gleiche höhe ist kein abseits

ein kleines museum des zufalls

Kategorie: Mittelmeer (Seite 2 von 12)

Was Berlusconi nicht liest

Aus der Serie „Statistiken für die gepflegte Salon-Konversation“: Seit dem Amtsantritt des aktuellen Kabinetts Berlusconi sind die Verkaufszahlen ausländischer Wirtschaftszeitungen im römischen Regierungsbezirk drastisch eingebrochen. Das gilt vor allem, scheint es, für Zeitschriften angloamerikanischer Provenienz: Der Economist hat 20 Prozent verloren, die Financial Times 18,3 Prozent und das Wall Street Journal zehn Prozent. Vielleicht lesen sie ja wenigstens noch Topolino.

Vorwärts und nicht bewegen

Berlusconi

Das Bild entstand vor genau zwei Jahren, 2006 in Süditalien, am Strand von Peschici. Ich hielt das damals für ein symbolisches Motiv: Wenige Tage zuvor hatte die Parlamentswahl stattgefunden und ein denkbar knappes, aber erfreuliches Ergebnis gebracht. Für einen kurzen Augenblick schien es so, als wäre die Ära Berlusconi tatsächlich auf den Schrottplatz der Geschichte geräumt worden, gerade so wie dieses abgewrackte und auf Sand gesetzt Auto (das noch dazu mit dem Slogan „Scegliamo di andare avanti“ – deutsch etwa Wählen wir den Vorwärtsgang – beklebt war).

Für einen kurzen Augenblick gab es auch tatsächlich so etwas wie Aufbruchstimmung bei vielen Leuten. Schon im Jahr davor, bei den Regionalwahlen, hatte Berlusconi eine Ohrfeige kassiert, und viele Beobachter sahen das als ein Anzeichen dafür, dass sich tatsächlich mal was ändern könnte. (In Apulien hatten die Leute mit Nichi Vendola sogar einen intellektuellen (!) Kommunisten (!!), zu allem Überfluss auch noch schwul (!!!) und stolz darauf (!!!) ins Amt des Regionspräsidenten gewählt, und bei den ausgelassenen Feiern, die darauf in Bari und Lecce folgten, konnte man tatsächlich meinen, dass die politische Landschaft erheblich in Bewegung geraten war.)

Die Euphorie war bald verflogen, weil auch die neue Regierung schnell zum business as usual überging: Kleinteiliges Hick-Hack hinter den Kulissen, rhetorische (und tatsächliche) Schaukämpfe davor. Prodi war kein euphorisierender Heilsbringer, sondern ein blasser Verwalter eines Status quo, der niemand so richtig zufriedenstellen kann. Einer, dem man anmerken konnte, wie mühselig und unlustig das politische Tagesgeschäft war, und dem man die Vision eines tatsächlichen Wandels nicht wirklich abkaufen konnte. Der Versuch, mit dem Partito democratico und mit einer etwas schillernderen Persönlichkeit wie Walter Veltroni an der Spitze eine etwas lautere Stimme und ein kräftigeres Profil zu gewinnen, hat da auch nichts gebracht.

Wenn’s um die mediale Inszenierung des alten Spruchs Better the devil you know geht, dann ist Berlusconi einfach doch abgezockter und routinierter. Insofern hat das Bild oben immer noch was Symbolisches: Der Karren ist so abgewrackt wie immer, und er steckt genauso tief im Sand wie vorher. Aber das ist denen, die drinsitzen, mittlerweile egal geworden: Man kann ja die Fenster verrammeln und sich dann vormachen, es bewege sich noch was. Andiamo avanti. Bis uns die Flut über den Köpfen zusammenschlägt.

Zeitschriften des spanischen Bürgerkrieges

Nova IberiaMagazines & War ist das Online-Relikt einer Ausstellung, die von Januar bis April 2007 in Madrid stattfand und sich, so der Untertitel, der „Print-Kultur“ in den Jahren 1936-1939 widmete. Ein sehenswertes Relikt ist es allemal: Die Website bietet, in einem sehr ansprechenden Layout, einen Überblick über Zeitschriften, Illustrierte, Magazine, die in dieser Zeit erschienen sind. Der Schwerpunkt liegt dabei auf Magazine, die auf Design und Fotografie besonderen Wert legten.

Aire

Dass die Geburt der Illustrierten eine wichtige Rolle für die Entwicklung der modernen Kunst gespielt hat, war eine der Thesen, die die Ausstellung transportieren sollte: Die moderne Form der Zeitschriftengestaltung, mit ihrem größeren Augenmerk auf Layout und Design, bot ein zusätzliches Medium zur Kommunikation neuer ästhetischer und grafischer Ideen. Zugleich haben die formalen Trends moderner Kunst – Abstraktion, Reduktion, Überzeichnung – auch ihrerseits Konsequenzen für die öffentliche Auseinandersetzung mit den Inhalten gehabt, die dadurch transportiert wurden. (Und umgekehrt die Auseinandersetzung der Kunst mit den öffentlichen Themen beeinflusst.)

Impetú

Das lässt sich auf der Website in einigen Fällen sehr detailliert nachvollziehen. Einige Zeitschriften können komplett durchblättert werden, und auch wenn es zwischen den einzelnen Beispielen große Unterschiede gibt, sieht man doch, wie gezielt an vielen Stellen Grafik, Typographie und Fotografie eingesetzt werden, um die Resonanz von Botschaften und Inhalten zu beeinflussen und die Freiheit des Lesers, einfach weiterzublättern, herauszufordern. Das gilt nicht nur für die propagandistischen Inhalte im engeren Sinn: Der Krieg ist ständig präsent, aber er lässt hier und da immer noch Atempausen für Modestrecken, kulturhistorische Belehrungen oder feuilletonistische Betrachtungen. Aber gerade in diesen Versuchen, innerhalb der Apokalypse das Alltägliche zu behaupten, zeigt, wie sehr dieser Krieg auch eine Auseinandersetzung über die Moderne an sich war, und mit den unterschiedlichen Modellen, die die Dynamik der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen miteinander aussöhnen sollten.

Economia

Das ist an mehr als einer Stelle Thema, etwa in der Wirtschaftszeitschrift Economia – eine Art katalanischer Urahn von brand eins, scheint mir – , wo mit den Mitteln des Layouts eine Katalonien als explizit moderne Nation aufgebaut werden soll. Aber auch die franquistischen Magazine kommen gar nicht darum herum, sich auf der grafischen Ebene in eine Auseinandersetzung zu begeben, die sonst mit Waffengewalt niedergekämpft wurde; so findet zum Beispiel – ebenfalls katalanischen – Zeitschrift Vértice neben üblichen reaktionär-katholischen Blut-und-Boden-Ästhetik auch Raum für spielerische grafische Experimente.

Vértice

Und zwischen all dem steht die omnipräsente und auch in der intensivsten Phase des Kriegs nicht pausierenden Werbung wie ein zynischer Kommentar, beispielsweise wenn „gegen Schmerzen“ einfach eine Tube Aspirin empfohlen wird.

Aspirin

Offensichtlich scheint es bei der University of Illinois noch weitere Bestände zu geben. Der entsprechende Link funktioniert bei mir allerdings nicht („No permission to access this collection“) – was allerdings auch für andere Rubriken der digitalen Bibliothek dieser Uni gilt. Nur mein Problem oder ein allgemeines?

(Via.)

Anno Schmidt

Anita Ekberg Arno Schmidt Rafael Alberti

Ja, das ist Anita Ekberg auf diesem Bild. Und was sie da im Arm hält – man kann’s hier zugegebenermaßen nicht so gut erkennen – ist tatsächlich ein Buch von Arno Schmidt, Die Schule der Atheisten, um genau zu sein. Der ältere Herr, der ihr zu Füßen sitzt, ist der spanische Dichter Rafael Alberti. Das heißt: Auf diesem Bild ist er Arno Schmidt, in gewissem Sinne, und er sitzt zu Füßen seiner Muse, und die ist also Anita Ekberg. Und das ganze Ensemble ist eine Szene aus einer kuriosen Fußnote der Filmgeschichte Weiterlesen

Raid Rosso

Veltroni
Foto: Semanticool

Die Futuristen sind die Spontis der Rechten. Der Idee, den Trevi-Brunnen mit roter Farbe in einen flüssigen roten Teppich zu verwandeln kann man einen ästhetischen Charme ja nicht absprechen. Das zugehörige Flugblatt, dass eine selbsternannte „Futuristische Aktion“ dazu gestreut hat, ist dann eher von der borniertern Langeweile, die das Milieu sonst so auszeichnet. Natürlich geht es nicht um eine fantasievolle Hymne an Anita Ekberg, sondern irgendwie um Walter Veltroni, um das Geld für das neue Filmfestival, um Dekadenz der modernen Gesellschaft und so Sachen halt. Die Idee ist amüsanter als ihre Protagonisten, aber das war ja auch schon beim ersten Durchlauf des Futurismus so.

Schmutzige Helden

Radsport-Nostalgie in full effect: Ist die Monte Paschi Eroica eine zeitgemäße Veranstaltung, fragt die Gazzetta dello Sport ihre Leser mit dem koketten Augenaufschlag einer Dame der Demimonde. Zwei Antworten sind vorgegeben: Ja, weil die Schotteranstiege „das Faszinosum des Flairs alter Zeiten“ ausstrahlen. Und nein, weil „es im modernen Radsport nicht mehr angebracht ist, auf Schotterstraßen in Wolken von Staub“ dahinzuradeln.

Archaik ist, wenn’s staubt und schmutzig macht. Die großen Staubwolken sind aber vor allem von den sehr modernen Begleiterscheinungen des Radsports aufgewirbelt worden – nämlich den Motorrädern des Fernsehens und der Fotografen, von den Begleitfahrzeugen der Teams und nicht zuletzt von den Autos, in denen sicher auch der eine oder andere Promi saß, den die Gazzetta eingeladen hatte. Aber das übersieht man gern in einem Sport, der den Blick auf die Gegenwart gerne mit Wolken nostalgischer Patina verklärt.

Veltroni

Pisa

Das Schöne an Italien ist, dass auch um diese Jahreszeit Politik noch im Freien stattfinden kann. Wie hier in Pisa, an einem strahlend schönen und angenehm warmen Herbsttag: Ein gutes Dutzend Menschen hat sich versammelt, um unter den skeptsischen Blicken von Nicola Pisano wählen zu gehen. Es ist zwar nicht die Wahl eines Parlaments, die hier ansteht, sonst würde das natürlich auch in den geschlossenen Räumen eines Municipio oder einer Schule ablaufen, aber es ist trotzdem eine besondere Wahl. Gewählt wird hier der erste Vorsitzende des Partito Democratico, und die gesamte italienische Bevölkerung ist eingeladen, daran teilzunehmen. Weiterlesen

Gomorra im Herbst

Es ist ein komisches Gefühl, durch den spätsommerlichen italienischen Herbst zu fahren und dabei Roberto Savianos Gomorra zu lesen. Das Meer, die Natur, die Küstenstädte, selbst die abgeschrabbelten kleinen Vororte rings um den Vesuv geben sich alle Mühe, friedlich, vergoldet und im Abglanz einer barmherzigen Sonne auszuruhen. Für einen Nordeuropäer, der den größten Teil des sogenannten Sommers durchnäßt oder durchgefroren verbracht hat, ist das ein Paradies hier. Und dann hätte man sich auch wirklich eine bessere Lekt¨re aussuchen können als Savianos apokalyptischen Totentanz aus dem Bauch der Bestie. Weiterlesen

Der Fall Piancone

Auf den Hauptsitz der Bank Monte dei Paschi in Siena ist am Montag ein Überfall verübt worden: Zwei Räuber haben 170.000 Euro erbeutet. Nach einer Verfolgungsjagd durch die Altstadt wurde einer der beiden gestellt, der andere ist mit der Beute noch flüchtig.

Ich stehe jedes Jahr mehrmals auf dem Platz vor dem festungsartigen Hauptgebäude der Bank. Wie jemand die Chuzpe aufbringen kann, da hinein zu spazieren und einen Überfall zu versuchen, kann ich mir nicht vorstellen. Wenn es ein Gebäude gibt, das die Vorlage für Dagoberts Geldspeicher abgegeben haben könnte, dann das hier. Weiterlesen

Shakhtyor Lucarelli

Gestern in der Champions-League-Zusammenfassung habe ich zum ersten Mal gesehen, wo Cristiano Lucarelli, der Che Guevara des italienischen Fußballs, inzwischen gelandet ist. Nicht bei Inter Mailand, wie eine Zeit lang spekuliert wurde, nicht bei einem englischen, spanischen oder sonstwie renommierten Verein, bei dem Profis seines Kalibers sonst unterkommen. Sondern in der Ukraine. Als mutmaßlich erster italienischer Profi dort. Und wie es sich für jemanden gehört, der nach eigener Aussage seit Geburt Kommunist ist, spielt er für Shakhtyor Donetsk – einen Verein, dessen Name auf deutsch „Bergarbeiter“ bedeutet.

Gut, der Verein ist heute vermutlich ähnlich proletarisch wie Schalke oder Chelsea. Lucarellis Wechselabsichten sind auch entsprechend heftig kommentiert worden in und um Livorno. (Und so richtig gut scheint es für ihn auch nicht zu laufen.) Und trotzdem: Wenn man schon den Verein wechselt, kann man doch ruhig ein wenig Konsequenz wahren. Und natürlich trägt er auch in Donetsk die Nummer 99. Heute hat er auch noch Geburtstag. ¡Hasta la victoria siempre!

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