Das brachte ihn in Kontakt mit den Futuristen, vor allem den Vertretern der zweiten Generation um Fortunato Depero, die futuristische Ästhetik für sämtliche Bereiche des alltäglichen Lebens fruchtbar machen wollten und darum besonders an Werbung und Design interessiert waren. Mit Depero hat Campari häufig zusammengearbeitet: Von ihm stammt zum Beispiel das Design der kleinen kegelförmigen Fläschchen, die man bis heute in jeder italienischen Bar bekommen kann. Depero war allerdings auch, was man nicht verschweigen sollte, ein bekennder Sympathisant der Faschisten: Noch 1943 veröffentlichte er mit <em>A passo romano</em> einen Band glorifizierender Lyrik.</p>
<p>Die Brunnen von Giuseppe Gronchi sind zwar eher vom Art Déco beeinflusst denn vom Futurismus. Modern ist an ihnen vor allem, dass sie ganz deutlich an die Gestaltung einer Zeitungsannonce angelehnt sind. Aber den Geist der Zeit kann man auch hier erkennen. Der Brunnen macht aus dem kommerziellen Produkt ein nationales Monument und verweist im Dekor auf eine antike und klassische Kontinuität. Campari als Hausmarke der <em>Italianità</em>: Das entspricht dem protektionistischen Geist der Wirtschaftspolitik Mussolinis, die ein Programm der Autarkie und Unabhängigkeit von ausländischen Importen umsetzte und dabei auch auf kulturkämpferische Parolen zurückgriff (zum Beispiel in der Formel von der <em>battaglia del grano</em>, der &#8220;Weizenschlacht&#8221;).</p>
<p>Kulinarische Produktwerbung als politische Propaganda: Etwa zur gleichen Zeit erscheint mit <a href="http://www.youtube.com/watch?v=dLy5kotlNGY">L&#8217;ora del Campari</a> ein Werbesong, der sich ganz offen an den offiziellen Jargon anlehnt, als gelte es, den roten Bitter zum Getränk der Bewegung zu stilisieren. Die Stunde des Campari schlägt, &#8220;quando gli stranieri in carovana [...]/Ammiran sui colli di Roma nuove glorie ed eterno splendor&#8221; (wenn die Karawanen der Fremden/auf den Hügeln Roms die neue Herrlichkeit und den ewigen Glanz bewundern).</p>
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		<title>The London Nobody Knows</title>
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		<pubDate>Tue, 31 Aug 2010 13:36:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Claus Moser</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Finisterre]]></category>
		<category><![CDATA[Geoffrey Fletcher]]></category>
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		<category><![CDATA[London]]></category>
		<category><![CDATA[Norman Cohen]]></category>
		<category><![CDATA[Saint Etienne]]></category>
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Ein Postskriptum zum Beitrag über den Sock Mob: Zufällig sah ich letzte Woche auch einen skurrilen, aber charmanten Dokumentarfilm von 1967, The London Nobody Knows. Der Film ist eine Tour durch ein London, das es nicht mehr gibt: Das London der späten Sechziger Jahre, als die Spuren des Krieges immer noch sichtbar und Viertel wie [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://farm5.static.flickr.com/4074/4940824269_cd7926f093_d.jpg" alt="The London Nobody Knows" /></p>
<p>Ein Postskriptum zum <a href="http://www.clausmoser.com/?p=1246">Beitrag über den <em>Sock Mob</em></a>: Zufällig sah ich letzte Woche auch einen skurrilen, aber charmanten Dokumentarfilm von 1967, <a href="http://www.amazon.de/gp/product/B000Z63ZNS?ie=UTF8&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=B000Z63ZNS">The London Nobody Knows</a><img src="http://www.assoc-amazon.de/e/ir?t=nightlybuilds-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=B000Z63ZNS" width="1" height="1" border="0" alt="" style="border:none !important; margin:0px !important;" />. Der Film ist eine Tour durch ein London, das es nicht mehr gibt: Das London der späten Sechziger Jahre, als die Spuren des Krieges immer noch sichtbar und Viertel wie Camden und Spitalfields noch kaum gentryfiziert waren, die Aufräumarbeiten aber bereits begonnen hatten.<span id="more-1253"></span></p>
<p>Der Führer durch diese verschwindende Stadt ist immerhin James Mason. Seine Teilnahme an diesem Film hat aber etwas Rätselhaftes: Er scheint nicht wirklich begeistert von der Sache, bewegt sich arg steiflippig und pikiert durch die Theaterruinen, viktorianischen Bedürfnisanstalten, öffentlichen Märkte und Obdachlosenheime und weiß wohl selbst am wenigsten, was er da unter den Hoi Polloi zu suchen hat. In einer denkwürdigen Szene lässt er sich einen Hinterhof zeigen, in dem Jack The Ripper eines seiner Opfer gemeuchelt haben soll und macht dabei ein Gesicht, als sei die Leiche nach all den Jahren immer noch nicht weggeräumt worden.</p>
<p><img src="http://farm5.static.flickr.com/4119/4940805101_85207a3570_d.jpg" alt="The London Nobody Knows" /></p>
<p>Es scheint sich um ein relativ schnell abgedrehtes Machwerk zu handeln: Dafür spricht auch die reichlich kuriose und wenig kohärente Mischung aus dokumentarischen Passagen, bizarren, oft nur albernen Spielszenen und etwas unbeholfenen Interviews (die möglicherweise auch gestellt sind). Aber trotz dieses unbehauenen Charakters und einiger unfreiwilliger Komik ist dieser Film durchaus sehenswert, nicht nur aus nostalgischen Gründen.</p>
<p><em>The London Nobody Knows</em> ist eine akustische und visuelle Collage, in der die Stadt als ein Atlas des Verschwindens und der Flüchtigkeit betrachtet wird. Insofern hat der Film tatsächlich einiges gemeinsam mit der Musik von Burial (wie <a href="http://found0bjects.blogspot.com/2010/08/london-nobody-knows.html">hier</a> bemerkt worden ist): Gebäude, Menschen, Stimmen, Klänge &#8211; alles hat ein Flair von Vorläufigkeit, alles hat schon etwas Gespenstisches und Surreales, obwohl es noch vorhanden ist. Masons distanzierte Arroganz ist da vielleicht sogar ein bewusstes Stilmittel: Er ist weniger Archäologie als Registrar, und seine Aufgabe nicht das Verstehen, sondern das Katalogisieren der vorgefundenen Objekte.</p>
<p><img src="http://farm5.static.flickr.com/4080/4941092887_109451673a_d.jpg" alt="The London Nobody Knows" /></p>
<p>Der Film ist nur 45 Minuten lang und wurde, so weit ich weiß, fürs lokale Fernsehen produziert. Regisseur Norman Cohen hat ansonsten ein wenig bemerkenswertes Oeuvre geschaffen: Es besteht vor allem aus Comedy-Kanonenfutter wie der <em>Confessions</em>-Reihe (Sex-Komödien à la &#8220;Das Wandern ist Herrn Müllers Lust&#8221;) und einer nicht sonderlich gut beleumundeten Verfilmung von <em>Adolf Hitler &#8211; My Part In His Downfall</em>, der Autobiographie des (ansonsten durchaus ehrenwerten) Spike Milligan. Es gibt außerdem offenbar noch einen älteren Dokumentarfilm, <em>London In The Raw</em>, der sich dem Vernehmen nach eher mit der schmuddligeren Seite des swingenden London befasste und wohl ein ähnliches Publikum ansprechen wollte wie im deutschen Kino die einschlägigen Reports über Schulmädchen.</p>
<p>Grundlage von <em>The London Nobody Knows</em> ist ein gleichnamiges Buch von Geoffrey Fletcher, einem Kunstkritiker und Kolumnisten des <em>Daily Telegraph</em>. Fletcher schrieb und zeichnete regelmäßig kleine, idiosynkratische Skizzen zu den letzten Überbleibseln des viktorianischen und edwardianischen London. Vieles davon wurde auch in Büchern publiziert, <em>The London Nobody Knows</em> ist das Bekannteste davon und über einschlägige Antiquariate problemlos aufzutreiben.</p>
<p>Sowohl Fletchers Bücher als auch Cohens Film haben in den vergangenen Jahren ein kleines Comeback erlebt. Ein Fürsprecher ist zum Beispiel Bob Stanley von <em>Saint Etienne</em>, der <a href="http://www.guardian.co.uk/film/2003/nov/21/history">im Guardian</a> darüber geschrieben hat. Der Saint-Etienne-Film <a href="http://www.amazon.de/gp/product/B0009RRSZO?ie=UTF8&#038;tag=nightlybuilds-21&#038;linkCode=as2&#038;camp=1638&#038;creative=6742&#038;creativeASIN=B0009RRSZO">Finisterre</a><img src="http://www.assoc-amazon.de/e/ir?t=nightlybuilds-21&#038;l=as2&#038;o=3&#038;a=B0009RRSZO" width="1" height="1" border="0" alt="" style="border:none !important; margin:0px !important;" /> hat durchaus einige atmosphärische Ähnlichkeiten mit Cohens Film.</p>
<p>In diesem Jahr borgte sich außerdem der Journalist Dan Cruickshank den Titel von Fletchers Buch <a href="http://www.bbc.co.uk/programmes/b00sxj2v">für eine BBC-Serie</a>, um seinerseits dem verschwundenen London nachzuspüren. Die BBC hat einige Ausschnitte online gestellt. Ein Blick lohnt sich, aber gegen den ungelenken Charme und die Unbehaglichkeit von Cohen und Mason kommen sie nicht wirklich an.</p>
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		<title>London von unten</title>
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		<pubDate>Mon, 30 Aug 2010 16:13:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Claus Moser</dc:creator>
				<category><![CDATA[U.K.]]></category>
		<category><![CDATA[London]]></category>
		<category><![CDATA[Obdachlosigkeit]]></category>
		<category><![CDATA[Social Business]]></category>
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		<description><![CDATA[
Der Guardian berichtete kürzlich von einem bemerkenswerten Projekt aus London: Eine Bürgerinitiative ermuntert Obdachlose dazu, sich als Stadtführer zu versuchen.
Our Unseen Tours bring you an entertaining and poignant walk with trained homeless guides, offering you a historical but also unexplored perspective of the city, as perceived through the lens of homelessness. Uniquely, the tours interweave [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://farm5.static.flickr.com/4078/4941651767_75888ae0be_d.jpg" alt="Sock Mobs' Unseen Tours" /></p>
<p>Der <em>Guardian</em> berichtete kürzlich von einem <a href="http://www.guardian.co.uk/society/2010/aug/25/homeless-guides-tour-of-london">bemerkenswerten Projekt aus London</a>: Eine <a href="http://www.meetup.com/thesockmob/">Bürgerinitiative</a> ermuntert Obdachlose dazu, sich als Stadtführer zu versuchen.</p>
<blockquote><p>Our <a href="http://www.sockmobevents.org.uk/unseen-tours">Unseen Tours</a> bring you an entertaining and poignant walk with trained homeless guides, offering you a historical but also unexplored perspective of the city, as perceived through the lens of homelessness. Uniquely, the tours interweave the guides&#8217; own stories and experiences, introducing a new social consciousness into commercial walking tours.</p></blockquote>
<p>Die Mitglieder des <em>Sock Mob</em>, der Initiative hinter der Idee, besuchen schon seit einigen Jahren Obdachlose, bringen Essen und warme Socken mit und lassen sich dafür im Gegenzug Geschichten erzählen. Dass diese Geschichten auch eine andere Perspektive auf die Stadt bieten und im Kanon städtischer <em>oral histories</em> zu Gehör gebracht werden sollten, ist eine ebenso naheliegende wie sympathische Idee. Interessant genug, um Lidija Mavra, einer der Initiatorinnen des Projekts, ein paar Fragen zu stellen, die sie netterweise auch prompt beantwortet hat.<span id="more-1246"></span></p>
<p><strong>Was mir an Eurem Projekt am besten gefällt, ist der Aspekt der Gegenseitigkeit: Der <em>Sock Mob</em> spendet nicht nur ein paar nützliche Dinge, sondern lässt sich dafür Geschichten erzählen. Wie wichtig ist diese Idee der Reziprozität für Euch?</strong></p>
<p>Sehr wichtig. Ich würde sogar sagen, das ist das zentrale Ethos des <em>Sock Mob</em>. Es geht nicht nur um Hilfe für Obdachlose, sondern darum, viele Menschen aus unterschiedlichen Lebensbereichen zusammenzuführen. Jeder bringt etwas mit, was geteilt werden kann und was sich als Basis für Kontakte eignet, ohne dass man dafür eine bestimmte Agenda bräuchte.</p>
<p><strong>Wie viel Aufwand ist nötig, um so ein Projekt ans Laufen zu bekommen?</strong></p>
<p>Was den <em>Sock Mob</em> angeht, der war quasi ein Selbstläufer. Es ist ein sehr organisches Projekt und fußt allein auf dem Willen und der Spontaneität der Menschen, die dahinter stehen. Eine übermäßige Kontrolle oder Strategie braucht es dafür nicht. Wir möchten, dass das Projekt und die damit zusammenhängenden Aktivitäten ganz im Einklang mit den Wünschen und Lebenswirklichkeiten der Menschen stehen, die es angeht. Etwa wie die Fotoausstellung <em>Sock And The City</em>: Da haben wir unseren obdachlosen Freunden einfach ein paar Kameras gegeben, damit sie Bilder von sich und ihrem Umfeld machen konnten.</p>
<p>Die Stadtführungen selbst sind allerdings ein wesentlich strukturierteres Projekt, schon deshalb, weil sie unter dem Dach eines <em>social enterprise</em> [d.h. eines Unternehmens mit sozial ausgerichtetem Unternehmenszweck] angeboten werden und somit eine Dienstleistung darstellen. Zwei Koordinatoren waren im wesentlichen für die Konzeptentwicklung der Touren verantwortlich, für das Coaching der Stadtführer, das Training der ehrenamtlichen Helfer, die Kommunikation mit den Medien, die administrative Seite und so weiter. Ich möchte aber ausdrücklich darauf hinweisen, dass jeder Aspekt der Stadtführungen gemeinsam mit den Führern, den ehrenamtlichen Helfern in den <em>Sock Mobs</em> und der kritischen Unterstützung von Freunden entwickelt wurde. Anders gesagt: Wir haben im Grunde nur dazu eingeladen, Ideen, konstruktive Kritik und sonstige Hilfe einzubringen, und wir hatten das Glück, dass viele Antworten kamen.</p>
<p>Was die praktische Umsetzung angeht: Mit der Planung der Stadtführungen haben wir haben vor etwa sechs Monaten begonnen. Vor drei Monaten wurden die Stadtführer ausgesucht und zwei Mal pro Woche trainiert. Die Stadtführungen sind momentan [d.h. während des gerade beendeten <a href="http://londonfestivalfringe.com/">London Fringe Festivals</a>] sehr intensiv: Wir haben pro Abend zwei Touren, und das fünf Mal die Woche. Bei jeder Tour sind zwei freiwillige Helfer dabei, als Ansprechpartner und für das Feedback. Das alles benötigt natürlich einen gewissen logistischen Aufwand.</p>
<p><strong>Worauf wird im Training besonders Wert gelegt?</strong></p>
<p>Das wichtigste ist es, den Wunsch der Stadtführer nach Kontakt und Dialog zu bestärken und ihnen zu helfen, ihre Geschichten vermitteln zu können. Wir unterstützen sie auch in der Recherche historischer Details und Hintergründe. Gut ist es natürlich, wenn sie selbst eine gewisse Energie, Eigeninitiative und Verlässlichkeit mitbringen.</p>
<p><strong>Warum ist es wichtig, die Geschichten obdachloser Menschen hör- und sichtbar zu machen?</strong></p>
<p>Es hilft, die gefährlichen Stigmatisierungen und Vorurteile zu durchbrechen, mit denen Menschen auf der Straße oder in prekären Wohnverhältnissen oft behaftet sind. Diese Vorurteile machen sie zur Zielscheibe von Misshandlungen und Vernachlässigung, und das kann wiederum zu selbstzerstörerischem Verhalten ihrerseits führen. Das alles entfremdet sie vom Arbeitsmarkt und vereitelt ihre Chancen, selbst für ihren Lebensunterhalt zu sorgen.</p>
<p>Die Stadtführungen sind aber nicht nur für die Obdachlosen von Bedeutung, sondern auch für die Teilnehmer und die freiwilligen Helfer. Sie machen sichtbar, welche sozialen Prozesse die Verhaltensweisen und Lebensbedingungen von Menschen beeinflussen, ohne von ihnen kontrolliert werden zu können.</p>
<p>Das Erzählen von Geschichten ist außerdem eine alte Methode, um Menschen zusammenzuführen und über das gemeinsame Zuhören eine Identität zu stiften. Das ist wichtig, wenn man die Kultur der Angst vor dem Anderen, die es in vielen Städten gibt, durchbrechen will. Und es trägt hoffentlich dazu bei, etwas mehr Aufmerksamkeit und Fürsorge in der städtischen Gesellschaft zu verankern.</p>
<p><strong>Stadtführungen sind ein hervorragendes Medium, um unterschiedliche Perspektiven auf eine Stadt zu kommunizieren – auch in Deutschland gibt es das ein oder andere Projekt, etwa Führungen von Migranten, Mitgliedern religiöser Minderheiten oder ähnliches. Steht hinter der Arbeit des Sock Mob auch eine Art &#8220;urbanistische&#8221; Vision?</strong></p>
<p>Ich denke, solche Führungen sind eine fantastische Idee und ich würde gerne mehr über deutsche Beispiele hören. Die Stadt, besonders der Aspekt sozialer Gerechtigkeit im urbanen Raum, spielt in der Tat eine zentrale Rolle für uns. Wir wollen die Stadt aus einer anderen Perspektive zeigen: Nämlich aus dem Gesichtspunkt derjenigen, die sie vermutlich am besten kennen, weil sie das physische Geflecht der Stadt – ihre Straßen und Außenflächen – zu ihrem Zuhause gemacht haben. Die Stadt kann auch ein Schmelztiegel für positive soziale Veränderungen sein – das ist jedenfalls unsere Hoffnung.</p>
<p><strong>Obdachlosigkeit führt oft zu Unsicherheiten und Problemen im ganz alltäglichen gesellschaftlichen Umgang. Ich nehme an, das Projekt soll auch hier einen Beitrag leisten, indem Selbstbewußtsein und Stolz auf die eigenen Fähigkeiten bestärkt werden – die Verantwortung für einen Haufen neugieriger Leute zu übernehmen, ist ja keine kleine Leistung. Gibt es eine Art von Begleitung und Feedback?</strong></p>
<p>Du triffst den Nagel auf den Kopf, das ist eines unserer zentralen Anliegen: Das Selbstbewußtsein unserer Stadtführer zu stärken und ihnen dabei zu helfen, Verantwortungsgefühl zu entwickeln. Wir haben aber keine formalen Strukturen im Sinne eines Monitoring. Ein Projekt dieser Art sollte unserer Auffassung nach flexibel und offen für Veränderungen bleiben und nicht zu rigide durchgeplant werden. Darum scheint uns informelles Feedback, das sich aus dem persönlichen Kontakt zwischen Stadtführern und Helfern entwickelt, am besten geeignet. Aber natürlich sprechen wir regelmäßig mit unseren Führern, vor und jeder Tour, um ihre Meinungen anzuhören und mögliche Probleme durchzuarbeiten. Wir hören uns auch an, welches Feedback die Teilnehmer der Führungen geben, und besprechen es mit den Führern in einer konstruktiven Weise. Am Ende sollen beide Seiten von einander lernen und stolz auf das sein können, was wir in Anbetracht der nicht gerade einfachen Umstände erreicht haben.</p>
<p><strong>Die Stadtführung sollen mehr als ein einmaliges Projekt sein, sondern nachhaltig aufgebaut werden, heißt es im <em>Guardian</em>. Wie kann diese Nachhaltigkeit erreicht werden?</strong></p>
<p>Die Teilnehmer bezahlen Eintritt für die Führungen; in der Pilotphase sind das 5 Pfund pro Kopf. Das meiste davon geht an die Führer, der Rest ist für die Deckung unserer Kosten und für das Training weiterer Stadtführer gedacht. Unser Wunsch ist es, das Projekt auf stabile Füße zu stellen, damit wir unseren Führern einen verlässlichen Verdienst bieten und die Auslagen unserer Freiwilligen bezahlen können.</p>
<p><strong>Ein bisschen paradox ist ja, dass man die Stadtführer dadurch aus dem Teufelskreis herausführt, von dem sie eigentlich berichten sollen, und ihnen sozusagen die Grundlage entzieht, auf denen ihre Arbeit beruht.</strong></p>
<p>Absolut, aber das ist natürlich ein sehr notwendiges Paradox, das für alle sozialen Projekte gilt: Sie arbeiten im Grunde immer auf ihre eigene Abschaffung hin, denn die wäre der beste Beweis dafür, dass das jeweilige Problem gelöst ist. Viele Organisationen vergessen das, weil ihr eigenes Überleben plötzlich wichtiger wird als das Problem, dem sie sich widmen. Das Konzept des <em>Sock Mob</em> war es von Anfang an, die Betroffenen Zug um Zug selbst in die Verantwortung einzubinden. So kann sich das Projekt besser am tatsächlichen Bedarf entlang entwickeln oder vielleicht auch in anderen Städten aufgelegt werden. Und natürlich können unsere Stadtführer auch dann noch mitmachen, wenn sie nicht mehr obdachlos sind, aber trotzdem nicht so einfach an eine neue Arbeit kommen. Leider ist es ja so, dass es überall in der Welt Obdachlosigkeit gibt, und so lange sich die ökonomischen Bedingungen nicht ändern, wird sie wohl auch nicht so schnell verschwinden.</p>
<p><strong>Nun könnte man vielleicht einwenden, dass diese Stadtführungen einer Art Romantik des Lebens auf der Straße Vorschub leisten und die &#8220;Authentizität&#8221; der Obdachlosen als Kuriosum ausnutzen. Wäre das ein berechtigter Einwand?</strong></p>
<p>Das wäre für mich keine überzeugende Kritik, denn sie geht völlig an unserer Philosophie und am Inhalt der Stadtführungen vorbei. Wie schon gesagt: Wir legen großen Wert darauf, die Führungen gemeinsam mit den Führern selbst zu entwickeln. Wir unterstützen sie in der Recherche wichtiger Details, und sie bringen ihre eigenen Geschichten und Erfahrungen mit ein. Die kann man nicht erfinden. Wie die Stadtführer die Stadt und ihr Leben darin darstellen, liegt ganz bei ihnen – wir üben da keine Zensur aus. Wenn sie exotische oder romantische Elemente einbringen, dann entsprechen die auch ihrer eigenen Wahrnehmung. Und das kann für die Teilnehmer aufregend, kurios oder interessant sein, je nach dem.</p>
<p><strong>Nicht jeder Obdachlose wird als Führer arbeiten können. Was könnte man sonst noch tun, um Obdachlose und ihre Geschichten in der Stadt präsenter zu machen?</strong></p>
<p>Gute Frage. [Die Zeitschrift] <a href="http://www.bigissue.com/">The Big Issue,</a> die von Obdachlosen selbst verkauft wird, hat ein gutes Modell umsetzt. Es gibt auch viele Kunst-, Theater- und Musikprojekte, die Obdachlosen Arbeits- und Weiterbildungsmöglichkeiten bieten. Ein großartiges Beispiel ist <a href="http://www.southbankmosaics.com/">Southbank Mosaics</a>, wo Obdachlose und ehemalige Strafgefangene Kunstwerke zur Stadtverschönerung produzieren. Aber wir freuen uns über jede gute Idee, auch aus Deutschland.</p>
<p><strong>Vermutlich gab es viele bewegende Treffen mit Obdachlosen, aber gibt es eine Geschichte oder Erfahrung, die die Arbeit besonders beeinflusst hat?</strong></p>
<p>Eines der schönsten Erlebnisse hatte ich in der Trainigsphase unserer Stadtführer. Da gab es einen, der hatte besonders viel Pech: Er wurde aus seiner Unterkunft geworfen und musste einige Nächte auf der Straße schlafen. In dieser Zeit wurde er auch noch ausgeraubt, brach sich zwei Rippen und blieb ein paar Tage im Krankenhaus. Als er entlassen wurde, hatte er immer noch starke Schmerzen. Aber er wollte unbedingt sein Trainingsprogramm absolvieren: Nur drei Tage nach der Entlassung lief er über eine Stunde mit mir durch die Stadt, zeigte mir Abschnitte, die er sich neu erarbeitet hatte und plauderte nebenbei noch mit mir über alles mögliche. Und das, obwohl es ihm ganz offensichtlich noch nicht wirklich gut ging. Aber er wollte unbedingt sein Wort halten und sich für die Führungen einsetzen. Das war sehr bewegend und hat uns auch in der Gruppe motiviert, das Programm zu einem Erfolg zu machen.</p>
<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;</p>
<p>Termine und weitere Informationen zum <em>Sock Mob</em>, den <em>Unseen Tours</em> und weiteren Aktivitäten gibt es <a href="http://www.meetup.com/thesockmob/">hier</a> und <a href="http://www.sockmobevents.org.uk/">hier</a>.</p>
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		<title>Long Island</title>
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		<pubDate>Wed, 18 Aug 2010 11:21:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Claus Moser</dc:creator>
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Die Emscherinsel ist eine Insel, die man als solche kaum wahrnimmt. Eigentlich handelt es sich nur um einen schmalen Streifen Land zwischen Rhein-Herne-Kanal und Emscher. Beide Gewässer kreuzen sich bei Castrop-Rauxel und fließen von dort aus nahezu parallel Richtung Rhein, bis sich ihre Wege in Oberhausen, nahe der Neuen Mitte, trennen. Dazwischen liegt ein 34 [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://farm5.static.flickr.com/4114/4892425532_1f63e2e81e_d.jpg" rel="lightbox[emscherkunst]" title="Emscherinsel"><img src="http://farm5.static.flickr.com/4114/4892425532_1f63e2e81e_d.jpg" width="500" height="333" alt="Emscherinsel" /></a></p>
<p>Die Emscherinsel ist eine Insel, die man als solche kaum wahrnimmt. Eigentlich handelt es sich nur um einen schmalen Streifen Land zwischen Rhein-Herne-Kanal und Emscher. Beide Gewässer kreuzen sich bei Castrop-Rauxel und fließen von dort aus nahezu parallel Richtung Rhein, bis sich ihre Wege in Oberhausen, nahe der Neuen Mitte, trennen. Dazwischen liegt ein 34 Kilometer langes, an manchen Stellen aber nur wenige Meter breites Gebiet.</p>
<p>Diese künstliche Insel ist eine beiläufig entstandene Landschaft, eingezwängt zwischen einem industriell genutzten Verkehrsweg und einem zum Abwasserkanal degradierten Flüsschen. Lange war sie nur eine Art Niemandsland, oder besser: eine Aneinanderreihung von Niemandsländern in den Randgebieten der umliegenden Städte. Zwischenräume im wörtlichen Sinn. Wenn dieses Gebilde nun zur Insel erhoben, also eine räumliche Geschlossenheit vorgegeben wird, soll das modellhaft auch fürs Ruhrgebiet insgesamt stehen: Was durch strukturelle Notwendigkeiten entstand, wird nun gleichsam naturalisiert und als grüne Klammer über kommunale Grenzen hinweg angelegt. Das Bild von der Insel suggeriert außerdem ein wenig postindustrielle Idylle, ähnlich wie die <a href="http://www.clausmoser.com/?p=646">Bergehalden</a> nun als künstliches Mittelgebirge reklamiert werden.<span id="more-50"></span></p>
<p><a href="http://farm5.static.flickr.com/4119/4892319454_bced46cf7b_d.jpg" rel="lightbox[emscherkunst]" title="Emscher bei Gelsenkirchen"><img src="http://farm5.static.flickr.com/4119/4892319454_bced46cf7b_d.jpg" width="500" height="333" alt="Emscher bei Gelsenkirchen" /></a></p>
<p>Diese Neudefinition einer Insellandschaft findet ihren Ausdruck in zahlreichen Aktivitäten, vor allem dem umfangreichen Umbau der Emscher. Schon seit den 90ern wird der Fluss zunehmend von seiner Funktion als &#8220;Kloake des Ruhrgebiets&#8221; entlastet, was aber – wie man hier und da auch noch riechen kann – nur schrittweise geschieht. An einigen Abschnitten haben aber bereits Renaturierungsmaßnahmen begonnen, und irgendwann – so die Vision – soll die Emscher, die sich jetzt noch zwischen hohen Deichen durch ein enges Betonbett quälen muss, wieder behaglich durch idyllische Landschaften fließen. Einige Parks und Grünflächen, Rad- und Spazierwege wurden schon angelegt oder saniert, und mit der <a href="http://www.metropoleruhr.de/neues-emschertal/foerderung/insel-tour.html">Insel-Tour</a> wurde kürzlich eine eigene Wanderroute erstellt, die die Insel als verbindenden Landschaftsraum erschließen soll. Und dann gibt es, aus Anlass des Kulturhauptstadtjahres, noch das Projekt <a href="http://www.emscherkunst.de/">Emscherkunst</a>, das all diesen Aktivitäten eine künstlerische Plattform bieten soll.</p>
<p>Die Aktion macht die Insel zum Freiluftmuseum: In sechs &#8220;Ausstellungsräumen&#8221; werden landschaftsgärtnerische, architektonische und künstlerische Arbeiten gezeigt, die sich mit dem Umfeld und seiner Geschichte auseinandersetzen. Die Emscherkunst gilt als eines der Leitprojekte der <a href="http://www.essen-fuer-das-ruhrgebiet.ruhr2010.de/">Ruhr.2010</a>, und man hat sich entsprechend große Mühe gegeben, ein möglichst breites Publikum anzusprechen. Es gibt eine Fülle von Informationsmaterialien zur Strecke, mehrere Anlaufstellen mit Fahrradverleihen. und als Merchandising-Artikel werden u.a. Regen-Capes und Picknickdecken verkauft. Mit der praktischen Umsetzung hat es allerdings doch gehapert, denn obwohl sich das Projekt langsam seinem Ende nähert, sind einige Exponate immer noch nicht fertiggestellt. Offiziell gibt man dem langen Winter und dem schlechten Wetter die Schuld: Dadurch habe sich vor allem bei den landschaftlich aufwändigeren Exponaten der Baubeginn verzögert. In einigen Fällen scheint man aber auch ganz profan die Dauer der Genehmigungsverfahren falsch eingeschätzt zu haben. So konnten die Arbeiten am <em>Monument for a forgotten future</em> von Olaf Nicolai und Douglas Gordon, erst vor kurzem beginnen, und Tobias Rehbergers Brücke über den Rhein-Herne-Kanal in Oberhausen wird vermutlich sogar erst im nächsten Jahr fertig.</p>
<p><a href="http://farm5.static.flickr.com/4098/4892269916_0717bd51aa_d.jpg" rel="lightbox[emscherkunst]" title="Noch im Bau: Monument for a forgotten Future"><img src="http://farm5.static.flickr.com/4098/4892269916_0717bd51aa_d.jpg" width="500" height="333" alt="Monument for a forgotten Future" /></a></p>
<p>Gebaut wird auch noch im zukünftigen <em>BernePark</em>, einem ehemaligen Klärwerk im Süden Bottrops, das von Piet Oudolf und Gross.Max zu einem Landschaftspark umgestaltet wird. Dort gibt es immerhin schon Installationen von Mischa Kuball und Lawrence Weiner zu sehen. Die Umgestaltung des ehemaligen Klärwerks Herne ist ebenfalls noch nicht ganz abgeschlossen, die von Silke Wagner gestaltete Außenwand des Faulturms und eine Video-Installation von M+M im Inneren des Gebäudes kann man aber schon betrachten. Momentan hofft man darauf, dass die einzelnen Exponate, von Rehbergers Brücke abgesehen, wenigstens bis zur Finissage fertig werden – vielleicht wurde das Projekt auch deshalb bis zum 18. September verlängert.</p>
<p><a href="http://farm5.static.flickr.com/4116/4891758571_d33614e0d8_d.jpg" rel="lightbox[emscherkunst]" title="Emscherinsel zwischen Essen und Gelsenkirchen"><img src="http://farm5.static.flickr.com/4116/4891758571_d33614e0d8_d.jpg" width="500" height="333" alt="Emscherinsel und Rhein-Herne-Kanal" /></a></p>
<p>Der Weg entlang des Kanals lohnt sich dennoch, allein deshalb, weil die Insel – ob man sie nun als geschlossenen Landschaftsraum betrachtet oder nicht – eine bemerkenswerte Vielfalt und Heterogenität urbaner Räume verknüpft. Ich würde deshalb auch durchaus empfehlen, zu Fuß zu gehen oder mit dem Rad zu fahren: Über die gut ausgeschilderte Route der Insel-Tour lassen sich die meisten Stationen der Emscherkunst leicht erreichen, aber auch einige der interessantesten Orte auf und neben der Insel ansteuern. Einige der Exponate werden auch nach dem offiziellen Ende stehen bleiben, so dass sich die Tour auch noch in den nächsten Jahren anbietet.</p>
<p>Etwas kurios ist übrigens, dass der Rhein-Herne-Kanal zeitgleich noch Schauplatz eines weiteren Ruhr.2010-Projekts ist, das <a href="http://www.kulturkanal.net/">Kulturkanal</a> heißt und u.a. einigen Künstlern die Möglichkeit bot, &#8220;ein künstlerisches Leitsystem entlang des Kanals zu gestalten&#8221;, das heißt konkret: Einige der Hinweistafeln zu gestalten, die sich dort befinden. Auf der Insel-Tour kommt man zwangsläufig an ein paar dieser Tafeln vorbei. Beide Projekte laufen aber etwas unverbunden nebeneinander her und scheinen nicht viel miteinander zu tun haben zu wollen – es gibt im Besucherzentrum der Emscherkunst zum Beispiel kein Informationsmaterial zum Kulturkanal -, als gäbe es da eine Art Konkurrenz.</p>
<p><a href="http://farm5.static.flickr.com/4138/4891906707_043eb7072a_d.jpg" rel="lightbox[emscherkunst]" title="Keine Emscherkunst, sondern Kanalkunst: Tafel von Markus Hanakam"><img src="http://farm5.static.flickr.com/4138/4891906707_043eb7072a_d.jpg" width="500" height="333" alt="http://farm5.static.flickr.com/4138/4891906707_043eb7072a_d.jpg" /></a></p>
<p>Wie dem auch sei: Nachfolgend ein paar Details zu den Arbeiten, die es auf der Emscherkunst zu sehen gibt. Der Einfachheit sind sie hier in der Reihenfolge der Ausstellungsräume aufgelistet (allerdings umgekehrt zur offiziellen Zählung, weil ich die Route auch in der Gegenrichtung abgefahren habe). Freundlicherweise haben die Veranstalter der Emscherkunst auch <a href="http://www.emscherkunst.de/downloads/gpx-daten.html">GPS-Daten zur Strecke</a> bereit gestellt, die man auf der Website herunterladen kann. Beim Regionalverband Ruhr gibt es außerdem gratis <a href="http://shop.metropoleruhr.de/public/rvr/Produkte/Emscher_Inseltour-336">einen Faltplan zur Insel-Tour</a>, auf dem die Kunststationen ebenfalls eingezeichnet sind.</p>
<p><strong>Ausstellungsraum 8</strong></p>
<p><a href="http://farm5.static.flickr.com/4139/4891962577_98755a1dfb_d.jpg" rel="lightbox[emscherkunst]" title="Tobias Rehberger, Slinky springs to fame (noch nicht)"><img src="http://farm5.static.flickr.com/4139/4891962577_98755a1dfb_d.jpg" width="500" height="333" alt="Tobias Rehberger, Brücke Oberhausen" /></a></p>
<p>Die erste Station der Emscherkunst befindet sich in Oberhausen am Kaisergarten. Der ist vom Bahnhof aus schnell zu erreichen, am benachbarten Schloss als auch am Niederrhein-Stadion auf der anderen Kanalseite gibt es ausreichend Parkplätze, am Stadion befindet sich auch ein Fahrradverleih. Zu sehen gibt es aber bisher nur eine Baustelle, denn vom einzigen Exponat, Tobias Rehbergers Brücke mit dem Namen <em>Slinky springs to fame</em>, stehen, wie gesagt, bisher nur die Rampen. Den fertigen Zustand lassen die aufgestellten Baustellenschilder leider nur erahnen. Der Brückenname ist übrigens eine Anspielung auf die <a href="http://www.poof-slinky.com/">Slinkys</a>, diese mechanischen Schraubenfederspielzeuge, die ich als Kind ganz lustig fand, wenn man sie eine Treppe hinunterlaufen liess, aber auch schnell langweilig, weil man nicht viel mehr Lustiges damit machen konnte als sie eine Treppe hinunterlaufen zu lassen. Vielleicht hat Rehberger ja etwas mehr Fantasie als ich. Die Baustellenschilder machen die Brücke zum Teil eines &#8220;EmscherErlebnisses Oberhausen&#8221;, aber bei solchen Formulierungen denke ich immer, dass Adolf Loos, würde er heute leben, vermutlich ein Buch schröbe über <em>Event und Verbrechen</em>.</p>
<p><strong>Ausstellungsraum 7</strong></p>
<p><a href="http://farm5.static.flickr.com/4118/4892456242_fa86469d57_d.jpg" rel="lightbox[emscherkunst]" title="BernePark im Bau"><img src="http://farm5.static.flickr.com/4118/4892456242_fa86469d57_d.jpg" width="500" height="333" alt="BernePark" /></a></p>
<p>Der siebte Ausstellungsraum befindet sich im Bottroper Stadtteil Ebel, einer der wenigen Siedlungen auf der Emscherinsel. Auch dieser Raum ist bislang nur eine Baustelle: Hier soll sich einmal, auf dem Gelände eines ehemaligen Klärwerks, der <a href="http://www.eglv.de/wasserportal/meta/presse/presseinformationen/presseinformationen-detail/article/bernepark-wird-wachgekuesst.html">BernePark</a> befinden. Ein paar Schautafeln zeigen, wie der Park einmal aussehen soll: So werden die früheren Klärbecken in den Garten einbezogen, und das nette Verwaltungsgebäude mit seiner schönen Fensterfront bleibt ebenfalls erhalten, außerdem soll hier ein Parkhotel entstehen, das Kanalrohre als Hotelzimmer vermietet (<a href="http://www.dasparkhotel.net/">kein Witz</a>). Mischa Kuballas Lichtinstallation ist nur nachts zu sehen, deswegen kann ich nichts dazu sagen, Lawrence Weiners Installation <em>Catch As Catch Can</em> ist eher ein routinierter Weinerismus und nicht unbedingt eine seiner markantesten Arbeiten.</p>
<p><strong>Ausstellungsraum 6</strong></p>
<p><a href="http://farm5.static.flickr.com/4138/4891838821_c2d749898a_d.jpg" rel="lightbox[emscherkunst]" title="Emscher Community Gardens"><img src="http://farm5.static.flickr.com/4138/4891838821_c2d749898a_d.jpg" width="500" height="333" alt="Emscher Community Gardens" /></a></p>
<p>Hier befindet sich das vielleicht spektakulärste und (zumindest in meinen Augen) gelungenste Stück der Ausstellung, die „Emscher Community Gardens“ von Marjetica Potr&#269; und dem niederländischen Architekturbüro Ooze. Dabei handelt es sich um eine grandiose oberirdische Wasseraufbereitungsanlage, die Emscher-, Kanal- und Regenwasser nutzt, um einen kleinen Blumen- und Gemüsegarten zu kultivieren und eine öffentliche Toilette zu betreiben, zugleich in der Gestaltung auf die Geographie des Ortes ebenso anspielt wie dessen prekären Charakter, aber auch die Bastellaune und das Improvisationsgeschick der Schrebergärtner in der Nachbarschaft. Ein buchstäblich übergreifender und gelungener Versuch, für die Auseinandersetzung mit einem Ort ein paar neue und originelle Formen zu finden.</p>
<p><a href="http://farm5.static.flickr.com/4118/4892283950_2fbd71bdae_d.jpg" rel="lightbox[emscherkunst]" title="Observatorium, Warten auf den Fluss"><img src="http://farm5.static.flickr.com/4118/4892283950_2fbd71bdae_d.jpg" width="500" height="333" alt="Observatorium, Warten auf den Fluss" /></a></p>
<p>Das ist auch der (ebenfalls niederländischen) Gruppe Observatorium gelungen, die am Rande einer wunderschönen verwilderten Wiese eine Holzbrücke mit Übernachtungsmöglichkeit aufgebaut hat. Eine Brücke in Wartestellung, denn durch diese Wiese soll in einigen Jahren wieder die renaturierte Emscher fließen. Eher klassische Formen der Auseinandersetzung mit Ort und Geschichte finden sich zwischen diesen beiden Großarbeiten, bei Rita McBrides schickem Obelisk aus Karbon und Ay&#351;e Erkmens Goldkrönchen für den alten Kohlebunker an der Schurenbachhalde.</p>
<p>Zwischen Obelisk und Turm steht auch eines der Fernrohre von Jeppe Hein. Acht Stück hat er davon über die Emscherinsel verteilt, für jeden Ausstellungsraum eines (ich habe allerdings nur drei gefunden). Sie sehen in etwa so aus wie die klassischen Fernrohre mit Münzeinwurf, die man an nahezu jedem touristischen Aussichtspunkt findet, zeigen aber keine reale Ansicht, sondern <em>Connecting Views</em>, also eher überraschende, verblüffende oder verbindende Blicke auf den Ort, an dem man sich gerade findet. Hier ist es ein retouchiertes Bild, auf dem Richard Serras <em>Bramme für das Ruhrgebiet</em>, die sich oben auf der benachbarten Schurenbachhalde befindet, direkt neben der weniger bekannten und versteckt im Gebüsch liegenden <em>Schwelle</em> von Raimund Kummer zu sehen ist. Zusammen mit den beiden Arbeiten von Erkmen und McBride entsteht somit ein kleiner Skulpturenpark im Kopf.</p>
<p><a href="http://farm5.static.flickr.com/4101/4892272344_18fd5cc450_d.jpg" rel="lightbox[emscherkunst]" title="N55, Walking House"><img src="http://farm5.static.flickr.com/4101/4892272344_18fd5cc450_d.jpg" width="500" height="333" alt="N55, Walking House" /></a></p>
<p>Einige Meter weiter erreicht man das Gelände des Nordsternparks, wo ein Besucherzentrum für die Emscherkunst eingerichtet wurde: Hier gibt’s ein kleines Café inklusive Merchandising-Kiosk, und Fahrräder werden auch verliehen (oder können abgegeben werden, falls man die Tour beenden möchte). Ganz in der Nähe trifft man meist auch auf das <em>Walking House</em> der dänischen Gruppe N55, eine ganz amüsante wandelnde Bienenwabe, die mich – ich kann nicht genau sagen warum – an Kinderfilme aus dem Ostblock erinnert hat.</p>
<p><strong>Ausstellungsraum 5</strong></p>
<p>Der fünfte Ausstellungsraum befindet sich auf der sogenannten &#8220;Wilden Insel&#8221;, quasi eine Insel in der Insel mit einem halbverwilderten Wäldchen. Dort wird zur Zeit eine Aussichtsplattform angelegt, die Ausblicke auf Kanal, Schleuse, Emscher und Raffinerien ermöglicht, und demnächst soll hier auch das erwähnte <em>Monument for a forgotten future</em> stehen, die &#8220;originalgetreue und maßstabsgerechte Kopie einer Bergformation aus dem Nationalpark Joshua Tree&#8221;, beschallt durch einen von Mogwai eigens komponierten &#8220;Song For The Emscher&#8221;. Der künstliche Berg auf der künstlich entstandenen Insel ist möglicherweise als ironischer Kommentar auf die Sehnsucht der Städte nach marketingtauglichen Ikonen gedacht, aber noch ist er vor allem Baustelle und somit eher ein Monument für den langen Atem, den man für die Umsetzung solcher Projekte braucht. Solange es ihn noch nicht gibt, sollte man an der Baustelle vorbei einen Rundweg durch den Wald nehmen und dabei auf das überraschende Beispiel anonymer Landscape Art achten, das man unvermittelt neben dem Weg entdecken kann. Oder auf den leicht süßlichen Benzingeruch, der von den BP-Raffinerien herüberweht: Duftendes Zeugnis einer Zukunft, die nicht wirklich vorübergehen will.</p>
<p><a href="http://farm5.static.flickr.com/4074/4891666631_e81aabdc49_d.jpg" rel="lightbox[emscherkunst]" title="Anonyme Landscape Art auf der Wilden Insel"><img src="http://farm5.static.flickr.com/4074/4891666631_e81aabdc49_d.jpg" width="500" height="333" alt="Anonyme Landscape Art, Wilde Insel, Gelsenkirchen" /></a></p>
<p><strong>Ausstellungsraum 4</strong></p>
<p><a href="http://farm5.static.flickr.com/4142/4891652113_7af29efa26_d.jpg" rel="lightbox[emscherkunst]" title="Monika Bonvicini, Satisfy Me"><img src="http://farm5.static.flickr.com/4142/4891652113_7af29efa26_d.jpg" width="500" height="333" alt="Monika Bonvicini, Satisfy Me" /></a></p>
<p>Wo der Ausstellungsraum 4 genau liegt, ist nicht so einfach auszumachen. Laut offizieller Streckenkarte sollen sich hier die Arbeiten von Monika Bonvicini, N55 und Stephan Huber befinden. Bonvicinis Werk ist auch nicht zu übersehen: Die großen Lettern des Schriftzugs <em>Satisfy Me</em> befinden sich am Südhang der Mülldeponie Emscherbruch, direkt an der Route der Inseltour. Das Walking House von N55 ist aber – siehe oben &#8211; im Nordsternpark unterwegs und Stephan Hubers Kasperltheater habe ich nicht gefunden, wobei es laut Website ohnehin &#8220;an verschiedenen Orten im Ruhrgebiet aufgeführt&#8221; werden soll. Möglicherweise ist Ausstellungsraum 4 also nur als fiktiver Raum gedacht, oder als nomadisierendes Territorium, das an jedem anderen Ort andocken kann.</p>
<p>Durchqueren wir also diesen phantomhaften Raum, vorbei unter anderem an der <a href="http://www.clausmoser.com/?p=1192">Haldenlandschaft in Herten</a>, der früheren Zeche Unser Fritz (heute ein Kunstzentrum) und dem beeindruckenden Kraftwerk Baukau, und begeben wir uns zu<br />
<strong><br />
Ausstellungsraum 3</strong></p>
<p><a href="http://farm5.static.flickr.com/4115/4892239508_1ec2c867af_d.jpg" rel="lightbox[emscherkunst]" title="Silke Wagner, Glückauf"><img src="http://farm5.static.flickr.com/4115/4892239508_1ec2c867af_d.jpg" width="500" height="333" alt="Silke Wagner, Glückauf" /></a></p>
<p>Hier wird auch noch gearbeitet, nämlich rund um den ehemaligen Faulturm des Klärwerks Herne. Der Turm selbst ist aber schon von innen und außen zu besichtigen: Außen hat Silke Wagner ein großes Fliesenmosaik zu Bergarbeiterprotesten im Ruhrgebiet angebracht, das mir mit seiner unsentimentalen Nostalgie für eine politisierte Gesellschaft ganz gut gefallen hat. Im Inneren des Turms gibt es, <em>Schlagende Wetter</em>, eine Videoinstallation des Duos M+M, die ganz beeindruckend wirkt, zumal man über einen abenteuerlichen Irrgarten aus Baugerüsten ins Zentrum des Geschehens klettern muss und die hallige Akustik des Betonbaus ein Übriges tut. Mir sahen die Video-Clips nach den Manierismen des neueren deutschen Autorenkinos gestylt und wirkten auf Dauer etwas selbstgefällig und öde.</p>
<p>Unweit von der Kläranlage, am Recklinghauser Stadthafen, hat die Kunstakademie Münster ein Goldenes Dorf errichten lassen, eine Art temporäre Kunstkommune. Dort gibt man einige Arbeiten von Studenten der Akademie zu sehen, außerdem die Studenten selbst, die hier nämlich den Dialog mit der Öffentlichkeit suchen. Es gibt durchaus einige spannende Dinge zu sehen, und die Atmosphäre des Dorfs erinnert – wenigstens bei anständigem Wetter – an ein aufgeschlossenes und aufgekratztes Pfadfinderlager. Hier kann man sich also ruhig etwas Zeit lassen, zumal sich der Hafen auch für eine Pause anbietet.</p>
<p><strong>Ausstellungsraum 2</strong></p>
<p>Der zweite Ausstellungsraum befindet sich am sogenannten Herner Meer, dem verbreiterten Kanalbecken vor der Schleuse Herne-Ost. Hier sollte man die Route der Insel-Tour auch verlassen und die Schleuse überqueren, denn die Emscherkunst-Exponate befinden sich allesamt auf der Südseite des Miniatur-Meers, während der Wanderweg auf der Nordseite entlang läuft. Bogomir Eckers Skulptur reemrenreh befindet sich am Ende einer langen Mole und sieht ein bisschen aus wie ein Lotsensignal, über dessen Gestaltung sich Picasso und De Chirico in die Wolle gekriegt haben. Ganz hübsch. aber so was findet sich heutzutage auch vor aufgeschlossenen Kreissparkassen. Bülent Kullukcus Klanginstallation zur Skulptur habe ich nur teilweise hören können, aber es mischte sich ganz hübsch mit dem Gekreisch einiger Jungs, die an der Mole badeten.</p>
<p><a href="http://farm5.static.flickr.com/4096/4892194028_3072de2e8f_d.jpg" rel="lightbox[emscherkunst]" title="Mark Dion, Gesellschaft der Amateur-Ornithologen"><img src="http://farm5.static.flickr.com/4096/4892194028_3072de2e8f_d.jpg" width="333" height="500" alt="Mark Dion, Gesellschaft der Amateur-Ornithologen" /></a></p>
<p>Am südlichen Uferrand des Herner Meers verbirgt sich Mark Dions Gesellschaft der Amateur-Ornithologen, neben den Arbeiten von Ooze und Observatorium eins meiner Lieblingsexponate hier. Erinnerte mich ein bisschen an die britische Science-Fiction-Serie Dr. Who: Außen Raumschiff, innen das Tohuwabohu eines edwardianischen Professors, mit einer Vielzahl liebevoll zusammengetragener Materialien rund um Vogelkunde, von Büchern über vollgestopfte Karteikästen bis hin zu allem möglichen Nippes aus Glas, Porzellan und Plastik. (Und zwischendrin gibt es auch einige Überraschungen, wie etwa ein Aktfoto mit der Aufschrift „Strandnymphen“ zwischen den Kunstdrucken mit Vogelmotiven – schließlich ist Birdwatching auch nur eine Art von Voyeurismus.)<br />
<strong><br />
Ausstellungsraum 1</strong></p>
<p><a href="http://farm5.static.flickr.com/4120/4892185118_7226a3b460_d.jpg" rel="lightbox[emscherkunst]" title="Tadashi Kawamata, Walkway and Tower"><img src="http://farm5.static.flickr.com/4120/4892185118_7226a3b460_d.jpg" width="500" height="333" alt="Tadashi Kawamata, Walkway and Tower" /></a></p>
<p>Hinter dem Herner Meer beginnt der idyllischste Abschnitt der Insel: kleine Wäldchen, Felder und Wiesen, dörfliche Siedlungen und Bauernhöfe – an einigen Stellen könnte man fast vergessen, sich in einer vornehmlich industriell geprägten Landschaft zu befinden. Hier hat Tadashi Kawamata einen Aussichtsturm errichten lassen, von dem man in den nächsten Jahren die Auferstehung der Emscher beobachten kann. Der Turm wirkt von außen eher wie ein Bretterverschlag als wie ein stabiles Gebilde, und das passt auch zur Fragilität und zur Vorläufigkeit der Landschaft, die man von hier aus betrachten kann.</p>
<p>Nur wenige Meter entfernt liegt das Wasserkreuz von Emscher und Rhein-Herne-Kanal, und damit der Anfangspunkt der Emscherinsel. Momentan ist das Kreuz eine Großbaustelle: Die Emscher bekommt einen neuen Durchlass, um unter dem Kanal hindurch fließen zu können, außerdem wird sie aus ihrem Betonkorsett befreit. Es gibt eine Aussichtsterasse, von der aus die Bauarbeiten beobachtet werden können. Ansonsten ist es von hier aus auch nicht mehr weit zum Bahnhof Castrop-Rauxel, wo man die Tour über die Emscherinsel beenden kann.</p>
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		<title>Der Rasenmähermann</title>
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		<pubDate>Tue, 10 Aug 2010 23:56:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Claus Moser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kunst]]></category>
		<category><![CDATA[Bundesrasenschau]]></category>
		<category><![CDATA[Grüngürtel]]></category>
		<category><![CDATA[Köln]]></category>
		<category><![CDATA[Parks]]></category>
		<category><![CDATA[Ralf Witthaus]]></category>

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		<description><![CDATA[
If this is paradise
I wish I had a lawnmower
- Talking Heads, (Nothing But) Flowers
Seit Montag mäht sich Ralf Witthaus durch den inneren Grüngürtel in Köln: Vom Rheinpark in Deutz ausgehend will er mit seinem Team in etwa 30 Tagen einen drei Meter breiten Weg durch die innenstädtischen Parkanlagen fräsen, um &#8220;auf diese Weise den Grüngürtel [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://farm5.static.flickr.com/4134/4883026061_f07e4d31a5_d.jpg" alt="Ralf Witthaus, Bundesrasenschau" /></p>
<blockquote><p>If this is paradise<br />
I wish I had a lawnmower</p>
<p>- Talking Heads, <em>(Nothing But) Flowers</em></p></blockquote>
<p>Seit Montag mäht sich Ralf Witthaus durch den inneren Grüngürtel in Köln: Vom Rheinpark in Deutz ausgehend will er mit seinem Team in etwa 30 Tagen einen drei Meter breiten Weg durch die innenstädtischen Parkanlagen fräsen, um &#8220;auf diese Weise den Grüngürtel als eine zusammenhängende Form, als einen Park sichtbar und erfahrbar&#8221; zu machen. Es ist ein flüchtiges Kunstwerk, sozusagen ein sanft invasiver Eingriff in den urbanen Raum, denn nachgemäht wird nicht, und der Weg &#8220;wächst bereits während des Projektes in kürzester Zeit wieder zu&#8221;, so dass die ersten Abschnitte vermutlich schon wieder verschwunden sind, wenn Witthaus das Ende seiner Kölner Runde erreicht. Jedenfalls wenn das Wetter so wechselhaft bleibt wie im Moment.<span id="more-164"></span></p>
<p><img src="http://farm5.static.flickr.com/4101/4883020761_ee459984c8_d.jpg" alt="Bundesrasenschau" /></p>
<p>Das Wetter bestimmt auch das Tempo der Aktion: Wenn es regnet, lässt sich nicht so gut mähen. Voraussichtlich zum 1. Oktober soll die Runde abgeschlossen sein und die rechtsrheinischen Fragmente des Grüngürtels erreichen, aber wenn es sein muss, dauert die Aktion auch länger. (Gestern konnte man außerdem sehen, dass die äußeren Umstände auch den Charakter des Weges bestimmen: Da war das Team an der Zoobrücke unterwegs, aber der dort gemähte Pfad ist, vielleicht aufgrund des regnerischen Wetters, nur eine schwache Spur verglichen mit den ersten beiden Abschnitten im Rheinpark und im Skulpturenpark.)</p>
<p><img src="http://farm5.static.flickr.com/4114/4883033937_4d1de83555_d.jpg" alt="Ralf Witthaus, Bundesrasenschau" /></p>
<p>Witthaus hat den Rasenmäher schon häufiger als Zeichengerät eingesetzt: Vor einigen Jahren mähte er zum Beispiel in den Vorgebirgspark im Kölner Süden die Umrisse einer Autobahnauffahrt, die hier einmal gebaut werden sollte. Das Grüngürtel-Projekt ist aber wohl sein bisher aufwändigstes, was sich auch schon im Namen ausdrückt: <a href="http://www.bundesrasenschau.info/">Bundesrasenschau</a>. Der Rheinpark, wo die aktuelle Aktion ihren Ausgang nahm, war 1957 schließlich auch Schauplatz einer der ersten Bundesgartenschauen. </p>
<p>Bundesschau hin oder her, die Grüngürtel &#8211; der innere und der äußere &#8211; sind natürlich vor allem für das urbane Selbstverständnis in Köln relevant: Eine leicht erreichbarer Erholungsraum, zudem die Umnutzung eines Areals, das zuvor vor allem <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Festungsring_K%C3%B6ln">durch seine militärische Funktion</a> bestimmt war. Einen durchgehenden Ring haben allerdings weder der innere noch der äußere Grüngürtel jemals gebildet. Es gibt immer wieder Unterbrechungen durch Straßen und Gleiskörper, durch Wohn- und Gewerbebebauung, rechtsrheinisch ist er so gut wie gar nicht vorhanden.</p>
<p><img src="http://farm5.static.flickr.com/4096/4883041013_04afc4e096_d.jpg" alt="Bundesrasenschau, Ralf Witthaus" /></p>
<p>Die &#8220;zusammenhängende Form&#8221;, die Witthaus sichtbar machen will, ist also im Grunde eine Schimäre. Sein Projekt scheint mir insofern eher vergleichbar mit den Wunschpfaden, den <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Desire_path">desire paths</a>, die zahllose anonyme und unabsichtliche Landschaftsgestalter tagtäglich durchs Gelände bahnen. Eine alternative, intuitive, illusorische Route durch die Stadt, wobei der vorläufige Charakter ein Hinweis darauf ist, das auch städtische Räume vergänglich sein können und vielleicht nur so dauerhaft sind wie ihre Wahrnehmung.</p>
<p><img src="http://farm5.static.flickr.com/4120/4883018821_d70b7c22f6_d.jpg" alt="Bundesrasenschau im Skulpturenpark" /></p>
<p>Aber vielleicht bleibt die Aktion auch nicht so ephemer, wie Witthaus sie intendiert hat. Seine alternative Route ist jedenfalls, wie man gestern und vorgestern sehen konnte, von einigen Spaziergängern, Radfahrern und Joggern angenommen worden. Und es kommt ja immer wieder mal vor, dass Wunschpfade als offizielle Wege institutionalisiert werden. Wer weiß, vielleicht entwickelt sich auch aus Witthaus&#8217; Pfaden eine verbindende Spur durch die Stadt.</p>
<p><img src="http://farm5.static.flickr.com/4095/4883058271_79efeeb2bd_d.jpg" alt="Bundesrasenschau im Rheinpark" /></p>
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