gleiche höhe ist kein abseits

ein kleines museum des zufalls

Rubrik: Schrift (page 1 of 15)

Eine Klosterbuchhandlung

Dominicanen Maastricht

Der Kapitalismus, schrieb Walter Benjamin, ist eine Religion, denn er dient “essentiell der Befriedigung derselben Sorgen, Qualen, Unruhen, auf die ehemals die so genannten Religionen Antwort gaben”. Es hat also seine Berechtigung, wenn Kaufhäuser als Tempel des Konsums bezeichnet werden. Ganz besonders interessant wird es, wenn ein Kaufhaus in die Hülle einer Kirche schlüpft und ein sakraler Raum als Kulisse moderner Konsumrituale dient.

Die Suche nach Thomas Bernhards Geburtsort ermöglichte auch einen kurzen Zwischenstopp in Maastricht und einen Besuch in der Buchhandlung Dominicanen, die sich in der ehemaligen Kirche eines Dominikanerklosters befindet. Die Eröffnung vor ein paar Jahren sorgte für einiges Aufsehen, auch in deutschen Medien, und der Guardian wählte sie immerhin zu einem der schönsten Buchgeschäfte der Welt. Ich hatte schon seit langem vorgehabt, dort einmal vorbeizuschauen, und wie sich herausstellte, wäre ich fast zu spät gekommen. Dominicanen hat nämlich turbulente Zeiten hinter sich. Die selexyz-Kette, zu der die Buchhandlung ursprünglich gehörte, gibt es nicht mehr: Sie ging im Frühjahr 2012 in Insolvenz, wurde von einer Investorengruppe aufgekauft und fusionierte im vergangenen Jahr mit einer anderen großen Kette (De Slegte) unter dem Namen Polare. Eine Fusion, die nicht lange Bestand hatte, sondern schon im Januar ebenfalls Insolvenz anmelden musste. Die meisten Polare-Läden machten daraufhin dicht, auch Dominicanen war eine Zeit lang zu. Seit einigen Wochen hat man nun doch wieder geöffnet, auch dank einer erfolgreichen Facebook- und Crowdfunding-Kampagne, für die eigens ein entsprechendes Glaubensbekenntnis formuliert wurde, und versucht es nun in Eigenregie. —–>

Das Klosterleben des Thomas Bernhard in Holland

Vroedvrouwenschool, Heerlen

Wer ein Kind macht, sagt Oehler, gehört mit der Höchststrafe bestraft und nicht unterstützt. Nichts anderes, als dieser vollkommen falsche, sogenannte soziale Unterstützungsenthusiasmus des Staates, der, wie wir wissen, überhaupt nicht sozial ist und von dem gesagt werden muß, daß er nichts anderes als der unappetitlichste Anachronismus ist, der existiert, ist schuld daran, daß das Verbrechen, ein Kind zu machen und ein Kind in die Welt zu setzen, welches ich als das größte Verbrechen überhaupt bezeichne, sagt Oehler, daß dieses Verbrechen nicht bestraft, sondern unterstützt wird. (Gehen)

Der Ort hat ja für jeden Menschen eine Bedeutung, eine große. Zwei Orte sind die wichtigsten, dort wo er geboren ist, und dort wo er stirbt. (Gespräch mit Krista Fleischmann)

Es ist interessant, dass Thomas Bernhards Biographie just an einem Ort begann, der seine Existenz ebenfalls einem “sozialen Unterstützungsenthusiasmus” verdankt – wenngleich nicht von staatlicher, sondern von kirchlicher Seite. Im Jahr 1931 wurde Bernhard in Heerlen in der niederländischen Provinz Limburg geboren, “nicht zufällig”, wie er in seinem autobiographischen Text Ein Kind schreibt, denn seine unverheiratete Mutter sei aus Scham über die Schwangerschaft aus ihrem Heimatdorf geflohen: “Kurz darauf war sie in Heerlen, in einem Kloster, das nebenbei auch noch auf sogenannte gefallene Mädchen spezialisiert war, von einem Knaben entbunden.”

Und wie es dort zuging, das hat er sich an anderer Stelle ausgemalt: —–>

Erledigte Fälle

Die Inventur in der Mayerschen Buchhandlung ist scheinbar auch eine Art kultureller Generalabrechnung.

Philosophie - erledigt

Religion - erledigt

Zu den erledigten Fällen gehörten allerdings auch Dinge wie “Meditation”, “Chick Lit”, “Manga” oder “Kochen international”, von den abgewickelten Ländern und Weltregionen gar nicht zu reden.

Griechenland - erledigt

Jean Paul 250

Jean Pauls Wohnhaus, Meiningen

Der Frühling und mein Leben fiengen mit einander an und der gütige Schöpfer wolte, daß sie noch mehrere Aehnlichkeiten hatten.
– (aus den Tagebüchern)

(Zu Jean Paul siehe auch “Die bücherarme Stadt”, “Das Spuckkästchen da drunten, das ist der Planet” und Jean Paul lesen!.)

Beltrovata

Dachreiter des Hauses Ahr

Meine liebe große schöne Schwester, ist seit Ende April von Neapel zurück, und aufs elterliche Gut gegangen, sie blickt mit Sehnsucht und Entzücken gen Süden, und ich bin überzeugt dß sich das Geld und die Reiselust zusammen wieder einfinden werden, und wir sie den Winter nicht hier haben.
- Lina Duncker an Gottfried Keller, 21.5.1856

Die “große schöne Schwester”, von der hier die Rede ist, hieß Betty Tendering, und das “elterliche Gut” war Haus Ahr am Niederrhein, zwischen Wesel und Duisburg gelegen, etwa auf Höhe des Rheinkilometers 800 und ganz in der Nähe eines Dörfchens mit dem hübschen Namen Götterswickerhamm, mit dem es auch gut in einem der Romane Kellers auftauchen könnte. Benannt war Haus Ahr nach einem Rittergeschlecht, dem das Anwesen mal gehört hatte, aber seine letzte Gestalt erhielt es Anfang des 19. Jahrhunderts, als es von der wohlhabenden Familie Tendering erworben und in klassizistischem Stil umgestaltet wurde (angeblich unter Mitwirkung Karl Friedrich Schinkels). Die Tenderings hatten unter anderem im Dienst der Grafen von Plettenberg gestanden und so Ansehen und Einfluss erworben. Ihr Name ist noch im Tenderingsweg südöstlich von Voerde und dem daran gelegenen Tenderingssee, einer großen, als Badesee beliebten Kiesgrube, präsent.

Haus Ahr gibt es jedoch nicht mehr: Es musste vor einigen Jahren wegen Baufälligkeit abgerissen werden. Verschwunden sind auch die Kastanienalleen, die einmal die Zufahrten zum Landsitz gesäumt haben sollen. Die Szenerie wird heute vom Kühlturm und den Schornsteinen des Kraftwerks Voerde bestimmt, und von den endlosen Alleen der Strommasten, die vom Kraftwerk aus die Äcker und Wiesen durchqueren. Übrig blieb nur der Dachreiter, der an der Landstraße aufgestellt wurde und dort etwas verloren herumsteht wie das vergessene Einzelteil eines Bausatzes. Unter dem Dach, das von ihm bekrönt wurde, saß im Mai 1856 also die erwähnte Betty Tendering, träumte von Italien und wusste vielleicht nicht, dass der Dichter, dem dies mitgeteilt wurde, sie ein Jahr zuvor in seinem Roman vom Grünen Heinrich verewigt und in der Gestalt der Dortchen Schönfund der Literaturgeschichte überantwortet hatte. —–>

Monströse Thesen

China Miéville hat für das Literaturmagazin Conjunctions ein paar interessante Thesen über Monster formuliert, zum Beispiel diese hier:

Monsters demand decoding, but to be worthy of their own monstrosity, they avoid final capitulation to that demand. Monsters mean something, and/but they mean everything, and/but they are themselves and irreducible. They are too concretely fanged, toothed, scaled, fire-breathing, on the one hand, and too doorlike, polysemic, fecund, rebuking of closure, on the other, merely to signify, let alone to signify one thing.

Ein aktuell besonders virulentes Monster, der Zombie, war zuletzt gleich auf zwei Veranstaltungen ein Thema, die man nun auch nachhören kann: zum einen bei einer Podiumsdiskussion mit u.a. Mark Fisher (“Capitalist Realism”) über The Zombie Metaphor, zum anderen bei einem Vortrag von David McNally, Autor des Buches Monsters Of The Market, über Zombies, Labor, and Catastrophism.

Das Tragische und seine Grenzen

Interview mit Simon Critchley über die Tragödie und darüber, warum er sie der Philosophie für überlegen hält:

Unlike Nietzsche and a whole series of others for whom tragedy is a kind of pre-rational fusion with being, what you actually see in tragedy is rational argumentation moving between two positions. However, reason is not triumphant. Cassandra is going to be sold into slavery to Agamemnon and she’s going to die. So we see that reason can produce incredibly strong arguments but in the end it bumps up against the facts of history or the reality of violence, which it cannot overcome. The founding delusion of philosophy is that reason can ultimately find an underlying pattern in reality or history and can, through the force of the better argument, transform things. Tragedy does not believe in such a view. Tragedy is more pessimistic.

Kafkas Vermächtnis

British publisher Frederic Warburg (who published English editions of Kafka’s novels during the heavy bombing of London in World War II ) mentions in his book “All Authors are Equal” (he was also George Orwell’s publisher) an anecdote involving Brod, Kafka and their manuscripts. He attributes this story (“for whose authenticity I do not vouch” ) to Hannah Arendt, but does not provide a source. In it, Brod is strolling down a Prague street, a few days after Kafka’s death, and meets a literary editor (“Let’s call him Rudi,” writes Warburg ):

Rudi: “You look sad, Max, indeed we are all sad at the shocking news of poor Kafka’s death.”

Max: “… my friend Franz placed on my shoulders a heavy burden. Franz has given me instructions that I am to burn all his unpublished work, all of it.”

Rudi: “Well, you must burn it, then, as Franz wishes.”

Max: “It is not so easy, my friend. I have read his work, his novels and stories, all of it. These are masterpieces. How can I burn them?”

Rudi: “Masterpieces, you say. Then you must not burn them, Max. You must have them published.”

Max: “Against dear Franz’s wishes, Rudi?”

Rudi (thinks hard, then in an emphatic voice ): “I have it, Max. Publish Franz’s work and burn all your own.”

(aus Haaretz, via Literary Saloon).

Über die Art der Italiener, zu diskutieren

Avola, Piazza Umberto I

Einerseits oberflächlich.

Aber auf der anderen Seite mit einem sicheren Instinkt dafür, daß »aufhören« bei allen guten Dingen ein »abbrechen« sein muß. So wie man willkürlich (schließlich) beim Malen eines Bildes, beim Dichten einer Dichtung ein Ende setzt, so tun sie es[,] aus einer tiefen Erfahrung vom Wesen des künstlerischen Verhaltens heraus, beim Diskutieren. Und in der Tat ist merkwürdig, wie die »Lehre« eines unterbrochenen, abgebrochenen Gesprächs einem nachläuft wie ein Hündchen, das einen verlor. Während man gerade da zuletzt mit leeren Handen steht, wo man bis ans Ende gegangen ist. – Man denkt bei diesem [A]bbrechen auch an die Bauweise der Süditaliener: Neubauten halbvollendet lange stehen zu lassen. Auch an die pragmatische Gesinnung: Diskutieren doch zuletzt als eine zu nichts verpflichtende rhetorische Schule zu nehmen. Der Italiener begibt sich in die Praxis wie in seine wahre Römerheimat zurück, der Deutsche in die Diskussion wie in seine warme gotische Stube hinein. – Russische Diskussion ist durch den enormen Anteil des Kollektivs an ihr sehr verändert worden. Der Deutsche geht jusqu'au bout – der Italiener bricht ab, der Franzose endet in einer Vignette und Arabeske.

- Walter Benjamin -

De quoi Merkollande est-il le nom?

Alain Badiou mit einer interessanten Idee:

Ich denke schon seit langem, das Frankreich mit Deutschland fusionieren muss. Dass inzwischen andere auch meiner Meinung sind, wie zum Beispiel Michel Serres, stellt mich sehr zufrieden. Frankreich alleine hat keine Zukunft. Europa ist ein Gespann auf Schlingerkurs, das hat man mit Griechenland gesehen, und alle Welt weiß, dass Frankreich und Deutschland den harten Kern Europas bilden. Eine Fusion würde es ermöglichen, den großen Wirtschaftsmächten entgegenzutreten, wozu heute weder Frankreich noch Deutschland noch Europa in der Lage sind. Die Wirtschaft von Frankreich und Deutschland sind bereits miteinander verflochten, es wäre also besser, wenn dieser Knoten auch politisch realisiert würde. Das könnte in der Form eines Bundesstaats passieren, wie es bereits in Deutschland der Fall ist.

Aus einem Interview anlässlich der Studentenproteste in Québec (über die bislang in Deutschland wenig zu hören war, aber der Guardian hat eine gute Zusammenfassung und, à propos, auch ein lesenswertes Porträt Badious). Via @domfox.

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