gleiche höhe ist kein abseits

ein kleines museum des zufalls

Rubrik: Mittelmeer (page 1 of 12)

Chemotherapie vom Castel del Monte

Beim immer lesenswerten XKCD erschien gestern dieser Beitrag:

XKCD
Quelle: XKCD CC BY-NC 2.5

Das ist sicher ein cooler Fakt, aber im ersten Moment dachte ich beim “italienischen Schloss” an den barocken Landsitz irgend eines dekadenten Duca, und sah vor meinem geistigen Auge, wie weißbekittelte Forscherteams im halb verfallenen und von Spinnweben umrankten Gebäude Schmutzreste zweifelhafter Herkunft von buntornamentierten Tapeten kratzen. Tatsächlich handelt es sich beim Schloß aber um eine der berühmtesten Burgen überhaupt, nämlich das Castel del Monte, die mysteriöse Burg Friedrichs II. in Apulien, über deren genaue Funktion auch heute noch gerne spekuliert wird.

Castel del Monte —–>

Corviale

Corviale

Es ist nicht so einfach, den Corviale zu finden. Vom Bahnhof in Magliana hat man ein gutes Stück Fußweg vor sich, und in diesem Teil Roms sind sich GPS und Stadtplan gelegentlich uneins über die Existenz und den Verlauf von Straßen. Nach einem falschen Linksabzweig stehen wir prompt in einer Sackgasse, mitten in einer riesigen ungemähten Wiese, die nach wilden Kräutern duftet, aber von Bauzäunen umringt und auf Verbotsschildern als Privatgelände ausgewiesen wird. Immerhin: Über die Blumen und Gräser hinweg sehen wir immerhin zum ersten Mal an diesem Tag auf einem gegenüberliegenden Hügel den Corviale: Jenen 1 km langen und elf Stockwerke hohen Behemoth aus Beton, der manchen als Inbegriff aller Verfehlungen moderner Architektur gilt, anderen als zwar gescheitertes, aber doch studierenswertes Experiment utopischer Stadtplanung. —–>

Badiou über Tunesien

Eins der vielen bemerkenswerten Fotos, die zur Zeit aus Kairo die Runde machen: Ein muslimischer Prediger, der Koran und Kreuz gleichermaßen zu umarmen scheint. Das ist, sagt der Optimist in mir, durchaus ein emanzipatorisches Zeichen, ein Widerspruch gegen die herrschende Vorstellung von der Unversöhnlichkeit der Kulturen. Der Nörgler in mir würde allerdings gerne wissen, ob die gleiche Szene auch mit einem jüdischen oder, wenn’s denn ginge, atheistischen Symbol denkbar wäre.

Was sich in den vergangenen Wochen vor unseren Augen entfaltet habe, sei nicht ein Ereignis, sondern zwei, schreibt Bernhard-Henri Lévy: Eine erfolgreiche Revolution in Tunesien, und eine in Ägypten, die sich noch selbst suche. Welchen nachhaltigen Erfolg die tunesische Revolution über die Vertreibung Ben Alis hinaus haben wird, muss sich freilich erst noch zeigen, und grundsätzlich scheint mir, dass es in Tunesien, in Ägypten und anderswo in der arabischen Welt zeigen, ganz wesentlich darum geht, erst mal Räume zu schaffen, in denen so etwas wie “Selbstfindung” stattfinden kann. Um das drückende politische Klima aufzulösen und den Anspruch des Systems, alternativlos zu sein, auszuhöhlen, muss wohl tatsächlich erst einmal das Vakuum, das viele westliche Kommentatoren befürchten, erzeugt werden, damit sich überhaupt Perspektiven auf Alternativen ergeben. Und wie die bemerkenswerte E-Mail einer ägyptischen Demonstrantin zeigt, die bei Graham Harman zitiert wird, gibt es wohl einige Demonstranten, denen das auch bewusst ist. —–>

Ägypten, Tunesien, usw.

Es gibt viele bewegende und überraschende Momente in den Bildern aus Tunesien und Ägypten, aber mich hat am meisten beeindruckt, mit welcher Energie und Selbstorganisation Demonstranten und Bürger versucht haben, die Leerstellen zu füllen, die das kollabierende System ließ. Dokumente wie dieses beeindruckende Flugblatt etwa, in dem Hinweise zu Ausrüstung und Taktik gegeben werden und das deutlich zeigt, dass bei den Demonstrationen nicht einfach nur darum ging, seinem Unmut Luft zu machen, sondern tatsächlich darum, dem abstrakten Schlagwort vom “Willen des Volkes” eine konkrete Form und eine vielleicht diffuse, aber trotzdem unübersehbare Gestalt zu geben. Oder dieser rührende Clip, in dem sich einige Männer nach dem Demonstrationen vom Freitag daran machten, den Tahrir-Platz sauber zu machen, also nicht nur eine Aufgabe, sondern auch ein Selbstverständnis zu übernehmen, das normalerweise die Staatsmacht für sich beanspruchen würde.

Man kann es wohl kaum besser ausdrücken, als in dieser kleinen Homage to Cairo: “To behold such a space is a beautiful thing. [...] To unlearn it is impossible.” Und was immer in den nächsten Wochen und Monaten noch passieren wird, welche Ernüchterungen und Reibungspunkte in den nächsten Wochen auch ausbrechen mögen, es bleibt doch der Nachweis, dass jede scheinbar noch so festzementierte Struktur erschüttert werden kann, und dass die Freiräume und Risse, die dadurch entstehen, auch den Blick auf neue Möglichkeiten bieten.

Einige besonders lesenswerte Texte:

Adrian Ivakhiv über die Proteste aus Sicht einer prozess-relationalen Philosophie:

All through these events, however, there has been a more general movement of democratization and activization of those left out of traditional oligarchic power-holds. And however much we may celebrate modernity as an era of democratization, the world is still made up largely of variations of oligarchy interlocking at multiple levels. Oligarchy, however, unlike bone-crushing authoriatarianism, usually leaves many gaps, breathing spaces, within which resistance can build, and what we’re seeing is the result of the convergence — the (literal) con-spiracy, the breathing together — of some of those breathing spaces.

Walid Hazbun über Demokratie und Geschwindigkeit.

Juan Cole über die Rolle der Urbanisierung und Verstädterung.

Anthony Paul Smith über säkulare Potenziale islamischen Denkens:

Who knows if what we are seeing play out today will be the imperative community of tomorrow or will slip into an Ideological Islamist Thermidorian reaction, if this will be the overturning of a culture, or simply the replacing of the old master with a new one. What is clear though is that, if it succeeds, it will do so by way of Islamic material transformed through secular forms.

Außerdem: Slavoj Žižek im Guardian, Peter Hallward ebenda, Mahmoud Hussein in der Libération (kostenpflichtig).

Le Ciminiere

Le Ciminiere

Nördlich des Bahnhofs beginnen die Bezirke Catanias, die Touristen nur selten betreten. Mit einer Ausnahme vielleicht: Das Areal der Ciminiere, ein “polyfunktionaler Komplex” aus Museen, Kultur- und Konferenzzentren. Gedacht war das Areal als Symbol sizilianischen Strukturwandels, denn es entstand auf dem Gelände einer ehemaligen Schwefelraffinerie, deren markante Schornsteine (die ciminiere) zur Skyline von Catania gehören. Schwefel war für lange Jahre das gelbe Gold Siziliens: Noch 1900 kamen über 90 Prozent der Weltproduktion von der Insel. Aber im Verlauf des 20. Jahrhunderts nahm die Bedeutung der sizilianischen Förderstätten stetig ab, und die letzten aktiven Tagebaue machten in den 80ern dicht. —–>

Catania

Catania

Den Dämon der Stadt haben wir nur kurz gesehen. Als wir aus dem Flugzeug stiegen, lag Catania in der Morgensonne, und dahinter thronte, schwarz und beeindruckend, der Ätna. Es war ein bißchen diesig, aber nicht bewölkt, und die Gestalt und Ausmaße des Bergs waren so gut erkennbar wie wohl nur selten im Jahr. Er wirkte erstaunlicherweise nicht ganz so gigantisch wie ich ihn mir vorgestellt hatte, aber ehrfurchtgebietend genug. Zumal es im diffusen Morgenlicht so aussah, als ob die Stadt selbst von ihm produziert würde und die goldgelb und beige leuchtenden Häuser klötzchenweise aus einer seiner Flanken herausströmten. —–>

Fontana Campari

Fontana Campari

Beim Sortieren einiger alter Fotos stoße ich grade auf dieses hier: Die Fontana Campari in Le Piastre, einem kleinen Dorf nördlich von Pistoia. Werbung als Monument: Der Brunnen ist ein letztes Überbleibsel einer seltsamen Marketing-Kampagne, über die ich leider nicht allzuviel weiß, aber die paar Informationen, die ich bisher auftreiben konnte, sind interessant genug, um sie hier aufzuschreiben (und vielleicht kommt ja jemand vorbei, der das eine oder andere ergänzen kann). —–>

Essenda Stata

Standa in Köln

In Italien verschwindet gerade die Supermarkt-Kette Standa, was bei einigen italienischen Bekannten für ein bisschen nostalgisches Jammern sorgt und die eine oder andere dezent vergrätzte Stichelei in Richtung Deutschland. Verantwortlich für das Verschwinden ist nämlich die Rewe-Gruppe, die Standa vor einigen Jahren übernommen hat, die Ladengeschäfte nun aber Zug um Zug in Märkte der Marke Billa umwidmet. —–>

Artificial Terrain Deformation

Der Large Hadron Collider des Vulkanismus? Italienische Forscher wollen die Phlegräischen Felder anbohren, um Aufschlüsse über den Supervulkan zu erhalten, der sich darunter verbirgt. Das meldet der New Scientist, und garniert den Bericht mit ein paar apokalyptischen Szenarien über mögliche Risiken der Bohraktivitäten. Der Nadelstich in die Höllenkammern könnte ein explosives Gemisch aus Magma, Gasen und/oder Bohrflüssigkeit produzieren und damit eine “große Eruption”, wenn nicht gar “ein totales Desaster” verursachen, zitiert das Magazin einige Vulkanologen:

A major eruption, like the one 39,000 years ago, would leave large parts of Europe buried under a thick layer of ash.

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Ein Club Med wird demoliert

Club Med, Cap de Creus
Club Med, Cap de Creus (Photo: Guy James)

Nahe der katalanischen Kommune Cadaqués wird das Areal eines Club Med dem Erdboden gleichgemacht. Und zwar im eigentlichsten Wortsinn: Nach dem Willen des spanischen Umweltministeriums soll die Anlage (bis auf einige wenige Einrichtungen) komplett verschwinden und der Wildnis überlassen werden. Das Gelände befindet sich mitten in einem Naturschutzgebiet, dem Parc Natural del Cap de Creus, und in diesen Park soll es nun auch eingegliedert werden. —–>

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