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	<title>gleiche höhe ist kein abseits</title>
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	<description>ein kleines museum des zufalls</description>
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		<title>Der Vennbahn-Radweg</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Apr 2012 14:54:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Claus Moser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Leibesübungen]]></category>
		<category><![CDATA[Aachen]]></category>
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		<description><![CDATA[In der aktuellen Ausgabe der Kundenzeitschrift der Deutschen Bahn gibt es einen Artikel über Radwege auf stillgelegten Bahntrassen. Dass ausgerechnet die Bahn solche Wege als touristisches Highlight abfeiert, ist nicht ohne Ironie. Wenn man heutzutage auf ehemaligen Bahnstrecken ein bisschen Rad fahren kann, dann ist das auch eine Spätfolge der Streckenstillegungen in den Achtzigern und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://farm8.staticflickr.com/7083/7077350233_b9c65b09a7_d.jpg" alt="Vennbahn-Radweg" /></p>
<p>In der aktuellen Ausgabe der Kundenzeitschrift der Deutschen Bahn gibt es einen Artikel über Radwege auf stillgelegten Bahntrassen. Dass ausgerechnet die Bahn solche Wege als touristisches Highlight abfeiert, ist nicht ohne Ironie. Wenn man heutzutage auf ehemaligen Bahnstrecken ein bisschen Rad fahren kann, dann ist das auch eine Spätfolge der Streckenstillegungen in den Achtzigern und Neunzigern: Damals strich die Bahn das Nahverkehrsangebot im ländlichen Raum radikal zusammen, um sich für den geplanten Börsengang hübsch zu machen. Der Gang an die Börse wurde abgeblasen, die stillgelegten Strecken blieben jedoch zumeist still. Die Idee, diese vergessene Infrastruktur wenigstens für Radfahrer und Fussgänger wieder zugänglich zu machen, ist erst in den vergangenen Jahren in Mode gekommen, aber die Initiative dazu kommt meist nicht von der Bahn, sondern von lokalen Bürgerinitiativen oder Fremdenverkehrsämtern. </p>
<p>Davon liest man im Artikel natürlich nichts (und auch nicht davon, dass manche Bahnradwege mit öffentlichen Verkehrsmitteln gar nicht so einfach zu erreichen sind, weil, nun ja, eben kein Bahnanschluss mehr besteht). Immerhin wird darin aber die <a href="http://bahntrassenradeln.de/">verdienstvolle Website</a> von Achim Bartoschek erwähnt, eine beachtliche Internet-Fleißarbeit, die vermutlich die umfangreichste Ressource zu Radwegen auf alten Bahntrassen darstellt, mit Karten, Geodaten, Fotos, was man eben so braucht.</p>
<p><img src="http://farm8.staticflickr.com/7068/6931214068_8b898117b1_d.jpg" alt="Vennbahn-Radweg" /></p>
<p>Es ist natürlich besonders angemessen, einen solchen Artikel zu lesen, wenn man selbst auf der Fahrt zu einem Bahntrassenradweg ist. Wir hatten uns auf den Weg gemacht, um eine stillgelegte Strecke zu inspizieren, die nicht nur aus eisenbahnhistorischen Gründen interessant ist, sondern vor allem ein grenzpolitisches Kuriosum darstellt: Die Vennbahn, die von Aachen südwärts zum Hohen Venn bis nach Luxemburg fuhr. Die Strecke verläuft teils durch deutsches, teils durch belgisches Gebiet, teils genau an der Grenze entlang. Das Kuriose: Ein großer Teil der Vennbahntrasse ist auch da, wo er sich durch deutsches Gelände schlängelt, belgisches Hoheitsgebiet. Anders gesagt: Belgien ist zwischen Raeren und Kalterherberg an einigen Stellen nur wenige Meter breit, ein dünner, dafür kilometerlanger Schlauch, der sich durch die Landschaft schiebt, außerdem ein paar Fleckchen Deutschland abschneidet und zu Exklaven macht.</p>
<p><img src="http://farm8.staticflickr.com/7083/7077350233_b9c65b09a7_d.jpg" alt="Vennbahn-Radweg" /></p>
<p>Der bemerkenswerte Grenz- und Streckenverlauf ist eine Folge des Ersten Weltkriegs. Als die Vennbahn Ende des 19. Jahrhunderts von den preußischen Staatsbahnen angelegt wurde, gehörten die Gebiete um Eupen und Malmedy noch zu Preußen beziehungsweise zum Deutschen Reich. Mit dem Ende des Kriegs verschob sich die Grenze nach Osten, und die Bahn mäanderte nun gleichsam zwischen den Ländern hin und her. Die belgische Regierung sah in der Strecke eine wichtige Verkehrsader für die Städte in den neuerworbenen Ostkantonen, und natürlich hatte man wohl auch nicht vergessen, dass die Vennbahn im Ersten Weltkrieg auch zu militärischen Zwecken eingesetzt wurde und Teil des strategischen Bahnnetzes war. Belgien verlangte und bekam schließlich die Oberhoheit über die gesamte Bahnstrecke zwischen Raeren und Kalterherberg, einschließlich aller zur Bewirtschaftung notwendiger Gebäude und Installationen. Daran hat sich bis heute nichts geändert: Auch nach der Stillegung der Strecke und dem Abbau der Gleise ist die Trasse noch immer belgisches Hoheitsgebiet, ebenso das, was von Bahnhofsgebäuden, Wartehäuschen und ähnlichem noch übrig geblieben ist (weswegen der Grenzverlauf, wenn man ihn auf der Landkarte betrachtet, an einigen Stellen ein paar Beulen aufweist).</p>
<p>Nach dem Zweiten Weltkrieg verlor die Vennbahn zunehmend an Bedeutung: Von den Sechzigern an wurden mehr und mehr Abschnitte aufgegeben, 1989 kam die endgültige Stillegung der Bahn. Ein paar Jahre lang fuhr gelegentlich noch eine Museumsbahn über die Trasse, aber auch dieser Betrieb wurde Anfang des Jahrtausends wegen Unrentabilität aufgegeben, schließlich die Gleise abgebaut. Vor einigen Jahren gab es mal einen kleinen Sturm im Wasserglas, als ein belgischer Lokalpolitiker behauptete, Belgien könnte sich bereit erklären, das Bahngelände an Deutschland abzutreten, was aber von den zuständigen belgischen und deutschen Ministerien rasch dementiert wurde, bevor die Aufregung über den Gebietsverlust allzu große Kreise in der belgischen Öffentlichkeit ziehen konnte.</p>
<p><img src="http://farm6.staticflickr.com/5466/7077373845_c84ff04c36_d.jpg" alt="Vennbahn-Radweg" /></p>
<p>Die Bemerkungen des Lokalpolitikers brachten der Vennbahn immerhin wieder ein bisschen öffentliche Aufmerksamkeit. Ungefähr zur gleichen Zeit wurde wohl auch beschlossen, die Trasse der Vennbahn zum Radweg umzugestalten und ins sogenannte RAVeL-Netz einzugliedern. Die Abkürzung steht für Réseau Autonome de Voies Lentes, ein Netzwerk von Wegen für langsame Fortbewegungsarten, das im wallonischen Teil Belgiens seit einigen Jahren aus alten Eisenbahnstrecken, aber auch Treidelpfaden und ehemaligen Markt- und Kirchwegen aufgebaut wird. (Eine offizielle Dokumentation dieses Netzwerks findet sich <a href="http://met.wallonie.be/opencms/opencms/fr/ravel/">hier</a>.)</p>
<p>In die Sache ist nun tatsächlich Bewegung gekommen. Es wird gebaut auf der Vennbahnstrecke und bis 2013 soll hier ein Radweg entstehen, der von Aachen bis ins luxemburgische Troisvierges führt &#8211; 130 km lang, wenig markante Steigungen und meist abseits von stark befahrenen Straßen. Und das auf einer ausgesprochen reizvollen Strecke: Es gibt viele aussichtsreiche Abschnitte (im Unterschied zu anderen Bahnstrecken wurde die Vennbahntrasse nur an wenigen stellen durch enge Tröge geführt), ausgedehnte Waldgebiete, sumpfige Vennlandschaften, schroffe Felsen und bemerkenswerte Infrastruktur wie zum Beispiel das spektakuläre Viadukt, das beim Kloster Reichenstein überquert wird. Abgesehen davon ist die Strecke auch einfach ein guter Verbindungsweg zu anderen Zielen, wie dem Hohen Venn, Monschau, oder Richtung Eupen und Malmedy.</p>
<p>Ein besonderer Reiz dieser Strecke liegt natürlich darin, dass man über einen langen Abschnitt quasi auf der Grenze entlang fährt. Als Kind habe ich oft stundenlang die Grenzverläufe auf Landkarten studiert, je bizarrer und mäandernder, um so interessanter, und ich habe mir dann oft ausgemalt, an diesen Grenzlinien entlang zu marschieren und ihre Spuren in der Landschaft zu suchen. Die Vennbahn ist nicht nur ein perfektes Terrain für Eisenbahn-Nostalgiker, sondern auch für kartographische Nerds, die sich für Ex- und Enklaven und ähnliche territoriale Koketterien begeistern können. Hier fährt man kilometerlange durch einen Teil Belgiens, dessen Breite von zwei erwachsenen Menschen mit ausgestreckten Armen ausgemessen kann und mit ein paar Schritten überwunden werden kann. Dass man sich in Belgien befindet, merkt man freilich kaum: Außer ein paar verbliebenen Kilometersteinen und den typischen viereckigen belgischen Hinweisschildern für Rad- und Fußwege gibt es so gut wie keine Indizien.</p>
<p><img src="http://farm8.staticflickr.com/7258/7077399755_98fe1be2f6_d.jpg" alt="Vennbahn-Radweg" /></p>
<p>Rastplätze und Einkehrmöglichkeiten sind unmittelbar an der Strecke verständlicherweise noch kaum vorhanden, aber finden sich oft genug in der Nähe. In Roetgen wurde am ehemaligen Bahnhof ein kleiner Park angelegt. Daneben steht eine ambitioniert gestaltete Rasthütte, in der sich kurioserweise auch ein Reisebüro befindet, das die Touristen auf dem Vennbahn-Radweg mit Urlaubsangeboten aus der Türkei und Griechenland bewirbt. Auf der anderen Seite der Gleise gibt es schon eine obligatorische und sehr rustikale belgische Friterie.</p>
<p>Das ist im Moment (Ende April) der Status quo auf der Strecke zwischen Aachen und Kalterherberg:</p>
<p>- Auf Aachener Stadtgebiet wird die Strecke (die hier nicht belgisches Hoheitsgebiet war) schon seit längerem als Radweg genutzt: Er beginnt in der Nähe des Bahnhofs Rothe Erde und führt in großzügigen Schwüngen über die Ortsteile Brand und Kornelimünster bis nach Walheim.</p>
<p>- Von Walheim bis zur belgischen Grenze haben die Bauarbeiten zwar bereits begonnen, aber sie sind, bis auf kleinere Abschnitte, noch nicht weit gediehen. Bis Raeren muss man derzeit noch über Nebenstrecken ausweichen.</p>
<p>- Von der Grenze ab ist die Strecke dann durchgehend geteert bis nach Lammersdorf. Teilweise stehen zwar noch Absperrungen, aber Spaziergänger und Radfahrer sind bereits in großer Zahl auf der Trasse unterwegs. Ein problematischer Abschnitt befindet sich vor Roetgen, kurz nachdem die Strecke sozusagen erstmals das belgische Kernland verlässt und als dünner Schlauch durch deutsches Gelände führt: Hier muß die B258, die sogenannte &#8220;Himmelsleiter&#8221;, gequert werden, und zwar ausgerechnet an einer ausgesprochen schlecht einzusehenden und durchaus gefährlichen Stelle: Autos fahren hier oft mit großer Geschwindigkeit, sind aber, wenn sie von der Talseite kommen, erst im letzten Moment zu sehen. Irgendwann soll mal eine Unterführung gebaut werden, aber vorerst hat man von offizieller Seite die Überquerung einfach verboten und mit Bauzäunen erschwert. Eine Alternative ist blöderweise nicht ausgeschildert. Am besten folgt man dem Radweg, der die B258 begleitet, bergauf, um dann entweder an einer etwas übersichtlicheren Stelle die Straße zu queren oder bis nach Roetgen zu fahren, wo die Bundesstraße die alte Bahnlinie erneut kreuzt.</p>
<p><img src="http://farm6.staticflickr.com/5236/7077306831_54f24ed22f_d.jpg" alt="Vennbahn-Radweg, Himmelsleiter" /></p>
<p>- In der Ortsmitte von Lammerdorf endet die Teerstrecke. Es folgt ein kurzes Stück, auf dem noch der grobe Schotter des Gleisbetts liegt, aber hinter der Ortschaft ist der Weg bereits so weit bearbeitet, dass die Teerdecke wohl irgendwann in den nächsten Wochen aufgebracht werden kann. Auch hier sind trotz Absperrungen schon einige Spaziergänger und -radler unterwegs.</p>
<p>- Nördlich vom Monschauer Stadtteil Konzen kreuzt die Bahnstrecke erneut die B258 (die hier übrigens selbst eine Art Grenz-Kuriosum bildet, weil sie für ein kurzes Stück über belgisches Territorium führt, ohne Anschluss ans belgische Straßennetz zu haben). Von hier ab bis Kalterherberg ist die Strecke in unterschiedlichem Zustand, einige Abschnitte sind schon grob eingeschottert, anderswo sind zumindest die Spuren von Baufahrzeugen zu erkennen. Mountainbiker und Jogger sind schon unterwegs, aber das meiste ist offiziell noch nicht freigegeben und teilweise abgesperrt.</p>
<p>Unterhalb von Kalterherberg ist derzeit vorerst Schluß, und das Teilstück bis Sourbrodt wird vermutlich noch eine Weile unterbrochen bleiben: Naturschützer haben gegen den Bau des Radweges protestiert, weil er hier durch ein Brutgebiet seltener Vogelarten führen würde. Ab Sourbrodt soll die Strecke aber definitiv fortgeführt werden und würde dann westlich von Bütgenbach auf eine weitere, bereits voll ausgebaute RAVeL-Strecke treffen, die nach Malmedy, Stavelot und Trois-Ponts führt. Die weiter südlichen Abschnitte der Vennbahn kenne ich nur zum Teil, aber mit dem Rad sind sie schon in der Gegend um Sankt Vith befahrbar, außerdem entlang der deutsch-belgischen Grenze bei Burg-Reuland und bis zur luxemburgischen Grenze (da wurde allerdings im vergangenen Jahr noch gebaut).</p>
<p>Und hier eine mögliche Route (mit abschließendem Schlenker an der Olef-Talsperre vorbei und zum Bahnhof in Kall).</p>
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		<title>Verborgene Mütter</title>
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		<pubDate>Tue, 24 Jan 2012 17:44:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Claus Moser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Bilder]]></category>
		<category><![CDATA[Lacan]]></category>
		<category><![CDATA[Mütter]]></category>
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		<category><![CDATA[Psychologie]]></category>

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		<description><![CDATA[Die langen Belichtungszeiten der ersten Kameras machten Porträtaufnahmen schwierig: Ein unkontrolliertes Zwinkern oder Zittern, ein Wackeln mit dem Kopf, und das Bild war womöglich im Eimer. Die Porträtierten wurden darum oft in unbequeme Gestelle gezwängt, um für die Dauer einer Aufnahme ruhig halten zu können. Bei kleinen Kindern half freilich auch das nicht immer, und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><a href="http://www.flickr.com/photos/craftydogma/5331605482/in/pool-1264520@N21"><img src="http://farm6.staticflickr.com/5162/5331605482_7e2cbb7db3_d.jpg" alt="Verborgene Mütter" /></a></p>
<p>Die langen Belichtungszeiten der ersten Kameras machten Porträtaufnahmen schwierig: Ein unkontrolliertes Zwinkern oder Zittern, ein Wackeln mit dem Kopf, und das Bild war womöglich im Eimer. Die Porträtierten wurden darum oft in unbequeme Gestelle gezwängt, um für die Dauer einer Aufnahme ruhig halten zu können. Bei kleinen Kindern half freilich auch das nicht immer, und darum nahm man gelegentlich die Mütter mit aufs Bild, damit sie die Kinder festhielten, versteckte sie dann aber unter Tüchern, Decken, Vorhängen oder im Zwielicht des Bildhintergrunds. Und das führte in manchen Fällen zu ausgesprochen bizarren, um nicht zu sagen gespenstischen Ergebnissen.</p>
<p><a href="http://www.flickr.com/photos/kingkongphoto/3504692555/in/pool-1264520@N21"><img src="http://farm4.staticflickr.com/3590/3504692555_08a92193f3_d.jpg" alt="Verborgene Mutter" /></a></p>
<p>In <a href="http://www.flickr.com/groups/1264520@N21/pool/">dieser Flickr-Gruppe</a> gibt es eine große Zahl solcher Photographien. Auf denen die Mütter dafür zu sorgen hatten, dass ihre Kinder die standesgemäßen, <em>ordnungs</em>gemäßen Posen einnahmen, während sie selbst im Objektiv des Photographen zum Verschwinden gebracht werden sollten. Was freilich nicht vollständig gelingen konnte, weswegen sie am Rand oder im Hintergrund der Bilder als körperlose, verstümmelte Gestalten sichtbar blieben.</p>
<p>(Nebenbei: Natürlich ist es gut möglich, dass bei manchen dieser Aufnahmen gar nicht die leibliche Mutter unter der Decke steckt, sondern Geschwister, ein Kindermädchen, eine Gouvernante, ein Assistent oder sonst wer, manchmal vielleicht sogar der Vater &#8230;)</p>
<p><a href="http://www.flickr.com/photos/20939975@N04/6306530828/in/pool-1264520@N21"><img src="http://farm7.staticflickr.com/6112/6306530828_a41b293b26.jpg" alt="Verborgene Mutter" /></a></p>
<p><font size=1>Photos von </p>
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		<title>Second Cities</title>
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		<pubDate>Wed, 16 Nov 2011 16:40:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Claus Moser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Welt]]></category>

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		<description><![CDATA[Alexander Trevi, Autor des Landschaftsarchitektur-Blogs Pruned, hat einen interessanten älteren Artikel wiedergepostet: Vor einigen Jahren haben Bauingenieure der Purdue University einen interessanten Vorschlag gemacht, wie Istanbul die Risiken eines katastrophen Erdbebens vermindern könnte. Nämlich einfach durch den Bau einer neuen Stadt. Eine &#8220;zweite Satellitenstadt wüärde den Einwohnern der alten Stadt sofort Unterkunft bieten können&#8221; und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://farm8.staticflickr.com/7145/6393885149_063d54d8d5_d.jpg" alt="Neu-Otzenrath/Spenrath" /></p>
<p>Alexander Trevi, Autor des Landschaftsarchitektur-Blogs Pruned, hat <a href="http://pruned.blogspot.com/2011/11/repost-istanbul-v20.html">einen interessanten älteren Artikel</a> wiedergepostet: Vor einigen Jahren haben Bauingenieure der <a href="http://www.purdue.edu/">Purdue University</a> einen interessanten Vorschlag gemacht, wie Istanbul die Risiken eines katastrophen Erdbebens vermindern könnte. Nämlich einfach durch den Bau <a href="http://news.uns.purdue.edu/x/2008a/080109SozenAnimation.html">einer neuen Stadt</a>. Eine &#8220;zweite Satellitenstadt wüärde den Einwohnern der alten Stadt sofort Unterkunft bieten können&#8221; und &#8220;damit die Auswirkungen eines solchen Ereignisses auf die nationale Wirtschaft dämpfen&#8221;, schreiben die Ingenieure.</p>
<p>Mit welcher Ernsthaftigkeit die Idee vorgestellt wurde, lässt sich aus der Pressemitteilung nicht erschliessen. Möglicherweise ging es nur darum, die selbstentwickelte Applikation zu präsentieren, mit der eine 3D-Simulation des neuen Istanbul erstellt wurde &#8211; seither haben jedenfalls weder die Universität noch türkische Stellen weiteres über das Konzept verlauten lassen. Dafür hat vor kurzem die japanische Regierung Ãœberlegungen zu <a href="http://www.guardian.co.uk/world/2011/nov/06/pass-notes-tokyo-backup-city">einer Backup-Version von Tokio</a> vorgestellt. Der Gedanke, dass der Bau einer neuen Stadt weniger aufwändig sein könnte als die Modifikation einer bestehenden, ist freilich auch nicht neu: Man denke nur an Le Corbusiers unsentimentalen Vorschlag eines Totalabrisses und Komplettneubaus von Paris.<span id="more-1406"></span></p>
<p><img src="http://farm8.staticflickr.com/7168/6393875583_f311544fb2_d.jpg" alt="Neu-Otzenrath/Spenrath" /></p>
<p>Kurioserweise gibt es im <em>Strange Maps</em>-Blog aktuell auch einen Artikel über <a href="http://bigthink.com/ideas/41105?utm_source=feedburner&#038;utm_medium=feed&#038;utm_campaign=Feed%3A+bigthink%2Fblogs%2Fstrange-maps+%28Strange+Maps%29">eine Standby-Version von Paris</a>. Die Pläne stammen aus den Jahren des Ersten Weltkriegs, und in diesem Fall ging es auch nicht um den Aufbau einer Ausweichmetropole für den Notfall, sondern um ein &#8220;Stunt-Double&#8221;, wenn man so will: Ein Attrappen-Paris, das deutsche Bomberpiloten irritieren und die Bombardierung der echten Metropole verhindern sollte.</p>
<p>Mindestens ebenso interessant wie diese ehrgeizigen Pläne ist die Vorstellung, wie eine Umsetzung tatsächlich aussehen und wie sich eine solche neue Stadt mit Leben füllen könnte. In den Planungen von Tokio und Istanbul geht es hauptsächlich um die Kontinuität administrativer und ökonomischer Funktionen, aber wäre ist es mit der sozialen und emotionalen Kontinuität? Lässt sich ein Ort tatsächlich so einfach von einer Stelle zu einer anderen verlegen? Wie würde sich das Verhältnis des Originals und seiner Bewohner zur Kopie entwickeln, vor allem wenn eine solche Kopie entsteht, während das Original noch existiert?</p>
<p><img src="http://farm8.staticflickr.com/7001/6393883245_687daf0c0c_d.jpg" alt="Neu-Otzenrath/Spenrath" /></p>
<p>In einem kleinen Maßstab kann man solche Prozesse hier in der Gegend durchaus ab und zu mal beobachten. Der Braunkohle-Tagebaue zwischen Köln und Aachen lassen auch heute noch immer wieder Dörfer verschwinden, die einige Kilometer entfernt wieder auferstehen. Natürlich nicht als identische Kopie, sondern als eine Art bereinigter Remix: Verschwunden ist die Patina des alten Dorfs, die über Jahrhunderte und Jahrzehnte angehäufte Schrabbeligkeit und Beliebigkeit, stattdessen steht für die Umsiedler eine cleane, aus dem Fertigbauprospekt gepellte Welt bereit, hier und da dekoriert mit einigen Elementen, die man vor dem Untergang retten konnte. Vorwiegend übrigens religiöse Elemente, als hätten nur sie die nötige Gravitas, um auch im neuen Umfeld Kontinuität zu symbolisieren: Wegkreuze, Heiligenfirguren, Kirchenschmuck, auch die Toten ziehen immer mit um und sind meist sogar unter den ersten.</p>
<p>Die Siedlungen, um die es hier geht, sind naütrlich wesentlich kleiner als die oben erwähnten Mega-Projekte, sie haben keine klangvollen Namen und sind nicht gerade Knotenpunkt von administrativen, politischen, logistischen oder kulturellen Funktionen. Aber es gibt doch eine interessante Gemeinsamkeit. Die alten und neuen Orte führen stets über einige Jahre eine Parallelexistenz: Das neue Dorf entsteht, während das alte noch existiert. Von den Betroffenen wird dieser Prozess meist als Gewaltakt empfunden: Die Entscheidung zur Verlegung eines Ortes wird anderswo getroffen und von Notwendigkeiten bestimmt, die nicht aus dem Dorfleben selbst hervorgegangen sind. Viel Mitsprachemöglichkeiten gibt es nicht, und Versuche, den Prozess aufzuhalten oder zu verschleppen, führen zu einem zähen (und in der Regel erfolglosen) Kampf gegen bürokratische und juristische Windmühlenflügel. Und die Vernichtung des alten Umfelds ist eine absolute: Der alte Ort wird nicht nur buchstäblich dem Erdboben gleichgemacht, er verschwindet komplett mitsamt der Erdoberfläche, die ihn umgeben hat: Keine Ruinen, keine Landschaft bleiben als sichtbare Erinnerung übrig. Paradoxerweise ist in vielen Ortschaften die Ankündigung der dörflichen Apokalypse der wichtigste Grund, sich überhaupt wieder als Gemeinschaft zu finden &#8211; und entsprechend fragil scheint diese Gemeinschaft dann auch zu sein, wenn der negative Anlass seine Wucht eingebüsst hat.</p>
<p><img src="http://farm8.staticflickr.com/7001/6393870823_212150c1e8_d.jpg" alt="Immerath (neu)" /></p>
<p>Denn die meisten dieser neuangelegten Dörfer entstehen in unmittelbarer Nachbarschaft (und als Teil) von anderen Gemeinden; auf den ersten Blick sehen sie darum aus wie andere Neubaugebiete auch, und man muss oft genau hinsehen, um Merkmale von Eigenständigkeit auszumachen. In vielen Fällen scheinen sie in den folgenden Jahren und Jahrzehnten reibungslos in die aufnehmenden Siedlungen aufzugehen. Obwohl sich die Planer meist einige Mühe geben, den neuen Siedlungen eigenen Charakter zu geben, etwa durch ein eigenes Zentrum mit einem Dorfplatz, um den sich Geschäfte, Kirche und kommunale Einrichtungen gruppieren, oder indem Hügel, Bächer oder Wälder als natürliche Grenzmarkierungen einbezogen werden. Die neuen Siedlungen sollen möglichst auch nicht zu reißbretthaft aussehen: Straßen und Wege dürfen auch krumm verlaufen  Dass die neuentstandenen Dörfer trotzdem oft austauschbar und blutleer wirken, liegt natürlich nicht nur daran, dass sie neu sind und noch keine jahrhundertealte Patina vorweisen können, sondern dass mit dem, was so an Entschädigungs- und Fördergeldern fließt, nicht unbedingt viel herzumachen ist und dass man den Häusern ansieht, dass sie &#8211; anders als in einem über Jahrhunderte gewachsenen Dorf &#8211; alle im selben Zeitgeschmack entstanden sind.</p>
<p><img src="http://farm8.staticflickr.com/7032/6393856185_5a2c8d0ac1_d.jpg" alt="Neu-Lich-Steinstraß" /></p>
<p>Eine interessante Nuance hat sich zuletzt bei den Namensgebungen verändert: Früher trugen die neuen Siedlungen stets den Namen der alten mit dem Zusatz &#8220;Neu-&#8221; davor: Neu-Bottenbroich, Neu-Mödrath. Heute wird das &#8220;neu&#8221; nur noch verschämt in Parenthesen versteckt und soll vermutlich, sobald die Erinnerung an die ursprünglichen Ortschaften auch in den Datenbanken von Post und Behörden verblasst ist, ganz verschwinden. Die neuen Siedlungen sollen also nicht mehr nur eine Neuausgabe eines verschwundenen Ortes sein, sondern dieser Ort selbst, seine an einen anderen Platz hinüber gerettete Essenz.</p>
<p>Aber natürlich haben Orte keine Essenz, die sich so einfach herausdestillieren und anderswohin transportieren ließe. Was man retten kann, sind allenfalls ein paar Spuren, die um so deutlicher auf Diskontinuität hinweisen, wie die Kreuze untergegangener Gräber an einer nagelneuen Kirchhofsmauer.</p>
<p><img src="http://farm8.staticflickr.com/7034/6393822521_e7542418da_d.jpg" alt="Neu-Bottenbroich" /></p>
<p><font size=1>Bilder aus Otzenrath/Spenrath (neu), Immenrath (neu), Neu-Lich-Steinstraß und Neu-Bottenbroich</font></p>
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		<title>Die Lücke, die dem Teufel bleibt</title>
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		<pubDate>Mon, 14 Nov 2011 09:47:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Claus Moser</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kunst]]></category>

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		<description><![CDATA[Ich war vor einigen Wochen in Assisi und habe mir natürlich in der Basilica den berühmten Freskenzyklus von Giotto angesehen. Ich hatte besonderes Glück: Die Oberkirche wurde für ein Konzert vorbereitet, das im Fernsehen übertragen werden sollte, und Lichttechniker testeten gerade die Beleuchtung. Was mir die Gelegenheit gab, die Fresken in einer Helligkeit und Farbigkeit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Ich war vor einigen Wochen in Assisi und habe mir natürlich in der Basilica den berühmten Freskenzyklus von Giotto angesehen. Ich hatte besonderes Glück: Die Oberkirche wurde für ein Konzert vorbereitet, das im Fernsehen übertragen werden sollte, und Lichttechniker testeten gerade die Beleuchtung. Was mir die Gelegenheit gab, die Fresken in einer Helligkeit und Farbigkeit betrachten zu können, die man sonst wohl nur selten geboten bekommt. Aber ein kleines Detail, das erst vor kurzem entdeckt wurde, ist freilich auch mir entgangen: In einem der Bilder &#8211; nämlich dem, das den Tod des Heiligen darstellt &#8211; scheint sich <a href="http://www.telegraph.co.uk/culture/art/art-news/8872780/Smirking-face-of-the-Devil-discovered-in-Giotto-fresco.html">der Teufel versteckt zu haben</a>.<span id="more-1400"></span></p>
<p>Über der Trauergemeinde, die den Tod Franziskus&#8217; beklagt, und unterhalb dem bereits im Himmel thronenden und von Engeln gehuldigten &#8220;neuen Christus&#8221; schwebt eine Wolke. Diese Wolke ist bemerkenswert, denn nicht nur ist sie in einer ungewöhnlich realistischen Art und Weise gemalt. (Üblicherweise wurde der Himmel damals goldfarben oder zumindest monochrom gehalten, um seine Zeitlosigkeit und Unveränderlichkeit zu betonen.) An der rechten Seite dieser Wolke läßt sich außerdem eine dämonische Fratze erkennen, die tatsächlich an Teufelsdarstellungen erinnert. Aber man muss schon sehr genau hinschauen, das Fresko befindet sich einige Meter über dem Boden, und in den über siebenhundert Jahren, die das Bild existiert, scheint niemand die merkwürdige Fratze bemerkt zu haben, bis jetzt die Historikerin Chiara Frugoni darauf aufmerksam wurde, im Zuge der Restaurationsarbeiten, die nach dem Erdbeben von 1997 in Assisi nötig wurden.</p>
<p>Frugoni ist nicht irgendjemand, sondern eine der bedeutendsten Franziskus-Expertinnen: Von ihr stammt eine der besten Biographien über den Heiligen, außerdem ein ebenfalls sehr empfehlenswerter Führer zu den Fresken der Oberkirche. Über den Teufel in der Wolke steht da natürlich noch nichts drin. Eine italienische Lokalzeitung behauptet zwar, die Existenz der Teufeldarstellung sei <a href="http://gazzettadimantova.gelocal.it/cronaca/2011/11/10/news/quel-diavolo-di-assisi-fotografato-28-anni-fa-1.1660607">unter Restauratoren schon wesentlich länger bekannt gewesen</a>, aber Frugoni ist wohl in der Tat die erste, die sie öffentlich dokumentiert und beschrieben hat. Bereits im August hat sie <a href="http://www.burlington.org.uk/magazine/back-issues/2011/201108/">im Burlington Magazine</a> über die Entdeckung berichtet. Dass die Geschichte vergangene Woche nun mit etwas Verspätung durch die internationalen Medien ging, hat vermutlich mit geschickter franziskanischer PR zu tun, denn der <em>Sacro Convento</em>, das Mutterkloster des Ordens, hat vor ein paar Tagen <a href="http://www.sanfrancescopatronoditalia.it/12351_BASILICA_SAN_FRANCESCO__UN_DEMONE_NEGLI_AFFRESCHI_DI_GIOTTO__.php">das Thema auf der eigenen Website aufgegriffen</a> und einen Artikel von Frugoni (vermutlich der gleiche, der schon in England erschienen ist) für die eigene Hauszeitschrift angekündigt.</p>
<p>Welche Bedeutung der Kopf in der Wolke hat, darüber kann Frugoni natürlich auch nur spekulieren. Die Wolke selbst kommt in der Heiligenlegende des Franziskus vor: Als Franziskus starb, habe &#8220;einer von seinen Jüngern und Brüdern&#8221; gesehen, &#8220;wie jene glückliche Seele in Gestalt eines helleuchtenden Sternes auf einer kleinen Wolke über viele Wasser hinweg geraden Wegs in den Himmel getragen wurde&#8221;, heißt es in der <em>Legenda maior</em> des Bonaventura. Die Beschreibung soll natürlich an die Himmelfahrt Jesu erinnern &#8211; eines der vielen legendären Elemente, die die Franziskus&#8217; Rolle als Nachfolger Christi betonen (eine Sichtweise, die zum Zeitpunkt, als die Arbeit an den Fresken begann, also rund siebzig Jahre nach Franziskus&#8217; Tod, durchaus umstritten war).</p>
<p>Die Wolke als Transport- und Kommunikationsmittel Gottes ist aber nicht nur ein biblisches Motiv: Schon antiken Philosophen und Naturwissenschaftler wie Aristoteles, Plinius, Lukrez oder Philostratus interessierten sich für Wolken und Wolkenbilder.</p>
<blockquote><p>Schon in der Weltlehre oder Meteorologie des Aristoteles machte die Wolke einen einheitlichen Eindruck nur deshalb, weil sie aus Uneinheitlichkeiten, aus funkelnden und spiegelnden Teilchen bestand; bei Lukrez gab sie ein Modell oder Beispiel dafür, wie sich kleinste und unteilbare Dinge, Atome, zu einem Ding überhaupt formieren. Und an einem anderen Ende dieser Wolken-Geschichte umschließt die Wolke den prekären Übergang, der von den Dingen zu den Nicht-Dingen und umgekehrt hinüberführt. Als geformte Zusammenhänge, deren Form und Zusammenhang lose, flüchtig und stets wandelbar bleibt, ergeben die Wolken einen ontologischen Sonderfall.</p>
<p><font size=1>- (aus: <a href="http://www.uni-weimar.de/medien/philosophie/publikationen/afmg_2005.htm">Engell/Siegert/Vogl, Wolken. Archiv für Mediengeschichte No. 5</a>)</font></p></blockquote>
<p><img src="http://farm7.static.flickr.com/6236/6343827828_26abe24226_d.jpg" alt="Andrea Mantegna, Heiliger Sebastian" /></p>
<p>Frugoni erwähnt einen Text des byzantinischen Gelehrten Michael Psellos aus dem 11. Jahrhundert, der die Fähigkeit der Wolken, verschiedene Gestalten anzunehmen, mit dem Talent der Dämonen vergleicht, in alle denkbaren Formen schlüpfen zu können. Die Wolke ist also ein merkwürdiges Doppelwesen, das einerseits göttliche Botschaften verheißt, andererseits teuflische Trugbilder an den Himmel zu werfen scheint. Ist die Fratze im Fresko von Assisi ein Reflex auf diese Diskussionen? In Andrea Mantegnas Bildnis des <em>Heiligen Sebastian</em>, das fast zweihundert Jahre später entstand, gibt es ein ganz ähnliches Element wie im Franziskus-Fresko: Eine Wolke, in der sich die Figur eines Reiters verbirgt. Auch hier ist unklar, weshalb die Darstellung ins Bild eingefügt wurde, ob es sich um ein kompositorisches Element handelt, das in klarem Bezug zum Sujet des Bildes steht, oder eine malerische Randnotiz, eine augenzwinkernde Fußnote für eingeweihte Betrachter.</p>
<p>Laut dem Kunsthistoriker Bruno Zanardi (der im übrigen nicht Giotto für den Urheber der Fresken hält, sondern vor allem <a href="http://www.scudit.net/mdgiottoassisi.htm">den römischen Maler Pietro Cavalli</a>) ist an keinem der Fresken so lange gearbeitet worden wie an diesem, nämlich 66 Tage. (Das zweite Fresko auf der rechten Seite der Basilica wurde beispielsweise in nur fünfzehn Tagen fertiggestellt.) Zanardi glaubt, dass mit der Arbeit an den Fresken auf der linken Seite der Kirche auch eine Veränderung des künstlerischen Programms eingeleitet wurde, das eine stärkere emotionale Wirkung der Bilder erreichen wollte. Ist die Teufelsdarstellung ein Ergebnis dieses Programms, eine bewusste Anspielung auf ein populäres Motiv vieler Heiligenlegenden? Dort tauchen oft Dämonen auf, die die Himmelfahrt der heiligen Person im letzten Moment zu verhindern suchen. Die Wolke ist die Lücke, die dem Teufel bleibt, in der er noch einmal (vergeblich natürlich) versuchen kann, sich dem heilsgeschichtlichen Verlauf in den Weg zu stellen.</p>
<p>Vielleicht gibt es, vermutet Frugoni, auch eine ganz banale Erläuterung für den Teufel in der Wolke:</p>
<blockquote><p>Wir sollten uns die Maler nicht als devote und inspirierte Interpreten eines komplizierten Programms vorstellen, sondern als Arbeiter auf einem Gerüst, die einander ständig mit ihren tropfenden Pinseln und Farbtöpfen im Weg standen, der jeweils anstehenden, eintönigen Arbeit nachgingen und dabei ganz der Gnade ihrer alltäglichen Laune ausgeliefert waren.</p></blockquote>
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		<title>Das Deutsche Reich in Bochum</title>
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		<pubDate>Tue, 25 Oct 2011 11:42:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Claus Moser</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Es gibt viele merkwürdige Straßennamen, aber dieser hier ist sicher besonders seltsam: Deutsches Reich. Die Straße mit dem großspurigen Namen liegt im Bochumer Stadtteil Werne. Viel her macht sie nicht: Es ist eine unscheinbare Wohnstraße, deren Beschaulichkeit allerdings durch das Rauschen des nahen Ruhrschnellwegs arg gestört wird. Genau genommen handelt es sich weniger um einen [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img src="http://farm7.static.flickr.com/6011/5969438147_601ea7e02f_d.jpg" alt="Deutsches Reich, Bochum" /></p>
<p>Es gibt viele merkwürdige Straßennamen, aber dieser hier ist sicher besonders seltsam: Deutsches Reich. Die Straße mit dem großspurigen Namen liegt im Bochumer Stadtteil Werne. Viel her macht sie nicht: Es ist eine unscheinbare Wohnstraße, deren Beschaulichkeit allerdings durch das Rauschen des nahen Ruhrschnellwegs arg gestört wird.</p>
<p><img src="http://farm7.static.flickr.com/6026/5969434223_65ec0c001d_d.jpg" alt="Deutsches Reich, Bochum" /></p>
<p>Genau genommen handelt es sich weniger um einen Straßen- als um einen Siedlungsnamen. Die &#8220;Kolonie Deutsches Reich&#8221; entstand um 1871/72 als Wohnsiedlung für Bergarbeiter und Angestellte der <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Harpen AG">Harpener Bergbau AG</a>, einer der maßgeblichen Bergbaugesellschaften des Ruhrgebiets. Warum man der beschaulichen Siedlung ausgerechnet so einen hochtrabenden Namen gab, ist nicht überliefert, aber die Reichsgründung lag bei Baubeginn noch nicht lange zurück, nationale Namensgebungen waren mithin <em>en vogue</em>, auch wenn man in den meisten Fällen eher auf einzelne Regionen, historische Ereignisse oder auf prominente Gestalten zurückgriff als auf das Reich insgesamt. Möglicherweise war der Name auch als patriotischer Fingerzeig für die hier angesiedelten Arbeiter gedacht, von denen sicher einige aus den Ostgebieten des Reichs stammten und eher polnisch als deutsch sprachen.<span id="more-484"></span></p>
<p>Einige ältere Häuser stehen noch, mal mehr, mal weniger saniert, ansonsten wird auch viel neu gebaut in und um&#8217;s Deutsche Reich, wobei das meiste allerdings eher nach Wohnungsbauarchitektur von der Stange aussieht.</p>
<p>Bemerkenswert ist natürlich, dass sich der Name bis heute gehalten hat. Die <em>Ruhrbarone</em> haben <a href="http://www.ruhrbarone.de/mitten-in-bochum-das-deutsche-reich/">vor einiger Zeit mal nachgeforscht</a> und festgestellt, dass es durchaus Initiativen gab, die auf eine Umbenennung hinwirken wollten, aber die Stadt Bochum hat offenbar kein wirkliches Interesse an einer Namensänderung, auch wenn die Adressangabe einigen Anrainern mehr als lästig ist. Offiziell wird darauf hingewiesen, dass der Begriff &#8220;Deutsches Reich&#8221; weit mehr bezeichnet als nur die Zeit des Nationalsozialismus, was zwar im Prinzip richtig ist (zumal die Nazis ab 1938 eher die Bezeichnungen &#8220;Großdeutsches Reich&#8221; und &#8220;Großdeutschland&#8221; benutzten), aber doch sehr nonchalant mit der Tatsache umgeht, dass diesem Namen im Verlauf der deutschen Geschichte einiger Ballast angehängt wurde, über den man nicht so einfach hinwegsehen kann. Es gab ja nicht ohne Grund in den Beratungen, die der Verabschiedung des Grundgesetzes voraus gingen, auch <a href="http://www.bundestag.de/dokumente/analysen/2009/bundesrepublik_deutschland.pdf">heftige Diskussionen über den Namen</a>, den das neue Staatsgebilde tragen sollte. Juristisch gesehen ist das Deutsche Reich &#8211; zumindest nach bundesrepublikanischer Rechtsauffassung &#8211; zwar nie untergegangen, aber der alte Name sollte 1948 mit der Bezeichnung &#8220;Bundesrepublik Deutschland&#8221; bewusst durch eine möglichst sachliche Benennung ersetzt werden, denn der Begriff &#8220;Reich&#8221; sei &#8220;von der Geschichte konsumiert&#8221; worden, wie Theodor Heuss damals formulierte.</p>
<p>Offiziell ist das &#8220;Deutsche Reich&#8221; also auf den Status eines politischen Zombies reduziert worden, der nur noch als Wiedergänger eines desavouierten Staatsverständnisses funktioniert. Es gäbe mithin gute Gründe für eine offizielle Neubenennung des Deutschen Reichs von Bochum. Und falls man sich auf den Standpunkt stellen wollte, es handele sich um eine historisch zu verstehende Namensgebung, dann könnte man doch wenigstens &#8211; und sei&#8217;s nur durch ein Hinweis- oder Zusatzschild &#8211; auf den Kontext der Straßenbenennung hinweisen, aber das will die Stadt Bochum scheinbar auch nicht. Und so besteht das Deutsche Reich tatsächlich noch weiter. Wenn auch glüclicherweise nur in den Grenzen von Bochum-Werne.</p>
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