gleiche höhe ist kein abseits

ein kleines museum des zufalls

Kategorie: Töne (Seite 1 von 8)

Conny Planks Studio

Wolperath

Aus der Reihe „Vergessene Pilgerorte der Popmusik“: Ein Blick auf Conny Planks Studio im Dörfchen Wolperath, mitten im Bergischen Land, etwa 40 Kilometer südöstlich von Köln.

Conny Planks Studio

Besser gesagt: Auf das, was vom Studio noch übrig ist. Es befand sich in einem größeren Hofkomplex, von dem nur noch diese beiden Fachwerkhäuser stehen. Der Trakt, in dem das Studio war – der ehemalige Schweinestall, wie Wikipedia weiß – steht nicht mehr. Auf dem Areal werden derzeit Einfamilienhäuser gebaut. Der Bauherr schwärmt vom „Westgrundstück mit Fernblick“ in „historischer Hoflage“, von „besten Lichtverhältnissen“ und der „jungen Nachbarschaft“. Vom prominenten Vorbesitzer erfährt man nichts, aber vermutlich würde der Name auch nur den wenigsten der jungen Familien, die vom Neubauprojekt angelockt werden sollen, noch etwas sagen.

Conny Planks Studio

Dabei wäre das ja wirklich ein interessantes Verkaufsargument: „Da wo sie jetzt stehen, wollte David Bowie unbedingt auch mal hin.“ Bowie kam tatsächlich auf eine Tasse Tee in Wolperath vorbei, weil er unbedingt diesen Typen kennenlernen wollte, der alle diese geilen Krautrock-Bands produzierte, der für Leute wie Kraftwerk, Neu!, Cluster, Guru Guru dieses phänomenale neue Klangverständnis definiert hatte, an das Bowie in Berlin gerade anzudocken versuchte. Aus einer Zusammenarbeit wurde dann zwar nichts, weil Bowie und Plank angeblich doch nicht so gut miteinander klar kamen. Aber kurz darauf machte Bowie Heroes, und das Titelstück ist ein unverhohlenes Tribut an mindestens eine Platte, die in Wolperath entstanden war, nämlich das dritte Neu!-Album, Neu! ’75 mit dem Song „Hero“.

„Heroes“ ist auch ein passender Soundtrack für eine Fahrt nach Wolperath: Hinter Siegburg schwingt sich die Straße rasch auf die Höhe, die Landschaft öffnet sich weit und der lässige Schwung der Kurven, Steigungen und Gefälle treibt einen fast automatisch voran. Planks Studio liegt an einem der höchsten Punkte der Strecke, und den Weitblick, von dem der Bauherr schwärmt, hat man von hier aus tatsächlich (wenn auch sicher nicht von jedem der neuen Häuser aus, das Areal ist doch sehr zerstückelt worden).

Wolperath

Brian Eno, Co-Autor von „Heroes“, war auch einer der Pilger, die sich wegen Plank in die bergische Provinz aufmachten, aber anders als Bowie kam er öfter vorbei, machte Aufnahmen für einige Solo-LPs, produzierte das Debüt-Album von Devo und arbeitete mit den Cluster-Musikern Dieter Moebius und Hans-Joachim Roedelius zusammen. (Die beiden LPs Cluster & Eno und After The Heat sind für mich allerdings eher ein Beleg dafür, dass eine Summe nicht immer größer sein muss als die einzelnen Teile.)

Zu den Stammgästen gehörten auch DAF, die in Wolperath alle maßgeblichen LPs aufnahmen: Alles ist gut, Gold und Liebe und Für immer. Plank war, wie man in Verschwende Deine Jugend nachlesen kann, von der minimalistischen Konsequenz des DAF-Sounds ganz fasziniert war. Eine weitere wichtige NDW-Platte, die in Wolperath entstand (allerdings ohne direkte Beteiligung Planks), war die Stahlwerkssinfonie der Krupps, aufgenommen während eines Wochenendes, das eigentlich von Ultravox gebucht war, die wollten sich in der Zeit aber lieber eine Oldtimer-Schau angucken (was auch in Verschwende Deine Jugend nachzulesen ist).

Conny Planks Studio

Ultravox waren ebenfalls Dauergäste in Planks Studio, ebenso Ideal, Killing Joke und die Tourists (Vorgängerband der Eurythmics, deren Debüt Plank auch produzierte), außerdem arbeitete er mit Bands wie A Flock of Seagulls, Les Rita Mitsouko und, nun ja, Heinz-Rudolf Kunze. An der Aufzählung dieser Namen kann man allerdings auch sehen, dass Plank in der New Wave- und NDW-Ära nicht mehr unbedingt mit Leuten zusammenarbeitete, die neue Klangwelten erobern, sondern eher ihre Musik mit einem zum Markenzeichen geronnenen Sound veredeln wollten. Bands wie Ideal galten dem harten Kern der NDW-Pioniere ja eher als angestaubte Rocker, die auch noch so ein bisschen in der New-Wave-Ästhetik plantschten.

Seinen Ruf als Phil Spector des Krautrock hatte Plank sich erworben, bevor er nach Wolperath ging: Stilbildende Alben wie die ersten Platten von Kraftwerk, Neu! oder Cluster entstanden in einem ganz anderen Ambiente, im Rhenus-Studio in Köln-Godorf, zwischen den großen Raffinerien am Rheinufer (und nicht nicht weit von der A555, die angeblich Kraftwerks „Autobahn“ inspirierte). Dort wurden auch Kompositionen von Stockhausen, Zimmermann und Kagel aufgenommen, Free Jazz von Peter Brötzmann und Alex von Schlippenbach, oder kommunitäres Gegniedel von Sweet Smoke und der legendären Bröselmaschine. (Nicht zu vergessen das seltsame Debüt-Album einer ansonsten nicht weiter erwähnenswerten Hard-Rock-Band namens Scorpions.) Kraftwerks Ralf Hütter schwärmte irgendwo mal von den Industriegeräuschen, die man hörte, wenn man aus dem Studio kam, vom lauten Fauchen der Flammen, die in regelmäßigen Abständen aus den Schornsteinen schossen. Diese Musik kann man heute noch hören, wenn man auf der Straße nach Wesseling durch das Industriegelände fährt. An den Sound von Wolperath erinnert dagegen so gut wie nichts mehr.

Wesseling/Godorf

Die verschiedenen Revivals dieses Sounds hat Plank leider nicht mehr miterlebt: Er starb bereits 1987. Seine Lebensgefährtin Christa Fast betrieb das Studio noch einige Jahre weiter und gab erst kurz vor ihrem Tod 2006 auf. Zwei Jahre später gab es einen kurzlebigen Versuch, das Studio zu reaktivieren, aber ein großer Teil des Inventars war bereits verkauft und der Komplex schon zu baufällig. Kurz darauf, 2009 oder 2010, begann der Abriss.

Derrida trifft Coleman

Coleman: One day, I walked into a place that was full of gambling and prostitution, people arguing, and I saw a woman get stabbed – then I thought that I had to get out of there. I told my mother that I didn’t want to play this music anymore because I thought that I was only adding to all that suffering. She replied: “What’s got hold of you, you want somebody to pay you for your soul?” I hadn’t thought of that, and when she told me that, it was like I had been re-baptized.

Derrida: Your mother was very clear-headed.

Coleman: Yes, she was an intelligent woman. Ever since that day I’ve tried to find a way to avoid feeling guilty for doing something that other people don’t do.

Ein schönes Gespräch (via) zwischen Jacques Derrida und Ornette Coleman über Sprache, Improvisation, Wiederholung, Rassismen, Ursprünge und Mütter – was man eben so bespricht unter Dekonstruktionisten. Beeindruckend ist vor allem, dass Derrida tatsächlich einen ausgezeichneten Interviewer abgibt: Zurückhaltend, neugierig und pointiert. Das Gespräch erschien ursprünglich 1997 in der französischen Zeitschrift Les Inrockuptibles, auf deren Website man auch die Originalversion nachlesen kann. (Ich erinnere mich dunkel, in der Spex damals auch einen Artikel gesehen zu haben, der wohl eine deutsche Übersetzung dieses Interviews war.)

Das französische Magazin bringt auch den Text, den Derrida einige Tage nach dem Interview während eines Konzerts von Coleman vortrug, Joue le prénom. Oder besser: Vortragen wollte, denn Derridas Auftritt kam bei einem Teil des Publikums nicht besonders gut an.

In fact, it was an anticipated happening that did not happen, not quite a fiasco perhaps, but one of those unfortunate circumstances in which symbolic expectation is thwarted by reality. The audience, or at least a small part of it, intolerant of this unaccustomed form, did not even allow Derrida to get into his stride. Those trying to shout him down were met with invective treating them as a ’shithouse audience‘, and the slanging match among the 100-strong crowd finally drove Derrida off the stage, his part of the performance pathetically foreshortened and unfulfilled.

(aus: Colin Nettelbeck, Dancing With De Beauvoir)

Schade drum: Diesem Aufeinandertreffen hätte ich gerne zugehört. Ein aufgeschlosseneres Publikum hatte Elisa Barth, die vor einigen Jahren eine deutsche Fassung des Textes vortrug, was man sich hier anhören kann:

Also sicher: Ein Ereignis hat keinen Preis, das sind meine Worte und meine Instrumente, mein Satz, meine harmolodische Variation.

„I ride your river under the bridge“

Go-Between-Bridge
Go Between Bridge. (Foto: Paul Guard, Quelle: Wikipedia.)

Die Go-Betweens gehörten in den späten Achtzigern, frühen Neunzigern zu meinen ganz großen Favoriten. Später, in den Jahren zwischen der Reunion und dem frühen Tod von Grant McLennan, habe ich nicht mehr sehr aufmerksam mitverfolgt, aber dass sie in dieser Phase immerhin ein wenig Mainstream-Anerkennung bekamen, fand ich nur gerecht.

Das Image der ewigen Underachiever, die eine bessere Welt bräuchten, um Stars werden zu können, sind sie allerdings nie so richtig losgeworden. Und so war ich doch sehr überrascht, zu lesen, dass es in Brisbane, der Heimatstadt von Forster und McLennan, inzwischen eine Brücke gibt, die den Namen der Band trägt. Und dass es sich dabei nicht nur um eine bedeutungslose Nebenbrücke in einem Randbezirk handelt, sondern um einen Flussübergang, der in der Verkehrsinfrastruktur eine wichtige Rolle spielen soll. Die Go Between Bridge ist – heisst es in der Wikipedia – die erste Innenstadtbrücke seit 40 Jahren, vierspurig ausgebaut und ausgelegt für etwa 12.000 Autos am Tag. Erfreulicherweise sieht sie sogar ganz ansprechend aus. Weiterlesen

A555

A555

Die Fahrbahn ist ein graues Band
Weiße Streifen, grüner Rand.

Von einer legendären Autobahn zur nächsten, vom Ruhrschnellweg zur A555. Auf der Suche nach Informationen zur Autobahngeschichte stoße ich auf dieses interessante Detail: Kraftwerks Stück Autobahn beschreibe „nicht nur das Reisen auf einer beliebigen Autobahn“, schreibt Philipp Wöhler im Fluter, sondern instrumentiere „die Fahrt auf einer ganz bestimmten Schnellstraße: der A555 von Köln nach Bonn – der ersten Autobahn überhaupt.“

Nun könnte man sagen, dass es wohl bei kaum einer Band so irrelevant ist wie bei Kraftwerk, ob sich Texte oder Musik auf irgend ein klar identifizierbares Objekt beziehen, schließlich geht es eher darum, den Dingen der modernen Welt einen möglichst prototypischen Soundtrack zu verpassen. Selbst wenn Städte- oder Personennamen auftauchen, wie etwa in Trans Europa Express, wirken sie eher wie Produkt-Features als wie an Raum und Zeit gebundene Orte. Weiterlesen

And when the groove is dead and gone …

The Resistible Demise of Michael Jackson

Falls Sie noch nie ein Buch über Michael Jackson gekauft haben, probieren Sie es doch mal mit diesem: The Resistible Demise of Michael Jackson ist eine durchweg lesenswerte Sammlung popkultureller Essays, die sich Jacksons Karriere unter politischen, kulturkritischen, pophistorischen oder urbanistischen Gesichtspunkten (um nur ein paar zu nennen) vornehmen, ohne dabei in die Form des „gedankenlosen Tributs“ oder „tratschenden Rufmords“ zu verfallen. Weiterlesen

Karlheinz-Stockhausen-Platz

Karlheinz-Stockhausen-Platz

Es ist vielleicht nicht gerade ein Platz, der zu transzendentalen Gedanken verleitet oder von Sphärenklängen durchrauscht wird. Aber immerhin: Kürten hat einen Karlheinz-Stockhausen-Platz. Und er liegt auch nicht irgendwo abseits am Rande eines Gewerbegebiets, sondern es ist der Platz vor dem Kürtener Rathaus, das ihn auch als Postadresse führt. Weiterlesen

Kicking Against The Pricks

Bei der Geburt getrennt:

Bekkay Harrach


Bekkay Harrach
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Kicking Against The Pricks

Nick Cave.

Sublime Frequencies

Doueh

Großes Konzert gestern im Kölner Stadtgarten: Das Sublime Frequencies-Label brachte zwei Interpreten aus der arabischen Welt: Die Group Doueh mit ihrer seltsamen und nicht wirklich klassifizierbaren Mélange aus Wüsten-Psychedelia und traditioneller Tanzmusik, und den frenetischen Dabke-Dancefloor des Syrers Omar Souleyman.

Sublime Frequencies ist das Label von Alan Bishop, Mitglied der legendären Sun City Girls, und Hisham Mayet. Beide sind Archäologen des Untergrunds, der sich unter der Oberfläche der „Weltmusik“ verbirgt: Die Platten, die auf ihrem Label erscheinen, sind keine vermeintlich authentischen Urmusiken, keine offiziell sanktionierte Klassik, kein massenkompatibler Mainstream und noch weniger westlich verwässerte Sound-Tapeten mit exotischen Ingredienzen. Auf Sublime Frequencies finden sich die hybriden, rumpeligen, kitschigen oder schrillen Bricolagen, die aus der Kollison der Kulturen entstehen, dort wo der Wille, etwas zu machen, mit begrenzten Mitteln fertig werden muss. Weiterlesen

No Sensations

IMG

Sonic Youth als museales Objekt: Bis vergangenen Sonntag war die Ausstellung Sensational Fix in Düsseldorf. Ich habe grade noch den letzten Tag erwischt, und um es gleich zu sagen: Es hat sich auch nicht wirklich gelohnt. Nicht, weil die Ausstellung besonders mißraten wäre. Sondern einfach nur deshalb, weil sie merkwürdig beliebig und gleichgültig gegenüber dem wirkte, was sie zu zeigen vorgab, nämlich den Crossover von Popkultur, Punk und Avant-Ästhetik, den Sonic Youth seit mehr als zwanzig Jahren repräsentieren. Weiterlesen

Ce que gazouiller veut dire

Ich habe die Vögel gewählt, andere den Synthesizer. – Oliver Messiaen

Zu meinen Lieblingsplatten gehört ein Doppelalbum mit Vogelstimmen, eine alte Ariola-Platte (tatsächlich die Lizenzveröffentlichung eines Amiga-Albums aus der DDR), die sich mein Vater mal für den Schulgebrauch zugelegt hatte. Wenige Platten sind so entspannend und anregend wie diese simple Aneinanderreihung verschiedener Formen von Gezwitscher, unterbrochen jeweils von der leicht anämischen Stimme eines (laut Plattencover sehr authentischen) DDR-Ornithologen – „Nummer vierundzwanzig: Die Haubenlerche“.

Möglicherweise muss ich deswegen auch immer hinlesen, wenn es irgendwelche Studien zu irgendeinem interessanten Aspekt des Vogelgesangs gibt. Wie zum Beispiel diese hier: Zebrafinken, die isoliert gehalten werden, entwickeln über einige Generationen hinweg einen Gesang, der dem Gesang der Artgenossen in freier Wildbahn ähnelt, heisst es hier. Weiterlesen

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