gleiche höhe ist kein abseits

ein kleines museum des zufalls

Kategorie: Schrift (Seite 2 von 15)

… posthum schon zu Lebzeiten

Gedruckte Klagen über den Tod von Mensch oder Subjekt kommen allemal zu spät.

Friedrich Kittler (1943 – 2011).

Lafcadio Hearn

From immemorial time the shores of Japan have been swept, at irregular intervals of centuries, by enormous tidal waves, – tidal waves caused by earthquakes or by submarine volcanic action. These awful sudden rising of the sea are called by the Japanese tsunami. The last one occurred on the evening of June 17, 1896, when a wave nearly two hundred miles long struck the northeastern provinces of Miyagi, Iwaté, and Aomori, wrecking scores of towns and villages, ruining whole districts, and destroying nearly thirty thousand human lives.

Über Japans prekäre Geographie und die zahlreichen Naturkatastrophen, die das Land heimgesucht haben, gibt es viele Texte, aber dieser hier ist ein besonderer: Es handelt sich vermutlich um die erste Erwähnung des Wortes Tsunami in einem Text europäischer (oder wenigstens doch englischsprachiger) Provenienz. Der Auszug stammt aus dem Buch Gleanings From Buddha-Fields von Lafcadio Hearn, das 1897 erschien. Weiterlesen

Eine Reise in Polen

So beginnt eine Reise:

Im langen Eisenbahnwagen schaukle ich über die Schienen. Der Zug ist wie ein Pfeil von Berlin losgelassen. Der Schienenstrang ist unendlich. Nun schieße ich, schaukle mit Holz- und Eisenwerk, in einer gurgelnden Röhre, in die Nacht hinein.

Aber dann:

Ich – bin nicht da. Ich – bin nicht im Zug. Wir prasseln über Brücken. Ich – bin nicht mitgeflogen. Noch nicht. Ich stehe noch am Schlesischen Bahnhof.

Da verreist einer, der, so scheint es, gar nicht wirklich unterwegs sein möchte. „Ich bin gefangen. Der Zug trägt mich fort“, schreibt er, und seine Gedanken kommen kaum hinterher: „Ich denke an meine Absichten. Aber es sind jetzt nicht meine Absichten, ich erkenne sie nicht.“ Weiterlesen

Die urbantschitsche Methode

Phonolith-Werk

Eine ganze Stunde gebe er, Konrad, sich seiner Frau oft nicht als Experimentator zu erkennen, dann sage er aber plötzlich: ich experimentiere, Gehörexperiment I, Anfang, gleich darauf schon die Wörter Luster und Lüster und Laster und mache eine sogenannte Gehörklangfarbenkontrolle. Ist das Ö düster?, frage er, ist das U düster? ist das O düster? Darauf sehr oft das Wort Rinnsal, das reinste. Mit dem Wort Rinnsal experimentiere er an die zehn Jahre, soll er zu Wieser gesagt haben.

Thomas Bernhard wäre heute 80 geworden, und das gibt mir die Gelegenheit zu einer bibliographischen Notiz. Eine besondere Rolle im Roman Das Kalkwerk spielt die sogenannte „urbantschitsche Methode“ zur Gehörbildung, mit der Konrad seine Frau „zu Tode experimentiert“. Wie diese Methode funktioniert (oder zumindest nach Konrads Auffassung funktionieren sollte), kann man an mehreren Stellen des Romans nachlesen. Ich habe mich aber doch gelegentlich gewundert, wer dieser Urbantschitsch war, dessen Name – mit dem gesetzten Urban am Anfang und dem gezischelten Tusch zum Schluß – selbst wie ein Übungswort aus einem Hörexperiment klingt. Weiterlesen

„Die bücherarme Stadt“

Jean Pauls Wohnhaus

Gott steht bei einer Entbindung; wer ihn da nicht findet, bei diesem unbegreiflichen Mechanismus des Schmerzes, bei dieser Erhabenheit seines Maschienenwesens und bei der Niederwerfung unserer Abhängigkeit, der findet ihn nie!

Im September 1802 wird Jean Paul zum ersten Mal Vater: In diesem Haus in Meiningen wird das „göttliche Töchterlein“ Emma geboren, und er nimmt das Ereignis als Epiphanie: „Wie ein Donnerschlag durchfährt die erste Erblikkung Mark und Bein“, schreibt er dem Bayreuther Freund Christian Otto. Weiterlesen

Ein oder mehrere Wölfe

Deleuze/Guattari

Marc Ngui hat einige wunderbare Illustrationen zu den ersten zwei Kapiteln von Deleuze/Guattaris Tausend Plateausproduziert. Er selbst nennt seine Zeichnungen auch „methodische Interpretationen“ und „Hilfsmittel, um die im Buch vorgestellten Ideen zu verstehen“. Wie hilfreich diese Grafiken für die eigene Lektüre sind, muss jeder selbst überprüfen, aber möglicherweise ist Ngui damit Begründer einer kleinen Cottage Industry für Visualisierungen komplexer philosophischer Systeme: Wer möchte, kann sich die Illustrationen nämlich nachzeichnen lassen. Vielleicht kommt ja jemand auf die Idee, etwas Ähnliches mal für Derrida oder Badiou zu versuchen.

Die luft’ge Moschee

und bin ich des Griechischen müde
mich lockt die luft’ge Moschee
und ich klage den maurischen Blumen
mein europäisches Weh

Bemerkenswert, dass Gottfried Keller ausgerechnet die Moschee als locus amoenus beschreibt, als luftiges und blumendurchwirktes Idyll, an dem man übers „europäische Weh“ erhoben werden kann. Vor allem, wenn man daneben die aktuelle Optik derjenigen seiner Landsleute setzt, die Moscheen nur noch als Abschussrampen minarettförmiger Marschflugkörper sehen wollen. Weiterlesen

Eine Geschichte zweier Städte

China Miéville, The City & The City

Was macht eine Stadt zur Stadt? Wie wird aus einer Ansammlung von Häusern, Straßen und Menschen eine geographische Einheit, ein Objekt der Identifikation, ein Bezugspunkt für patriotische und heimatliche Gefühle? The City & The City von China Miéville ist ein brillianter dystopischer Kriminalroman, ein eleganter Mix aus hard-boiled und police procedural. Police procedural ist das Sub-Genre, dessen Name im Deutschen oft unscharf als „Polizei-Krimi“ wiedergegeben wird. Das „Prozedurale“, das detaillierte Aufdröseln der Ermittlungsvorgänge, in denen Wahrheit freigelegt und konstruiert wird, ist aber mindestens ebenso wichtig wie das Milieu, in dem sie stattfinden, und verschränkt das Genre mit dem phantastischen Realismus eines Kafka oder Borges, wo bürokratische, literarische oder philosophische Strukturen bis in ihre absurdesten Verästelungen forciert werden. In Miévilles Roman setzt ein polizeiliches Ermittlungsverfahren zugleich Prozesse in Gang, die ein komplexes politisches Gebilde in Einsturzgefahr bringen. Weiterlesen

Quersumme des Lebens

Eagleman

Das charmanteste Buch über Leben und Tod, das mir in diesem Jahr begegnet ist: Fast im Jenseits: Oder warum Gott Frankenstein liest von David Eagleman. Lassen Sie sich von der gestelzten Humorigkeit des deutschen Titels nicht täuschen, dies ist ein cleveres Buch. Der Titel des englischen Originals trifft die Sache (und den Tonfall) besser: Sum: Forty Tales from the Afterlives. Weiterlesen

Spekulativer Aggregator

Speculative realists
Rock das Geviert: Iain Hamilton Grant, Graham Harman, Quentin Meillassoux, Ray Brassier

Ich bin gerade dabei, mich in ein paar Bücher aus dem Umfeld des spekulativen Realismus einzulesen, einer noch relativ jungen philosophischen Schule mit dem ehrgeizigen Projekt der Sichtung, Sprengung und Neuanordnung einiger philosophischer Brocken, die sich seit Kant aufgetürmt haben. Wichtigstes Bindeglied der einzelnen Positionen ist die Ablehung des „Korrelationismus“, wie Meillassoux das zentrale Postulat nachkantischer Philosophie nennt, nämlich dass Denken keinen Zugang zum Ding an sich finde, sondern nur zu den Erscheinungsformen der Dinge (oder anders gesagt, nur zum Korrelat von Sein und Denken, aber nicht zu Sein oder Denken unabhängig voneinander). Abgelöst werden soll dieser Korrelationismus durch neue Spielarten eines philosophischen Realismus, die es ermöglichen, sich zu den Objekten, Entitäten und Instanzen der „realen“ Welt neu ins Verhältnis zu setzen. Wie dieser Realismus aussehen könnte, darüber gibt es unter den spekulativen Realisten unterschiedliche Auffassungen. Weiterlesen

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