gleiche höhe ist kein abseits

ein kleines museum des zufalls

Kategorie: Köln (Seite 1 von 7)

et kütt wie et kütt

H O A

H O A

Vor einiger Zeit hatte ich hier mal über Gedenkstätten im Königsforst geschrieben. Eine davon war mysteriös geblieben: Ein schlichter Kubus an einem Forstweg zwischen der alten Trasse der Sülztalbahn und der Bensberger Straße, beschriftet nur mit den Buchstaben H O A und zwei Daten. Dass es sich bei den Buchstaben um Initialen und bei den Zahlen um Geburts- und Sterbedaten handeln müsste, schien offensichtlich, aber sonst ließ sich nicht viel herausbekommen.

Inzwischen hat sich das Geheimnis wenigstens teilweise aufgeklärt. Ein freundlicher E-Mail-Korrespondent ließ mir einen Auszug aus dem Sterberegister der Stadt Bensberg von 1964 zukommen. Darin findet sich folgender Eintrag:

Doktor der Rechte, Doktor der Staatswissenschaften – Hubertus Orla Alfred Karl Harald Arntzen, Volkswirt, wohnhaft in Rondorf, Hahnwald, Bonner Landstraße, Haus Tre Brönde, ist am 13. Juni 1964 um 6 Uhr 45 Minuten in Bensberg, Forstbezirk 86 im Königsforst, etwa 500 Meter nordostwärts des Bahnhofs Forsbach tot aufgefunden worden. Die Stunde des Todes ist nicht bekannt. Der Verstorbene war geboren am 13. Januar 1937 in Aachen. Der Verstorbene war verheiratet mit Helen Genia Arntzen geborene Gerling. Er wurde am 13. Juni 1964 gegen 0:30 Uhr zuletzt lebend gesehen. Eingetragen auf schriftliche Anzeige der Kriminalpolizei in Bergisch Gladbach vom 15. Juni 1964.

Geburts- und Sterbedatum stimmen tatsächlich mit den Angaben auf dem Stein überein, und auch die Initialen passen: Hubertus O. Arntzen ist als Autor einiger wirtschaftswissenschaftlicher Arbeiten belegt. Un er hatte eine prominente Ehefrau: Helen Gerling war eine Tochter von Hans Gerling, Chef des Kölner Versicherungskonzerns, den Günter Wallraff (oder an seiner Stelle vielleicht doch Hermann L. Gremliza) in Ihr da oben – wir da unten porträtierte. Gerling war einer der bedeutendsten – und umstrittensten – Unternehmensbosse in Köln: Die monumentale Konzernzentrale am Klapperhof, für deren Bau zahlreiche Architekten und Künstler verpflichtet wurden, die auch unter den Nazis Rang und Namen hatten, legt von seinem Geltungsbedürfnis beredtes Zeugnis ab. Eine Zeitungsmeldung von 1963 legt nahe, dass Arntzen ein führender Mitarbeiter des Konzerns war. Auf der Website der Arno-Breker-Gesellschaft findet sich im Werkverzeichnis ein Hinweis auf eine Zeichnung „Helen Gerling (und Dr. Hubertus Arntzen)“, die allerdings nicht abgebildet ist. Das Haus „Tre Brönde“ in Hahnwald ist mir allerdings unbekannt. (Könnte der Name eine Anspielung auf die drei Quellen sein, die im nordischen Mythos von den Wurzeln des Baumes Yggdrasil berührt werden?)

Mysteriös bleiben freilich die Umstände von Arntzens Tod. Das Stadtarchiv Bergisch Gladbach, das auch den zitierten Auszug aus dem Sterberegister lieferte, berichtet,

dass in der Nacht vom 13. auf den 14. Juni 1964 im Raum Köln ein schweres Unwetter tobte, bei dem u.a. ein Soldat auf einem Truppenübungsplatz vom Blitz erschlagen wurde und sieben weitere Soldaten Verletzungen erlitten (Bergische Landeszeitung vom 15. Juni 1964). Ob auch Arntzen diesem Unwetter zum Opfer fiel, ist unbekannt.

Unbekannt ist auch der Künstler, der den Gedenkstein entwarf. Aber vielleicht meldet sich dazu ja noch mal jemand per E-Mail.

Zu Fuß zur Böhm Chapel

Böhm Chapel

Von einer Kultstätte auf grüner Wiese zur Kulturstätte im Neubaugebiet: Die Ursulakirche in Hürth-Kalscheuren ist eine von vielen Kirchen im Rheinland, die in den vergangenen Jahren geschlossen wurden. Gebaut wurde sie von 1954-56 nach Plänen von Gottfried Böhm (und Vorentwürfen seines Vaters Dominikus), und der weiße Bau mit dem schlanken Glockenturm und den sechs Konchen gehört sicher zu den elegantesten Kirchenbauten der Böhm-Dynastie. Er steht in einem Umfeld, in dem ansonsten wenig Elegantes zu sehen ist: Kalscheuren ist eigentlich wenig mehr als ein ausgedehntes Gewerbegebiet mit etwas dazwischengewürfelter Wohnbebauung. Früher saß hier vor allem verarbeitendes Gewerbe: Übrig sind davon noch das 1895 gegründete Rußwerk, das sich allerdings schon auf Kölner Gemeindegebiet befindet und heute zum Evonik-Konzern gehört, und die Malzfabrik von 1902, einer der wichtigsten Zuliefererbetriebe für die regionale Brauindustrie. Ansonsten dominieren heute vor allem Speditions- und Logistikfirmen, die vom nahegelegenen Güterbahnhof Eifeltor profitieren, und Unternehmen der Medienbranche, wie die MMC Studios direkt neben der Kirche. Das Logo der Studios ist ein springendes Einhorn: Es thront auf einem hohen Mast, der – als Wahrzeichen einer moderneren und effizienteren Illusionsmaschinerie – den Glockenturm von St. Ursula deutlich überragt. Weiterlesen

Watching The Detectives

Annoncen Expedition

Es ist Donnerstag Abend in der Kölner Innenstadt, kurz vor acht Uhr. Die Angestellten in den Geschäften bereiten sich auf ihren Feierabend vor, einige räumen die Werbedisplays von den Gehwegen, in den Imbißbuden und Bäckereien werden die letzten Auslagen zusammengepackt und die Vitrinen geputzt. Ich stehe vor einem der großen Warenhäuser, und im Licht der Abendsonne fällt mir auf, dass am gegenüberliegenden Gebäude noch Reste alter Inschriften zu erkennen sind, die dort einmal angebracht waren. Das fotografiere ich eben mal, denke ich, packe die Kamera aus und mache ein paar Bilder. Aus dem Augenwinkel fällt mir auf, wie eine schmächtige Gestalt links an mir vorbeischarwenzelt. Ich setze die Kamera ab, mache instinktiv ein bisschen Platz und wundere mich noch ein bisschen, warum da jemand ausgerechnet durch das Nadelöhr zwischen mir und der Hauswand will, anstatt den bequemeren Weg rechts vorbei zu nehmen.

Dann geht alles ganz schnell. Weiterlesen

Im Waldlabor

Waldlabor

Im Südwesten Kölns, nahe der Stadtgrenze, gibt es ein merkwürdiges Areal. Auf den ersten Blick könnte man es für ein umgepflügtes Feld halten, wären da nicht ein paar geschotterte Wege, die leicht mäandernd über die Fläche führen, frisch gepflanzte Baumsetzlinge hier und dort und ein paar große Schautafeln. Das hier soll ein „Waldlabor“ sein, lesen wir auf einer Tafel, ein „Experimentierfeld“, auf dem „die Projektpartner Toyota, RheinEnergie und Stadt Köln […] neue Gehölze und Waldbilder“ erforschen und den Spaziergängern „neue Eindrücke und Informationen über den Wald der Zukunft“ präsentieren wollen. Weiterlesen

Meisner vs Dawkins

Dass der Kölner Kardinal Meisner in seiner Allerheiligen-Predigt den Wissenschaftler Richard Dawkins in die Nähe der nationalsozialistischen Rassenideologie rückte, ist eklig, aber kaum überraschend. Der Nazi-Vergleich ist ja längst obligatorisches und wohlfeiles Beiwerk derartiger Diatriben. Interessant ist höchstens, dass sich Meisner nicht mal die Mühe gemacht hat, den jüngsten Vergleich wenigstens eigenhändig zu konstruieren. Just die Passage, die in den meisten Artikeln zitiert wird, ist nämlich ein ganz unpastorales Plagiat. Sie findet sich fast wörtlich in einem Vortrag, der vor einiger Zeit einmal in einem katholischen Gesprächskreis gehalten worden ist. Weiterlesen

Vorgebirgsparkskulpturen

Vorgebirgspark

Was kann man an einem heißen Sommertag Besseres tun, als sich mit Picknickdecke, Gartenstuhl und einem guten Buch in einen der zahlreichen Kölner Parks zu begeben, um sich’s zwischen grillenden Familien, schwitzenden Freizeitkickern und ekstatischen Hunden wohl sein zu lassen? Vielleicht dies: Picknickdecke und Gartenstuhl erst mal beiseite zu legen und sich den Park, in dem man sich’s wohl sein lassen möchte, genauer anzuschauen.

Im Kölner Vorgebirgspark gibt es dazu jedes Jahr eine besondere Gelegenheit: Die Vorgebirgsparkskulptur. Dann ist für die Dauer eines Tages eine Handvoll Künstler und Künstlerinnen eingeladen, sich mit den örtlichen Gegebenheiten auseinanderzusetzen. Organisiert wird die Aktion von einer „IG Kunst im Park“, einem lockeren Zusammenschluss von Kunstinteressierten, die entweder in der Nähe des Parks wohnen oder als städtische Mitarbeiter mit dem Park und seiner Pflege zu tun haben. Weiterlesen

Kölner Siedlungsbau

Grüner Hof, Mauenheim
Grüner Hof, Mauenheim (Foto von Hugo Schmölz)

Die Kölner Wohnungsbaugesellschaft GAG hat einen Teil ihres Archivs veröffentlicht und über die Website Bilderbuch Köln zugänglich gemacht. Digitalisiert sind vor allem Bilder der Architekturfotografen Werner Mantz und Hugo Schmölz; dokumentiert werden Siedlungsprojekte wie die „Weiße Stadt“ oder der „Blaue Hof“.

Das könnte eine wunderbare Ressource sein: Das Bildmaterial, das hier aufbereitet wurde, ist in der Tat faszinierend. Man schaut anerkennend in eine Zeit, als im sozialen Wohnungsbau tatsächlich noch mit großem Elan daran gearbeitet wurde, die Stadt als zukunftsfähigen, urbanen Lebensraum zu erschließen. Weiterlesen

„Dies Haus in Rauch und Trümmern!“

In Arno Schmidts Tina ist die Rede von einem besonderen Denkmal: Es ist dem Brandstifter der Bibliothek von Alexandria gewidmet. Denn im fiktiven Elysium, in dem der Roman spielt, ist jeder Einwohner dazu verdammt, so lange weiterleben zu müssen, wie sein Name in irgend einem schriftlichen Dokument der Welt noch existiert.

In diesem Elysium könnte man nun ein neues Denkmal errichten und es den Kölner Verkehrsbetrieben weihen. Vorausgesetzt, es bewahrheitet sich, was nach den aktuellen Berichten immer wahrscheinlicher ist, das nämlich der Einsturz des Historischen Stadtarchivs in Köln durch den Bau der U-Bahn-Strecke unterhalb der Altstadt mitverursacht wurde. Und durch die köln-übliche Mélange aus Schlamperei, Inkompetenz und Indifferenz.

Paradox, dass das Gedächtnis der Stadt just zu einem Zeitpunkt in Trümmern liegt, wo die Stadt mit großem Aufwand daran geht, sich über Masterpläne und Großprojekte neu zu erfinden. Aber es paßt auch irgendwie, weil diese Neuerfindungen oft genug wie unreflektierte Zukunftsbilder wirken, ohne Fundament in gewachsenen Strukturen und tatsächlichen Gegebenheiten (worauf schon Ernst Hubeli in der StadtRevue hingewiesen hat).

Es ist darum auch kein Wunder, dass die ersten Reaktionen von städtischer Seite eher hilflos klingen. „Es müsse grundsätzlich geprüft werden, ob man in Zukunft in bewohnten Städten U-Bahn-Bauten in einem solchen Maß durchführen könne“, soll OB Schramma laut WDR gesagt haben. Das ist populistischer Unfug. Wo will er U-Bahnen denn sonst bauen? Auf dem unbewohnten Land? Worauf es ankommt, ist nicht, dass man städtische Infrastrukturprojekte von vorn herein für unmöglich erklärt (und damit Katastrophen wie die gestrige als etwas quasi Schicksalhaftes beraunt), sondern dass man im Vorfeld einfach die planerischen Hausaufgaben richtig macht. Nicht der U-Bahnbau an sich ist das Problem, sondern dass man angesichts der immer höheren finanziellen und städtebaulichen Kollateralschäden den Eindruck bekommen muss, dass nicht richtig gerechnet worden ist.

Unterwegs mit der Mittelrheinbahn

Mittelrheinbahn

Also bin ich dann gestern auch mal mit der neuen Mittelrheinbahn gefahren. Seit Sonntag verkehrt nämlich auf der Strecke, auf der ich (mehr oder weniger) regelmäßig in die Stadt pendle, eine Privatbahn. Nicht die erste private Bahn in Deutschland, aber immerhin handelt es sich bei der linken Rheinstrecke zwischen Mainz und Köln um eine der prestigeträchtigsten und vielbefahrendsten Strecken im deutschen Bahnverkehr, und ich könnte mir denken, dass es der Bahn durchaus was ausmacht, hier den kürzeren gezogen zu haben. Weiterlesen

Klotz

Hochpfortenhaus

Ich komme selten in die Hohe Pforte. Die Straße liegt etwas im toten Winkel der Innenstadt, und sie durchquert ein Viertel, das wie eine Insel zwischen den wichtigsten Durchgangsstrassen des Stadtverkehrs liegt: Im Norden wird es durch die Cäcilienstraße von der Innenstadt abgeriegelt, im Westen bildet die Nord-Süd-Fahrt eine deutliche Barriere, und im Süden und Osten ziehen Blaubach und Mühlenbach die mehrspurige Grenze zur Südstadt. Ein paar Porno-Shops und Billigläden warten auf Kunden, aber die meisten Passanten nutzen die Hohe Pforte allenfalls als Durchgang, um von der Innenstadt ins Severinsviertel zu kommen oder umgekehrt. Weiterlesen

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