gleiche höhe ist kein abseits

ein kleines museum des zufalls

Kategorie: Leibesübungen (Seite 2 von 8)

Den Ruhrschnellweg entlang

Ruhrschnellweg in Essen

Die Karte unten ist Dokument eines kleinen Experiments. Sie zeigt den Verlauf einer Radtour entlang des Ruhrschnellwegs, das heißt: der A40 zwischen Duisburg-Häfen und Dortmund-West, und der B1 zwischen Dortmund und Unna-Massen. Eine Radtour entlang einer Autobahn? Es gibt zweifellos angenehmere Routen, sportliche oder entspannendere. Was könnte einen dazu bweegen, einen Tag lang einer siebzig Kilometer langen, lauten und abgasverpesteten Asphaltpiste zu folgen?

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Fetisch der Bobos

In der amerikanischen Presse wird zur Zeit ein wenig abgelästert über Probleme des Pariser Bike-Sharing-Programms Vélib‘: Vandalismus und Diebstahl sorgten für erhebliche Einbussen, schreibt die New York Times, 80 Prozent der ca. 20.000 Mieträder seien bereits innerhalb eines Jahres defekt oder gestohlen gewesen, etwa 1.500 Räder müssten täglich repariert werden. Die Story wird in einigen US-Medien mit einer gewissen Süffisanz kommentiert – möglicherweise eine Art vorgezogener Backlash, weil auch in vielen US-Städten ähnliche Programme aufgelegt werden oder in Planung sind. Weiterlesen

Grand Theft Velo

Grand Theft Velo

Alleycats sind informelle Fahrradrennen, remixed mit Elementen aus Orientierungslauf, Schnitzeljagd und Grillparty. Sie gehören, wie ein paar andere Dinge auch, zur lebendigen Fahrrad-Subkultur, die sich in den vergangenen Jahren aus den Szenen der Mountainbiker, BMXer, Fahrradkuriere usw. herausgebildet hat.

Mit dem Fahrrad durch die Gegend fahren und Aufgaben lösen, ist ja eigentlich eine ziemlich altmodische Idee, sowas macht man auch auf Dutzenden von Pfadfindertreffen oder Vereinsfesten. Aber der Witz von Veranstaltungen wie Grand Theft Velo besteht natürlich gerade in der ironischen Vermischung solcher alter Ideen mit Elementen der eigenen Pop- und Subkultur, so wie die Pointe eines Mashups weniger darin liegt, dass er etwas komplett Neuartiges darstellt, sondern dass er bekannte Elemente in einen neuen Kontext bringt. Weiterlesen

Trail Notes (Vol. 34)

Aufprallschutz

Dies ist keine Skulptur. Dies ist ein Aufprallschutz. Zu sehen ist diese beeindruckende Installation an einer versteckten Piste mitten im Wald hinter Bensberg. Hier und in der Umgebung findet man noch viele andere Spuren und Hinweise auf die Aktivitäten von Mountainbikern. Das geht bis zu rudimentären Formen der Landschaftsarchitektur: Kleinen Rampen, Brücken oder Schanzen zum Beispiel. Ähnlich wie Parkour, Skaten oder BMX urbane Räume neu erobern und neu definieren, erschließen sich Mountainbiker die offene Landschaft: Industriebrachen, Wälder, Hänge, Wiesen. Weiterlesen

Tour de Zumthor

Wachendorf

Die Bruder-Klaus-Kapelle bei Wachendorf ist ein architektonischer Pilgerort, trotz ihrer Abgelegenheit – oder vielleicht gerade deshalb: Das Nebeneinander von moderner Architektur und provinzieller Exotik lockt vor allem am Wochenende Dutzende von Spaziergängern hier her. Mitverantwortlich dafür ist natürlich auch ein Medien-Hype, der genau die richtigen Register gezogen hat, um das Gebäude mit den Populärmythen zu umgeben, die es für so ein modernes Mekka braucht: Die rührende Geschichte von den Bauersleuten, die sich einen frommen Lebenstraum verwirklichen wollten und höflich bei dem Architekten anfragten, dessen Name sie in der Zeitung gelesen hatten – der Star-Architekt, der das Projekt annimmt, weil es sich um den Lieblingsheiligen seiner Mutter handelt und ansonsten nur die Unkosten erstattet haben will – das Eifeldörfchen, das vom plötzlich losbrechenden Rummel überrascht wurde und dann über Parkplätze, Kiosk und sanitäre Einrichtungen debattierte – das sind die (hier und da variierten) Elemente, aus denen die Geschichte der Kapelle gestaltet wurde. Und wenn man den zahlreichen Besuchern zuhört, ist diese Geschichte, zumindest in groben Zügen, den meisten präsent, die sich hier tummeln.

Bruder-Klaus-Kapelle, Wachendorf

Bei allem Hype: Die Kapelle ist wirklich einen Besuch wert. Ich bin schon gut ein halbes Dutzend Mal hier gewesen, zu verschiedenen Jahreszeiten, bei unterschiedlichen Licht- und Wetterverhältnissen, und meistens mit dem Fahrrad, denn die Gegend eignet sich prima als Dreh- und Angelpunkt für Touren in die Eifel. Und jedesmal bin ich angetan, wenn die Sandsteinfassade der Kapelle das erste Mal in den Blick kommt: Als helles Rechteck leuchtet sie aus dem leicht gewellten Hang, die Form ist regelmäßig wie die eines plangemäß gezogenen Feldes. Oder eines landwirtschaftlichen Zweckbaus. Mich erinnert sie, trotz ihrer hellen Fassade, an den merkwürdigen schwarzen Monolithen aus 2001: Fingerzeig einer höheren, aber gleichzeitig auch abwesenden Intelligenz. Ein Eindruck, der sich in der Kapelle selbst im übrigen noch verstärkt: Ein schockierenderer Kontrast scheint kaum möglich als der zwischen der Lieblichkeit der Umgebung und den düsteren, verkohlten und kalten Innenwänden. Wie ein Kamin ist der Raum nach oben geöffnet, wie eine Düse scheint er Gott eben erst davon gesaugt zu haben, und alles, was uns nun bleibt, ist, fröstelnd über sein Verschwinden nachzudenken.

Von dieser Wechselwirkung zwischen Landschaft und Kapelle bekommt man zwar auch schon etwas mit, wenn man mit dem Auto hier hin fährt: Man muss dann unten am Dorf parken (neben dem Fussballplatz) und den Hang zur Kapelle zu Fuß hinaufspazieren. Aber es ist noch reizvoller, etwas mehr Zeit zu investieren und sich mit dem Rad auf den Weg nach Wachendorf zu machen. Das Umland ist voller seltsamer, architektonischer, archäologischer und alltäglicher Monumente. Und weil ich nett danach gefragt worden bin, gibt es nun hier eine kleine, unanstrengende Tour de Zumthor, eine Zumtour sozusagen, auf der man ein paar überraschende Entdeckungen über die Kapelle hinaus machen machen kann und, wer weiß, noch ein paar weitere, überraschende Blickwinkel auf das kleine Bauwerk und seine Landschaft gewinnt. Weiterlesen

Radweg to go

Light Lane

Bei den glatten Straßen heute morgen war’s kein Vergnügen, mit dem Fahrrad durch den Kölner Straßenverkehr zu jonglieren. Es kam wie’s kommen musste: An einer besonders harmlosen Ecke lag ich plötzlich unter dem Motor eines Lkws der Stadtwerke. Das Ding stand glücklicherweise, aber bis ich es dauerte eine panische Sekunde lang, bis ich das gemerkt hatte.

Insofern kann ich den Charme dieses Vorschlags zur Guerilla-Verkehrsplanung nachvollziehen: Wenn Kommunen kein Geld in die Hand nehmen wollen, um einen Radweg anzulegen, warum nicht einfach ad hoc einen ausleuchten und die Autos auf Abstand halten? Die Idee der Designer Evan Gant und Alex Tee: Laser-Lämpchen am Rahmen leuchten den Weg, und das Fahrrad-Icon soll wohl noch zusätzlich darauf hinweisen, dass man da einen Radler vor sich hat und nicht etwa nur den Reflex der Laufschrift eines Geschäfts am Straßenrand.

Der Radfahrer auf dem Bild beruft sich dann aber doch vielleicht ein bisschen zu selbstverständlich auf die Evidenz seiner Guerrilla-Verkehrsplanung – kein Licht, kein Helm, dunkle Kleidung, kann man nur hoffen, dass da von hinten nicht plötzlich ein Autofahrer mit Rot-Grün-Blindheit aufrauscht.

Aber warum die Idee nur auf Radwege beschränken? Claim your own space! Virtuelle Bürgersteige für Fußgänger und Jogger! „Sprechen Sie mich bitte nicht an“-Lichtschranken fürs Wartezimmer und fürs Schlangestehen! Ad-Hoc-Fluchtlicht in öffentlichen Parks und Anlagen!

Schmutzige Helden

Radsport-Nostalgie in full effect: Ist die Monte Paschi Eroica eine zeitgemäße Veranstaltung, fragt die Gazzetta dello Sport ihre Leser mit dem koketten Augenaufschlag einer Dame der Demimonde. Zwei Antworten sind vorgegeben: Ja, weil die Schotteranstiege „das Faszinosum des Flairs alter Zeiten“ ausstrahlen. Und nein, weil „es im modernen Radsport nicht mehr angebracht ist, auf Schotterstraßen in Wolken von Staub“ dahinzuradeln.

Archaik ist, wenn’s staubt und schmutzig macht. Die großen Staubwolken sind aber vor allem von den sehr modernen Begleiterscheinungen des Radsports aufgewirbelt worden – nämlich den Motorrädern des Fernsehens und der Fotografen, von den Begleitfahrzeugen der Teams und nicht zuletzt von den Autos, in denen sicher auch der eine oder andere Promi saß, den die Gazzetta eingeladen hatte. Aber das übersieht man gern in einem Sport, der den Blick auf die Gegenwart gerne mit Wolken nostalgischer Patina verklärt.

Shakhtyor Lucarelli

Gestern in der Champions-League-Zusammenfassung habe ich zum ersten Mal gesehen, wo Cristiano Lucarelli, der Che Guevara des italienischen Fußballs, inzwischen gelandet ist. Nicht bei Inter Mailand, wie eine Zeit lang spekuliert wurde, nicht bei einem englischen, spanischen oder sonstwie renommierten Verein, bei dem Profis seines Kalibers sonst unterkommen. Sondern in der Ukraine. Als mutmaßlich erster italienischer Profi dort. Und wie es sich für jemanden gehört, der nach eigener Aussage seit Geburt Kommunist ist, spielt er für Shakhtyor Donetsk – einen Verein, dessen Name auf deutsch „Bergarbeiter“ bedeutet.

Gut, der Verein ist heute vermutlich ähnlich proletarisch wie Schalke oder Chelsea. Lucarellis Wechselabsichten sind auch entsprechend heftig kommentiert worden in und um Livorno. (Und so richtig gut scheint es für ihn auch nicht zu laufen.) Und trotzdem: Wenn man schon den Verein wechselt, kann man doch ruhig ein wenig Konsequenz wahren. Und natürlich trägt er auch in Donetsk die Nummer 99. Heute hat er auch noch Geburtstag. ¡Hasta la victoria siempre!

Sieverts‘ Städtereisen

Vor ein paar Jahren hatte ich das Vergnügen, auf einer Party mit Boris Sieverts über seine seltsamen Städtereisen zu reden: Wanderungen und Radtouren zu den „wahrhaftigen Orten unserer Ballungsgebiete“, wie er das nennt, „in jene Weiten zwischen den zu Corporate Identities schrumpfenden Innenstädten und den etablierten Ausflugslandschaften“. Statt zu historischen Sehenswürdigkeiten und neuen urbanen Mitten führt er seine Teilnehmer dorthin, wo das Bild der Städte ausfranst, in Wohngebiete, zu Baggerseen und Brachflächen. Die Touren sind bisweilen mehrtägig, übernachtet wird im Freien oder in Autobahnhotels und Vorortgasthöfen. Weiterlesen

Der SC und die Schlüssel

Als Anhänger des SC Freiburg ist man ja einiges gewohnt aus dem letzten Jahr, aber noch nicht, dass der Verein mal im Mittelpunkt einer bizarren Vorführung steht, wie Qualitätsjournalismus heutzutage funktioniert. Wie die Bild zur Behauptung gekommen ist, Finke habe seine Schlüssel nicht zurückgegeben, deswegen habe der SC die Schlösser zum Management-Büro austauschen müssen, ist dabei eigentlich egal; die Geschichte passt so oder so dahin. (Nach den Schlammschlachten vom letzten Jahr ist es vielleicht sogar möglich, dass jemand vom Verein so etwas angedeutet haben könnte, und wenn auch nur im Flachs.) Viel interessanter ist aber, wie diese Anekdote ihre Runde durch andere Redaktionen und Nachrichtenagenturen gedreht hat, und zum Beispiel bei der dpa und beim sid gelandet ist, ohne dass man sich dort der Mühe einer weitergehenden Recherche unterzogen zu haben scheint. Selbst wenn an der Geschichte was dran gewesen sein sollte, das Nachrichtenwert besessen hat, ist es doch erstaunlich, wie selbstverständlich die Version der Bild-Zeitung nacherzählt wurde. Und wie schwer sich die Nacherzähler damit tun, die Geschichte zu korrigieren oder zumindest zu erklären, wie sie zu Stande gekommen ist. Und was einen Claus Vetter geritten hat, im Tagesspiegel die Anekdote aus dem Vereinsheim in die populärpsychologische Gartenlaube zu verlegen, will ich ja gar nicht wissen. (Eher unfreiwillig komisch auch diese Glosse von einem Arnd Festerling in der Frankfurter Rundschau, der mit „gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen“ kokettiert, aber gleich dreimal den Namen des Vereins falsch schreibt.)

Auf der Website des sid prangt übrigens groß ein Banner: „Praktikanten gesucht“. Vermutlich ein interessanter Job. Wo sonst darf man so früh an Schlüsselgeschichten mitarbeiten?

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